Druckversion
Donnerstag, 18.06.2026, 08:21 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/feuilleton/f/ruth-bader-ginsberg-leben-fuer-gerechtigkeit-supreme-court-richterin-feministin-liberal
Fenster schließen
Artikel drucken
33163

Ruth Bader Ginsburg: Ikone der libe­ralen US-Justiz

von Dr. Christian Rath

12.01.2019

Supreme Court-Richterin Ruth Bader Ginsburg, 2016 in Washington

© picture alliance/ZUMA Press

Die amerikanische Supreme Court-Richterin Ruth Bader Ginsburg wird von US-Liberalen und -Feministinnen bewundert und verehrt. Derzeit läuft ein Film über sie sogar in deutschen Kinos. Christian Rath hat ihn gesehen.

Anzeige

"RBG - Ein Leben für die Gerechtigkeit" heißt der Film, der in Deutschland vor allem in Arthouse-Kinos zu sehen ist. RBG ist das Kürzel der heute 85-jährigen Ruth Bader Ginsburg. Sie ist derzeit die älteste Richterin am Supreme Court und will weitermachen, solange sie noch "voll unter Dampf" steht, wie sie sagt. Viele wünschen ihr lange Gesundheit, denn wenn sie aufhören würde, könnte Präsident Donald Trump einen konservativen Nachfolger für sie vorschlagen.

"RBG" ist kein Spielfilm, sondern eine Dokumentation von Ginsburgs Leben und ihrer juristischen Karriere. Sie kommt oft selbst zu Wort, noch mehr sprechen Zeitzeugen und Fans (meist sehr wohlwollend) über sie. Vereinzelt sind sogar Original-Audio-Aufnahmen aus Supreme Court Verhandlungen zu hören. Der Film läuft in Deutschland in der englischen Originalsprache mit deutschen Untertiteln.

Heldin der strategischen Prozessführung

Derzeit ist Ginsburg vor allem als Richterin bekannt. Der Film arbeitet aber gut heraus, dass sie in die Geschichtsbücher eher in ihrer Rolle als Prozessanwältin (Litigator) für Frauenrechte eingehen wird. Der Film ist daher auch ein interessanter Beleg dafür, was strategische Prozessführung bewirken kann.

In den 1970er-Jahren war Ginsburg als Rechtsprofessorin von der großen US-Bürgerrechtsorganisation ACLU beauftragt worden, im so genannten "women's rights project" die Gleichberechtigung der Frau im US-Recht durchzusetzen. Bis dahin gab es eine Vielzahl von Gesetzen, die auf den Mann als Ernährer der Familie abstellte und Frauen zu Bürgern zweiter Klasse machte. Unter Führung von Ginsburg führte die ACLU hunderte von Diskriminierungs-Prozessen, sechs davon auch am Supremce Court, von denen Ginsburg fünf gewann.

Wichtig war für Ginsburg dabei, Schritt für Schritt vorzugehen. Jeder gewonnene Prozess war Grundlage für weitere Klagen. Als besonders klug werteten Zeitzeugen, wie sie auch die Diskriminierung von Männern durch die gängigen Rollenbilder thematisierte. So vertrat sie im Supreme Court-Fall Weinberger vs. Wiesenfeld (Urt. v. 19. 3. 1975) einen jungen Witwer, der sich als Hausmann um den kleinen Sohn kümmerte und feststellen musste, dass bestimmte Sozialleistungen nur für Witwen zur Verfügung standen. Sie nahm den Witwer mit in den Gerichtssaal, damit sich die damals neun männlichen Supreme Court-Richter gut mit ihm identifizieren konnten. Den Fall gewann sie dann einstimmig.

Ginsburgs Tätigkeit als Litigator endete 1980, als Präsident Jimmy Carter sie zur Bundesrichterin am US Court of Appeals for the District of Columbia Circuit ernannte. 1993 folgte der nächste Karriereschritt zum Supreme Court. Diesmal war es Präsident Bill Clinton, der sie nominierte. Ihre Ernennung wurde auch von den Konservativen mitgetragen. Im US-Senat erhielt sie 93 von 96 Stimmen. Ginsburg galt damals als Moderate. Anfangs konnte sie am Supreme Court ihr Werk mit den Stimmen der Mehrheit fortsetzen, zu der auch gemäßigt-konservative Richter wie Sandra Day O'Connor zählten. So entschied der Supreme Court 1996, dass das staatliche Virginia Military Institute auch Frauen offen stehen muss (Urt. v. 26. 6. 1996).

