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Adblock Plus, Bild.de und der Kampf um Online-Werbung: Streit um den Wer­be­b­lo­cker-blo­cker-ent­b­lo­cker (wir­k­lich)

von Pia Lorenz

27.10.2015

2/2: Schützt eine Adblocker-Sperre die Inhalte von bild.de?

Bild stützt sich auf § 95a Urheberrechtsgesetz (UrhG) - sowohl im Vefahren gegen den Werbeblocker-Anbieter Eyeo als auch bei der Abmahnung des Bloggers, der eine Anleitung zur Umgehung der Sperren auf YouTube veröffentlichte. Die Vorschrift untersagt es, wirksame technische Maßnahme zu umgehen, die ein urheberrechtlich geschütztes Werk schützen sollen.

Die Argumentation mutet ungewohnt bis abenteuerlich an, schließlich war bisher allgemeine Lesart, dass die Vorschrift sich auf den Kopierschutz von zum Beispiel DVDs bezieht. Bild-Vertreter Lehment interpretiert sie indes weiter: "Wir sehen darin eine allgemeine Regelung für den Zugang zu urheberrechtlich geschützten Inhalten". In diesem Fall also die redaktionellen Beiträge, welche Bild.de veröffentlicht. Prof. Dr. Thomas Hoeren, der an der Universität Münster unter anderem zum Internet-Recht forscht, hält die Ansicht für tragfähig.

Mit den naheligenden juristischen Fragen setzt das LG Hamburg sich aber in seiner einstweiligen Verfügung offenbar nicht auseinander. Ob eine Sperre von Werbeblockern dem Schutz dieser Inhalte dienen soll oder nur, wie Medienanwalt Haberkamm meint, dem eines Geschäftsmodells, greift die einstweilige Verfügung nicht auf. Noch interessanter wäre die Frage, ob die Adblocker-Sperre von Bild.de überhaupt eine wirksame technische Maßnahme ist, die dazu bestimmt ist, eine Handlung, die vom Rechteinhaber nicht genehmigt ist, zu verhindern oder einzuschränken.

Bleiben die wichtigen Fragen offen?

 

Die zweifelhafte Wirksamkeit der Sperre von bild.de wäre, neben dem derzeit nicht ganz eindeutigen Sachverhalt, die zweite Möglichkeit für das Hamburger Gericht, eine Grundsatzentscheidung zu verhindern. Dr. Heike Blank, bei CMS zuständig für die wettbewerbsrechtlichen Fragen der Mandantin Eyeo, erklärt das recht einfach: "Technik und Recht gehen bei der Vorschrift des § 95a UrhG Hand in Hand. Auch eine Cellophanhülle um eine CD herum wäre eine Hürde - aber sie wäre viel zu niedrig und damit keine wirksame Maßnahme im Sinne von § 95a UhrG".

Ähnlich beurteilt sie auch die Werbeblocker-Sperre von Bild.de, die binnen weniger Stunden von unterschiedlichen Personen durch einfache Codes umgangen werden konnte. Auf diesem Weg könnten die spannenden Fragen unbeantwortet bleiben. Professor Thomas Hoeren, der ausdrücklich darauf hinweist, dafür nicht bezahlt zu werden, stellt seine Erwägungen dazu in einem Kommentar auf internet-law.de dar. Er fragt nach der Eignung der Software, nach ihrer Wirksamkeit und auch danach, ob allein das bloße Betrachten am Computer eine urheberrechtlich relevante Nutzungshandlung darstellen kann.

In einem Punkt sind Blank und Fringuelli sich einig mit dem Vertreter von bild.de. Die grundsätzliche Frage nach der Zulässigkeit des Einsatzes von Werbeblockern auf redaktionellen Webseiten berühre der aktuelle Wettstreit nicht. Eigentlich.

Die richtigen Fragen, beim falschen Adressaten?

Eyeo habe sich, so Bild-Vertreter Lehment, in den bisherigen Verfahren aber stets auch damit verteidigt, dass der Ausschluss von Nutzern mit Werbeblockern den Verlagen überlassen bleibe - wie es bild.de nun getan hat. Setzt das Unternehmen sich nicht zu seinem eigenen Verhalten in Widerspruch, wenn - unterstellt, das wäre geschehen - auch seine Mitarbeiter mit dafür sorgen, dass eine Anleitung zur Umgehung der Sperre binnen Stunden die Runde macht?

Die Vertreter von Eyeo hüllen sich, nach ihrer Prozessstrategie gefragt, in bedeutungsvolles Schweigen - so sei man bisher verfahren, heißt es. Sie fuhren damit bekanntlich ganz gut.

Zitiervorschlag

Pia Lorenz, Adblock Plus, Bild.de und der Kampf um Online-Werbung: Streit um den Werbeblocker-blocker-entblocker (wirklich) . In: Legal Tribune Online, 27.10.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/17335/ (abgerufen am: 06.08.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 27.10.2015 22:57, stangolem

    Aus der Sicht eines juristisch interessierten Technikers:
    Nicht nur, dass das LG Hamburg sich nicht damit auseinandersetzt, ob hier Inhalt oder Geschäftsmodell geschützt wird, es behauptet auch noch ziemlich hanebüchen, bild.de würde verschlüsselte Inhalte ausliefern. Der Schutz sieht aus technischer Sicht aber so aus, dass bild.de Klartext liefert und dann per Code auf dem Computer des Anwenders prüft, ob auch die Werbung angezeigt wird, andernfalls wird der Content mit dem bekannten Bild überlagert. Untersagt der Anwender bild.de, Javascript auf seinem Rechner auszuführen, werden die Inhalte angezeigt.
    Aus meiner naiven technischen Sicht ist das auch vollkommen richtig, dass der Anwender entscheidet, welchem Anbieter er soweit vertraut, dass der aktive Inhalte auf _seinem_ Rechner ausführen darf. Noch dazu kommt die Äußerung eines Springer-Anwalts, dass das Geschäftsmodell des Verlags das Ausliefern von Werbung sei und der Content lediglich das Vehikel dafür.
    Das berührt nicht ein eventuelles Wettbewerbsverhältnis zwischen Eyeo und bild.de, mir geht es rein um den User.
    Im Gegensatz zum Modell von bild.de befindet sich auf kommerziellen DVD/Blueray tatsächlich verschlüsselter Content (ohne Wertung der Qualität), der zur Wiedergabe aktiv entschlüsselt werden muss.

  • 28.10.2015 08:02, HeinzMüller

    Ich lach mich schlapp! Da argumentiert BILD ernsthaft mit §95a UrhG und der "Kopierschutz" lässt sich dadurch abschalten, dass ich in meinem Browser einstelle, dass die Seite www.bild.de kein Java ausführen darf (soeben ausprobiert)???
    Niemals...

    • 28.10.2015 15:31, Korrektor

      JavaScript - nicht Java! So viel Zeit muss sein.

  • 30.10.2015 15:25, Atze

    Der nächste Schritt von BILD ist dann die Einführung einer Bezahlschranke, das derzeit auch angebotene 99-Cent-Abo findet wohl nicht genügend Abonnenten. Der eigentliche Skandal liegt aber nicht in der Verwendung der Ad-Block-Sperre, sondern darin, daß BILD offenkundig nachsieht, was ich für Software auf dem Rechner habe. Wenn das der olle Mielke noch erlebt hätte... Ich jedenfalls lasse den Ad-Blocker an . Es gibt andere Möglichkeiten, sich im Netz über das aktuelle Tagesgeschehen zu informieren. Und ob die in Bild-online barbusige Tagesschönheit gern warmes Wasser auf der Haut hat, interssiert mich obendrein auch nicht.

  • 16.12.2015 21:25, wolfie

    NOCH eine schritte vorn von stasi Deutschland vorzukommen! alles mit werbung zu tun und die freie mensch IHR eigene entscheidung zu machen OHNE "Kontrolle" von die werbe (geld) welt zu "Kontrollieren"! JA Ihr lese das richtig! SIE wollte immernoch versuchen Uns die Freie Mensach zu kontrolle! ICH werde neimals ein einziges bild zeitung mehr kaufen! Sie habe jetz 24 euro verlust von mir diese jahr UND nächtse jahr auch! "INTERNET IS FREE!"

  • 18.03.2016 02:48, Klaus Holzapfel

    Verlage, die eine solche an krimineller Unverschämtheit schon nicht mehr zu überbietende Einstellung haben, werde ich mit SICHERHEIT nicht lesen bzw. anklicken. Das ist ja der Gipfel der Bevormundung des mündigen Bürgers.
    Mein Adblocker bzw. NoScript bleiben eingeschaltet.
    Aber vielleicht werde ich demnächst auch noch dazu verpflichtet, meine Briefkastenwerbung lesen zu müssen, obwohl ich auch die nicht bestellt habe.
    Pfui.
    K. Holzapfel, Wuppertal

  • 24.03.2016 10:08, Adler

    Ich habe folgenden Anbieter gefunden http://adbreach.de/ welcher die Werbung einfach trotz aktiviertem Adblocker wieder anzeigt. Ist doch eigentlich die beste Lösung für die Anbieter oder?