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"Smart Contracts" und das Blockchain-Prinzip: Das Ende der Juristen?

von Martin Rath

30.08.2015

2/2: Sich selbst protokollierende Verkehrsunfälle

Szabo selbst kalkulierte bereits 1997 das Ende des ehrwürdigen Berufsstands der Gerichtsvollzieher ein, soweit sie sich mit der Rückholung von Kraftfahrzeugen verdingen, die nicht hinreichend abbezahlt werden. Doch darf man nicht allein über das berufliche Schicksal des Gerichtsvollziehers ins Grübeln kommen. Bevor der seine Kreise zieht, haben viele kaufmännische Angestellte Konten und Papiere gewälzt, mussten Juristinnen und Juristen in formalisierten Rollenspielen die Korrektheit des Papierewälzens und des in Schieflage geratenen Kraftfahrzeugkreditkontoauszugs absegnen. Für die altbewährten Rollenspiele der Anwälte und Richter, ihre Prüfungsroutinen und Subsumtionsleistungen mit Blick auf sogenannte Lebenssachverhalte dürfte nur noch wenig Bedarf bestehen.

Denn seit 1997 schicken sich weitere Routinen an, "verdinglicht" zu werden. Blackboxes könnten zukünftig Verkehrsunfälle protokollieren. Ein Ereignis, das bis zur gerichtsfesten Ermittlung aller Umstände bisher extrem viel gutachterliche und juristische Gehirnarbeit erforderte. Der "sich selbst protokollierenden Verkehrsunfall" würde unzuverlässige Zeugen, abwesenden Polizisten und Richtern überflüssig machen.

Bislang hatte man Gerichten und Rechtsanwälten, die sich etwas biestig zur Dashcam im Automobil äußerten, immer nur datenschutzrechtliche Sensibilität oder Überreiztheit attestiert. Von Szabo her gedacht könnte auch ihre Abneigung auch einer honorarwirtschaftlichen Weitsicht beruhen. Denn in einer Gesellschaft, in der die Bürger und Marktteilnehmer Kontrollroutinen selbst übernehmen und Daten aufzeichnen, werden auch sie viel weniger gebraucht.

Wem oder was sollte man mehr Vertrauen schenken?

Mit ausreichender kryptologischer Ausrüstung lässt sich nicht allein die Kommunikation zwischen Maschine Konto missbrauchssicher organisieren. Die Kryptologie erlaubt auch in bisher ungeahntem  Ausmaß, Alternativ- oder Parallelwährungen zu kreieren. Die kryptografische Magie der Währungen neuen Typs beruht darauf, dass sie weitgehend ohne Bank auskommen können.

Bisher scheiterten Versuche, beispielsweise eine regionale Währung als sogenanntes "Freigeld" zu organisieren, oft an der begrenzten Teilnehmerzahl, der Unsicherheit der Kommunikation und vor allem an den hohen Transaktionskosten. Nun könnten Unternehmen wie Second Life mit dem "Linden-Dollar" oder eben Regionalgelderfinder auf die Anbieter von Smart-Contract-Produkten mit dem Wunsch zugehen, beispielsweise das digitale Protokoll des Kraftfahrzeugs direkt mit "Linden-Dollar" zufriedenzustellen, ohne ihn erst in eine gesetzliche Währung tauschen zu müssen.

Im kontinentaleuropäischen Raum mit seinen starken Rechts- und Sozialstaaten mögen diese Science-Fiction-artigen Visionen nicht als starke Alternative zum gewohnten Ausgleich zwischenmenschlicher Interessen wirken. Überall dort, wo man im Zweifel einem anonymen digitalen Protokoll mehr Vertrauen schenkt als dem Schriftwechsel mit seiner Bank oder seinem Anwalt, mag das anders aussehen.

Sollte diese Dystopie jemals Realität werden, so kann man wirklich nur hoffen, dass es sich um ein vor Manipulationen sicheres System handelt. Andernfalls würde beispielsweise die Hacker-Community viele "spannende" neue Schnittstellen zu Alltagsgegenständen bekommen: Die ersten Autos wurden ja schon gehackt und ferngesteuert.

