Druckversion
Samstag, 18.04.2026, 00:14 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/feuilleton/f/wo-juristen-bloss-stoeren-die-guten-im-krimi-sind-immer-die-polizisten
Fenster schließen
Artikel drucken
5998

Wo Juristen bloß stören: Die Guten im Krimi sind immer die Polizisten

von Arne Koltermann

21.04.2012

Gute Cops - Böse Anwälte

© Joachim B. Albers - Fotolia.com

Sie sind weltfremd, halbseiden, korrupt und feige. Am besten alles zusammen: Juristen haben einen miserablen Ruf – zumindest im deutschen Fernsehkrimi. Doch während die Drehbücher Staatsanwälten und Strafverteidigern die undankbare Rolle der Steinchen im Getriebe zuweisen, erstrahlt eine Berufsgruppe in hellem Glanz: die Polizisten.

Anzeige

Besonderer Beliebtheit erfreuen sich beim Publikum zupackende Ermittler vom Schlage der Kölner Tatort-Kommissare: Ballauf und Schenk mögen nicht die Allerhellsten sein, doch ihr Herz schlägt am berüchtigten rechten Fleck. Von ihren Gefühlen oft übermannt, lösen sie mit Beharrlichkeit jeden Fall – um ihn am Ende gemütlich bei Currywurst und Bierchen zu resümieren.

Wo es derart menschelt, lässt der Zuschauer den Kommissaren auch rechtsstaatlich bedenkliche Verhörmethoden mit viel Körpereinsatz durchgehen – denn wenn Männer der Tat dem Recht zu selbigem verhelfen, können Strafprozessordnung und verknöcherte Paragrafenreiter nur stören.

Auch bei anderen Kriminalfilmen gilt: Die dem Zuschauer gleichsam aufgenötigte Ermittlerperspektive erzeugt Identifikation und verschafft den wirklichen Cops kostenlose Reklame. Da erscheint es fast logisch, dass die sächsische Polizei die Kölner Ermittlerdarsteller Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär 2009 allen Ernstes zu Ehrenkommissaren ernannte. Schließlich dürfte es nicht zuletzt ihrer medialen Präsenz zu verdanken sein, dass Ermittler sich hierzulande eines hohen Ansehens erfreuen.

Wendehals Staatsanwalt, Schurkenkomplize Verteidiger

Über das Schweigerecht des Beschuldigten und die Möglichkeit, einen Verteidiger zu konsultieren, hört man nicht nur die rheinländischen Tatort-Ermittler ihre Verdächtigen dagegen selten belehren: Wo das Böse besiegt werden muss, ist für Grundrechte und Verfahrensgarantien kein Raum. Nun dient Unterhaltung nicht in erster Linie der Erziehung der Zuschauer, doch könnte man sich schon einmal fragen, welche fragwürdigen Klischees dadurch auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen propagiert werden.

Unheil droht Kommissaren, Opfern und anderen guten Menschen in Krimis immer dort, wo Juristen um die Ecke biegen. Besonders undankbar ist die Rolle des Staatsanwaltes: ein karrieregeiler Wendehals, der die emsigen Ermittler mit haltlosen Fristen unter Druck setzt. In Pressekonferenzen wälzt er die Verantwortung für Fehlschläge auf seine Ermittlungsbeamten ab – im Fall eines Erfolges erntet er dagegen die Lorbeeren.

Einen glamourösen und gleichzeitig dubiosen Ruf genießt der Strafverteidiger: Er ist der Bad Guy unter den Juristen. Dass er sich seines Mandanten überhaupt annimmt, macht ihn selbst verdächtig, denn er entzieht ihn mit windigen Tricks der vom Zuschauer als gerecht empfundenen Strafe – Unschuldsvermutung hin oder her.

Selbst in so differenzierten US-Langstreckenserien wie THE WIRE oder BREAKING BAD sind Anwälte bloße Handlanger des Verbrechens und organisieren freimütig Geldwaschanlagen. Hängen bleibt beim Zuschauer: Der Verteidiger ist der gesetzlich legitimierte Komplize des Täters.

Zu viel Beschuldigtenrechte sind schlecht für die Dramaturgie

Sein Rat zu schweigen ist zwar ein Hinweis auf das elementare, in § 136 der Strafprozessordnung verbürgte Aussageverweigerungsrecht. Doch dies verträgt sich nicht mit der Volksweisheit, dass man das, was man sich - den Tatnachweis mal wieder unterstellt - eingebrockt hat; auch auslöffeln muss. Das Gesetz mag dem Beschuldigten Rechte einräumen, die Alltagsmoral sträubt sich. So befindet sich der Verteidiger von vornherein in einem Legitimationsdefizit.

Zudem würde die notorische Inanspruchnahme von Beschuldigtenrechten die ganze Dramaturgie durcheinanderbringen: Ein schweigender Verdächtiger stört ungemein, denn im Krimi gilt wie bei herkömmlichen Strafverfahren auch, dass der mutmaßliche Täter im Mittelpunkt des Geschehens steht.

Es muss stets herausgearbeitet werden, wie und warum jemand zum Mörder wurde – auch wenn sich das oft nicht so leicht bestimmen lässt. Dabei muss er sich rechtfertigen und am besten seine ganze Lebensgeschichte erzählen – neunzig Minuten wollen erst einmal gefüllt sein. Ohne unvorsichtiges Beschuldigtengequassel wären die Kommissare völlig auf sich allein gestellt. Niemand würde sich mehr selbst bezichtigen, kein dramatisches Geständnis vor dem Abspann. Und mal ehrlich: Ein Schweigetatort erscheint selbst in Zeiten oscarprämierter Neo-Stummfilme nicht wirklich erfolgversprechend.

Der Autor Arne Koltermann ist Volljurist und Assessor. Zusätzlich zu seiner juristischen Tätigkeit absolviert er ein Ergänzungsstudium im Bereich Film- und Theaterkritik an der Hochschule für Fernsehen und Film München.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Wo Juristen bloß stören: . In: Legal Tribune Online, 21.04.2012 , https://www.lto.de/persistent/a_id/5998 (abgerufen am: 18.04.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Strafrecht
    • Anwaltsberuf
    • Fernsehen
    • Polizei
    • Rechtsanwälte
    • Staatsanwaltschaft
Gebäude mit dem Schriftzug "Anwaltskanzlei" 16.04.2026
Anwaltsberuf

BRAK legt Statistik zur Anwaltschaft vor:

Frauen trotzen dem Abwärt­s­t­rend

Der Abwärtstrend bei den Einzelzulassungen von Rechtsanwälten setzt sich auch 2026 fort, wie neue Zahlen der BRAK zeigen. Immerhin: Es gibt in Deutschland nun mehr Anwälte als im Vorjahr – und vor allem mehr Frauen im Anwaltsberuf.

Artikel lesen
Michael O’Flaherty im Gebäude des Europarats 15.04.2026
Menschenrechte

Menschenrechtskommissar legt Memorandum vor:

Euro­parat sorgt sich um Mei­nungs­f­rei­heit in Deut­sch­land

Der Menschenrechtskommissar des Europarats warnt davor, legitime Israel-Kritik in Deutschland zunehmend als Antisemitismus zu beurteilen und Menschen deswegen in ihren Rechten zu verletzen. Die Bundesregierung weist die Vorwürfe zurück. 

Artikel lesen
Frau mit digitalem Kalender und Notizblock 13.04.2026
Anwaltsberuf

BGH zu Kanzleisoftware:

Elek­tro­ni­scher Kalender muss Ände­rungen anzeigen

Frist versäumt, weil der elektronische Kalender Änderungen nicht anzeigt? Darin liegt ein Organisationsverschulden des Anwalts, so der BGH. Der Anwalt hätte in diesem Fall Software nutzen müssen, in der geänderte Fristen sichtbar bleiben.

Artikel lesen
Das Bild zeigt den Podcast "Irgendwas mit Recht" und behandelt LinkedIn-Nutzung für Juristen, Networking und Content-Strategien. 13.04.2026
Netzwerk

Jura-Karriere-Podcast:

Wie Juristen Lin­kedIn clever nutzen

Wie finde ich Inhalte für einen Post? Wie vernetze ich mich? Und wie gehe ich mit Gegenwind in der Kommentarspalte um? Darüber und über LinkedIn für Anwälte spricht Karsten Bartels in der aktuellen Folge von Irgendwas mit Recht.

Artikel lesen
Bundespolizisten kontrollieren die Papiere eines Reisenden im Rahmen einer Einreiseverkehrskontrolle in einem Zug aus Prag in Richtung München 10.04.2026
Schengen-Abkommen

BayVGH zu Grenzkontrollen im Schengenraum:

Anord­nung von Grenz­kon­trollen zu Öst­er­reich waren rechts­widrig

Grenzkontrollen im Schengen-Raum können nur wegen neuer Bedrohungen verlängert werden. Eine "weiterhin" hohe Sekundärmigration reicht dafür nicht aus, meint der BayVGH, und erklärte erneut Anordnungen von 2023 und 2024 für rechtswidrig.

Artikel lesen
Das Bild zeigt Podcast-Themen über Steuerberatung und Karrierechancen für Jurastudenten, inklusive einer persönlichen Vorstellung von Robin Eberle. 08.04.2026
Steuern

Jura-Karriere-Podcast:

Wie viel Rechts­wis­sen­schaftler steckt im Steu­er­be­rater?

Im Alltag ist Steuerrecht allgegenwärtig, bei den Jurastudenten aber nicht gerade beliebt. Dabei haben gerade sie in der Steuerberaterprüfung Vorteile, erzählt Robin Eberle in der aktuellen Folge von Irgendwas mit Recht.

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Noerr
Wis­sen­schaft­li­che/r Mit­ar­bei­ter/in Tax & Pri­va­te Cli­ents (w/m/d)

Noerr, Dres­den und 3 wei­te­re

Logo von Noerr
(Se­nior) As­so­cia­te Dis­pu­te Re­so­lu­ti­on – IP (w/m/d)

Noerr

Logo von Noerr
Re­fe­ren­dar/in Tax & Pri­va­te Cli­ents (w/m/d)

Noerr, Dres­den und 3 wei­te­re

Logo von Wolters Kluwer
Ju­ra­stu­dent für LTO-News­desk / Re­dak­ti­on (m/w/d)

Wolters Kluwer, Hürth und 1 wei­te­re

Logo von Bornheim und Partner mbB Rechtsanwälte
Rechts­an­walt / Rechts­an­wäl­tin (m/w/d) im Im­mo­bi­li­en­recht

Bornheim und Partner mbB Rechtsanwälte, Hei­del­berg

Logo von Flick Gocke Schaumburg
Per­so­nal­re­fe­rent / Re­fe­rent (m/w/d) der Per­so­nal­lei­tung – St­ra­te­gie und...

Flick Gocke Schaumburg, Bonn

Logo von Noerr
Re­fe­ren­dar/in Dis­pu­te Re­so­lu­ti­on (w/m/d)

Noerr, Ham­burg und 5 wei­te­re

Logo von Flick Gocke Schaumburg
Steu­er­be­ra­ter (m/w/d) In­ter­na­tio­na­le Be­steue­rung /...

Flick Gocke Schaumburg, Bonn und 3 wei­te­re

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von Hengeler Mueller
Workshop: Beyond the obvious – Wahrnehmung verstehen, Perspektiven erweitern

12.05.2026, Frankfurt am Main

Realteilung und Spaltung von mittelständischen Personengesellschaften

27.04.2026

Logo von POELLATH
Vom Hörsaal über das Referendariat in die Kanzlei: Wie der Übergang gelingt

30.04.2026, München

RVG: Anrechnung 2 - Vertiefung

27.04.2026

UpDate: Fristverlängerungsanträge – Berufungsbegründung – aktuelle Rechtsprechung des BGH

27.04.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH