Druckversion
Sonntag, 6.09.2026, 16:41 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/feuilleton/f/strafverteidigung-nuernberger-prozesse-studie
Fenster schließen
Artikel drucken
22272

Rechtsgeschichte: Straf­ver­tei­di­gung in Nürn­berg

von Martin Rath

05.03.2017

Blick in den Verhandlungssaal am 30.9.1946

Bild: Bundesarchiv, Bild 183-H27798 / Unknown / [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons

Die Geschichte der Nachkriegszeit und der jungen Bundesrepublik ist wenig präsent. Mit einem Werk zur Strafverteidigung in den Nürnberger Prozessen liegt nun eine bemerkenswerte Studie zu einem ungeliebten Stück Rechtsgeschichte vor.

Anzeige

Zwischen dem 20. November 1945 und dem 14. April 1949 wurde in den Nürnberger Prozessen gegen Angehörige der politischen, ökonomischen und militärischen Führung des NS-Regimes verhandelt.
Den Auftakt machte das im Oktober 1946 abgeschlossene Verfahren vor dem Internationalen Militärgerichtshof gegen die Hauptkriegsverbrecher, es folgten zwölf sogenannte Nachfolgeprozesse vor US-amerikanischen Militärgerichten.

Unter dem Titel: "Politische Anwälte? – Die Verteidiger der Nürnberger Prozesse" hat der Augsburger Historiker Hubert Seliger im vergangenen Jahr eine überarbeitete Fassung seiner geschichtswissenschaftlichen Dissertation vorgelegt.

Es überrascht immer wieder, wie stiefmütterlich die historische Auseinandersetzung mit den Gründerzeiten unserer Republik bislang ausgefallen ist: Seligers Dissertation ist die erste systematische Darstellung der rund 260 Verteidiger, die den Angeklagten in diesen Verfahren zur Seite standen. Mit Blick auf ihre Funktion in Justiz und Rechtspolitik wird damit eine bemerkenswerte Erkenntnislücke geschlossen.

Mehr als "Stille Hilfe"-Anwälte

Als relativ bekannt durften bisher wohl nur zwei Gruppen von Strafverteidigern gelten, die in den Nürnberger Prozessen auftraten.

Dem Angeklagten Ernst von Weizsäcker (1882–1951), der schließlich wegen seiner Mitwirkung an der Deportation jüdischer Franzosen nach Auschwitz verurteilt wurde, standen im sogenannten Wilhelmstraßen-Prozess als Hauptverteidiger Hellmut Becker (1913–1993) und als Hilfsverteidiger unter anderem sein Sohn Richard von Weizsäcker (1920–2015) zur Seite.

Becker, der in Nürnberg auch die Einsatzgruppen-Mörder Martin Sandberger (1911–2010) und Otto Ohlendorf (1907–1951, hingerichtet) vertrat, zählte seit den 1950er Jahren zu den führenden Funktionären der deutschen Bildungspolitik. Richard von Weizsäcker durchlief nach Stationen als Wirtschaftsjurist seine allseits bekannte politische Karriere.  Man sah sich später in den Foren der Evangelischen Kirche (EKD) oder im Diplomatischen Dienst wieder – oder auch im Dunstkreis der Odenwaldschule.

Weniger renommiert, gleichwohl recht bekannt wurde in der Bundesrepublik zudem der kleine Kreis der geschichtspolitisch engagierten Strafverteidiger, die sich nicht nur anwaltlich um angeklagte NS-Täter kümmerten. Im Zusammen-spiel mit dem Netzwerk der "Stillen Hilfe" standen sie ihren Mandanten nach den Nürnberger Prozessen auch politisch bei und hinterfragten die Berechtigung der gegen sie geführten Verfahren.

Zu ihnen zählte beispielsweise Rudolf Aschenauer (1913–1983), der später unter anderem anwaltliche Dienste für die 1952 vom Bundesverfassungsgericht verbotene "Sozialistische Reichspartei" leistete und in etlichen Strafverfahren gegen NS-Verbrecher und Angehörige rechtsextremer Kreise auftrat.

Weit weniger auffällig blieben Rechtsanwälte wie Rudolf Merkel (1905–1987), der sich als Wirtschaftsjurist während der NS-Zeit offenbar nicht desavouiert hatte und der "zutiefst erschrocken gewesen" sein soll, als ihm die Verteidigung der als Organisation angeklagten Geheimen Staatspolizei (Gestapo) angetragen wurde.

Hermann Jahrreiß (1894–1992), ein anerkannter Kölner Staats- und Völkerrechtler mit Erinnerungslücken an seine juristischen Publikationen vor 1945 und in Nürnberg Co-Verteidiger des Wehrmachtsstabschefs Alfred Jodl (1890–1946, hingerichtet), weigerte sich, an der Verteidigung im Ärzteprozess mitzuwirken – die angeklagten Angehörigen der Heilberufe hatten wegen der Menschenversuche schon damals einen schlechten Ruf.

Anzeige

Rekrutierungspraxis für die Strafverteidigung

Insbesondere der US-amerikanischen Seite war jedoch sehr daran gelegen, den Angeklagten in Nürnberg eine angemessene Verteidigung zukommen zu lassen – im Hauptkriegsverbrecherprozess, der noch unter Beteiligung der beiden anderen Siegermächte, der Sowjetunion und des Vereinigten Königreichs, sowie Frankreichs stattfand, opponierte erwartungsgemäß die sowjetische Seite. Die amerikanischen Behörden hingegen drangen auf ein faires Verfahren, übten mitunter sogar milden Druck aus, um Juristen zur Übernahme der Verteidigung in Nürnberg zu bewegen.

Ein Ausschluss von Anwälten blieb dem Gericht vorbehalten – und von den 264 Verteidigern, die Seliger erfasst hat, schied allenfalls eine Handvoll gegen ihren Willen aus. Nicht als Verteidiger tragbar galt etwa, wer selbst in die Mensch-heitsverbrechen verstrickt schien, beispielsweise Ernst Achenbach (1909–1991), der Mitverantwortung an der Deportation von Juden aus Frankreich trug und damit als Strafverteidiger in Nürnberg nicht in Frage kam war – sehr wohl aber als Politiker in der FDP, wo er später Karriere machte, auch dank Protektion durch den späteren Bundespräsidenten Walter Scheel (1919–2016).

Eher kurios erscheint der Wunsch, der wiederholt an den Rechtsanwalt Gustav Scanzoni von Lichtenfels (1885–1977) herangetragen wurde: Er war in führen-den NS- und SS-Kreisen als Scheidungsanwalt gefragt gewesen; dasselbe Klientel sollte er nun als Strafverteidiger vertreten.
Tatsächlich wurde ein Gutteil der Strafverteidiger in Nürnberg nicht aufgrund ihrer besonderen Sachkunde bestellt, sondern weil sie geografisch gut greifbar waren.

Seite 1/2
  • Seite 1:

    Politische Anwälte – Panoptikum der Persönlichkeiten

  • Seite 2:

    Materielle und immaterielle Entlohnung der Verteidiger

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Martin Rath, Rechtsgeschichte: . In: Legal Tribune Online, 05.03.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/22272 (abgerufen am: 06.09.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Anwaltsberuf
    • Kriegsverbrechen
    • Nationalsozialismus
    • Rechtsgeschichte
    • Strafverfahren
Carsten Brosda (SPD), Senator für Kultur und Medien, spricht während der Sitzung der Hamburgischen Bürgerschaft im Rathaus. 06.09.2026
Rechtsgeschichte

Abgeordnetenrechte:

Vom Charme des bei­nahe impe­ra­tiven Man­dats

Ist die Abhängigkeit der Abgeordneten von ihren Parteien ein Problem oder zwingende Konsequenz der modernen Demokratie und ihres Wahlrechts? Ein gewitzter Jurist aus Hamburg fand 1926 eine schmerzhaft realistische Antwort.

Artikel lesen
Mann in grauem Anzug geht an einer blaugrünen Wand vorbei, dahinter ein rotes Säulenelement und eine Treppe. 05.09.2026
Berufswege

Ehemaliger Wiener Sängerknabe, Anwalt und "Art Advisor":

"Mozarts 'Zau­ber­flöte' in der Staat­s­oper war immer auf­re­gend"

Als Kind war Victor Justus Messerschmidt ein Wiener Sängerknabe, dann studierte er Jura. Seit kurzem ist er Anwalt in Hamburg, mit Fokus auf "Art Advisory“. Im Interview erzählt er, wie ihn die Musik und ein Master in Rom geprägt haben.

