Druckversion
Montag, 14.09.2026, 19:58 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/anthropic-legal-plug-in-claude-ai-keine-revolution
Fenster schließen
Artikel drucken
59271

Anthropic stellt "Legal Plug-in" für Claude AI vor: Warum das keine Revo­lu­tion ist

von Tobias Voßberg

09.02.2026

Willkommenstext bei geöffneter Claude-AI-App

Claude AI versucht, sich am KI-Markt besonders mit Fokus auf Berufstätige zu positionieren. Foto: picture alliance / HARALD SCHNEIDER / APA / picturedesk.com | HARALD SCHNEIDER

Die Ankündigung eines KI-Plug-ins für juristische Aufgaben ließ Tech-Aktien abstürzen. Von einer "Revolution" ist die Rede. Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich: Es sind nur ein paar Textdateien fürs Prompting, meint Tobias Voßberg.

Anzeige

Wir haben es in den vergangenen Tagen gefühlt tausendmal gelesen: Anthropic hat ein Legal Plug-in für seinen KI-Assistenten Claude veröffentlicht. Der soll jetzt auch Jura können?!

Die Marktreaktion an den Börsen war jedenfalls dramatisch: Thomson Reuters mit seinen Legal Solutions verlor zeitweise über 18 Prozent, der Mutterkonzern von LexisNexis, das unter anderem juristische Datenbanken bereitstellt, etwa 14 Prozent. Insgesamt wurden an einem Tag rund 300 Milliarden Dollar Börsenwert vernichtet. Von "Revolution" und einem "Wendepunkt für Legal Tech" war die Rede.

Was das Legal Plug-in können soll

Das Claude-Plug-in soll juristische Routinearbeiten automatisieren: Verträge gegen die eigenen Verhandlungsziele prüfen und mit einem Ampelsystem bewerten, eingehende Geheimhaltungsvereinbarungen vorsortieren, Briefings zu rechtlichen Themen erstellen, Standardantworten für wiederkehrende Anfragen wie Datenschutzauskunftsersuchen generieren.

Die Plug-ins lassen sich dabei auf die eigenen Vorgaben konfigurieren. Man kann zum Beispiel eine Art Playbook hochladen, das festlegt, welche Vertragsbedingungen akzeptabel sind und wo Nachverhandlungen nötig werden. Den Rest soll dann Claude machen. 

An dieser Stelle wird es auch sofort interessant: Diese Plug-ins sind im Wesentlichen strukturierte Textdateien mit Prompts, die sich etwa auf Github lesen und herunterladen lassen. Es sind also Vorlagen, die Claude sagen, wie es bestimmte juristische Aufgaben angehen soll. Diese Prompts lassen sich natürlich auch mit allen anderen KI-Lösungen nutzen. 

Genau hier beginnt das Missverständnis, denn die 300-Milliarden-Panik an den Börsen offenbart, dass viele Investoren glauben, ein Plug-in könne spezialisierte Legal-Tech-Lösungen ersetzen und deren Geschäftsmodell bedrohen. Aber werden spezialisierte Legal-AI-Workspaces wie Libra, Noxtua, Legora, Harvey & Co. tatsächlich bald überflüssig werden?

Das grundlegende Missverständnis 

Alle, die nun die große "Revolution" ausrufen, übersehen etwas Grundlegendes. Die Basismodelle von Anthropic oder OpenAI konnten Verträge schon immer prüfen und auch schon genau die Aufgaben abdecken, bei denen das Plug-in helfen soll.

Wenn ein Basismodell mithilfe der Plug-in-Prompts dieselben juristischen Aufgaben bearbeiten kann, wie eine teure Spezialsoftware, dann war das schon vorher so. Das Plug-in macht nun nur auch für die breite Masse sichtbar, was bereits seit Jahren möglich ist.

Aber wenn die Basismodelle das schon immer konnten – wofür zahlen Kanzleien dann eigentlich bei spezialisierten Anbietern?

Was spezialisierte Anbieter wirklich leisten 

Wer als Anwältin oder Anwalt vertrauliche Mandatsinformationen in ein öffentliches KI-Tool eingibt, das die eingegebenen Daten auf seinem Server speichert, droht, die Verschwiegenheitspflicht zu verletzen. Die berufsrechtskonforme Nutzung ist daher eines der wesentlichen Verkaufsargumente der großen Legal-Tech-Anbieter. Diese bieten, anders als die Anbieter der Basismodelle, Server in Deutschland, Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und berufsrechtskonforme Auftragsverarbeitungsverträge an.

Einige Anbieter verfügen zudem über den Zugriff auf juristische Wissensdatenbanken oder über Schnittstellen zu Fachrechtsdatenbanken wie Beck-Online oder Wolters Kluwer Online. All das kann aktuell kein Basismodell bieten, Plug-in hin oder her.

Fast jede größere Kanzlei hat sich daher im vergangenen Jahr entschieden, auf ein Tool der großen Legal-Tech-Anbieter zu setzen. Dieses Jahr wird für die Kanzleien zeigen, ob der tatsächliche Nutzen die Kosten rechtfertigt oder – wenn die Programme nur für bestimmte Anwendungsfälle genutzt werden – nicht auch auf selbst entwickelte oder günstigere Nischenlösungen zurückgegriffen werden kann.

Vereinfacht gesagt: Wer ein Legal-Tech-Tool, das Tausende Euro im Jahr kostet, in seiner Kanzlei nur für die Extrahierung von Vertragsdaten nutzt, kann auch überlegen, ein Programm anzuschaffen, das diese Aufgabe für einen Bruchteil der Kosten übernimmt.

Anzeige

Die strategische Verschiebung 

Das Bemerkenswerte an Anthropics Schritt ist also weniger die Technologie, sondern die strategische Verschiebung. Zum ersten Mal verpackt ein Basismodell-Anbieter ein juristisches Workflow-Produkt direkt in seine Plattform. OpenAI ist vor wenigen Wochen mit ChatGPT Health sogar noch einen Schritt weiter gegangen.

Es ist ungewöhnlich, dass der Hersteller eines Basismodells einen konkreten Use Case wie "Legal" direkt aufgreift. Dass Anthropic diesen Aufwand betreibt, zeigt: Die Nutzung von Claude für juristische Zwecke muss ein riesiger Anteil sein. Andererseits überrascht dies wenig, wenn man bedenkt, dass Startups wie Harvey oder Legora mit Milliarden bewertet werden.

Die wirkliche Disruption käme, wenn Basismodell-Anbieter die gleichen regulatorischen Hürden nehmen wie spezialisierte Legal-Tech-Anbieter. Denn wenn OpenAI, Anthropic & Co. bereit wären, eine Vereinbarung nach § 43e Bundesrechtsanwaltsordnung abzuschließen und so einen berufsrechtskonformen Einsatz anzubieten, würde der Markt tatsächlich neu gemischt.

Bis dahin ist das keine "Revolution". Es sind nur ein paar Textdateien mit gut strukturierten Prompts.

Tobias Voßberg (c) privat

Tobias Voßberg ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz. Als Host des Jura & KI"-Podcasts befasst er sich seit Jahren mit dem Einsatz von KI in der Rechtsberatung und analysiert deren Chancen und Grenzen.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Anthropic stellt "Legal Plug-in" für Claude AI vor: . In: Legal Tribune Online, 09.02.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/59271 (abgerufen am: 14.09.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Berufs- und Standesrecht
    • Anwaltsberuf
    • Künstliche Intelligenz
    • Legal Tech
    • Software
Fenster mit zugezogenen Rolljalousien 14.09.2026
Anwaltszulassung

BGH bestätigt Widerruf der Anwaltszulassung:

Ein Kanz­lei­schild darf sich nicht hinter Roll­läden ver­ste­cken

Verschwindet das Kanzleischild hinter geschlossenen Rollläden, ist eine Kanzlei nicht mehr ausreichend nach außen hin erkennbar, hat der Anwaltsgerichtshof NRW entschieden. Seine Zulassung hat der Anwalt zu Recht verloren, bestätigte der BGH.

Artikel lesen
Martin Würfel 11.09.2026
Most Wanted

Köpfe:

LTO Most Wanted mit Martin Würfel

"Die Auswirkungen des Betäubungsmittelstrafrechts sind ein großes Desaster", meint Martin Würfel. Er verrät, was gute Strafverteidigung auszeichnet und erzählt, was eine Harley mit seiner Berufswahl zu tun hat.

Artikel lesen
Ein Schild aus Messing mit der Aufschrift "Rechtsanwaltskanzlei" hängt an der Tür einer Anwaltskanzlei. 10.09.2026
Anwaltsblatt

Kanzleigründung und Selbstständigkeit:

Struk­turen für Anwäl­tinnen ver­bes­sern

Um die junge Anwaltschaft im Beruf zu halten, braucht es eine Anpassung der Rahmenbedingungen, vor allem für Frauen. Versorgungslücken beim Versorgungswerk durch Mutterschutz und Elternzeit treffen vor allem sie, wie Sabine Fuhrmann erläutert.

Artikel lesen
Das Amtsgericht Karlsruhe 10.09.2026
Anwaltskammer

Amtsgericht Karlsruhe:

Anwalts­kam­mern dürfen ihren Mit­g­lie­dern nur mit Ein­wil­li­gung Wer­bung schi­cken

Sendet eine RAK ihren Mitgliedern elektronische Werbung für Kammerveranstaltungen, muss sie vorab die Einwilligung der Mitglieder einholen. Fehlt diese, kann die RAK auf Unterlassung in Anspruch genommen werden. Martin W. Huff berichtet.

Artikel lesen
Ein Mann mit blauem Anzug im Hintergrund tippt auf eine virtuelles Bewerberprofil im Vordergrund. 07.09.2026
Bewerbung

Kandidatenauswahl durch automatisierte Systeme:

Darf die KI über Bewer­bungen ent­scheiden?

Längst nutzen Personalabteilungen KI-Systeme für ihre Entscheidungen bei der Bewerberauswahl. Doch allein der KI überlassen dürfen die HR-ler der Maschine die Auswahl nicht. Die rechtlichen Aspekte erklärt Karin Kristina Reiber.

Artikel lesen
Mann in grauem Anzug geht an einer blaugrünen Wand vorbei, dahinter ein rotes Säulenelement und eine Treppe. 05.09.2026
Berufswege

Ehemaliger Wiener Sängerknabe, Anwalt und "Art Advisor":

"Mozarts 'Zau­ber­flöte' in der Staat­s­oper war immer auf­re­gend"

Als Kind war Victor Justus Messerschmidt ein Wiener Sängerknabe, dann studierte er Jura. Seit kurzem ist er Anwalt in Hamburg, mit Fokus auf "Art Advisory“. Im Interview erzählt er, wie ihn die Musik und ein Master in Rom geprägt haben.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Gleiss Lutz
Re­fe­ren­dar­sta­ti­on

Gleiss Lutz, Düs­sel­dorf

Logo von Clifford Chance Partnerschaft mbB
Re­fe­ren­dar*in­nen (m/w/d) – Frank­furt

Clifford Chance Partnerschaft mbB, Frank­furt am Main

Logo von Gleiss Lutz
Re­fe­ren­dar­sta­ti­on

Gleiss Lutz, Stutt­gart

Logo von Kölner Anwaltverein e.V.
Ge­schäfts­füh­re­rin / Ge­schäfts­füh­rer (m/w/d)

Kölner Anwaltverein e.V., Köln

Logo von FPS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH & Co. KG
Stu­den­ti­sche Aus­hil­fe (m/w/d)

FPS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH & Co. KG, Ham­burg

Logo von Wolters Kluwer
Werk­stu­dent - Con­tent Schul­ma­na­ge­ment (m/w/d)

Wolters Kluwer, Hürth

Logo von Gleiss Lutz
Re­fe­ren­dar­sta­ti­on

Gleiss Lutz, Ber­lin

Logo von Oppenhoff
Re­fe­ren­da­re (m/w/d) al­le Fach­be­rei­che

Oppenhoff, Frank­furt/M. und 1 wei­te­re

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
KI-Tools für Juristen: Pro – Werden Sie ein zertifizierter Legal Prompting Experte!

22.09.2026

Anwaltliches Berufsrecht nach § 43f BRAO – Kompetenz sichern, Risiken vermeiden, Zukunft gestalten

01.10.2026

KI-Assistenten in Kanzleialltag und in der Rechtsberatung: Was können ChatGPT, Copilot, Beck-Noxtua

08.10.2026

10-stündiges Berufsrechtsseminar gem. § 43 f. BRAO für neu zugelassene Kolleginnen und Kollegen (Blo

15.10.2026, Bonn

Fristen – Erkennen, organisieren und wahren

02.11.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH