Verteidiger Dr. Sascha Böttner befragte den mutmaßlichen Entführer Jonathan G. ausführlich zu dessen psychischem Zustand und versuchte, Widersprüche in dessen Aussage herauszuarbeiten. Foto: picture alliance/dpa/Marcus Brandt.
Sündenbock oder Selbsterhaltungs-Lügner mit Gewissen? Als letzter Zeuge der Kammer schildert der mutmaßliche Entführer Jonathan G., wie David Barkay ihn manipuliert habe – und macht auch Christina Block persönlich verantwortlich.
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Die Befragung knüpft am 63. Tag im Block-Prozess unmittelbar dort an, wo sie am vorigen Tag unterbrochen wurde – bei den Fragen von Verteidiger Dr. Sascha Böttner zur Psyche des Zeugen Jonathan G. Das schwedisch-israelische Model soll als Letzter zu dem Team gestoßen sein, das in der Silvesternacht 2023/24 die Kinder von Millionärserbin Christina Block beim Vater in Dänemark entführte.
Gestern hatten Böttner und Richterin Isabel Hildebrandt schon über einen möglichen Ausschluss der Öffentlichkeit für die intimen Fragen nachgedacht. Böttner fragt Jonathan G. daher nun, ob er nähere Angaben zu seinem psychischen Zustand machen möchte und wenn ja, ob er das öffentlich tun wolle. Nach § 68a StPO, der Zeugen das Recht gibt, Fragen höchstpersönlicher Natur die Antwort zu verweigern, könnte er der Fragelinie schließlich auch generell einen Riegel vorschieben. Nach einer kurzen Beratung mit seinem Anwalt erklärt Jonathan G., er wolle dazu aussagen. Aber nicht in der Öffentlichkeit. Die Kammer schickt Publikum und Presse daraufhin aus dem Saal.
Es ist erst das zweite Mal in dem brisanten Verfahren voller Mossad und BND, Hamburger High Society und persönlichster Familiendramen, dass die Öffentlichkeit nicht dabei sein darf. Gleich dreimal wird heute aber hinter verschlossener Tür verhandelt – mit mehr Konsequenzen, als den Beteiligten im ersten Moment vielleicht bewusst war.
Wenn fehlende Wut zum Verhängnis wird
Im öffentlichen Teil der Befragung versucht Böttner, den Zeugen auf deutliche Aussagen festzunageln, ein klares Bild zu schaffen – um darin nach Widersprüchen zu suchen. Der 35-Jährige, der als Deutsch-Dolmetscher von dem Team angeheuert worden sein soll, hatte nämlich Details des Geständnisses von Böttners Mandanten Tal S. widersprochen. Der bald seit zwei Jahren in Untersuchungshaft sitzende S. hatte zugegeben, als Kampfkunst-Experte dafür zuständig gewesen zu sein, bei der Entführung den Vater der Kinder in Schach zu halten. Gewalt habe er dabei nach seinem Verständnis aber nicht angewendet. Die Schläge und Tritte, von denen der Vater vor Gericht berichtet hatte, seien planwidrig von Jonathan G. gekommen.
Jonathan G. berichtet nun von seiner Angst vor der Vergeltung des Mossad wegen seiner Aussage. Davon, dass er geglaubt habe, "den Mossad" mit seiner "heroischen" Beteiligung zu beeindrucken. Mit der Zeit habe er aber nun verstanden, dass "Frau Block und Barkay" ihn betrogen hätten "Ich verstand, dass ich selbst ein Opfer war, und meine Welt brach zusammen", erklärt er bitter. Er fühle sich dumm, dass er "darauf reingefallen" sei. "Ich bin ein Opfer meiner selbst", konstatiert er.
Böttner interessiert sich aber weniger für die, denen er Vorwürfe macht, sondern eher für den, den er verschont: "Mein Mandant meint, ich soll das fragen, also tue ich das: Gibt es noch irgendjemand anderen, auf den Sie sauer sind?" Jonathan G., der ansonsten meistens geradeaus blickt (ins Leere? Zur gegenübersitzenden Staatsanwaltschaft?) schaut zu Böttner. "Wie wen?", übersetzt die Dolmetscherin seine verdutzte Nachfrage. Böttner lächelt. "Ganz genau." Es folgt eine pointierte Belehrung. "Wissen Sie, wie man in deutschen kriminellen Kreisen jemanden nennt, der andere einer Straftat bezichtigt? Ratte. Und wenn Sie jemanden zu Unrecht belasten? Mieseratte." Es wird dann auch gleich deutlich, worauf er mit dieser Slang-Lektion hinauswill. "Wenn das, was Sie sagen, wahr ist, hätte mein Mandant Sie völlig ohne Not richtig in die Scheiße geritten." Warum er nicht wütend auf Tal wäre, wenn dieser ihn doch als aggressiven Schläger dargestellt hätte? Warum er nur geantwortet hätte, "Ich bin nicht der Deutsche"?
Jonathan G. ringt sichtlich um eine Antwort. Er wirkt aufgeregt, rattert so schnell einige etwas zusammenhanglos anmutende Sätze runter, bei denen die Dolmetscherin Schwierigkeiten hat, mitzukommen. Dann wird er klarer: "Ich kann Tal nicht bezichtigen, weil er alles tun würde, um hier rauszukommen, und wenn ich in dieser Situation wäre, würde ich es vielleicht auch tun. Ich werde die bezichtigen, die für all das hier verantwortlich sind." "Die Verantwortlichen", das waren für ihn David Barkay – und Christina Block. Zum ersten Mal macht damit einer der mutmaßlichen Entführer Christina Block selbst ganz ausdrücklich verantwortlich. Die anderen hatten zwar von ihrer Anwesenheit berichtet, sie aber stets als die Mutter dargestellt, der sie unbedingt helfen wollten; verantwortlich gemacht hatten sie vor allem David Barkays Manipulation oder Andreas Costards angeblich falschen Rechtsrat. Der Vertrauensanwalt der Blocks ist in dem Verfahren ebenfalls angeklagt und weist jede Verantwortung von sich.
Der letzte Zeuge der Kammer
Mit Jonathan G. entlässt die Kammer dann heute ihren letzten Zeugen. Die letzten Termine für die Fortsetzung der Vernehmung der Hauptermittlungsführerin stehen noch aus, aber damit sei ihr Beweisprogramm abgeschlossen, erklärt die Vorsitzende. Also doch ein früheres Prozessende? Nicht unbedingt. Bis Ende August gibt es mit dem Gutachten der Sachverständigen zu den Kindern, der Hauptermittlungsführerin und einer angekündigten langen Erklärung von Christina Block noch ein enges Programm, das die Vorsitzende mit im Akkord runtergeratterten Anträgen und strikter Unterbindung von Ausschweifungen der Anwält:innen eisern voranzutreiben versucht. Und dann dürften noch so einige Beweisanträge kommen, die von verschiedenen Seiten immer wieder angekündigt werden. Je länger das Verfahren geht, desto mehr ringen Gericht und Anwält:innen um Beschleunigung des Verfahrens einerseits und berechtigte Mittel der Verteidigung andererseits. Eines wurde heute allerdings ganz still und leise klar: Wann immer die Schlussplädoyers dann kommen – hören wird die Öffentlichkeit sie nicht. Mit dem Ausschluss der Öffentlichkeit wurde heute eine Prozessnorm ausgelöst, die auch das große Finale des inzwischen einjährigen Gerichtsverfahrens hinter verschlossene Türen verbannt.
Entlastend? Das kommt darauf an
War die Aussage des vermutlich letzten tatbeteiligten Zeugen nun im Ergebnis belastend oder entlastend für die Angeklagten? Kommt darauf an, wen man fragt. Und wem man glaubt. Die Verteidiger:innen und die Nebenklage scheinen generell ein ähnliches Bild von Jonathan G. zu haben: "Psychisch labil", von Mossad-Märchen und James-Bond-Fantasien verführt. Von einem belasteten Gewissen getrieben, aber bemüht, seinen eigenen Tatbeitrag runterzuspielen. Was sie aber daraus machen, verläuft naturgemäß entlang der Interessen ihrer Mandant:innen.
Die Angeklagten Andreas P., das Ehepaar B. und Christina Blocks Lebensgefährte Gerhard Delling tauchen in der Aussage nicht auf. Ihre Verteidiger:innen werten das als entlastend, wenn auch "wenig überraschend". Auch Andreas Costard konnte der Zeuge nicht mit der Aktion in Verbindung bringen – wie sein Verteidiger Dr. Marko Voß herausarbeitete, hatte er diesen nämlich nie tatsächlich identifiziert, sondern nur einen Mann gesehen, den er ohne näheren Anhaltspunkt als "den Anwalt" bezeichnete. Irgendwie wurde daraus im Narrativ des Prozesses dann Costard.
Bei der Hauptangeklagten Block ist es komplizierter. Einig waren sich nun alle Zeugen des Entführer-Teams, dass Block an einem Treffen mit ihnen teilnahm, was sie bestreitet. Wann und wie, da sind sich die Israelis uneins. Aber reicht das, um die Block vorgeworfene Mitwisserschaft ins Wanken zu bringen? Ihr Verteidiger Dr. Ingo Bott meint: ja. Die Nebenklage widerspricht. Entschieden wird die Frage wohl nicht mehr in der Beweisaufnahme, sondern erst in deren Würdigung durch die Kammer.
Lügner mit Gewissen?
Auch für Tal S. könnte die Aussage belastend sein – schließlich widersprach der Zeuge Tal's Version, nach der für die Gewalt gegen den Vater nur er, Jonathan, verantwortlich war. Er schiebt die Verantwortung aber auch niemand anderem zu. Tal's Verteidiger Böttner resümiert dazu: "Er macht den Fehler wie viele Zeugen, die versuchen, irgendwie durchzukommen, aber ein Gewissen haben." Er habe erkennbar Tal S. nicht belasten wollen, ohne sich dadurch selbst zu belasten. Deshalb ergebe seine Aussage keinen Sinn: Wäre er wirklich unschuldig zum Sündenbock gemacht worden, hätte er dann nicht klarer widersprochen?
Bei G. habe sich für den Angriff auf den Vater ein deutliches Motiv gezeigt: Kinder gingen ihm persönlich sehr nahe und er habe geglaubt, der Vater sei pädophil. Das habe zwar auch auf Tal S. zugetroffen, aber: "Mein Mandant ist kampferfahren", erklärt Böttner, "da geht der Puls nicht mal hoch. Das war bei Herrn G. sicherlich anders." Also sei es naheliegend, dass er die Situation falsch eingeschätzt habe – und überreagierte.
Für Ingo Bott und Dellings Verteidiger Dr. David Rieks ist die Sache ebenfalls klar: Die Aussagen der Israelis seien zu widersprüchlich, damit man "irgendwem irgendwas" glauben könne. Schon beinahe kabarettistisch spricht Bott von einem "Selbstentlastungsfestival" der "Hasardeure" Barkay und seiner rechten Hand Keren T., vom "Möchtegern-Mossad" und "Barkay-Verschwurbelungen".
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Delling-Verteidiger prangert Ermittlungsversäumnisse an
Rieks hat zwar zu seinem schon länger im Prozess nicht mehr erwähnten Mandanten selbst nichts zu sagen, lässt es sich aber nicht nehmen, einige Spitzen gegen die Ermittlungsarbeit in dem Fall zu verteilen: So sei Jonathan G. nicht von den Ermittlern, sondern erst von der Bild identifiziert worden, obwohl er sogar im Reality-TV zu sehen war, die anderen Israelis seien dagegen aufgrund von schwer erkennbaren Bildern auf Entfernung schnell identifiziert worden. Zudem habe Jonathan G. sich zur gleichen Zeit wie die anderen Israelis gemeldet: "Während diese aber die Schuld auf Herrn G. auslagern durften, bekam dieser als Einziger kein freies Geleit". Dass er nun mit freiem Geleit aussagen und der Version seiner ehemaligen Mitverschwörer widersprechen konnte, habe nicht etwa an einem Umdenken der Staatsanwaltschaft gelegen, sondern sei erst durch einen eigenen Antrag des Zeugen beim Amtsgericht zustande gekommen.
Auch ansonsten sei die Rolle des "Deutschen", wie er stets genannt worden war, nicht schlüssig ermittelt worden. So habe die entführte Tochter etwa ausgesagt, der "Deutsche" habe akzentfrei Deutsch gesprochen und sei 50 bis 60 Jahre alt gewesen. Der 35-jährige Jonathan G. mit dem schon fast jungenhaften Auftreten beherrscht laut eigener Aussage gerade einmal die Grundzüge der Sprache.
Das Mädchen habe auf einem Bild zudem den alterstechnisch passenderen Barkay als "den Deutschen" identifiziert, der es ja aber nicht gewesen sein könne. Dieser hatte in seiner letzten Vernehmung zwar mit der Erklärung verblüfft, seine Muttersprache sei gar nicht Hebräisch, sondern Spanisch, und aufgewachsen sei er mit Französisch, denke aber in Englisch. Deutsch war aber nicht Teil seiner Sprachtalent-Enthüllung gewesen. "Wobei ich es mittlerweile auch nicht mehr ausschließe, dass Herr Barkay fließend Deutsch spricht und nur vergessen hat, das in der Befragung zu erwähnen", witzelt Rieks sarkastisch und legt noch einmal nach: Die Geschichte von der Mossad-Aktion, an die Jonathan G. geglaubt haben möge, sei nun endgültig widerlegt. "Er reist mit seinem echten Reisepass an, sitzt im falschen Auto, sodass er seine zentrale Aufgabe nicht erfüllen kann, und geht dann nach 20 Minuten im Wald verloren, woraufhin über 24 Stunden niemand weiß, wo er abgeblieben ist. Ich kenne mich nicht im Detail mit dem Mossad aus, aber weniger Mossad geht nicht."
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