Druckversion
Samstag, 8.08.2026, 06:50 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/IStGH-Austritte-Vision
Fenster schließen
Artikel drucken
21059

Austritte beim IStGH: Die Vision steht erst am Anfang

von Dr. Eike Fesefeldt

04.11.2016

Internationaler Strafgerichtshof

© amaretzek - Fotolia.com

Burundi, Südafrika und nun hat auch noch Gambia angekündigt, den IStGH zu verlassen. Die angeführten Gründe der Machthaber passen allerdings nicht zum Statut des Gerichts, erklärt Eike Fesefeldt.

Anzeige

Erst Burundi, dann Südafrika - nun hat Gambia als nächstes afrikanisches Land angekündigt, den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) zu verlassen. Das ist bedauerlich, denn noch ist die Vision der Gründer des ersten ständigen Völkerstrafgerichts nicht erfüllt.

In der Diskussion um Nutzen und Sinnhaftigkeit des IStGH wird häufig vergessen, dass das Gericht nur teilweise auf Initiative der Vereinten Nationen entstanden ist. Vielmehr haben eine Handvoll gerechtigkeitsfanatische Praktiker und Akademiker viele Jahrzehnte dafür gekämpft, diesen wichtigen Schritt auf den Weg zu bringen.

Schon nach dem Ersten Weltkrieg kam die Idee zur Gründung eines Internationalen Strafgerichts auf und in den Folgejahrzehnten zu immer neuen Vorschlägen, wie ein solches Gericht aufgebaut werden und über welche Straftatbestände es urteilen könnte.

Ausschlaggebend für die Gründung des IStGH waren zwei der größten Katastrophen der Weltgeschichte, der Jugoslawienkrieg und der Völkermord in Ruanda. Dass es am Ende zur Gründung des ersten ständigen Strafgerichtshofs kam, ist enthusiastischen Einzelpersonen zu verdanken. Beispielhaft für diese Gerechtigkeitsfanatiker steht der US-amerikanische Jurist Ben Ferencz, der als Chef-Ankläger im Nürnberger Prozess im Verfahren gegen die Anführung der Einsatzgruppen in der Sowjetunion, fungierte. Seit nunmehr fast 40 Jahren setzt er sich für den Internationalen Strafgerichtshof ein, zunächst für dessen Entstehung, als inzwischen 96-Jähriger für seinen Erhalt.

Befremdliche Argumente aus Gambia

Vor diesem Hintergrund ist die häufig wiederholte und selten substanziell belegte, dafür umso polemischer vorgetragene Kritik des gambischen Informationsministers befremdlich. Dieser begründet die Tendenz der gambischen Machthaber, den IStGH zu verlassen, damit, dass das Gericht ausschließlich von Weißen zu Ermittlungen gegen Schwarze genutzt werde, insbesondere gegen afrikanische Politiker. Zudem sei ihm unverständlich, warum der ehemalige britische Premierminister Tony Blair nicht wegen seiner Beteiligung am Irakkrieg angeklagt werde.

Die Kritik des gambischen Informationsministers überzeugt nicht: Die Ermittlungen gegen Personen aus dem Vereinigten Königreich wegen eventueller Kriegsverbrechen während des Irakkriegs dauern noch an. Dass es wahrscheinlich zu keiner Anklage gegen Blair kommen wird, ist der Tatsache geschuldet, dass das Führen eines illegalen Angriffskriegs – und als solcher ist der Irakkrieg zweifellos zu qualifizieren -  nach der heute gültigen Fassung des IStGH-Statuts bereits keine Straftat darstellt.

Nicht nachvollziehbar sind die Worte des gambischen Informationsministers insbesondere vor dem Hintergrund, dass gleich zwei gambische Juristen zu den wichtigsten Personen des IStGH der vergangenen zehn Jahre gehören und das, obwohl das kleine Gambia nur einen geringen Bruchteil der Gesamtbevölkerung der IStGH-Mitglieder abdeckt.

Die exponierte Rolle gambischer Juristen am IStGH demonstriert, dass afrikanische Juristen in der Internationalen Strafgerichtsbarkeit und am Strafgerichtshof wichtige Positionen bekleiden und gerade nicht unterrepräsentiert sind. Zu nennen ist zunächst Daniel Ntanda Nsereko, der von 2007 bis 2012 einer der fünf Richter der Berufungskammer des IStGH war. Das beste Beispiel ist aber Fatou Bensouda, die im Jahr 2012 zur Chefanklägerin am IStGH ernannt wurde und damit eine äußerst einflussreiche Position innehat. Afrikanische Richter sind derzeit in der Vorverfahrens-, den Verfahrens- wie auch der Berufungskammer des IStGH zu finden. Der kenianische Richter Aluoch ist sogar Vizepräsident des Tribunals.

Anzeige
Seite 1/2
  • Seite 1:

    Die Gründung des IStGH ist enthusiastischen Einzelpersonen zu verdanken

  • Seite 2:

    Das Ziel: kein internationales Weltstrafgericht mehr nötig

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Austritte beim IStGH: . In: Legal Tribune Online, 04.11.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/21059 (abgerufen am: 08.08.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Strafrecht
    • IStGH
    • Politik
    • Straftaten
    • Völkerstrafrecht
Außenansicht des Bundesgerichtshofs. 06.08.2026
Kriegsverbrechen

BGH zu Kriegsverbrechen in Syrien:

Lebens­lange Frei­heits­strafe für ehe­ma­ligen Mili­zionär

Wegen der Beteiligung an Vertreibungen, Tötungen und Misshandlungen von Zivilisten in Syrien muss ein ehemaliger schiitischer Milizionär lebenslang in Haft. Der BGH bestätigte das Urteil des OLG Stuttgart.

Artikel lesen
Ein Strafgesetzbuch liegt auf einer Ausgabe des Jugendgerichtsgesetzes 05.08.2026
Jugendkriminalität

Debatte ums Jugendstrafrecht:

Kommt die Reform früher als geplant?

Eine vom BMJV in Auftrag gegebene Studie soll bis 2028 herausfinden, ob bei Heranwachsenden nur noch im Ausnahmefall das Jugendstrafrecht zur Anwendung kommen soll. Nach dem CSD-Anschlag wächst der Druck. Kommt die Reform deshalb früher?

Artikel lesen
Tiergaren, Polizeieinsatz am Tatort nach CSD-Anschlag 01.08.2026
Podcast

CSD-Anschlag / BVerfG zu Abgeordnetenrechten / Komplott am IStGH?:

Jus­tiz­ver­sagen im Fall Abdul Bal­lout?

Hat die Justiz beim CSD-Anschlag versagt, wie schnell darf der Bundestag Gesetze beschließen? Und steckt hinter der Absetzung von IStGH-Chefankläger Karim Khan ein Komplott? All das in Folge 65 der LTO-Rechtslage.

Artikel lesen
Menschen versammeln sich nach dem gescheiterten Militärputsch am 16.07.2016 an der Bosporus-Brücke in Istanbul. 01.08.2026
Türkei

Zehn Jahre nach dem Putschversuch in der Türkei:

Wie der Aus­nah­me­zu­stand die Ver­fas­sungs­ord­nung ver­än­derte

Staatspräsident Erdoğan nutzte den gescheiterten Militärputsch, um die Justiz umzubauen. Politische Gegner werden verfolgt, Grundrechte ausgehöhlt, Urteile nicht befolgt. Was man aus dem Fall der Türkei lernen kann, erläutert Yağmur Özkan.

Artikel lesen
Hans-Jürgen Papier, ehemaliger Verfassungsrichter, fordert Wahlrechtsreform 30.07.2026
Wahlrecht

Vorschlag von Ex-BVerfG-Präsident Papier:

Par­teien dis­ku­tieren über Fünf-Pro­zent-Hürde

AfD-Chefin Weidel meint: Die Fünf-Prozent-Hürde gehöre abgeschafft. Während die Union den Status Quo beibehalten will, befürwortet die Linke den Vorschlag des Ex-Verfassungsrichters, eine Drei-Prozent-Hürde zu schaffen.

Artikel lesen
Philip von der Meden geht durch die Tür zum Gerichtssaal, Ingo Bott ist verschwommen im Vordergrund zu sehen. An der Tür hängt ein Schild zum Ausschluss der Öffentlichkeit 29.07.2026
Christina Block

Block-Prozess Tag 65:

Ent­schei­dende Stunden hinter ver­sch­los­senen Türen

Die kinderpsychiatrische Gutachterin sagt bei ausgeschlossener Öffentlichkeit aus. Es geht um die psychischen Schäden, die die entführten Kinder erlitten – und damit möglicherweise um die Frage, ob Christina Block ins Gefängnis muss.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Hengeler Mueller
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter (m/w/d) Steu­er­recht in Frank­furt am...

Hengeler Mueller, Frank­furt am Main

Logo von Rocky Mountain German Law Ltd.
Rechts­an­walt (m/w/d) – Deut­sches Er­b­recht in Cal­ga­ry, Ka­na­da

Rocky Mountain German Law Ltd., Cal­ga­ry (High­field / Burns In­du­s­trial)

Logo von Flick Gocke Schaumburg
Werk­stu­dent / Stu­den­ti­sche Hilfs­kraft (m/w/d) As­sis­tenz­be­reich Wirt­schafts-...

Flick Gocke Schaumburg, Bonn

Logo von Wolters Kluwer
Le­gal Coun­sel - di­gi­ta­le Pro­duk­te (m/w/d)

Wolters Kluwer, Hürth

Logo von Hengeler Mueller
Re­fe­ren­da­re (m/w/d) Steu­er­recht in Frank­furt am Main

Hengeler Mueller, Frank­furt am Main

Logo von Gleiss Lutz
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­beit (m/w/d) Health­ca­re/Öf­f­ent­li­ches Recht

Gleiss Lutz, Ber­lin

Logo von DLA Piper UK LLP
Re­fe­ren­dar (m/w/x) Ham­burg

DLA Piper UK LLP, Ham­burg

Logo von RPE Roglmeier Pranzo PartGmbB
RECHTS­AN­WALT (M/W/D) ER­B­RECHT

RPE Roglmeier Pranzo PartGmbB, Stutt­gart

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von White & Case
Women’s Retreat @White & Case LLP

20.08.2026, Frankfurt am Main

Logo von Latham & Watkins LLP
Days of Giving Back

10.09.2026, Frankfurt am Main

RVG: Kostenfestsetzung 1 - Grundlagen

17.08.2026

Karriere-Powerworkshops: Souverän sichtbar statt zurückhaltend!

18.08.2026

Logo von Deutsches Anwaltsinstitut e.V.
Schnittstellen Miet- und WEG-Recht: Erprobte Konzepte bei Problemen mit der vermieteten ETW

18.08.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH