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Sprachfreunde fordern Deutsch im GG: "Die Heuschrecken fressen auch unsere Wörter"

von Pia Lorenz

07.06.2014

Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch – so soll Art. 22a GG bald lauten, wenn es nach dem Verein Deutsche Sprache geht. Vorstandsmitglied, Romancier und Jurist Kurt Gawlitta erklärt im Interview, was Sprache mit Wirtschaft zu tun hat, wer sich auf Deutsch als Sprache berufen können soll und wie schlecht Juristendeutsch wirklich ist.

LTO: "Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch" - so soll Art. 22a des Grundgesetzes (GG) lauten, wenn es nach dem Verein Deutsche Sprache e.V. geht. Warum diese Forderung?

Gawlitta: Wir beobachten, dass in ganzen Domänen der inländischen Sprachpraxis die Landessprache zunehmend verdrängt wird, vor allem in Wissenschaft und Forschung wie auch in der Konzernwirtschaft z.B. durch die Festlegung von Englisch als Unternehmenssprache.

Hinzu kommt in sehr vielen Bereichen der Alltagssprache, insbesondere in den Medien, dass sinnstiftende Wörter sehr oft aus dem Englischen entnommen werden und dann nur noch der Rest aus der deutschen Sprache kommt.

LTO: Aber was sollte denn ein Eintrag ins GG daran ändern? Ist das nicht bloße Symbolik?

Gawlitta: Nein, die Verfassung enthält Organisationsnormen, etwa zu den Bundesorganen, und Wertnormen, etwa zur Menschenwürde, zur Gleichberechtigung usw. Diese entfalten ihre Wirkung nicht unmittelbar, sondern sind Interpretationsregeln für die gesamte Rechtsordnung und gegebenenfalls Aufträge und Richtschnur für Gesetzgebung.

"Forschungsstellen, Arbeitnehmer und Kunden sollen sich darauf berufen können"

LTO: Soll eine solche Bestimmung jemandem subjektive Rechte einräumen? Wer sollte sich auf Deutsch als Sprache der Bundesrepublik berufen können? Und wogegen?

Dr. phil. Kurt GawlittaGawlitta: An den deutschen Hochschulen könnte es nötig werden, gesetzlich sicherzustellen, dass die Ausbildung zu den berufsqualifizierenden Abschlüssen in deutscher Sprache stattfindet.

Forschungsveröffentlichungen sollten wenigstens deutschsprachige Zusammenfassungen enthalten, insbesondere auch, damit Wissenschaftsverwaltung und Steuerzahler erfahren, wofür ihr Geld ausgegeben wird.

Es gibt aber auch Beispiele aus der Wirtschaft: Arbeitnehmer in Deutschland sollten die betriebsinternen Regelungen in der Landessprache zur Kenntnis nehmen können. Kunden sollten Produktbeschreibungen auf den Verpackungen, Garantieerklärungen oder Betriebshandbücher auch auf Deutsch erhalten. Diese Dinge wären gesetzlichen Regelungen zugänglich.

Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wäre eine gesetzliche Regelung zur Würdigung der Landessprache ebenfalls denkbar, etwa durch eine Quotenregelung bei der Unterhaltungsmusik.

"Ohne Sprache geht eigentlich gar nichts"

LTO: Sie vergleichen die Sprache als ein Kulturgut mit der Presse, der Freiheit von Forschung und Lehre oder dem Schutz der Wohnung – sämtlich durch die Grundrechte geschützte Güter. Ist das nicht etwas hoch gegriffen? Wollen Sie ein Land, in dem zu viel "Denglisch" gesprochen wird, ernsthaft mit einem Staat gleichsetzen, in dem es keine freie Presse gibt?

Gawlitta: Mit dem Begriff "Kulturgut" ist die Bedeutung der Landessprache unzureichend erfasst. Wir sollten uns klarmachen, dass eine hochdifferenzierte und allgemein eingeführte Landessprache als Leitmedium für Individuum, Gesellschaft und Staat eine unersetzliche Ressource darstellt. Ohne die Sprache geht eigentlich gar nichts, weder Kommunikation noch schöpferisches Denken noch Identitätsbildung.

Sprache ist nicht beliebig austauschbar. Mit der Übernahme einer anderen Sprache werden auch Wahrnehmungs- und Denkstrukturen verändert. Nehmen wir etwa das beliebte Wort "Job": Mit seiner Verbreitung wird auch die US-amerikanische Betrachtungsweise übernommen, jeder Arbeitnehmer sei beliebig austauschbar, und eine persönliche Bindung zwischen Mensch und übernommener Aufgabe habe keinen Wert mehr. Der Fachausdruck "human ressources" zeigt den gleichen Zusammenhang.

Zitiervorschlag

Pia Lorenz, Sprachfreunde fordern Deutsch im GG: "Die Heuschrecken fressen auch unsere Wörter" . In: Legal Tribune Online, 07.06.2014 , https://www.lto.de/persistent/a_id/12208/ (abgerufen am: 18.01.2020 )

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Kommentare
  • 07.06.2014 11:38, John Doe

    Schon nach der zweiten Frage des Interviews (Obacht, Anglizismus!!) hätte man aufhören können. Dieser Verein bemängelt fremdsprachliche Ausdrücke in der Privatwirtschaft; dass ein Art. 22a GG den Sprachgebrauch der Privatwirtschaft nicht ändert, dürfte auf der Hand liegen. Gähn.

    • 07.06.2014 21:16, G. A.

      Mein Gedanke beim Lesen! Danke für diese bündige Zusammenfassung. Lächerlich, durch eine Verfassungsnorm die Wirtschaft binden zu wollen. Das weiß der Student im 2. Semester besser.

  • 09.06.2014 14:17, Rolf Stolz

    Ein seltsamer Kommentar des furchtbar rechtsfernen Juristen John Dull mit der sehr amerikanischen und sehr menschenfeindlichen Vorstellung, daß die Wirtschaft durch keine Verfassungsnorm gebunden sein soll. Armes Amerika (das Amerika der Suppenküchen und Obdachlosen)! Aber manche Studenten im 20. Semester wissen eben nichts vom Leben und wollen nichts von geistigen Werten, ihrem Land und ihrer Sprache wissen.

    • 18.07.2014 16:59, G. A.

      Vielleicht ein Hinweis den rechtsnahen Juristen "Rolf Stolz":

      Auch im 20. Semester gilt: "Ein Blick in das Gesetz erleichtert die Rechtsfindung". Es ist keine Frage von amerikanischen und menschenfeindlich, sondern eine schlichte Frage der Reichweite von Verfassungsnormen. Man beachte Art. 1 Abs. 3 GG. Würden Normen wie Art. 3 GG private binden, bräuchten wir keine Gesetze wie das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Wieder etwas, was der gemeine Student durchaus im 2. Semester lernt!

  • 13.06.2014 00:01, Rechtsanwaltservice

    Viel wichtiger wäre eine staatliche Förderung des Brockhaus! Es kann nicht angehen, daß eine Kulturnation kein Lexikon mehr hat, nachdem ein unfähiger Vorstand nach 200 Jahren es geschafft hat, das Lexikon tot zu wirtschaften. Schuld ist nicht Wikipedia sondern der völlig überhöhte Preis. Es wäre nun Aufgabe des Kulturministers dieses Werk zu erhalten - das ist eine öffentliche Aufgabe!!

  • 17.07.2014 13:40, Philipp A. Kerner

    Bevor man sich auf die Frage stürzt, welche Konsequenzen eine verfassungsrechtliche Festlegung der "Sprache der Bundesrepublik" mittels eine Drittwirkung von Staatsstrukturnormen für Privatrechtsverhältnisse haben würde, sollte man erst einmal problematisieren, welche Rechtsfolgen die vorgeschlagene Verfassungsnorm für den staatlichen Bereich hätte.

    Wie fast jeder weiß, ist die Amtssprache nach § 23 VwVfG deutsch. Wie viele, die sich an der Diskussion "Deutsch ins GG" beteiligen, aber nicht wissen, ist das aber nur eine lex generalis, die in etlichen Bereichen durch Spezialregeln durchbrochen ist. So können deutsche Verwaltungsverfahren auch in den Sprachen ethnischer Minderheiten (dänisch, obersorbisch, niedersorbisch) oder in bestimmten stark internationalisierten Lebensbereichen auf englisch durchgeführt werden. Ich hätte Herrn Gawlitta gefragt: Sollen solche Spezialregelungen künftig noch verfassungskonform sein?