Ein Zeuge im Blitzlicht, der immer wieder ausweicht: Das Gericht ringt Barkay Details zur Entführung der Block-Kinder ab. Je mehr er einräumt, desto brüchiger wird seine Erzählung von einer "Rettung" im Interesse der Kinder.
Auch am Dienstag wird David Barkay als Letzter in den Gerichtssaal geführt – wieder wird er von maskierten Beamten des Landeskriminalamtes eskortiert.
Der ehemalige israelische Geheimdienstmann, dem die Anklage eine maßgebliche Rolle bei Planung und Durchführung der Entführung zuschreibt, ist für das Gericht derzeit der zentrale Zeuge. Mithilfe seiner Aussagen soll klarer werden, wie die Entführung der Block-Kinder aus Dänemark in der Silvesternacht 2023/24 abgelaufen ist – und wer welche Rolle gespielt hat. Die Vorsitzende Richterin konfrontiert ihn ohne Umschweife mit harten Fakten. Ein Bild wird auf die Wand des Gerichtssaals projiziert: eine Schwarz-Weiß-Aufnahme, überbelichtet. Das Foto einer Blitzeranlage in der Gemeinde Rade, darauf ist Barkays Wohnmobil zu erkennen. In der Nacht zum 31. Dezember 2023 rast es um 2:09 Uhr auf der A7 in Richtung Süden, 22 km/h zu schnell. Barkay bestätigt, dass er selbst am Steuer gesessen habe.
Die Vorsitzende Richterin Isabel Hildebrandt interessiert sich sehr für die Aufnahme. Sie will von Barkay mehr wissen. Doch die anschließende Befragung wird sich erneut intensiv und teils quälend langsam gestalten. Wenige konkrete Aussagen, neue Widersprüche.
Isabel Hildebrandt setzt ihre Befragung fort, wo sie sie am Montag unterbrochen hatte: Bei einer Vereinbarung, die Barkay nach eigener Aussage selbst entworfen und Christina Block und Familienanwalt Andreas Costard als Kompromisslösung präsentiert habe. Erneut werden die Seiten seines Notizbuches an die Wand projiziert. Richterin Hildebrandt befragt Barkay nach einem der knapp gehaltenen Einträge: "100.000 Dollar" und "Die Kinder unterstützen (zurück)" steht dort.
"Ich habe angeboten, Hensel rückwirkend zu bezahlen für die Zeit, in der die Kinder bei ihm waren", sagt Barkay. Er habe versucht, einen ausgewogenen Deal zu finden, auf den sich alle Beteiligten einigen könnten.
Das Wort "Familienrache" im Notizbuch
Selten, und dann meist nur auf Nachfrage der Vorsitzenden Richterin, wird Barkay so deutlich. Der Großteil der mehrstündigen Befragung ist ein zähes Hin und Her zwischen der Vorsitzenden Richterin, Barkay und seiner Übersetzerin. Er spricht häufig vage von "Zusammenhängen", ohne konkret zu werden. Das Wort "Familienrache" in seinem Notizbuch? Stand in Zusammenhang mit der Vereinbarung. "Sanfte Eskalation"? Er erinnere sich nicht an den Zusammenhang.
Barkay ist für das Landgericht Hamburg auch ein Zeuge, dessen Aussagen mit Vorsicht zu genießen sind. Barkay ist in dem Fall auch Beschuldigter. Im Gegenzug zu seiner Aussage sicherten ihm die Ermittlungsbehörden sicheres Geleit in Deutschland zu. Nach Aussage eines anderen Zeugen soll der Mann Berufssoldat bei den israelischen Spezialkräften und Abteilungsleiter beim Geheimdienst Mossad gewesen sein. Also jemand, der sich mit Befragungen und Druck gut auskennen wird.
Immer wieder bleibt im Gerichtssaal der Eindruck, dass Barkays Antworten erst nach langen Pausen kommen und sich seine Darstellung nur schrittweise und unter Widerstand verschiebt – je nachdem, wie konkret die Vorhalte der Vorsitzenden Richterin sind. Die Spärlichkeit seiner Notizen lässt ihm Spielraum für neue Zusammenhänge und Deutungen: Auf beinahe jeder Seite stellt sich die Frage, was Barkay unter den Stichworten tatsächlich einmal verstand – und was er heute dazu noch sagen will.
Nach einer besonders langen Stille fordert die Vorsitzende Richterin Barkays israelischen Anwalt auf, sich hinter seinen Mandanten zu setzen. Es gebe Beobachtungen, dass Barkays Verteidiger, der bis dahin vor seinem Mandanten und mit dem Rücken zu Richterin Hildebrandt gesessen hatte, heimlich mit Barkay kommuniziere. Grundsätzlich darf sich ein Angeklagter jederzeit mit seinem Verteidiger beraten. Die Richterin dürfte mit der Entscheidung jedoch sicherstellen wollen, dass Barkays Antworten aus eigener Überlegung erfolgen und der Ablauf der Vernehmung transparent bleibt.
Auch nach diesem Platzwechsel lässt sich David Barkay nur mühsam zu klaren Aussagen verleiten: dass er gegenüber seinem Team laut Aussage eines Teammitglieds behauptet haben soll, Hensel sei pädophil? "Ich erinnere mich nicht an die genauen Begriffe." Dass er, laut Aussage des mitangeklagten Tal S., gefordert habe, die Kinder müssten um jeden Preis zurück, zur Not auch mit Gewalt? "Ich weiß nicht, worauf er sich bezieht."
"Komischerweise kriege ich kaum Antworten auf meine Fragen"
Als Barkay zum wiederholten Mal der Frage der Vorsitzenden ausweicht, wird Hildebrandt ungehalten. Barkays deutscher Anwalt Björn Kruse interveniert und wirft ihr vor, dass sie nur nicht die Antworten kriege, die sie hören wolle. "Komischerweise kriege ich kaum Antworten auf meine Fragen", entgegnet die sichtlich irritierte Richterin. Bei der Vernehmung im vergangenen November habe der Zeuge detailliert Vorgänge geschildert, die Jahre zurücklägen. Aber an Ereignisse von vor einigen Monaten könne er sich nicht erinnern.
Die Vorsitzende Richterin lenkt den Fokus wieder auf die Ungereimtheiten in Barkays eigenen Aussagen. Sie konfrontiert ihn mit einer Handlung, die kaum zu seiner Darstellung einer "legalen Rückholung" passt: Das Handy von Tochter Klara sei aus dem Fenster geworfen worden. "Vielleicht war ich das", sagt Barkay. Ziel sei gewesen, eine Verfolgung durch die dänische Polizei zu verhindern. Zugleich hält er daran fest, der sogenannte "Familienanwalt" der Blocks habe wiederholt erklärt, die Rückholung sei aus deutscher Sicht legal – ein Widerspruch, den Barkay nicht auflösen kann.
Die Richterin bohrt weiter: Wie passt die von ihm abgegebene Erklärung, dass es bei der Entführung nicht zur Ausübung von Gewalt gegen die Kinder kommen sollte, mit den Ereignissen der Silvesternacht zusammen, bei denen die Kinder geknebelt im Fußraum eines Fahrzeugs ausharren mussten?
Zum ersten Mal an diesem Tag wird Barkay emotional: Er sei sich des möglichen Schadens bewusst gewesen, den die Kinder durch eine Entführung, noch dazu mitten in der Nacht, erleiden könnten. Doch nach reiflicher Abwägung sei er zu dem Schluss gekommen, dass dieser Preis angesichts von Christina Blocks Schmerz gerechtfertigt sei. Sie habe darum gebettelt, die Kinder zurückzubekommen und Angst gehabt, dass Stephan Hensel mit ihnen verschwinden könnte. "Jede Mutter hier im Raum würde so handeln", sagt Barkay und blickt in den Saal, wie auf der Suche nach Zustimmung.
Die Richterin fragt ihn daraufhin, ob er sich einmal gefragt habe, was die Kinder wollten.
"Ich habe selbst Kinder. Kinder wollen ihre Mama und ihren Papa sehen", antwortet Barkay.
Hildebrandt wiederholt ihre Frage. Barkay antwortet: "Nein, das habe ich nicht."
Je mehr David Barkay erklärt, desto schwieriger wird es für ihn, die Entführung als einen Akt der Fürsorge zu erzählen.
Tag 31 im Block Prozess: . In: Legal Tribune Online, 21.01.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/59118 (abgerufen am: 13.02.2026 )
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