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Rechtsgeschichte: Straf­ver­tei­di­gung in Nürn­berg

von Martin Rath

05.03.2017

Die Geschichte der Nachkriegszeit und der jungen Bundesrepublik ist wenig präsent. Mit einem Werk zur Strafverteidigung in den Nürnberger Prozessen liegt nun eine bemerkenswerte Studie zu einem ungeliebten Stück Rechtsgeschichte vor.

Zwischen dem 20. November 1945 und dem 14. April 1949 wurde in den Nürnberger Prozessen gegen Angehörige der politischen, ökonomischen und militärischen Führung des NS-Regimes verhandelt.
Den Auftakt machte das im Oktober 1946 abgeschlossene Verfahren vor dem Internationalen Militärgerichtshof gegen die Hauptkriegsverbrecher, es folgten zwölf sogenannte Nachfolgeprozesse vor US-amerikanischen Militärgerichten.

Unter dem Titel: "Politische Anwälte? – Die Verteidiger der Nürnberger Prozesse" hat der Augsburger Historiker Hubert Seliger im vergangenen Jahr eine überarbeitete Fassung seiner geschichtswissenschaftlichen Dissertation vorgelegt.

Es überrascht immer wieder, wie stiefmütterlich die historische Auseinandersetzung mit den Gründerzeiten unserer Republik bislang ausgefallen ist: Seligers Dissertation ist die erste systematische Darstellung der rund 260 Verteidiger, die den Angeklagten in diesen Verfahren zur Seite standen. Mit Blick auf ihre Funktion in Justiz und Rechtspolitik wird damit eine bemerkenswerte Erkenntnislücke geschlossen.

Mehr als "Stille Hilfe"-Anwälte

Als relativ bekannt durften bisher wohl nur zwei Gruppen von Strafverteidigern gelten, die in den Nürnberger Prozessen auftraten.

Dem Angeklagten Ernst von Weizsäcker (1882–1951), der schließlich wegen seiner Mitwirkung an der Deportation jüdischer Franzosen nach Auschwitz verurteilt wurde, standen im sogenannten Wilhelmstraßen-Prozess als Hauptverteidiger Hellmut Becker (1913–1993) und als Hilfsverteidiger unter anderem sein Sohn Richard von Weizsäcker (1920–2015) zur Seite.

Becker, der in Nürnberg auch die Einsatzgruppen-Mörder Martin Sandberger (1911–2010) und Otto Ohlendorf (1907–1951, hingerichtet) vertrat, zählte seit den 1950er Jahren zu den führenden Funktionären der deutschen Bildungspolitik. Richard von Weizsäcker durchlief nach Stationen als Wirtschaftsjurist seine allseits bekannte politische Karriere.  Man sah sich später in den Foren der Evangelischen Kirche (EKD) oder im Diplomatischen Dienst wieder – oder auch im Dunstkreis der Odenwaldschule.

Weniger renommiert, gleichwohl recht bekannt wurde in der Bundesrepublik zudem der kleine Kreis der geschichtspolitisch engagierten Strafverteidiger, die sich nicht nur anwaltlich um angeklagte NS-Täter kümmerten. Im Zusammen-spiel mit dem Netzwerk der "Stillen Hilfe" standen sie ihren Mandanten nach den Nürnberger Prozessen auch politisch bei und hinterfragten die Berechtigung der gegen sie geführten Verfahren.

Zu ihnen zählte beispielsweise Rudolf Aschenauer (1913–1983), der später unter anderem anwaltliche Dienste für die 1952 vom Bundesverfassungsgericht verbotene "Sozialistische Reichspartei" leistete und in etlichen Strafverfahren gegen NS-Verbrecher und Angehörige rechtsextremer Kreise auftrat.

Weit weniger auffällig blieben Rechtsanwälte wie Rudolf Merkel (1905–1987), der sich als Wirtschaftsjurist während der NS-Zeit offenbar nicht desavouiert hatte und der "zutiefst erschrocken gewesen" sein soll, als ihm die Verteidigung der als Organisation angeklagten Geheimen Staatspolizei (Gestapo) angetragen wurde.

Hermann Jahrreiß (1894–1992), ein anerkannter Kölner Staats- und Völkerrechtler mit Erinnerungslücken an seine juristischen Publikationen vor 1945 und in Nürnberg Co-Verteidiger des Wehrmachtsstabschefs Alfred Jodl (1890–1946, hingerichtet), weigerte sich, an der Verteidigung im Ärzteprozess mitzuwirken – die angeklagten Angehörigen der Heilberufe hatten wegen der Menschenversuche schon damals einen schlechten Ruf.

Rekrutierungspraxis für die Strafverteidigung

Insbesondere der US-amerikanischen Seite war jedoch sehr daran gelegen, den Angeklagten in Nürnberg eine angemessene Verteidigung zukommen zu lassen – im Hauptkriegsverbrecherprozess, der noch unter Beteiligung der beiden anderen Siegermächte, der Sowjetunion und des Vereinigten Königreichs, sowie Frankreichs stattfand, opponierte erwartungsgemäß die sowjetische Seite. Die amerikanischen Behörden hingegen drangen auf ein faires Verfahren, übten mitunter sogar milden Druck aus, um Juristen zur Übernahme der Verteidigung in Nürnberg zu bewegen.

Ein Ausschluss von Anwälten blieb dem Gericht vorbehalten – und von den 264 Verteidigern, die Seliger erfasst hat, schied allenfalls eine Handvoll gegen ihren Willen aus. Nicht als Verteidiger tragbar galt etwa, wer selbst in die Mensch-heitsverbrechen verstrickt schien, beispielsweise Ernst Achenbach (1909–1991), der Mitverantwortung an der Deportation von Juden aus Frankreich trug und damit als Strafverteidiger in Nürnberg nicht in Frage kam war – sehr wohl aber als Politiker in der FDP, wo er später Karriere machte, auch dank Protektion durch den späteren Bundespräsidenten Walter Scheel (1919–2016).

Eher kurios erscheint der Wunsch, der wiederholt an den Rechtsanwalt Gustav Scanzoni von Lichtenfels (1885–1977) herangetragen wurde: Er war in führen-den NS- und SS-Kreisen als Scheidungsanwalt gefragt gewesen; dasselbe Klientel sollte er nun als Strafverteidiger vertreten.
Tatsächlich wurde ein Gutteil der Strafverteidiger in Nürnberg nicht aufgrund ihrer besonderen Sachkunde bestellt, sondern weil sie geografisch gut greifbar waren.

Zitiervorschlag

Martin Rath, Rechtsgeschichte: Strafverteidigung in Nürnberg . In: Legal Tribune Online, 05.03.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/22272/ (abgerufen am: 11.07.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 05.03.2017 11:45, ... unklar

    "Kanzlei- und Kammergeschichte aufarbeiten! "

  • 05.03.2017 20:47, Ewiger Nazi

    Nach Hitlers Schäferhunden und Klofrauen, jetzt also die Schäferhunde und Klofrauen, die Hitlers Schäferhunde und Klofrauen gekannt haben können sollen müssen.
    ~
    Was ist mit den hunderttausenden verbrannten, erstickte und erschlagene des Alliiertenbombenterrors auf deutsche Frauen und Kinder, tage vor dem Ende des WKII? Was mit den Menschenversuchen der CIA im Taunus, oder den Verhungerten auf den Reinwiesen, den Massen durch Russen vergewaltigen und getötet Frauen und Mädchen und Buben in Berlin, den Vertrieben und erschlagenen Deutschen in Böhmen, den Sudeten, Ostpreußen und den Massen Ertränkter in der eisigen Fluten der Ostsee?
    ~
    Ach so alles Nazis - demnächst ist die nächste Stufe der Auflösung des deutschen Volkes fällig - verstehe,. Na dann, weitermachen bis auch der letzte morsche Knochen zu Staub zerfällt.
    ~
    Zusatzinfo:
    “Norbert Lammert fordert in seiner offiziellen Funktion als Bundestagspräsident und als zweiter Mann im Staat öffentlich die Abschaffung Deutschlands. Deutschland soll seine Souveränität aufgeben, um endlich einen EU-Föderalstaat zu errichten. Er stellt sich damit gegen unsere Verfassung - wie Frau Merkel, deren Rückendeckung er dafür hat.

    ›Deutschland schafft sich ab‹ war bloß ein provokanter Buchtitel. Unter dieser Kanzlerin ist dies das Programm der CDU. Der linksradikale Hass auf Deutschland scheint die Spitze der Union erreicht zu haben. Es wird Zeit, dass Merkel und Co. abtreten.”
    aus http://www.freiewelt.net/nachricht/beatrix-von-storch-bundestagspraesident-lammert-will-deutschland-abschaffen-10070279/

    • 05.03.2017 20:53, warum nicht testen?

      Ich finde, man sollte hierzulande nur Nazi sein dürfen, wenn man einen IQ-Test absolviert und dabei mehr Punkte eingesammelt hat als eine Tomate in der gleichen Situation bekommen würde.

    • 06.03.2017 09:49, T.

      @ Warum nicht testen?

      Großartiger Kommentar :D

      Intelligenztest für Nazis.... das wäre doch mal was.