Von der Dissenterin zum Popstar

Doch unter Präsident George W. Bush rückte der Supreme Court nach rechts. Kompromisse wurden schwieriger, Ginsburg fand sich immer häufiger in der Minderheit und schrieb Sondervoten. Im besten Fall wurden diese später von der Politik aufgegriffen, wie im Fall Ledbetter vs. Goodyear (Urt. v. 29. 5. 2007). Hier hatte Ginsburg 2007 argumentiert, dass Frauen gegen ungleiche Bezahlung oft deshalb nicht fristgerecht klagen können, weil sie gar nicht wissen, was ihre männlichen Kollegen verdienen. Am Supreme Court konnte sie sich damit nicht durchsetzen, doch der US-Kongress nahm ihr Anliegen 2009 im "Lilly Ledbetter Fair Pay Act" auf.

Die meisten ihrer Dissenting Opinions hatten aber keine vergleichbare Wirkung - obwohl diese zunehmend im Internet und den sozialen Netzwerken gefeiert wurden. In den vergangenen Jahren wurde Ginsburg so immer mehr zu einer popkulturellen Ikone der liberalen und feministischen Juristen. Hierzu gehört, dass ihr Kürzel RBG zu einem "Notorious RBG" erweitert wurde - eine Anspielung auf den Gangsta-Rapper "Notorious B.I.G.". Ginsburg, die ursprünglich eher scheu und spröde wirkte, hat inzwischen Spaß an ihrer Rolle als juristischer Popstar gefunden und verschenkt bei Gelegenheit selbst "Notorious RBG"-T-Shirts. Musikalisch bevorzugt sie aber die Oper und hat schon mehrere (Sprech)-Rollen in Opernaufführungen eingenommen.

Anzeige

Lungen-OP: Nach 25 Jahren die erste mündliche Verhandlung verpasst

Der RBG-Film identifiziert zwei Personen, die für den nachhaltigen Erfolg Ginsburgs verantwortlich sind. Zunächst natürlich Ginsburg selbst. Ihr werden neben intellektueller Brillanz auch großer Fleiß und eiserne Disziplin attestiert. Regelmäßige Nachtarbeit, wenig Schlaf und konsequentes Fitness-Training gehören für Ginsburg bis heute dazu. Als über 80-Jährige schaffte sie noch zwanzig Liegestütze. Im Dezember 2018 allerdings musste sie sich einer Lungenoperation im Krankenhaus unterziehen und verpasste nach 25 Jahren erstmals eine mündliche Verhandlung am Supreme Court.

Die zweite wichtige Person für Ginsburgs Karriere war ihr Mann Martin, den sie 1954 geheiratet hatte. "Er war der erste Mann, der sich auch für mein Gehirn interessierte", erinnert sich die Richterin. Er stellte später seine eigene Karriere als erfolgreicher Steuer-Anwalt zurück und zog mit ihr von New York nach Washington. Auch in der Erziehung und Betreuung der beiden Kinder engagierte er sich für die damalige Zeit ungewöhnlich stark. Die Frage, ob sich das Juristenpaar oft gegenseitig Ratschläge gibt, verneinte Martin Ginsburg selbstironisch: "Sie gibt mir keine Ratschläge beim Kochen. Und ich gebe ihr keine Ratschläge für die Rechtsprechung".

Wäre ein vergleichbarer Film auch über einen deutschen Verfassungsrichter möglich? Wohl eher nicht. Erstens werden in Deutschland für solche Positionen eher Teamplayer und keine Superhelden ausgesucht. Zweitens läuft der Nominierungsprozess in Deutschland eher diskret ab und nicht als politisches Spektakel wie in den USA, weshalb die BVerfG-Richter von Beginn an deutlich weniger bekannt sind. Drittens ist für deutsche Verfassungsrichter spätestens nach 12 Jahren Schluss. Das ist zwar eine relativ lange Periode. Die unbegrenzte Amtszeit eines Supreme Court-Richters aber gibt noch viel länger Gelegenheit, zum ikonischen Symbol zu werden.

"RBG - Ein Leben für die Gerichtigkeit" (Originaltitel: "RGB - Hero,
Icon, Dissenter."), 2018, 97 Minuten, Regie: Betsy West/Julie Cohen.

 

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Ruth Bader Ginsburg: . In: Legal Tribune Online, 12.01.2019 , https://www.lto.de/persistent/a_id/33163 (abgerufen am: 18.06.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Verwaltungsrecht
    • Ausland
    • Feminismus
    • Richter
    • Supreme Court
    • USA
Zwei traditionelle Dhaus segeln am Freitag, dem 19. Mai 2023, an einem großen Containerschiff in der Straße von Hormus vorbei. 15.06.2026
Krieg

Verhandlungen über Kriegsende:

USA und Iran einigen sich auf Deal

Die USA und der Iran haben sich auf ein vorläufiges Abkommen geeinigt, es soll am Freitag unterzeichnet werden. Danach soll auch die Straße von Hormus geöffnet werden. Entscheidende Fragen bleiben aber noch offen, etwa zum Atomprogramm.

