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Juristen in TV-Serien: Warum Dreh­buch­au­toren Anwälte lieben

von Alexander Rupflin

30.06.2018

Bob Odenkirk als James "Jimmy" McGill in der Serie "Better Call Saul"

picture alliance / AP Photo

Dank Streamingdiensten erfreuen sich Anwaltsserien stetig wachsender Beliebtheit. Denn Juristen bieten dem Zuschauer nicht nur intelligente Unterhaltung, sondern auch die schönsten Konflikte. Von Alexander Rupflin.

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Ungerechtigkeit ruiniert jedes sorgfältig vorbereitete Happy End – und funktioniert somit ideal als Zutat fürs packende Drama. Bestseller-Autor John Grisham hat diese Tatsache zu seinem Erfolgsrezept gemacht. E.T.A. Hoffmann auch, nur früher. Fragen Sie mal das verehrte "Fräulein von Scuderi". Im Jahre 1928 erkannte der Stummfilmregisseur Carl Theodor Dreyer mit "Die Passion der Jungfrau von Orléans" die Sogkraft von Schuld auf der Bühne, später Hollywood ("Wer die Nachtigall stört", "Eine Frage der Ehre", "Der Mandant").

Heute befeuern Netflix und Co. sehr erfolgreich ihre Serien mit eben diesem Material. Kurz: Die Ungerechtigkeit ist der schmutzige Rohstoff der Unterhaltungsindustrie. Und das Beste: Im Gegensatz zu Öl und Kohle ist Ungerechtigkeit erneuerbar und zugleich unendlich - zumindest solange Menschen auf diesem Planeten wandeln.

Bei den Helden der Schuld-Geschichten, das ist kein Zufall, spielt häufig der Anwalt groß auf. Noch häufiger der Strafverteidiger. Kein Zufall deswegen, weil Täter und Tat oft nur Ursache der Handlung sind. Der Funken, der die Zündschnur zum Züngeln bringt. Die Spannung ergibt sich aus der Sprengkraft der Ungerechtigkeit. Kämpft der Anwalt für Recht und Ordnung oder dafür, diese zu umgehen? Der Anwalt funktioniert dabei als Held wie als Antiheld - im Leben wie in der Serie. Es ist, wie alles, eine Frage der Perspektive.

Aber warum sitzen im realen Gerichtssaal meist nur zwei gelangweilte Rentner und zwei Mal im Jahr eine noch gelangweiltere Schulklasse in den Zuschauerreihen, während Netflix, Amazon und Sky mit ihren Justiz-Serien ein Millionenpublikum erreichen? Was macht den Fernsehanwalt zum heute so erfolgreichen Protagonisten?

Ein guter Anwalt scheidet die Geister

Shakespeare hat einmal geschrieben: "Das erste, was wir tun, lasst uns alle Anwälte töten!" Das war in seinem Drama "Henry VI". In England lieben sie diesen Ausruf seit seiner Uraufführung. Der Satz ist der Wachmacher in einem Bühnenstück, dass, sagen wir mal, nicht die Durchschlagskraft eines Romeos oder Hamlets mitbringt. Man kann sich das Premierenpublikum im Jahre 1592 vorstellen, wie es bei der Anstiftung zum Advokatenmord erleichtert auflachte. Denn Anwälte polarisieren, sie balancieren entlang der Grenze zwischen Recht und Unrecht. Man darf sie hassen, man kann sie lieben. Damit bieten sie allein schon durch ihren Beruf den idealen Charakter. Dazu zwei aktuelle Beispiele:

Bei Jimmy McGill läuft's nicht. Oder lief es eigentlich nie. Eine Karriere wie ein Mastvieh – von Anfang an zum Ausbluten bestimmt. Als erfolgloser Anwalt arbeitet er in Albuquerque, New Mexiko. Mit Pflichtmandaten hält er sich in diesem aus karger Wüste bestehenden Bundesstaat irgendwie über Wasser. Weil Jimmy ein bequemer Kerl ist, neigt er dazu, seine Befugnisse als Verteidiger eher nonkonformistisch auszulegen. Aber nicht missverstehen! Jimmy ist kein fauler, per se schlechter Mensch.

Im Laufe von inzwischen drei Staffeln der Serie "Better Call Saul" zeigt er sich als verletzliche, nach Achtung strebende Person, die in der eisigen Justizindustrie der USA manchmal über die eigene Empathie stolpert. Gleichzeitig hat der Antiheld der Netflix-Serie genau verstanden, was den Reiz seiner Figur und am Anwaltsberuf generell ausmacht: "Lawyers – you know, we’re like health insurance. You hope you never need it. But, man oh man, not having it – no."

Das andere Beispiel steckt vornehmlich im teuren Maßanzug. Partner einer Großkanzlei, gutaussehend, mit kluger Sekretärin. Ein Closer – also jemand, der für die schwierigen Fälle zuständig ist. Harvey, sein Name, Harvey Specter. Der Superheld der New Yorker Anwaltsszene. Man kann ihn dafür anhimmeln oder hassen. Seit sieben Staffeln der Serie "Suits" entscheiden sich Millionen Zuschauer für Ersteres. (Außer bekanntlich Prinz Harry. Der verliebte sich in die Nebenrolle Rachel Zane, gespielt von Meghan Markle.)

Harvey Specter symbolisiert wohl den Typus Anwalt, auf den folgender Luther-Satz am ehesten zutrifft: "Das Studium der Rechte ist eine ganz niederträchtige Kunst; wenn es nicht den Geldbeutel füllte, würde sich niemand darum bemühen." Im Laufe der Handlung aber entwickelt sich aus dem unnahbaren Top-Jurist ein aufrichtiger Held, für den Loyalität oberste Priorität hat.

Ein guter Anwalt braucht Charakter – und Drama

Was Jimmy McGrill und Harvey Specter gemein haben? In ihrem Job, dessen Anforderungsprofil dramaturgisch zugespitzt ist, kämpfen beide Juristen mal aufgrund ihrer und mal gegen ihre eigenen Überzeugungen. In erstem Fall führt das zumindest zu einer spannenden Streitigkeit, im zweiten kommt ein innerer Konflikt zustande, bei dem der Zuschauer emotional mitfiebert. Denn jeder kennt das Gefühl, wenn er gegen das eigene Gewissen anläuft. Die Frage, wie der Held seinen inneren Kampf ausficht, das ist die Frage vielschichtiger Dramen.

Damit sich der Zuschauer auf diese konzentriert, blendet die Handlung die schnöde, uninspirierende Schreibtischarbeit des echten Juristenlebens einfach aus. Die Hauptfiguren stürzen von Gefecht zu Gefecht, jedes von existenzieller Relevanz. Ein  gewöhnlicher Fahrraddiebstahl wird da keiner verhandelt. Neben dem Anwalt als Charakter, der also durch seine Tätigkeit allein schon wie geschaffen für das Fiktionale ist, gibt es noch einen zweiten Baustein des Erzählens, der die Anwaltsserie so erfolgreich macht: die Dramaturgie.

Woraus sich die Spannungskurve im Justizdrama entwickelt, hat Epikur einmal erläutert: "Das gerechte Leben ist von Unruhe am freiesten, das ungerechte aber ist voll von jeglicher Unruhe." Und Unruhe, das ist es, was die Serienmacher lieben, Folge für Folge, Staffel für Staffel. Die Drehbuchautoren schreiben meist nach demselben Prinzip: Jede Folge hat ihren eigenen kleinen Konflikt, der sich am Ende der Folge löst. Gleichzeitig wird ein großer Konflikt über die gesamte Staffel gespannt, der sich von Episode zu Episode zunehmend aufbaut und sein Finale in der letzten Folge erlebt. Bedeutet:

In einer guten Serie kommen immer ein knappes Dutzend nervender Eintagsfliegen und eine tollwütige Schildkröte vor.

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Ein guter Anwalt liebt die Ungerechtigkeit

Wenn man Jimmy McGrill und Harvey Specter in einen Topf wirft, kräftig umrührt und die Mischung einige Stunden köcheln lässt, bis nur noch die Quintessenz der beiden Zutaten übrig bleibt, hieße das Ergebnis Billy McBride: ein Anwalt, mal angesehen und erfolgreich, jetzt geschieden, Alkoholiker und absaufend in Selbstmitleid. Er spielt den David in der Amazon-Serie "Goliath". Er gerät an einen Fall, in dem es um  fahrlässige Tötung geht. Die Gegenseite wird ausgerechnet von seiner früheren Großkanzlei verteidigt, in der seine Ex-Frau arbeitet.

Die zentrale Frage der Serie lautet, ob McBride einen Fall gewinnt, bei dem es nicht nur um Recht, sondern bald um absolute Gerechtigkeit geht. In jeder einzelnen Folge wird in kurzen in sich geschlossenen Episoden Nebenhandlungen erzählt, die zwar unmittelbar mit den Figuren zu tun haben, die Frage nach dem Rechtsprozess aber kein bisschen weiterbringt. Weil sich dabei gleichzeitig die liebgewonnenen Figuren weiterentwickeln, neue Charakterzüge zeigen, die dann wiederum die Hauptstory beeinflussen, bleibt der Zuschauer dran.

Und dieses Prinzip kann die Anwaltsserie genauso gut umkehren: Jede Folge verhandelt einen Fall vor Gericht. Die übergeordnete Handlung findet dagegen außerhalb des Gerichtssaals statt. Bestes Beispiel: "Suits". Der Prozess – er bietet eine vorzügliche Struktur für die fiktive Handlung, denn er trägt in sich bereits eine natürliche Dramaturgie, die nur verschärft nacherzählt werden muss.

Anwälte streiten, das ist ihr Job. Sie streiten nach klaren Regeln, aber manchmal gegen ihre Überzeugung. Sie kämpfen für Recht und Gerechtigkeit. Darum sind Anwälte die ideale Besetzung für moderne Serien. Und deswegen schauen wir sie gerne an. Nicht obwohl, sondern gerade weil Netflix & Co. ein verklärtes Bild der Justiz zeigt. Unterhaltung bedeutet Ausflucht aus der Realität. Darum sollten wir lernen, Ungerechtigkeit mehr zu schätzen. Sie ist perfekter Stoff.

Alexander Rupflin ist Jurist, Autor und als Journalist bei einer deutschen Tageszeitung tätig.

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Juristen in TV-Serien: . In: Legal Tribune Online, 30.06.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/29465 (abgerufen am: 12.05.2026 )

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