    • 06.03.2017 12:08, el bajo

      Manchmal fragt man sich, ob es Leute gibt, die wahllos kommentierbare Beiträge suchen, um dann kontextlos ihre haltlosen Verschwörungstheorien reinzuklatschen. Mir wäre schon lieb, wenn der Inhalt wenigstens eine gewisse Binnenlogik hätte oder einen roten Faden, sodass man dem Argumentationsmuster folgen kann. Das Rezept ist aber immer das selbe: man nehme ein ganzes "Abschaffung Deutschlands", ein fein gehacktes "Merkel muss weg" und zur emotionales Abrundung ein "Vergewaltigtes deutsches blodes Mädchen" und rühre es mit einigen weiteren Wörtern zu einem herrlich nationalistisch duftenden braunen Brei zusammen. Die ganze Sache treibt man nur noch auf die Spitze, wenn man es nicht selbst schreibt, sondern aus der Kochstube der Idiotie ("freiewelt") kopiert.
      Damit: für tomatenäquivalente Idiotentests für Nazis!

  • 05.03.2017 21:05, Verteidiger

    Der Autor schreibt einerseits, "die amerikanischen Behörden ... übten mitunter sogar milden Druck aus, um Juristen zur Übernahme der Verteidigung in Nürnberg zu bewegen", und "tatsächlich wurde ein Gutteil der Strafverteidiger in Nürnberg ... bestellt, ... weil sie geografisch gut greifbar waren", insinuiert aber andererseits, die Verteidigertätigkeit in den Kriegsverbrecherprozessen (und den RAF-Prozessen) lasse auf eine "aufarbeitungswürdige" Gesinnung der betreffenden Verteidiger schließen. Offenbar hat er die rechtsstaatliche Funktion von Strafverteidigertätigkeit nicht verstanden.

  • 10.03.2017 10:46, R.A. Hoeren

    Bangkok, 01 03 2017, Mercredi-Mittwoch-Miercoles-Wednesday-วันพุธ-星期三(-1h to KMG, +6 h to CH, + 11h a Cbb/SC/LP)
    Sehr geehrte Damen und Herren,
    „Der Insulaner verliert die Ruhe nicht“. Das Heilige Deutschland, wie Graf Stauffenberg es bei seiner Ermordung noch nennen konnte, ist nun zum zweiten Mal mit dem Problem konfrontiert, dass nach Adolf Hitler-Schickelgruber, mit Frau Merkel-Kasner wieder eine Person unklarer Herkunft nach Deutschland hinein und nach oben gespült worden ist. Beide schaden dem Deutschen Volk mit Extremismus.
    Die erste Variante war diejenige der absoluten Ausgrenzung Unbeliebiger. Die damit verbundene und grundsätzlich wertvolle Pflege gesunder DNA oder Rassenpflege, wurde durch Ausmerzungsaktionen verunglimpft und entwertet. Gleichzeitig wurden im Rahmen des Stimmenfangs wertvolle Strömungen vereinnahmt und gleichgeschaltet, die für Natur- und Lebenspflege oder geschichtliche Identitätsfindung standen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie in den Antinazistischen Vergeltungstopf geworfen.
    Nun haben wir mit Frau Dr. Angela Merkel-Kasner zunehmend den interesssanten Fall des genau entgegengesetzten Extrems: die Hereinnahme jedweder Herkunft. Volk soll sein, wer hier lebt. Geschichtliche Identitätsfindung als Volksbildner wird zum Feindbild. Atomisierung und Beliebigkeit werden zur Norm und Nutzungsmasse für die Schadindustrie. Bei diesem Vorgehen wird Markt zur Stellgrösse. Zuvor war Rasse die Stellgrösse. Das gleichfalls missbrauchte Leitbild Gemeinschaft wurde mit der Stellgrösse Klasse vom Bolschewismus ebenfalls missbraucht und eliminiert. Die höchste Stellgrösse Leben-Natur wurde von den sogenannten Grünen im wahrsten Sinne verraten durch die Missachtung der Ökologischen Komponente Demographie, sprich Förderung der ungeordneten Einwanderung.
    Im Falle Merkel sieht es so aus, dass sie die Vorgaben ihrer Preisverleiher: Freimaurerischer Karlspreis, Jüdischer B`nei B`rith-Preis, Katholischer Eugen-Bolz-Preis, Jüdischer Warburgpreis und so weiter bedienen muss. Deren höchste Werthaltungen zielen auf ein Globalisiertes Autonomes Individuum. Um diesem Ziele näher zu kommen, müssen verständlicherweise Völker, Stämme, Familien überwunden werden. Allerdings hat sich für die sich daraus ergebende Einsame Masse noch kein lebensfähiges neues Organisationsprinzip anstelle von Volk, Stamm, Familie gefunden. Letztere sind unter grossen Leiden aufgebaut worden. Die Internationale der Preisverleiher muss ihre Verantwortung nicht sehen in der Zerstörung von Lebensfähigen Organisationsformen, sondern in deren Pflege. Höchste Wesen, welcher Marke auch immer, sind nur Abstraktionen wie alle Monoideologien-Theismen, inkl. Rasse, Klasse, Markt. MfG. R.Hoeren