Artikel lesen
Philip von der Meden als Siluette von einem Fenster im Gerichtssaal 13.06.2026
Christina Block

Block-Prozess Tag 55:

"Die Gerichts­sprache ist Deutsch, das denke ich mir nicht aus"

Am 55. Tag beginnen die mit Spannung erwarteten Erklärungen der Verteidiger zur Befragung Keren T.s, die unter dem Decknamen "Olga" eine Schlüsselrolle gespielt haben soll. Für Nebenklagevertreter von der Meden wird es kein angenehmer Tag.

Artikel lesen
Block-Prozess-Vorsitzende Isabel Hildebrandt 12.06.2026
Christina Block

Block-Prozess Tag 54:

"Brau­chen Sie eine Pause, um ein Ableh­nungs­ge­such zu for­mu­lieren?"

Die Befragung von Christina Blocks Psychologen R. zieht sich so in die Länge, dass es ordentlich zwischen Block-Verteidiger Bott und der Vorsitzenden Richterin Hildebrandt kracht. Die Erklärungen zu "Olgas" Befragung werden daher verschoben.

Artikel lesen
Isabelle Biallaß 12.06.2026
Most Wanted

Köpfe:

LTO Most Wanted mit Isa­belle Biallaß

"Recht und Gerechtigkeit sind sehr unterschiedlich.", sagt Isabelle Biallaß. Die Richterin erzählt von einem Freispruch, der sie geprägt hat, sieht Änderungsbedarf bei § 130c ZPO und verrät, wann es auch im Urlaub nicht ohne Jura geht.

Artikel lesen
Gebäude des Bundesgerichtshofs 10.06.2026
Richter

Zukünftige BGH-Präsidentin:

Grünes Licht für Karin Angerer

Die designierte BGH-Präsidentin Karin Angerer wurde im Richterwahlausschuss zunächst zur Bundesrichterin gewählt, die Ernennung zur Präsidentin wird in einigen Wochen folgen. Das BVerwG muss derweil noch auf seinen neuen Präsidenten warten.

Artikel lesen
Oberstaatsanwalt Thomas Hausburger, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Gießen 09.06.2026
Strafprozess

Prozessauftakt in Fulda:

Richter soll Probe­rich­terin sexuell beläs­tigt haben

Ein 56-jähriger Richter aus dem Gerichtsbezirk Kassel soll eine Proberichterin mehrfach an Po und an ihre Brüste gefasst und mit schlechten Beurteilungen gedroht haben. Er will nicht gewusst haben, dass sie sich unwohl gefühlt hat.

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Hogan Lovells International LLP
Rechts­an­wäl­tin/Rechts­an­walt (w/m/d) Real Es­ta­te

Hogan Lovells International LLP, Ham­burg

Logo von Wirtz & Kraneis Rechtsanwälte Partnerschaft mbB
Rechts­an­walt (m/w/d) für All­ge­mei­nes Zi­vil­recht / Ver­kehrs­recht /...

Wirtz & Kraneis Rechtsanwälte Partnerschaft mbB, Köln

Logo von FPS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH & Co. KG
Rechts­an­walt (m/w/d) Öf­f­ent­li­ches Bau­recht in Voll- oder Teil­zeit,...

FPS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH & Co. KG, Ber­lin

Logo von ARVANTAGE
As­so­cia­te (m/w/d) Ar­beits­recht

ARVANTAGE, Ber­lin

Logo von Becker Büttner Held
Rechts­an­walt (m/w/d) Ar­beits­recht in Mün­chen

Becker Büttner Held, Mün­chen

Logo von BLD Bach Langheid Dallmayr Rechtsanwälte Partnerschaftsgesellschaft mbB
RECHTS­AN­WALT (W/M/D) FÜR VER­KEHRS­RECHT

BLD Bach Langheid Dallmayr Rechtsanwälte Partnerschaftsgesellschaft mbB, Mün­chen

Logo von Hogan Lovells International LLP
Rechts­an­wäl­tin/Rechts­an­walt (w/m/d) St­ra­te­gic Ope­ra­ti­ons, Ag­ree­ments and...

Hogan Lovells International LLP, Mün­chen und 1 wei­te­re

Logo von Aulinger Rechtsanwälte und Notare
Rechts­an­walt (m/w/d) für Ar­beits­recht

Aulinger Rechtsanwälte und Notare, Bochum

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Taktik und Stolperfallen im familiengerichtlichen Verfahren – Update Verfahrensrecht

25.06.2026

Der Wohnraummietvertrag – verkanntes Instrument zur Durchsetzung von Interessen

25.06.2026

RVG 2026: Abrechnung in Mietsachen – Gebührenpotentiale nutzen!

25.06.2026

Geldwäsche und Compliance – Herausforderungen für Anwälte

25.06.2026

Aktuelle Rechtsprechung des II. Zivilsenats des BGH zum Recht der Personen- & Kapitalgesellschaften

25.06.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH