Druckversion
Donnerstag, 8.10.2026, 22:28 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/bgh-dieselskandal-abgasaffaere-vw-uebersicht-2022-verfahren-urteile-schadensersatz
Fenster schließen
Artikel drucken
47103

Bundesgerichtshof: Diese Die­sel­ver­fahren stehen 2022 an

03.01.2022

Der Auspuff eines Autos stößt Abgase aus.

Die Abgasaffäre rund um VW beschäftigt den BGH weiterhin. Foto: Rainer Fuhrmann - stock.adobe.com

Der BGH hat einige Grundsatzfragen im Dieselskandal bereits geklärt, außerdem konnten viele Verfahren außergerichtlich beigelegt werden. Was ist also in Sachen Abgasaffäre noch offen? Hier eine Übersicht.

Anzeige

Hunderttausende Einzelvergleiche mit Kund:innen sind geschlossen, Grundsatzfragen geklärt - aber die zivilrechtliche Aufarbeitung des Abgasskandals lässt die deutsche Autoindustrie auch 2022 nicht los. Bei Volkswagen, wo "Dieselgate" vor über sechs Jahren seinen Anfang genommen hatte, erwarten Verbraucher:innen und Konzernjurist:innen ab Februar weitere Entscheidungen des Bundesgerichtshofs (BGH).

In Karlsruhe soll es voraussichtlich bis in den März hinein noch einmal darum gehen, in welchen genauen Fällen Schadensersatzansprüche wegen der Wertminderung von Fahrzeugen mit manipulierter Emissionsreinigung verjährt sind. Zusammengefasst sind gleich fünf Parallelverfahren zu dem Thema.

Prinzipiell hätten Betroffene innerhalb einer Drei-Jahres-Frist bis Ende 2018 vor Gericht ziehen müssen. Der BGH hat dazu schon entschieden: Wer unzweifelhaft schon 2015 vom Dieselskandal wusste und erst 2019 oder später klagte, geht leer aus. Jedoch dürfen Gerichte Kläger:innen nicht allein wegen der breiten Medienberichterstattung unterstellen, von dem Dieselskandal gewusst zu haben - daher kann es in einzelnen Fällen weiteren Klärungsbedarf geben, zu dem sich die Karlsruher Richter:innen äußern werden.

Muss VW Restschadensersatz zahlen?

Zudem ist weiterhin die Frage offen, ob Dieselkäufer:innen auch dann Ansprüche haben, nachdem VW die Finanzmärkte über die Ereignisse in Kenntnis gesetzt hatte. Dazu sind mündliche Verhandlungen vorgesehen. Der BGH hat eine Haftung des Autobauers bei solchen späten Käufen im Grunde abgelehnt. Die Richter wollen allerdings ebenso prüfen, ob VW trotz Verjährung womöglich sogenannten Restschadensersatz zahlen muss.

Mögliche Entschädigungen für Leasing-Kund:innen bleiben ein ähnlich komplexes Thema. Hier gab der BGH als Richtung vor, dass gezahlte Raten bei uneingeschränkter Nutzung nicht zurückerstattet werden müssen - jedenfalls dann nicht, wenn keine anschließende Übernahme des Dieselwagens vereinbart war. Für den April stehen dazu aber ergänzende Termine an.

Einige große Brocken konnten im zurückliegenden Jahr abgeräumt werden. So nahmen laut VW bis zum Februar 2021 die infrage kommenden Autohalter:innen mit dem "Skandalmotor" EA189 überwiegend ihr Schadensersatzangebot an, das 2020 im Rahmen der Musterfeststellungsklage mit dem Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) ausgehandelt worden war. Etwa 244.000 Diesel-Fahrerinnen und -Fahrer der Konzernmarken entschieden sich dafür. Manche berichteten von einer verzögerten Abwicklung oder Auszahlung, Volkswagen bedauerte solche Vorkommnisse.

Etliche andere Kund:innen gaben sich mit dem Vergleichspaket nicht zufrieden oder klagten auch aus anderen Gründen auf eigene Faust weiter. Im Mai 2020 sprach der BGH zu denjenigen Fällen, die bis zu ihm vorgedrungen waren, ein Grundsatzurteil - in dessen Folge einigte sich VW nach eigenen Angaben bisher mit mehr als 40.000 weiteren Kund:innen.

600 Fälle für neuen "Hilfsspruchkörper"

Insgesamt verlagerte sich der Schwerpunkt der Dieselgate-Rechtsprechung zuletzt etwas hin zu anderen Autobauern. Nach Auskunft eines BGH-Sprechers von Mitte Dezember waren Ende 2021 rund 1.200 Dieselverfahren in Karlsruhe anhängig, ungefähr die Hälfte davon betraf noch den Wolfsburger Konzern. Anfangs seien gut drei Viertel der Verfahren VW-Fälle gewesen. Dabei ist die separat erfasste Konzerntochter Audi nicht mitgezählt. Die Statistik umfasst auch Nichtzulassungsbeschwerden.

Der in Karlsruhe ursprünglich allein zuständige VI. Zivilsenat kann die Flut der Verfahren längst nicht mehr bewältigen. Einen Teil der Fälle hatten zwischenzeitlich die Richterkolleg:innen des VII. Senats übernommen. Seit August gibt es nun einen eigens eingerichteten "Hilfsspruchkörper" (VIa. Zivilsenat). Dort sind laut BGH seither rund 600 neue Verfahren eingegangen. Derzeit seien knapp 300 VW-Fälle anhängig.

Inhaltlich stehen nach dem Grundsatzurteil vom Mai 2020, das vielen Verbraucher:innen den Weg zu Schadensersatz von VW ebnete, nun vor allem noch die spezielleren Konstellationen zur Klärung an. 2021 wurde zum Beispiel entschieden, dass die Entschädigung auch Extrakosten für eine Ratenfinanzierung wie Darlehenszinsen umfasst oder dass durch den Weiterverkauf des Autos keine Ansprüche wegfallen. Reine Leasing-Kunden haben hingegen bisher kaum Chancen.

Auch können erfolgreiche Kläger:innen sich den Kaufpreis ihres Diesels nicht noch rückwirkend verzinsen lassen (Deliktzinsen). Die Richter:innen betonten zudem, dass das verpflichtende Update, mit dem die Betrugssoftware deaktiviert wurde, keine neue unzulässige Abschalteinrichtung darstellt - und dass dieser Punkt damit in der Regel keinen neuen Schadensersatzanspruch begründen kann.

Im Ausland sind dem Konzern zufolge derweil viele Verfahren fortgeschritten oder beendet. Sammelklagen gibt es jedoch weiterhin in einigen wichtigen EU-Märkten wie Frankreich, Belgien und Portugal, außerdem in Großbritannien - "oft in einem frühen Stadium".

Anzeige

Was ist mit Ansprüchen von VW-Aktionären und Großinvestoren?

Zum neueren Motor EA288, der laut VW keine unzulässige Abschalteinrichtung hat und daher mit dem EA189 "nicht vergleichbar" sei, gibt es ebenfalls Klagen. Hier hätten Gerichte bislang nahezu ausschließlich zugunsten des Herstellers entschieden."Von über 10.000 Landgerichtsurteilen sind fast 99 Prozent zugunsten von Volkswagen ergangen", heißt es in Wolfsburg. Bei den mehr als 1.000 Verfahren vor Oberlandesgerichten (OLG) sei der Anteil so gut wie 100 Prozent. Anfang 2021 waren zum EA288 rund 8.500 Klagen von Kund:innen anhängig gewesen.

Relativ offen ist nach wie vor, wie Schadensersatzforderungen von VW-Aktionären und Großinvestoren rund um die Abgasaffäre bewertet werden. Das OLG Braunschweig will die mündliche Verhandlung in dieser Sache Ende April nach Stellungnahmen der Parteien fortsetzen. Es geht um die Frage, ob der Konzern die Finanzwelt 2015 möglicherweise zu spät über die drohenden Milliardenrisiken von Dieselgate ins Bild gesetzt hat und so für teils beträchtliche Kursverluste mitverantwortlich gemacht werden kann.

Volkswagen bleibt hier auf dem Standpunkt, dass der Vorstand "bis in den Sommer 2015 keine gesicherten Erkenntnisse darüber [hatte], dass die in US-Dieselfahrzeugen verwendete Software ein nach US-Recht verbotenes 'defeat device' enthält". Entwicklung und Einsatz des Täuschungs-Codes seien überdies von "Mitarbeitern nachgelagerter Hierarchieebenen" vollzogen worden, wobei diese ihr Handeln "gezielt höheren Managementebenen verborgen" hätten. Wer wann in welcher Funktion was über die Software wusste, ist auch ein zentrales Thema beim Betrugsstrafprozess gegen ehemalige Manager und Ingenieure von Volkswagen, der seit September am Braunschweiger Landgericht läuft.

dpa (Jan Petermann und Anja Semmelroch)/pdi/LTO-Redaktion

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Bundesgerichtshof: . In: Legal Tribune Online, 03.01.2022 , https://www.lto.de/persistent/a_id/47103 (abgerufen am: 09.10.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Zivil- und Zivilverfahrensrecht
    • Abgasaffäre
    • Autokauf
    • Betrug
    • BGH
    • Kaufrecht
    • Schadensersatz
    • Verjährung
  • Gerichte
    • Bundesgerichtshof (BGH)
    • Landgericht Braunschweig
Ein vergrabener 500 Euro Schein 08.10.2026
Bewährung

OLG Frankfurt sieht negative Legalprognose:

Wer seine Mil­lionen-Beute nicht preis­gibt, bleibt in Haft

Wo sind die 2,3 Millionen Euro? Wegen 458 Betrugsfällen wurde ein Mann zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Weil er den Behörden nicht verrät, wo die Beute ist, muss er die Strafe vollständig absitzen.

Artikel lesen
Gebäude des Luftfahrt-Bundesamtes in Braunschweig mit dem LBA-Logo. 07.10.2026
Amtshaftung

LG Braunschweig zum Germanwings-Absturz:

Amts­haf­tungs­klage gegen den Bund ist erfolglos

30 Angehörige von Opfern des Germanwings-Absturzes im März 2015 verlangten Schadensersatz vom Bund. Das LG Braunschweig wies die Klage nun ab: Mögliche Ansprüche gegen Germanwings gingen der Amtshaftung vor. Doch es ging nicht nur ums Geld.

Artikel lesen
Helene Fischer tritt bei einem Konzert auf 06.10.2026
Prominente

BGH betont Pressefreiheit:

Helene Fischer geht auch gegen Papa­razzo leer aus

Der Schlagerstar kann vor dem BGH nicht gewinnen: Nachdem Helene Fischer von diversen Medien, die Fotos von ihr mit Baby veröffentlicht hatten, keine Entschädigung bekam, geht sie nun auch im Streit mit dem Fotografen der Bilder leer aus.

Artikel lesen
Fred Babbel in Arbeitskleidung an Bord eines Bootes während der "Rettungsaktion" für Buckelwal Timmy. 06.10.2026
Schadensersatz

Unternehmer verklagt Geldgeberin:

Mil­lio­nen­st­reit nach ums­trit­tenem Abtrans­port von Wal "Timmy"

Der im Frühjahr gestrandete Buckelwal wurde trotz Warnungen von Fachleuten von der Ostsee in die Nordsee gebracht und starb kurz darauf. Nun wird vor dem LG Schwerin darum gestritten, wer für den millionenteuren Transport zahlen muss.

Artikel lesen
Ausrüstung der Feuerwehr an einem Kleiderhaken 05.10.2026
Datenschutz

VG Berlin zur Corona-Zeit:

Feu­er­wehr durfte Impf­status ans Gesund­heit­samt wei­ter­geben

Die Berliner Feuerwehr durfte Beschäftigte ohne Impfnachweis an das Gesundheitsamt melden, hat das örtliche Verwaltungsgericht entschieden. Ein Formular mit weiterführenden Angaben ging datenschutzrechtlich aber zu weit.

Artikel lesen
Schriftzug „amazon prime“ auf einem Paket. 01.10.2026
Verbraucherschutz

BGH kippt Preisanpassungsklausel von Amazon:

Prime-Alt­kunden zahlen vor­erst wieder weniger

Amazon durfte seine Prime-Preise nicht auf Grundlage der bisherigen AGB-Klausel erhöhen, entscheidet der BGH. Für bestimmte Altkunden sinkt der Beitrag nun wieder. Um bereits gezahlte Mehrbeträge wird separat gestritten.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Rheda-Wiedenbrück
Ab­tei­lungs­lei­tung Recht und Ge­mein­de­ver­fas­sung (m/w/d)

Rheda-Wiedenbrück, Rhe­da-Wie­den­brück

Logo von CMS
Rechts­an­wäl­te (m/w/d) für den Be­reich Schieds­ver­fah­ren / In­ter­na­tio­nal...

CMS, Mün­chen

Logo von RechtDialog Rechtsanwaltsgesellschaft mbH
Rechts­an­wäl­te (m/w/d) als An­ge­s­tell­te oder in frei­er Mit­ar­beit

RechtDialog Rechtsanwaltsgesellschaft mbH

Logo von HUK-COBURG
Voll­ju­rist / Wirt­schafts­ju­rist Rechts­schutz-Scha­den­re­gu­lie­rung...

HUK-COBURG, Co­burg

Logo von CMS
Se­nior Le­gal En­gineer (m/w/d) AI / De­ve­lop­ment

CMS, Stutt­gart und 7 wei­te­re

Logo von Generali Investments Holding S.p.A.
Stu­den­ti­sche Aus­hil­fe (m/w/d) In­vest­ments Le­gal

Generali Investments Holding S.p.A., Köln

Logo von Latham & Watkins LLP
Days of Win­ter – Co­me and Meet Us Abo­ve the Clouds

Latham & Watkins LLP, Gar­misch-Par­ten­kir­chen

Logo von HUK-COBURG
Ju­rist Pro­dukt­ent­wick­lung / Kfz-Ver­si­che­rung (w/m/d)

HUK-COBURG, Co­burg

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von Freshfields
Freshfields NextGen AI

06.11.2026, Brüssel

Fristen – Erkennen, organisieren und wahren

02.11.2026

Spezialist/in Zwangsvollstreckung (zertifiziert)

04.11.2026

Gebührenoptimierung im Zivilprozess

11.11.2026

KI-Assistenten in Kanzleialltag und in Rechtsberatung:Was können ChatGPT, Copilot, Beck-Noxtua & Co?

17.11.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH