LTO.de - Legal Tribune Online - Aktuelles aus Recht und Justiz
 

Last-Minute-Weihnachtsgeschenke: Sieben Bücher von und für Juristen

von Pia Lorenz

21.12.2017

7/7: Katzenkönig auch für Nichtjuristen: Alexander Stevens‘ "9 ½ perfekte Morde"

(c) Piper Verlag

Auch zu den "9 ½ perfekten Morden" von Alexanders Stevens würde, wer nicht täglich Boulevardmedien konsumiert, wohl schon wegen ihres Untertitels im Bücherregal eher nicht greifen.  Aber der in ebendiesem zitierte Strafverteidiger (deckt auf, wie Schuldige davonkommen!) ist ein medial präsenter Münchner Anwalt, der uns explizit darauf hinwies, dass er sich bei der Erstellung des Werks, das es auf die Spiegel-Bestseller-Liste schaffte, auch ernsthaft juristische Gedanken gemacht habe.

Und tatsächlich kann man, auch als Jurist, speziell als Studierender der Rechtswissenschaften, Stevens Buch gemütlich an einem Sonntagnachmittag durchlesen, ohne seine Zeit zu verschwenden. Es erzählt exakt das, was der Titel verspricht: Geschichten von Menschen, die mit der Tötung Anderer straflos davongekommen sind.

Wer nichts gegen einfache Wahrheiten sowie eine jederzeit Partei ergreifende Sprache hat und sich nicht weiter daran stört, dass Stevens Hang zur Identifikation mit den männlichen Protagonisten seiner Geschichten auch vor den Tätern nicht Halt macht, kann in den Kurzgeschichten Wissenswertes erfahren. Nicht zuletzt, wie sich Recht für Nichtjuristen manchmal anfühlen muss.

Zwar wirkt Stevens, der seine Werke selbst regelmäßig auf Kreuzfahrten verfasst, glaubwürdiger und weit fundierter, wenn er von dem Mann erzählt, der seine Frau von Bord eines Luxusliners befördert hat, als wenn er sich auf das unsichere Terrain nicht geklärter Möglicherweise-Mafia-Morde begibt. Aber der – auch juristisch vorgebildete - Leser staunt nicht schlecht, wenn er erfährt, wie wenige Todesfälle pathologisch untersucht oder überhaupt erst als nicht natürlicher Art gekennzeichnet werden. Oder auch, dass die juristische Bewertung eines tödlichen Sexunfalls in der Regel glimpflicher abläuft als die eines anders gearteten, aber ebenfalls tödlich endenden Unfalls – weil der Täter wegen seines gesteigerten Lustempfindens und der eingeschränkten kognitiven Wahrnehmungsfähigkeit im Verlauf des Liebesspiels möglicherweise die Gefahr der Tötung nicht erkannt habe. 

Natürlich muss der geneigte juristische Leser etwas nachsichtig sein mit Begrifflichkeiten, die juristisch anders besetzt sind. So könnte man trefflich darüber streiten, ob in allen erzählten Geschichten ein Mordmerkmal erfüllt ist. Aber auch hier rettet Stevens seine vom reißerischen Titel besudelte Ehre gleich selbst: Der promovierte Strafrechtler erklärt seinen Lesern nicht nur, was Mordmerkmale sind, sondern macht auch deutlich, wie komplex ihre Annahme oder Ablehnung zeitweise ist. Überhaupt verdeutlicht er mit seiner bildhaften, einfachen Sprache nichtjuristischen Leser, wie kompliziert Recht sein kann.

Nach der Lektüre kann auch ein Nichtjurist verstehen, warum man einen Mann, der in Chatforen junge Mädchen beim Suizid "begleitet", in Deutschland nicht zur Verantwortung ziehen kann. Oder warum die Figur des Täters hinter dem Täter entwickelt wurde – ja, Stevens stellt auch den Katzenkönig-Fall vor. Wer also als Jurist, speziell Student der Zunft schon länger verzweifelt versucht, seinen nicht-juristischen Verwandten oder Freunden klar zu machen, womit er sich eigentlich so beschäftigt, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Es liefert genug Stoff für lange Debatten-Abende; und ein Jurastudium braucht es für sein Verständnis beileibe nicht. 

Alexander Stevens, 9 ½ perfekte Morde, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-31144-1

Zitiervorschlag

Pia Lorenz, Last-Minute-Weihnachtsgeschenke: Sieben Bücher von und für Juristen . In: Legal Tribune Online, 21.12.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/26153/ (abgerufen am: 01.06.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 06.01.2018 02:53, eono

    "Der Strafrechtler warnt vor Anführungszeichen, als Merkmale allzu verzagten Schreibens"! Darüber wundere ich mich seit 1992 in Bayern Ofr.
    Juristen/Staatsanwälte, Richter haben keine Ahnung was wörtliche Rede ist. Sätze in Anführungs-Schlußzeichen werden weder gelesen noch verstanden.
    2007/08 f NRW E LG erklärte eine Justizangestellte ihr PC habe gar keine Anführungs/Schlußzeichen. Sie benutzten diese nicht mehr.
    Das kann ich mir denken.
    Dann nämlich, wenn Richter selber nur frei erfinden wollen.
    Und überhaupt niemand weiß um wen oder was es geht.

  • 06.01.2018 03:42, eono

    Dazu muss ich noch was sagen:
    Bayern sind ja immer so Oberlehrerhaft. Bilden sich immer ein, "sie hätten die
    Weisheit mit den Löffeln ... "
    In Bayern geht es nicht um richtig oder falsch sondern um "recht sein!"
    Man und es muss alles passen. Eben recht sein - allen.
    "Ruhe die oberste Bürgerpflicht!"
    und wie machen sie das? Sie scheren sich einen Deut um irgendwelche Realitäten
    aus dem Leben - deshalb lehnen sie auch wörtliche Rede - den Wortlaut ab,
    kehren alles unter den Teppich.
    Sie reagieren auf das dahinter liegende Gefühl - bzw. auf ihre eigenen Leben!
    Ihre eigenen Nasenspitzen - wie sie leben, wie sie es kennen und:
    STELLEN DIE WELT/en AUF DEN KOPF
    Mit großem Erfolg, vielfach seit 1990ff Sie lösen praktisch alles auf.
    In dem sie nicht selber denken, sich nichts erarbeiten, nur Abschreiben.
    So machen sie auch Politik.
    Die USA sind ca 250-300 Jahre alt eine ganz junge Nation. Die anfing mit Kriegen, mit dem Ausrotten der indigenen Völker. Mit Sklavenhandel.
    Mit dem Erfolg dass sie heute noch Rassenprobleme haben.
    Old Germany hatte dagegen wie alle europäischen Länder eine gewachsene Kultur.
    Wir lebten - so denken sicherlich viele - "in Ruhe und in Frieden!"
    Bis auf 2 verlorene Weltkriege uva.
    Der Bundesfinanzminister Weigel: Wir... "wie in Amerika, wie in Indien" 1992
    In Indien geht es um den MANN den Unwert der FRAU, Witwenverbrennungen Herrenrassen, Kasten, Arm und Reich, kein Mittelstand, Vergewaltigungen. Morde.
    Und das - brauchen wir - unbedingt. Wollten wir auch sein haben?
    Wir verloren in D seit 1992 das Gefühl für "sachlich-richtig" - für das richtige Denken, Sprechen, sich verhalten, alle Höflichkeit - Arbeit - Berufe.
    Die meisten sind gar nicht mehr Arbeits-Dienstfähig.
    Wir leben nur noch von Skandalen und dem Untergang der Welt so rasch wie möglich. Wir machen praktisch alles falsch, was man nur falsch machen kann.

  • 15.01.2018 08:40, So mal+unter+uns

    Dieses Buch hatte ich mir als Student damals bei Neuerscheinen der zweiten Auflage gekauft. Auch wenn ich nicht alle Empfehlungen vollständig unterschreiben möchte, gibt dieses Buch sehr wertvolle Denkanstöße für die eigene Formulierung und füllt m.E. eine Lücke, die weder Deutschunterricht in der Schule (ganz unabhängig vom Jura-Hintergrund) noch Studium füllen können bzw. bei mir gefüllt haben.

    Ebenfalls sehr interessant ist seine kleine Rhetorikschule für Juristen. Da lohnt sich ebenfalls ein Blick.