Die wohl bekannteste Strafverteidigerin der Niederlande soll Nachrichten an Europas meistgesuchten Drogenboss geschleust haben. Dafür wurde sie nun von einem Rotterdamer Gericht verurteilt. Das fand zwar harte Worte, ließ aber Gnade walten.
Wenn die Strafverteidigerin Inez Weski im Hochsicherheitsgericht "Der Bunker" bei Amsterdam vor der Verhandlung eintraf, konnte man das nicht übersehen. Stets ganz in Dunkel gekleidet, kohlschwarz geschminkte Augen, ein Ring mit einem Totenkopf am Finger. Ein Auftritt, der Widerstand ausstrahlt. Wenn man sie als Journalist am Getränkeautomaten vor dem Presseraum ansprach, antwortete sie kühl und knapp. Zum laufenden Fall wollte sie sich stets nur im Gerichtssaal äußern.
Weski hatte unter niederländischen Anwälten den Ruf als unbequeme Strafverteidigerin, daraus sprach Anerkennung. Eine, die an Grenzen geht, aber als Anwältin und Organ der Rechtspflege genau weiß, wo die verlaufen. Kollegen kannten sie als Workaholic – eine Staranwältin, die ihren düster punkigen Auftritt pflegte –, als bekennender Fan von Patti Smith und am Steuer eines schwarzen Porsches. Seit mehr als 45 Jahren verteidigte sie, am liebsten in Verfahren der Superlative: Waffenschmuggel, Kriegsverbrechen, internationaler Drogenhandel.
Im "Bunker" wurde ab 2021 Weskis größter Fall verhandelt. Und fünf Jahre später wird sie nun selbst verurteilt wegen Beteiligung an den Machenschaften eines ihrer großkalibrigsten Mandanten. Ein Rotterdamer Gericht findet harte Worte – und fällt doch ein mildes Urteil.
Sie übernahm die Verteidigung von Europas meistgesuchtem Kriminellen
Dass die heute 71-Jährige damals frühzeitig die Verteidigerin des zeitweise meistgesuchten Kriminellen der Niederlande und Europas wurde, konnte niemanden überraschen. Der niederländisch-marokkanische Drogenboss Ridouan Taghi soll an der Spitze einer Organisation gestanden haben, die nicht nur Hunderte Tonnen Gras und Kokain nach Europa schmuggelte und Milliardenwerte bewegte, sondern auch eine "gut geölte Mordmaschine" betrieben hat. Zeitweise wandte sich die Gruppe durch Attentate und Anschläge auch direkt gegen den niederländischen Staat und seine Institutionen. Ermittler sprachen von einem neuen Terrorismus.
Eine wichtige Quelle in dem Strafverfahren war ein Kronzeuge, der selbst aus der Szene stammt, aber die Seiten wechselte. Innerhalb weniger Jahre wurden sein Bruder, sein Anwalt und der bekannte Kriminaljournalist Peter R. de Vries erschossen, Letzterer war Vertrauensperson des Kronzeugen geworden. Eine Machtdemonstration der Unterwelt: Wer will da Richter, Staatsanwalt, Rechtsanwalt sein? Wie gefährlich war es, den Drogenboss zu verteidigen?
Weski, die sich gerne als Anwältin inszenierte, die alleine für Gerechtigkeit und gegen den Rest der Welt kämpfte, übernahm.
Trotz festgestellter Beteiligung: Nur 42 Tage Haft
Taghi wurde 2024 zur Höchststrafe lebenslanger Haft verurteilt, weitere Mitglieder erhielten hohe Gefängnisstrafen. Nun hat der Fall ein weiteres Nachspiel, das den Rechtsstaat in den Niederlanden weiter Schaden nehmen lässt: Ein Gericht in Rotterdam (Rechtsbank Rotterdam) verurteilte Weski am Donnerstag wegen Teilnahme an einer kriminellen Organisation – eben der Gruppe, die ihr Mandant Taghi anführte. Indem sie Nachrichten über ein verschlüsseltes Smartphone in das Hochsicherheitsgefängnis der Niederlande geschleust habe, habe Weski die kriminelle Vereinigung unterstützt, sodass sie von dort aus weiter handlungsfähig blieb. Damit habe sie das öffentliche Vertrauen in die Anwaltschaft beschädigt, deren Werte "ins Herz getroffen" und den Rechtsstaat unterminiert, wie es in dem Urteil heißt, das LTO vorliegt.
Weski kam dennoch mit einer milden Strafe davon: Das Rotterdamer Gericht verurteilte sie zu einer Gefängnisstrafe von 42 Tagen. Die Staatsanwaltschaft hatte vier Jahre und sechs Monate Gefängnis gefordert. Das Gericht sieht in Weskis Verhalten zwar schwere Straftaten, die grundsätzlich eine langjährige Freiheitsstrafe rechtfertigen würden. Allerdings habe es im Verfahren schwerwiegende Verstöße gegen ihre Rechte als Angeklagte gegeben.
Gericht: Ermittler haben Fehler gemacht
Schon bei ihrer Verhaftung gab es Andeutungen, dass man in Kreisen der niederländischen Justiz euphorisch auf die Festnahme reagiert habe. Das Verhältnis zu Weski darf wohl als spannungsgeladen bezeichnet werden. In ihrem Buch "Die Jagd nach dem Recht" kritisiert sie, dass der Staat häufiger als "Raubtier" statt als Beschützer auftrete. Sie beklagte Missstände in Gefängnissen und bei der Polizei. Die Niederländer kennen sie von ihren Auftritten in TV-Runden, in denen sie sich regelmäßig kritisch gegenüber Autoritäten und Institutionen aussprach.
Weski wurde 2023 verhaftet, nach sechs Wochen wieder freigelassen. Eine Beschwerde gegen Haftbedingungen sei nicht ordnungsgemäß weitergeleitet worden. Damals wurde auch Weskis Kanzlei durchsucht, es wurden Dokumente beschlagnahmt.
Das Rotterdamer Gericht berücksichtigte nun, dass der zuständige Staatsanwalt entgegen den Anweisungen des Ermittlungsrichters gehandelt und ein Dokument verbreitet hatte, obwohl das nicht erlaubt war. Für das Gericht führte das zwar nicht zum Ausschluss der Beweismittel, jedoch wertete es den Vorfall als schweren Eingriff in die anwaltliche Verschwiegensheitspflicht.
Warum ging die Staranwältin dieses Risiko ein?
Bei seiner Würdigung hält das Gericht fest, dass Weskis Karriere als Anwältin durch diesen Fall beendet worden sei, ihr Gesundheitszustand gelte als sehr fragil. Weski habe ihre Tätigkeit beendet und sei nicht mehr als Anwältin zugelassen.
Das Gericht sah es weder aus Gründen der Spezial- noch der Generalprävention als angezeigt an, die ehemalige Top-Anwältin noch einmal ins Gefängnis zu schicken. So entschied es auf eine Freiheitsstrafe, die nicht länger ausfällt als die Zeit, die sie bereits in Untersuchungshaft verbracht hatte.
Weski bleibt auf freiem Fuß, die große Frage in diesem rätselhaften Fall weiter offen: Warum ist die erfahrene Verteidigerin Weski dieses Risiko eingegangen? Und hat am Ende ihrer Karriere alles verloren?
Ihre Verteidiger hatten angedeutet, dass sie möglicherweise psychisch unter Druck gesetzt worden sei. Medien hatten berichtet, die Familie von Taghi hätte sie gedrängt, Nachrichten heimlich zu überbringen. Weski hat dazu in ihrem Prozess nichts erklärt. Das Rotterdamer Gericht schreibt nur: Ohne eine tatsächliche Begründung von Weski selbst kann das Gericht eine Situation psychischen Zwangs nicht annehmen. Deshalb ist die Angeklagte Weski für ihr Handeln voll verantwortlich.
Update: Weski und ihr Verteidigerteam erwägen in Berufung zu gehen.
Beitrag in der Version vom 22.05.2026, 19:28 Uhr, korrigiert wurde ein Übersetzungsfehler.
Niederländische Star-Anwältin Inez Weski: . In: Legal Tribune Online, 22.05.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/60037 (abgerufen am: 22.07.2026 )
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