Der Autor Martin Rath arbeitet als freier Lektor und Journalist in Köln.

Zitiervorschlag

Martin Rath, "Smart Contracts" und das Blockchain-Prinzip: Das Ende der Juristen? . In: Legal Tribune Online, 30.08.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/16747/ (abgerufen am: 31.05.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 30.08.2015 15:45, Daniela

    Ich finde es gut. In dem Text konnten keine wirklichen Nachteile genannt werden - ausser der Angst vor Manipulation von Hackern. Aber das trifft auch für jedes Onlinebankkonto zu und trotzdem nutzen wir es.

  • 30.08.2015 23:00, N1

    Also sowas, erst juristische Aufmerksamkeit für dogmatische Absonderlichkeiten aufs Korn nehmen und dann in einem Absatz den Automatendiebstahl und das Erschleichen von Leistungen durcheinanderwerfen - der Schokoriegelautomat ist kein Leistungsautomat. Oder hab ich da den Witz nicht verstanden?

    • 31.08.2015 08:30, Legal Tribune Online

      Sehr geehrte/r N1,

      das war leider kein versteckter Witz, sondern tatsächlich ein dogmatischer Fehler, den wir nun korrigiert haben. Vielen Dank für Ihren wichtigen Hinweis!

  • 31.08.2015 09:52, Bernd L.

    Das Ende der Juristerei wird ja immer wieder mal durch das Aufkommen von "Subsumtionsautomaten" beschworen. Der Autor hat zwar etwas Jura studiert, aber in Rechtstheorie und Rechtsphilosophie offensichtlich geschlafen. Auch die Feststellung einer Vertragsverletzung setzt eine Subsumtion voraus, die logisch lediglich auf einem Syllogismus beruht, ansonsten eine Frage der Semantik ist. Da Computer bisher nicht annähernd das Sprachverständnis eines Menschen besitzen, liegt der Zeitpunkt, an dem Juristen in ihrer Kernaufgabe abgelöst werden, in weiter Ferne. Dies wird erst der Fall sein, wenn KIs dem menschlichen Verstand gleichkommen. Was Informatiker hierbei vergessen ist, dass auch sie selbst dann überflüssig sein werden.

    • 31.08.2015 15:22, WissMit

      Die Subsumtion ist alles, nur nicht logisch. Vom Abstrakten kann man eben nicht einfach aufs Konkrete "schließen". Es bedarf eines sog. "Elementarurteils". Und weil das so ist, wird es auch nie Subsumtionsautomaten geben.

      Um das am Beispiel des Artikels zu machen:
      Es ist zu kurz gedacht, wenn der Autor annimmt, so ein Smart Contract wickle sich quasi von alleine ab. Die meisten Verträge von heute, wickeln sich quasi von alleine ab. Interessant für die Juristen wird es doch erst im Konfliktfall. A zahlt seine Kreditrate nicht, Smartcontract, schaltet Auto aus. Das mag eine Sicherung darstellen, die den A unter Druck setzt, aber wer sagt denn, dass der A nicht bspw. wegen einer Aufrechnung die Zahlung verweigern durfte? Vielleicht ist das Auto auch mangelhaft?
      Und selbst wenn der Smartcontract das alles irgendwie vorhersehen will: Wer sagt denn, dass morgen nicht eine Situation eintritt, die vorher noch nicht dagewesen ist? Das Leben schreibt die besten Fälle, jeder Jurist weiß das. Und mit diesen unvorhersehbaren Ereignissen kann man nicht per Algorithmus umgehen. Selbst eine selbstlernende KI kann das nicht.

      Es tut mir leid das so zu sagen, aber für einen Großteil der Arbeit, die Anwälte, Ärzte und Architekten so den ganzen Tag machen, brauche ich weder Anwälte noch Ärzte noch Architekten. Das können auch ReFas, Pfleger und Maurer. Der Punkt an dem ich Anwälte, Ärzte und Architekten brauche, ist doch gerade der komplizierte Fall. Patient A hat Husten. Arzt B erkennt, dass es was schlimmeres als Grippe ist und veranlasst die entsprechenden Untersuchungen.

      Diese Subsumtionsleistungen (die im Grunde auch der Arzt erbringt; er subsummiert halt Symptome unter Krankheiten) können zwar in den meisten Fällen auch von Maschienen übernommen werden. Aber die möglichen Besonderheiten im einfachen Fall zu erkennen, dafür brauchen wir studiertes Personal. Und historisch betrachtet ist der Unterschied zwischen Studium und Lehre doch deshalb entstanden, weil eben eine grundsätzlich andere Geistesleistung erforderlich ist.

    • 03.09.2015 17:24, Florian Glatz

      Es geht bei der Blockchain gerade nicht um einen Subsumtionsautomaten, sondern um den Aufbau einer alternativen Eigentums- und Vertragsstruktur, parallel zu dem der etablierten Rechtssysteme. Der Grund weshalb dies, wenn auch utopisch, zumindest technisch möglich erscheint, ist dass eine Blockchain die Schaffung digitaler, rivalisierender Güter ermöglicht. Rivalisierend waren bislang nur körperliche Gegenstände, was die Urheberrechtsindustrie zu Zeiten Napsters auf die harte Tour lernen musste. Die Blockchain ist deshalb so etwas wie eine revolutionäre Erfindung...

  • 03.09.2015 17:21, Florian Glatz

    Danke für den interessanten Überblick. Mehr darüber zu lesen gibts hier https://medium.com/@heckerhut/whats-a-smart-contract-in-search-of-a-consensus-c268c830a8ad und auf www.blockchain.lawyer :-)

  • 03.09.2015 18:26, Dirk

    Ein Gedanke ist zu Ende gedacht, wenn er die schlimmstmögliche Wendung genommen hat. Denken wir die Anwendung doch mal weiter:

    Im Türschloss einer Mietwohnung sitzt so ein kleines, "anonymes digitales Protokoll", das registriert, dass der Mieter in einem Zeitraum, der sich über mehr als zwei Termine erstreckt, mit der Entrichtung der Miete in Höhe eines Betrages von mehr als zwei Monatsmieten erreicht, in Rückstand ist. Als pflichtbewusstes Protokoll verriegelt es das Schloss und veranlasst auch gleich die Kündigung des Mietvertrages. Alles gut damit?
    Nun steht der Mieter auf dem Treppenabsatz und überlegt sich, was er mit seinem Minderungs- und Zurückbehaltungsrecht, das er seit einem halben Jahr dem Vermieter gegenüber ausübt, da draußen vor der Tür wohl am besten anstellen könnte.

    Nichts jagt mir größeren Schrecken ein denn als hoffnungslos konservativer, technikaverser Jurist zu gelten. Dennoch: Wenn ich von einer solchen Entwicklung lese, die der Verfasser - aus meiner Sicht nicht zu unrecht als Dystopie bezeichnet -, bin ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob wir wirklich genug Juristen haben... (bitte, beim letzten Halbsatz die Satzzeichen für Ironie nicht überlesen).

    Etwas anderes mag für den Bereich der Tatsachenfeststellung gelten. Die Dokumentation eines Unfallablaufes durch ebenso humor- wie verständnislose Protokolle ohne nahe Angehörige (Wer fuhr wann aus welcher Richtung unbeleuchtet wie schnell und hatte Probleme, bei der Betätigung des Fahrtrichtungsanzeigers links und rechts zu unterscheiden?) im Gegensatz zur Dokumentation durch ein halbes Dutzend mehr oder weniger unbeteiligte, mehr oder weniger aufmerksame Zeugen - ja, das ist mal eine Utopie!

    • 08.10.2015 08:45, DeKa

      ;- Ist die Überschrift der eigentliche Witz?)

      Zumindest sollte ein(e) JuristIn gute Chancen haben, die Kant'sche Ethik nachvollziehen zu können.

  • 08.10.2015 08:57, DeKa

    Sorry wg. der Wdh., das sollte ein separater Kommentar werden:

    ;- Ist die Überschrift der eigentliche Witz?)

    Zumindest sollte ein(e) JuristIn gute Chancen haben, die Kant'sche Ethik nachvollziehen zu können.