Die Waffen der privaten Block-Security-Leute, ausgerechnet ein Polizist, der sich an kaum etwas erinnert, und vermeintliche Mossad-Agenten im Bademantel, die sich Herzen auf TikTok schicken. Das war Tag 39. Und es war hitzig und verwirrend.
Mindestens ungewöhnlich ist die Befragung des Zeugen am Dienstag: Der 43-jährige Ermittler soll dem Gericht erklären, was in den Tagen nach der mutmaßlichen Entführung des damals zehnjährigen Sohnes und der damals 13 Jahre alten Tochter der Unternehmerin Christina Block und ihres Ex-Ehemannes Stephan Hensel geschehen ist. Der leitende Kriminalbeamte erinnert sich jedoch an kaum etwas, gibt Antworten, die nicht wirklich zu den Fragen passen. Er will eigentlich klar gestellte Fragen nicht verstanden haben, und stellt dann Nachfragen dazu, die die Fragesteller verwirrt zurücklassen.
Die Befragung des leitenden Kriminalbeamten in Hamburg, der ab Anfang Januar 2024 die Leitung der Ermittlungsgruppe in dem Fall übernommen hatte, hilft nicht, die Kritik der letzten Woche an der Hamburger Kripo zu entkräften. Von allen Zeugen im Prozess habe ausgerechnet dieser am meisten gemauert, sagt Anwalt David Rieks am Ende des Verhandlungstages. Er verteidigt den wegen Beihilfe angeklagten Lebensgefährten von Christina Block, Ex-Fernsehmoderator Gerhard Delling.
"Nur gucken, nicht ansprechen"
Der Polizist beschreibt seine Rolle so: bei ihm seien alle Ermittlungsstränge zusammengelaufen, er sei aber nicht immer selbst in alles eingebunden gewesen. Am 3. Januar 2024 habe er den Hinweis erhalten, die Kinder seien bei Christina Block in Hamburg. Der 52-jährigen Unternehmerin wird vorgeworfen, die Entführung ihrer beiden jüngsten Kinder in Auftrag gegeben zu haben.
Seine Ermittlungsgruppe habe den Auftrag von der Staatsanwaltschaft und dem Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) bekommen, zu nachzusehen, ob die Kinder tatsächlich dort und unversehrt sind. Vor dem Wohnhaus Blocks hätten sich ihnen plötzlich Personen von hinten genähert. "Sie haben gefragt, wer wir sind. Wir haben dann natürlich gefragt, wer sie denn sind." Im Zuschauerraum gibt es Gelächter. Noch ist die Stimmung locker.
Die Personen hätten sich als privater Sicherheitsdienst vorgestellt. Sie hätten aufzupassen, dass keine Unbefugten das Grundstück betreten, berichtet der Polizist. "Das hat dann ja schon mal nicht so gut geklappt, weil Sie waren ja auf das Grundstück gekommen", bemerkt die Vorsitzende Richterin Isabel Hildebrandt. "Das stimmt", bestätigt der Polizist amüsiert. Mit der Chefin der angeblichen Security-Leute, Frau W., habe er dann Kontaktdaten ausgetauscht, um sich zukünftig koordinieren zu können. Denn Frau W. habe ihn informiert habe, dass ihre Mitarbeiter bewaffnet seien, so erzählt es der Kriminalbeamte ruhig. Mit diesem Austausch habe man für die Zukunft verhindern wollen, dass einer Waffen auf die anderen richten würde und es zu "unschönen Vorfällen" käme, zumal die Beamten in Zivil gewesen seien und ihre Waffen verdeckt getragen hätten. Welche oder wie viele der Security-Mitarbeiter Waffen getragen hätten, wisse er nicht, er habe auch keine Waffen gesehen. Ihm sei das auch gar nicht so wichtig vorgekommen. So erzählt er es ganz unaufgeregt.
Christina Block habe sie dann ins Haus gelassen, allerdings habe man sich mit ihr darauf geeinigt, dass nur eine Polizistin und zwei ASD-Mitarbeiterinnen zu den Kindern gingen. "Nur gucken, nicht ansprechen" sei Blocks Ansage gewesen. Ihr Verteidiger Ingo Bott erklärt im Gerichtssaal dazu, sie sei auf das Kindeswohl fokussiert gewesen und habe keinen ganzen Polizeitrupp ins Haus lassen wollen, der die Kinder verängstigen könnte.
1,5 Jahre später verfasster Vermerk wirft Fragen auf
Diese kurze Interaktion zwischen dem Kripo-Beamten und der Security-Frau wird zu einem Kernthema des Tages. Denn der dazu verfasste Vermerk soll die einzige Stelle in der Akte sein, die eine Bewaffnung der Security erwähnt. Besonders für den mitangeklagten Leiter des Sicherheitsunternehmens, Andreas P., hat das große strafrechtliche Bedeutung.
Brisant an dem Vermerk ist, dass der erst im Juli 2025 im Auftrag des ermittelnden Staatsanwalts und nur eine Woche vor Prozessauftakt erstellt wurde, also mehr als eineinhalb Jahre nach der Begegnung auf Blocks Grundstücks.
Die Verteidiger stellen infrage, warum sich der Zeuge, der sich "nicht mal korrekt daran erinnern konnte, wann denn der Vermerk verfasst worden ist, auf den er sich ja die ganze Zeit bezieht" (der Zeuge hatte den Vermerk auf deutlich früher datiert), dann derart lebendig an die kurze Unterhaltung mit der Security-Frau erinnern konnte, dass er dazu eineinhalb Jahre später einen Vermerk verfassen konnte. Zumal er die Interaktion für so unwichtig gehalten habe, dass er damals nichts dazu aufgeschrieben und mit niemandem darüber gesprochen habe, was die Verteidigung befremdlich findet. Man prüfe doch, welche Personen Waffen tragen. Laut eigener Aussage hatte er aber nicht einmal Notizen dazu gemacht. Der Kripo-Beamte kann diesen Widerspruch auch nicht auflösen: Damit konfrontiert, sagt er nur, er verstehe die Frage nicht. "Ja aber ich glaube alle anderen hier haben das ganz gut verstanden", konstatiert Marko Voß, Verteidiger des mitangeklagten Familienanwalts.
Auch werfen die Verteidiger die Frage auf, wie die Staatsanwaltschaft obwohl sie nicht dabei war, es keine Aufzeichnungen dazu gab und der Zeuge es niemandem erzählt hatte, überhaupt Kenntnis davon erlangen konnte. Und vor allem, um es für so wichtig zu halten, eineinhalb Jahre später dann einen Vermerk darüber anzufordern. Der Kripo-Beamte selbst will das nicht hinterfragt haben: "Wenn die Herrin des Verfahrens meint, da fehlt noch was, dann schreib ich das."
Erneut erhebt die Verteidigung damit einen schweren Vorwurf gegen die Ermittler: Der Staatsanwalt könnte erst später festgestellt haben, dass er etwas in seiner Anklage geschrieben hatte, was er gar nicht belegen konnte. Und erst deshalb nachträglich den Vermerk beauftragt haben.
Hitzige Wortgefechte: "Passen Sie auf, was Sie sagen!"
Es ist nichts Neues im Block-Prozess, dass es mitunter schwer fällt, Ingo Botts Fragen zu verstehen. Heute hat man jedoch den Eindruck, Bott und der Zeuge wollen sich nicht richtig verstehen und reden aneinander vorbei. Immer wieder antwortet der Zeuge, er wisse das nicht "en détail". "Das ist viel en détail", bemerkt Bott. Er benutzt die Formulierung so oft, dass Bott am Ende scherzt: "Hätten wir jedes Mal einen Espresso getrunken, wenn er das gesagt hat, hätten wir jetzt einen Herzinfarkt."
Der Zeuge ist mit der Zeit sichtlich genervt und antwortet irgendwann patzig. Er ist streitlustiger als die meisten bisherigen Zeugen, unterbricht seine Aussagen immer wieder für Wortgefechte mit den Verteidigern. "Sie brauchen auch gar nicht zu lachen", kommentiert er etwa scharf in Botts Richtung, als dieser über eine Antwort grinst.
Die Stimmung heizt sich zunehmend auf. Voß wird in seiner Befragung des Zeugen sehr laut und macht ihm Vorwürfe, er verstricke sich in Widersprüche und es sei unglaubwürdig, dass er sich an nichts erinnern könne. Richterin Hildebrandt weist ihn zurecht: Er dürfe auch ihr später gerne Vorwürfe machen, aber Zeugen müssten sich das nicht anhören. Voß beschwert sich dann bei ihr, Nebenkläger Stephan Hensel feixe "in einer Tour" und kommentiere jede Frage von Bott. Die Vorsitzende weist Hensel zurecht, sein Anwalt Gerd Uecker antwortet: "Das tut mir sehr leid, das fällt nur so schwer bei diesem Gespräch."
Auch die Zuschauer muss die Vorsitzende mehrfach ermahnen. Einer Besucherin, die die Erklärungen der Anwälte konstant deutlich hörbar kommentiert, stellt sie Ordnungsgelder und Saalverweise in Aussicht. "Ich habe da ein ganzes Portfolio an Maßnahmen", warnt sie.
Die Situation droht schließlich zu eskalieren, als Bott in einer Frage von den "engagierten ASD-Mitarbeiterinnen" spricht, woraufhin ihn der Kriminalbeamte scharf unterbricht: "Werfen Sie mir vor, dass ich nicht so engagiert wäre? Passen Sie auf, was Sie sagen!" Bott versteht das als Drohung, der Zeuge verliert beinahe die Fassung: "Alter das war doch…" … Weiter kommt er nicht, die Vorsitzende unterbricht die Verhandlung.
Verteidiger müssen viel erarbeiten
Als der Ermittlungsleiter schließlich unvereidigt entlassen wird, bleibt wieder eine Zeugenaussage aus den Reihen der Kripo, die kaum Fragen beantwortet, dafür aber neue aufwirft. Wieder kann man sich nicht erinnern, man war nicht zuständig, die Aussagen bleiben vage und unverbindlich. Wenn die Verteidiger konkrete Details von ihm haben wollen, will er die entsprechenden Informationen aus der Akte vorgehalten bekommen. Sonst erinnert er sich nicht.
Hatten die beiden Polizistinnen am vorigen Verhandlungstag immer wieder auf Vorgesetzte verwiesen, verweist der Ermittlungsleiter nun auf seine Fallführerin. Wenn aber die tätigen Beamten nichts wissen, weil sie nur Anweisungen gefolgt sind, und der Leiter nicht, weil er nicht so nahe dran gewesen ist, wer weiß dann etwas?
Von Beginn an formuliert der Beamte viel "werde ich wohl gemacht haben", "bestimmt" oder "das wird so gewesen sein". Später arbeiten die Verteidiger durch langes, genaues Nachfragen und durch Konfrontation des Zeugen mit Widersprüchen zu der Akte heraus, dass er damit meist meint, dass er sich daran nicht erinnert und nur Vermutungen anstellt. Mehrfach stellt sich zudem erst später heraus, dass der Zeuge etwas ganz anderes meint, als zunächst zu verstehen war. Als es beispielsweise um die Aussagen der Block-Kinder bei der Polizei geht, erklärt er, er habe mit den Kindern gesprochen. Kurze Zeit später sagt er dann, er habe die Kinder nicht befragt. Auf den Widerspruch hingewiesen, erklärt er, mit "gesprochen" habe er keine Vernehmung gemeint, das Gespräch hätte nichts mit der Sache zu tun gehabt.
Auch konkretisiert der LKA-Gruppenleiter oft erst signifikant später an einzelnen Stellen auf Nachfragen, wen er mit bestimmten Pronomen eigentlich meint – etwa, dass er unter "ich" seine ganze Dienststelle versteht: "Ich identifiziere mich als Dienststelle", kommentiert er das. Ein Verteidiger fragt daraufhin irritiert: "Also erinnern Sie das oder ist das kollektive Erinnerung?" Die Frage stellt sich noch öfter, und zufriedenstellend beantwortet wird sie selten.
Auch die Verteidiger zeigen sich zunehmend frustriert, die Antworten des Kripo-Beamten werden immer einsilbiger. "Nichts." "Keine Ahnung." "Nein." "Weiß ich nicht." Die Verteidiger bitten ihn immer wieder, zu versuchen, sich zu erinnern. Ohne Erfolg. "Es ist zwei Jahre her, aber nicht zehn", seufzt David Rieks irgendwann.
Überwachungskameras und Social Media sollen Zweifel an Mossad-Darstellung wecken
Schließlich kommt die Vorsitzende auf die sieben dicken Ordnern hinter sich zu sprechen. Es werden Beweise durch Inaugenscheinnahme eingeführt. Darunter sind neben Notizbuchseiten auch seitenweise Bilder der Überwachungskamera in der Lobby des Hotel Grand Elysée, in dem die mutmaßlichen Entführer gewohnt und geplant haben sollen. Ingo Bott will die Bilder direkt kommentieren. Er erklärt, dass man darauf diverse mutmaßliche Beteiligte der Entführung wie Tal S. und Keren T., sowie deren Ehemann sehen könne. Diese liefen ohne irgendwelche Art der Verschleierung sorglos vor Überwachungskameras herum, teilweise im Bademantel. Dies widerspräche der Darstellung, dass alles unter absoluter Geheimhaltung geschehen wäre. So liefen auch keine Leute herum, die sich Unrecht bewusst wären: "Die sind ja nicht alle total bescheuert."
Zum Abschluss wird es dann noch ein wenig unterhaltsam, als die Vorsitzende die Social-Media-Recherche der mutmaßlichen Entführer verliest. Gemeinsame Fotos auf Facebook, Herzchen-Kommentare, TikTok-Kampfsport-Accounts. Dellings Verteidiger Rieks erklärt, diese Social-Media-Schau mache deutlich, dass hier jedenfalls keine "wie in den Medien manchmal dargestellt" hochprofessionellen Mossad-Agenten am Werk gewesen wären. "Der Mossad wäre sehr stolz auf das Tiktok-Verhalten seiner Agenten", witzelt er und vergleicht sie eher mit einer "Schulhofbande". Hensels Anwalt Philip von der Meden hält dagegen, sie seien immerhin professionell genug gewesen, nicht "wie in Mickey-Maus-Heften" im Alltag Masken zu tragen.
Weiter geht es am Donnerstag, auf dem Programm steht die Einführung weiterer Beweise.
Block-Prozess Tag 39: . In: Legal Tribune Online, 18.03.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/59538 (abgerufen am: 18.05.2026 )
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