Artikel lesen
Ein Feuerwehrmann steht vor einem brennenden Gebäude mit Löschschlauch. 04.09.2026
Brandstiftung

LG Dessau-Roßlau: Sechs Jahre Haft:

Blau­licht­re­porter wegen Brand­s­tif­tung ver­ur­teilt

Um Fotos und Videos von Feuerwehreinsätzen zu vermarkten, haben zwei freie Fotografen mehrfach Brände gelegt. Das LG Dessau-Roßlau verurteilte sie nun wegen Brandstiftung, der Haupttäter bekam sechs Jahre Freiheitsstrafe. 

Artikel lesen
Eine Person wird zu einem Hubschrauber geführt. Ein mutmaßlicher Drahtzieher der Anschläge auf die Nord-Stream-Gasleitungen hatte zuvor beim Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs (BGH) in Karlsruhe eine Haftprüfung. 03.09.2026
Strafverfahren

Hanseatisches OLG:

Haupt­ver­fahren zu Nord-Stream-Anschlägen eröffnet

Die Anschläge auf die Nord-Stream-Pipelines werden in Hamburg vor Gericht aufgearbeitet. Das Hanseatische Oberlandesgericht hat das Verfahren eröffnet.

Artikel lesen
Ein Mann schießt auf einem Schießplatz auf sein Ziel. 03.09.2026
Straftaten

LG Schwerin zum sächsischen "Munitionsskandal":

Schieß­platz­be­sitzer muss fast 6.000 Euro Strafe zahlen

Ein Schießplatzbetreiber nahm 7.000 Schuss Dienstmunition als Bezahlung für Schießtrainings an. Dafür hat ihn das LG Schwerin jetzt wegen Anstiftung zur veruntreuenden Unterschlagung und Bestechung verurteilt.

Artikel lesen
Ein Gerichtssaal am Landgericht Bielefeld, man wirft einen Blick durch die fast geschlossene Tür auf verschwommene Personen 02.09.2026
Skurriles

Wende in Bielefelder Prozess:

Frei­spruch für Richter, der als "Anwalt" auf­trat

Mehrere Strafgerichte verurteilten einen Richter, der "Anwaltsschreiben" verschickt haben soll. Nun aber die überraschende Wende: Das LG Bielefeld sprach den Familienrichter frei. Ein Ende findet der rätselhafte Fall damit aber noch nicht.

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen
Rich­ter/Rich­te­rin (m/w/d) in der Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit des Lan­des...

Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen, Müns­ter

Logo von Becker Büttner Held
Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter / Re­fe­ren­dar / Dok­to­rand (m/w/d)

Becker Büttner Held, Er­furt

Logo von GvW Graf von Westphalen
Re­fe­ren­da­riat - Kar­tell- und Wett­be­werbs­recht

GvW Graf von Westphalen, Düs­sel­dorf

Logo von Becker Büttner Held
Rechts­an­walt (m/w/d) für En­er­gie­steu­ern, Emis­si­ons­han­del und...

Becker Büttner Held, Ham­burg

Logo von Wolters Kluwer
Ju­rist als Pro­dukt­ma­na­ger im Be­reich Con­tent - In­sol­venz­recht /...

Wolters Kluwer, Hürth

Logo von Stadt Troisdorf
Amts­lei­tung im Bür­ger­meis­ter- und Rats­büro, Pres­se­s­tel­le (Voll­ju­rist,...

Stadt Troisdorf, Trois­dorf

Logo von Baker McKenzie Rechtsanwaltsgesellschaft mbH von Rechtsanwälten und Steuerberatern
Ju­nior / Mid-Le­vel As­so­cia­tes (m/w/d) | Kar­tell­recht | Düs­sel­dorf

Baker McKenzie Rechtsanwaltsgesellschaft mbH von Rechtsanwälten und Steuerberatern, Düs­sel­dorf

Logo von Noerr
(Se­nior) As­so­cia­te In­tel­lec­tual Pro­per­ty (w/m/d)

Noerr, Mün­chen

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von Hengeler Mueller
Roadshow USA - New York

08.10.2026, New York

Logo von Hengeler Mueller
Roadshow USA - Chicago

10.10.2026, Chicago

Logo von SIDLEY Austin (CE) LLP
Ladies First Event 2026

30.10.2026, München

Vorbehaltene Rechte des Übergebers und deren richtige Besicherung

14.09.2026

UpDate: Fristverlängerungsanträge – Berufungsbegründung – aktuelle Rechtsprechung des BGH

14.09.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH