Druckversion
Donnerstag, 16.04.2026, 15:03 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/Jahresrueckblick-2016-Politik-Recht-Entwicklung-Katastrophen
Fenster schließen
Artikel drucken
21577

Mein Rückblick auf 2016: Je mehr Politik, desto weniger Recht

von Constantin Baron van Lijnden

23.12.2016

Justitia vor Bücherreihe

© zolnierek - Fotolia.com

2016 war geprägt von humanitären Katastrophen und politischen Umstürzen. Wo sich die Ereignisse so überschlagen, kommt das Recht kaum hinterher, und ist oft auch gar nicht erwünscht. Kein Grund, sich rauszuhalten, findet Constantin van Lijnden.

Anzeige

Wenn ich, was ich ungern tue, auf das vergangene Jahr zurückblicke, dann sind es nicht zuerst juristische Entwicklungen, die mir in den Sinn kommen. An den Gerichten liegt das nicht: Sie haben 2016 ebenso viele interessante und bedeutsame Fälle entschieden wie in den Jahren zuvor. Doch es fällt schwer, Urteilen zu so mondänen Problemen wie der Beweislastumkehr beim Gebrauchtwagenkauf, dem Ausschüttungsmodell der VG Wort oder selbst der Verhöhnung überempfindlicher Staatsoberhäupter viel Aufmerksamkeit zu widmen, wenn sich zur selben Zeit ein Genozid am syrischen Volk vollzieht, eine Terrorwelle Europa erschüttert und die bedeutendste Demokratie der Welt einen unberechenbaren Egomanen zu ihrem Führer wählt.

Das ist nicht bloß eine Frage der Wahrnehmung, sondern spiegelt sich auch im Modus der Entscheidungsfindung: Je größer der Umbruch, desto kleiner die Rolle, die das Recht darin spielt. Das gilt im Krieg, wo einfache Normen faktisch vollends außer Kraft gesetzt sind, und in der Krise, wo sie den vermeintlichen Sachzwängen des Augenblicks oft ohne viel Federlesen geopfert werden. Je größer die Ängste und je turbulenter die Lage, desto weniger Konjunktur haben juristische Tugenden wie umfassende Sachverhaltsermittlung oder sorgfältige Abwägung.

In Frankreich etwa gilt seit mehr als einem Jahr der Ausnahmezustand – Ausgangssperren, Durchsuchungen und Hausarreste können dort seitdem ohne richterlichen Beschluss verhängt und vollzogen werden. In Polen ist man mit dem Rückbau justizieller Kontrollmechanismen schon sehr viel weiter; inopportune Entscheidungen des dortigen Verfassungsgerichts lässt die Regierung gar nicht erst veröffentlichen und beantwortet sie mit "Reformen", die die Lähmung des Gerichts zur Folge haben. Der türkische Präsident hat nach dem gescheiterten Putschversuch im Juli keine zwei Tage verstreichen lassen, um mehrere tausend Richter ihres Amtes zu entheben. Und auch in Deutschland werden verfassungsrechtlich sehr fragwürdige Vorhaben wie die BND-Reform sehenden Auges verabschiedet.

Gerade Juristen sind gefragt

Diese bloß bruchstückhafte Aufzählung soll keine Gleichwertigkeit in der Schwere oder Zielsetzung der politischen Übergriffe implizieren. Im Gegenteil: So mancher liberale Geist mag Erdogans Politik als die Machtergreifung eines Autokraten verurteilen und zugleich striktere Sicherheitsgesetze in Deutschland befürworten. Das langsame Aufbrechen festgefahrener Links-und-Rechts-, Gut-und-Böse-Schemata ist vielleicht einer der wenigen positiven Effekte, die die politischen Verschiebungen des vergangenen Jahres bewirkt haben.

Ein zweiter solcher Effekt könnte im Wachrütteln breiterer Teile der wahlberechtigten Bevölkerung liegen. Man muss nicht von Natur aus politikbegeistert sein, um dieser Tage ein Quäntchen Interesse für die Lösungsansätze der großen Parteien aufzubringen, sie von populistischen Verheißungen abzugrenzen, und seine Überzeugungen bei der Bundestagswahl 2017 an die Urne zu tragen. Es genügt bereits der Wille, mehr als ein Statist zu sein in einer Handlung, deren Ausgang man im Guten wie im Schlechten wird durchleben müssen.

Das sollte auch und gerade für Juristen eine Selbstverständlichkeit bedeuten, die schon dank ihrer Ausbildung überdurchschnittlich gut imstande sind, die Grenze zwischen rechtsstaatlich hinnehmbaren Kompromissen und unveräußerlichen Prinzipien zu erkennen. Die Politik mag in schweren Zeiten das Primat vor dem Recht beanspruchen – umso wichtiger, dass die Vertreter des Rechts sich in die Politik einbringen.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Constantin Baron van Lijnden, Mein Rückblick auf 2016: . In: Legal Tribune Online, 23.12.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/21577 (abgerufen am: 19.04.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Gewaltenteilung
    • Jahresrückblicke
    • Justiz
    • Politik
Bundeswehrsoldaten bei einer Parade 17.04.2026
Wehrpflicht

Verteidigungsministerium verfügt "allgemeine Ausnahme" zum Wehrpflichtgesetz:

Ein unnö­t­iger Bruch mit rechts­staat­li­chen Prin­zi­pien

Man mag die Genehmigungspflicht für längere Auslandshalte im Wehrpflichtgesetz richtig oder falsch finden. Sie aber per Exekutivverfügung außer Kraft zu setzen, ist rechtsstaatswidrig, findet Patrick Heinemann.

Artikel lesen
August Hanning, der ehemalige Präsident des Bundesnachrichtendienstes in Anzug und Kravatte 15.04.2026
Christina Block

Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Ermittler im Block-Prozess:

Ex-BND-Chef Han­ning mit schweren Vor­würfen gegen Ham­burger Justiz

Der Block-Prozess zieht weite Kreise, ermittelt wird sogar mit verdecktem Ermittler gegen einen Ex-BND-Chef. Der zeigt sich empört und hat Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Hamburger Justizmitarbeiter eingelegt. Fundiert oder reine PR? 

Artikel lesen
Kristallkugel und andere Dinge, die ein:e Wahrsager:in so braucht 12.04.2026
Esoterik

Wahrsagerei in der Rechtsgeschichte:

Als der Blick in die Kri­s­tall­kugel strafbar war

Zwar macht sich sogar die amtliche Statistik womöglich über Hellseherei lustig. Doch ist sie noch freundlich im Vergleich zum juristischen Urteil über esoterische Künste. Das zeigt eine Auswahl zum Verhältnis von Justiz und Wahrsagerei.

Artikel lesen
Marla-Svenja Liebich sitzt mit Schminkutensilien in einem Saal des Landgerichts Halle, Juli 2025 10.04.2026
Strafvollzug

Staatsanwaltschaft Halle äußert sich:

Wie geht es nach der Fest­nahme mit Marla-Svenja Lie­bich weiter?

Nachdem Marla-Svenja Liebich am Donnerstag festgenommen wurde, stellt sich wie vor seiner Flucht die Frage: Wird er seine Haftstrafe im Frauen- oder Männergefängnis verbüßen? Die Staatsanwaltschaft Halle teilt LTO das weitere Prozedere mit.

Artikel lesen
Teilnehmer einer Kundgebung für die Menschenrechtsorganisation "Memorial" halten vor der russischen Botschaft Schilder mit der Aufschrift "Hände weg von Memorial" hoch. 09.04.2026
Russland

Auf Antrag des Justizministeriums:

Russ­land ver­bietet Men­schen­rechts­gruppe Memo­rial

Memorial erforscht die politischen Repressionen seit der Sowjetunion und setzt sich für Menschenrechte ein. Nun ist die Organisation in Russland verboten. Ein Gericht stufte sie als extremistisch ein, sie zu unterstützen, kann strafbar sein.

Artikel lesen
Zahlreiche Teilnehmer einer Demonstration des Christopher-Street-Day in Dresden. Eine Person hält ein Schild "CSD statt AfD" mit Regenbogenfarben hoch. 31.03.2026
Versammlungen

CSD soll Versammlungseigenschaft verlieren:

Zu viel Party für Politik? Sachsen und Dresden streiten über CSD

Sachsens Landesdirektion versucht seit Jahren, Teilen des CSD die Versammlungseigenschaft zu entziehen. Nun will sie Dresden per Weisung dazu zwingen. Was daran problematisch sein könnte und wie die Dresdener Politik reagiert.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Hessisches Ministerium der Justiz und für den Rechtsstaat
Voll­ju­ris­ten (m/w/d) – Ih­re Zu­kunft in der hes­si­schen Jus­tiz

Hessisches Ministerium der Justiz und für den Rechtsstaat, Wies­ba­den

Logo von Taylor Wessing
Re­fe­ren­dar (w/m/d)

Taylor Wessing, Düs­sel­dorf

Logo von FPS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH & Co. KG
Rechts­an­walt (m/w/d) Ver­ga­be-, Bei­hil­fe- und För­der­recht

FPS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH & Co. KG, Frank­furt am Main

Logo von Freshfields
As­so­cia­te (m/w/x) – in al­len Pra­xis­grup­pen mit Pro­gram­mier­er­fah­rung

Freshfields, Frank­furt am Main

Logo von Taylor Wessing
Re­fe­ren­dar (w/m/d)

Taylor Wessing, Frank­furt am Main

Logo von Taylor Wessing
Re­fe­ren­dar (w/m/d)

Taylor Wessing, Ham­burg

Logo von Wolters Kluwer
Ju­ra­stu­dent für LTO-News­desk / Re­dak­ti­on (m/w/d)

Wolters Kluwer, Hürth und 1 wei­te­re

Logo von Taylor Wessing
Re­fe­ren­dar (w/m/d)

Taylor Wessing, Ber­lin

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von Hengeler Mueller
Workshop: Beyond the obvious – Wahrnehmung verstehen, Perspektiven erweitern

12.05.2026, Frankfurt am Main

Realteilung und Spaltung von mittelständischen Personengesellschaften

27.04.2026

Logo von POELLATH
Vom Hörsaal über das Referendariat in die Kanzlei: Wie der Übergang gelingt

30.04.2026, München

RVG: Anrechnung 2 - Vertiefung

27.04.2026

UpDate: Fristverlängerungsanträge – Berufungsbegründung – aktuelle Rechtsprechung des BGH

27.04.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH