“Das müssten die weltschlechtesten Tatplaner sein”. Am 38. Prozesstag argumentiert Blocks Anwalt Ingo Bott, die Umstände sprächen gegen einen Tatplan. picture alliance/dpa/Pool dpa | Marcus Brandt
Zwei Kripo-Beamtinnen standen im Fokus des Prozesstages. Blocks Verteidiger Ingo Bott nutzt ihre Aussagen für schwere Vorwürfe gegen die Polizei – und sieht darin zugleich ein Argument gegen den Vorsatz seiner Mandantin.
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Der Iran-Krieg brachte den Verhandlungstag durcheinander. Eigentlich war für heute erneut eine Vernehmung des oft als "Kronzeuge" betitelten David Barkay geplant. Doch aufgrund des Kriegs im Nahen Osten schafft er es nicht nach Hamburg. Doch im Block-Prozess mangelt es nie an Verhandlungsmaterial. Stattdessen wurden kurzerhand zwei Kriminalbeamtinnen als Zeugen geladen, die mit dem Fall der in der Silvesternacht 2023/2024 entführten Block-Kinder direkt am Neujahrstag befasst waren.
Zunächst geht alles seinen inzwischen schon gewohnten Gang. Christina Block ist still, trägt wie üblich helle Farben, ihre mitangeklagte Cousine Uta B. läuft in ihrer schwarzen Lederjacke unruhig im Raum umher. Als die Justizbeamten die Fotografen ankündigen, lehnen sie und ihr Mann Mark B. sich runter auf das Fensterbrett. Außer Sicht. Ihre Verteidiger, die Rechtsanwälte Daum und Fock, stehen als einzige Anwälte, und zwar vor der Nische. Damit versperren sie den Fotografen die Sicht auf ihre Mandanten.
Das einzige ungewohnte Bild findet sich auf der Bank der Nebenklage: Dort sitzt heute an Philip von der Medens Stelle dessen Kanzleikollege Christoph Henckel. Auch die Plätze von Stephan Hensel und Gerd Uecker bleiben leer.
Bevor es zur Vernehmung der Beamten kommt, plädiert Verteidigerin Gül Pinar leidenschaftlich für eine Abtrennung des Verfahrens ihres Mandanten, den mitangeklagten Chef einer Sicherheitsfirma. Der Verteidiger von Mark B., Rechtsanwalt Fock, schließt sich Pinar an. Als die Vorsitzende für fünf Minuten unterbricht, stecken Pinar und Fock sofort die Köpfe zusammen. Einmal mehr bekommt man den Eindruck, dass die Verteidigung der sieben Angeklagten in diesem Prozess bisweilen zur Gruppenarbeit gerät. Danach verliest die Vorsitzende mal wieder ein paar ablehnende Beschlüsse für Anträge. Darunter ist auch Pinars Antrag auf Verfahrensabtrennung.
Kripo vermutete Gefahr für Christina Block
Die erste der beiden für heute geladenen Zeuginnen ist eine 33-jährige Hamburger Kriminalbeamtin. Sie berichtet, sie habe beim Kriminaldauerdienst gearbeitet, als ihr in den frühen Morgenstunden des 1. Januars 2024 ein Einsatz übertragen worden sei: Der Polizei sei um 4 Uhr morgens gemeldet worden, dass die Kinder von Stephan Hensel und Christina Block entführt worden seien. Dabei sei von Hensels Anwalt auch ein Tatverdacht gegen Christina Block geäußert worden, erinnert sich die Zeugin.
Erst einmal habe die Kriminalpolizei aber eine andere Befürchtung gehabt: Die Familie Block sei sehr bekannt und vermögend. Sie hätten vermutet, Christina Block könne in Gefahr sein. Mittags hätten sie dann den Amtshilfeauftrag von der dänischen Polizei erhalten, die Mutter der entführten Kinder zu informieren. An ihrer Wohnadresse hätten sie Block nicht angetroffen, auch beim Grand Elysée nicht. Dort sagte man ihnen, sie habe Silvester im Hotel verbracht und dieses dann am Vormittag eilig verlassen, aber wo sie jetzt sei, wisse keiner.
Als auch weder ihr Vater Eugen Block, noch ihr Lebensgefährte Gerhard Delling weiterhelfen konnten, ließen sie Christina Blocks Handy orten, das an ihrer Wohnadresse angezeigt wurde. Deshalb seien sie dorthin gefahren, wo auch Delling und Costard dazugekommen seien. Auf dem Weg dorthin seien sie informiert worden, dass Dellings Tochter einen Anruf von Christina Block entgegengenommen habe. Block habe berichtet, es ginge ihr gut, sie müsse verreisen und sei in den nächsten Tagen schlecht erreichbar. Die Polizei habe sich in dem Haus trotzdem umsehen wollen, um sicherzugehen. Dort hätten sie aber keine Anzeichen eines Kampfes gefunden.
Vorwürfe gegen Polizei
Hier schaltet sich Christina Blocks Verteidiger Ingo Bott ein. Wenn die Kripo von einer möglichen Gefahr für Christina Block ausging, warum fuhr sie dann um 4 Uhr morgens nicht direkt zur Wohnadresse der Hamburger Unternehmerin? Warum wurde erst mittags versucht, die Mutter der entführten Kinder zu informieren? Die Zeugin erklärt, sie habe nur die Amtshilfeaufträge der dänischen Polizei ausgeführt. Und der Auftrag, die Mutter zu informieren, sei eben erst mittags gekommen. Bott lässt nicht locker. Warum habe trotz befürchteter Gefahr niemand versucht, Christina Block zu kontaktieren? Die Zeugin wiederholt wieder und wieder, die Polizei habe nur Amtshilfe geleistet. Ein Tatverdacht habe zu der Zeit nicht bestanden, erst gegen 16 Uhr habe die Staatsanwaltschaft sie über einen Anfangsverdacht informiert. Sie hätten erst einmal nur zur Gefahrenabwehr gehandelt und auf Aufträge der dänischen Polizei gewartet.
"Sie sind aber die deutsche Polizei!", kontert Bott. Die Kriminalpolizei habe also eine Gefahr für Block und ihre Kinder für möglich gehalten. Hätte sie dann nicht unabhängig von den dänischen Behörden selbst tätig werden müssen? Sei das nicht die Pflicht der Polizei?
"Ja, es ging ja auch um Gefahren für deutsche Staatsbürger", gibt die Beamtin schließlich zu. "Und warum sind Sie dann nicht da hin?" Die Zeugin ringt sichtlich um Worte. "Es wurde sich dagegen entschieden", ringt sie sich schließlich ab.
Dafür, dass Bott erklärt hatte, er wollte nicht vorwerfen, sondern nur verstehen, erhebt er dann einen sehr schweren Vorwurf gegen die Polizei. Denn zu der Zeit, zu der die Polizei Kenntnis von der Entführung erlangte und Christina Block als potentiell gefährdet sah, befand sich diese noch im Hamburger Grand Elysée, wie schon verschiedene Zeugen bestätigt hatten. Hätte die Polizei ihren Job gemacht und wäre sofort zu ihr gefahren, "dann wären wir heute nicht hier, denn dann wäre das alles nicht passiert", meint Bott. Seiner Darstellung nach hätten die Beamten dann eine völlig unwissende Christina Block angetroffen und niemand wäre auf die Idee gekommen, dass sie in die Entführung verwickelt wäre.
Bei der Befragung ihrer Kollegin, der zweiten Zeugin des Tages, gehen die Vorwürfe gegen die Polizei weiter, nun von Dellings Verteidiger Dr. David Rieks. Warum belehrte sie Delling als Zeugen, nachdem dieser das Wohnhaus von Christina Block aufgeschlossen hatte, wenn die Polizei zu diesem Zeitpunkt doch noch rein zur Gefahrenabwehr gehandelt haben will? Auf welcher Grundlage wurden die Handys von Block und ihrer Tochter sichergestellt?
Als die Vorsitzende ihn darauf hinweist, dass die Zeugin keine rechtlichen Erklärungen vornehmen kann, sondern nur Erlebtes berichten kann, fasst er seinen Punkt in einer Frage zusammen: "Sind nach Ihrem Verständnis alle Maßnahmen bis zur Mitteilung des Anfangsverdachts durch die Staatsanwaltschaft zur Gefahrenabwehr gewesen?" Sie bejaht. Rieks bezeichnet die Darstellungen der Zeugin als unzutreffend und meint, die Polizei habe nicht gewusst, wie sie mit der Situation umgehen soll, und sich für einen prozessual unzulässigen Weg entschieden. Dabei geht es auch erneut um Christina Blocks Handy, über dessen Verwertung immer wieder im Verfahren gestritten worden war.
Ingo Bott sieht keinen Vorsatz
Bott sieht nach der Zeugenvernehmung mal wieder das ganze Verfahren als erledigt an. Dieses Mal ist er der Ansicht, sie belege den fehlenden Vorsatz seiner Mandantin. Dass Christina Block Silvester gefeiert und ausgeschlafen habe, den Vormittag noch im Grand Elysée verbracht habe und dann informiert worden und überstürzt losgefahren sei, widerspräche einem vorsätzlichen Plan. Denn eigentlich sei ja zu erwarten gewesen, dass die Polizei direkt nach Bekanntwerden der Entführung zu Block fahren würde. Dass diese erst mittags versuchen würde, sie zu kontaktieren, habe ja keiner vorhersehen können. "Das wären die weltschlechtesten Tatplaner", resümiert er. "Das alles passt am Ende nicht, weil es keinen Plan gab, weil es keinen Vorsatz gab."
Auch Dr. Rieks stellt heraus, dass es nicht erklärbar sei, warum Block bis vormittags im Hotel Elysée hätte bleiben sollen, wenn sie eigentlich doch damit hätte rechnen müssen, morgens von der Polizei aufgegriffen zu werden und dann nirgendwo mehr hinfahren zu können.
Schon zu Beginn ihrer Vernehmung hatte die Kriminalbeamtin erklärt, vor allem das aussagen zu können, was in ihrem Ermittlungsvermerk stünde, da sie sich selbst kaum noch erinnere. Auf Nachfragen hin muss die 33-Jährige ihre Schilderungen immer wieder dahin korrigieren, dass sie sich nicht ganz sicher sei, woher genau diese Information komme.
Bei der zweiten Zeugin setzt sich das Problem fort. Vieles weiß die 32-jährige Kriminalbeamtin nicht mehr. Auch sie weist oft darauf hin, sich nicht erinnern zu können, sondern sich auf ihre Vermerke zu stützen. Zusätzlich stellt sich erst auf Nachfragen immer wieder heraus, dass sie teils auch nur schlussfolgert, was wohl gewesen sein müsste, damit ihr Vermerk Sinn ergibt.
Immer wieder widersprechen sich die Zeuginnen selbst und gegenseitig. Es wird zunehmend unübersichtlich, was sie tatsächlich wissen und was sie sich nur im Nachhinein erschlossen haben. Auch daran, die strittigen Entscheidungen getroffen zu haben, will sich keine erinnern. Wer hat die Sicherstellung von Handys angeordnet? Wer hat entschieden, nicht tätig zu werden, bevor Amtshilfegesuche der dänischen Polizei kamen? Am Ende bleiben viele Fragezeichen.
Weiteres Zeugenprogramm noch ungewiss
Die Zeugenvernehmungen gehen schneller als erwartet, sodass die Richterin Isabel Hildebrandt schon eine Stunde vor der angesetzten Zeit den Tag beenden will. "Oder soll noch irgendwie ein Antrag gestellt werden?", fragt sie belustigt in die Runde.
Ingo Bott fragt noch nach dem weiteren Programm für die nächsten Wochen, worauf Hildebrandt antwortet: "Ich kann die Weltlage nicht vorhersehen, wissen sie?". Sie werde Polizeibeamte vorbereiten, falls die Israelis nicht kommen können.
Daum will noch wissen, ob man jetzt nicht mal die Vernehmungsbeamten zu den Aussagen der Block-Kinder im Ermittlungsverfahren befragen könnte. Diese haben von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht und werden daher im Prozess nicht aussagen. Die Vorsitzende sagt, darum könne man sich irgendwann kümmern. Daum erwidert zynisch: "Wann, kurz vor Weihnachten?"
Die Vorsitzende würdigt die Bemerkung mit keiner Antwort mehr und beendet den Verhandlungstag.
Die Vernehmung einer Polizeibeamtin sorgt für Streit. Dann schildert die plötzlich eine für den Prozess wohl bedeutende Aussage von Christina Block. All das sorgt für einen emotionalen 44. Tag. Bis einen Angeklagten offenbar die Kräfte verlassen.
Der Block-Prozess zieht weite Kreise, ermittelt wird sogar mit verdecktem Ermittler gegen einen Ex-BND-Chef. Der zeigt sich empört und hat Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Hamburger Justizmitarbeiter eingelegt. Fundiert oder reine PR?
Eine Nachbarin belastet Christina Block zunächst schwer, ihre Zeugenaussage gerät bei der Befragung aber gehörig ins Wanken. Das Bild von einer Polizei, die nicht genau erklären kann, was sie in der Silvesternacht tat, verfestigt sich.
Warum kontaktierte die Polizei nach dem Notruf in der Silvesternacht nicht die Mutter der entführten Kinder? Wer bei der Polizei wichtige Entscheidungen traf, diese Suche gleicht einer Schnitzeljagd. Der Tag 42 und die Block-Woche endet abrupt.
Am 41. Prozesstag hagelt es von den Anwälten Vorwürfe. Gegen die Arbeit der Ermittler, gegen die Anwälte auf der Gegenseite - und gegen das Publikum. Schließlich muss die Vorsitzende eingreifen. Auch als Fotos aus dem Block-Haus gezeigt werden.
Am Donnerstag sagt ein Kriminalpolizist als Zeuge im Block-Prozess ruhig und prägnant aus. Ein deutlicher Kontrast dazu, wie sich nicht nur Verteidigung und Gericht gegenseitig angehen, sondern auch die Verteidiger untereinander.