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Rezension: Das Leben spielt auf der Ankla­ge­bank

von Alexander Rupflin

16.02.2019

Die Gerichtsreportage legt offen, wie Mensch und Justiz funktionieren. Zuletzt aber führte sie im Journalismus ein Schattendasein. Nun zeigt eine ehemalige Schauspielerin, wieso die Gattung gepflegt werden sollte. Von Alexander Rupflin

Unter Journalisten wurde der Gerichtsreporter lange Zeit belächelt. Da setzt sich jemand ein paar Stunden in einen Raum, hört zu, schreibt mit und fasst daraufhin schlicht zusammen, was verhandelt worden ist. Was für eine Bequemlichkeit. Der Gerichtsreporter, so der Vorwurf, ist der Stubenhocker unter den Journalisten.

(c) Jens Ihnken

In den 20er Jahren allerdings erhob ein gewisser Paul Schlesinger, der unter dem Kürzel "Sling" schrieb, diese Tätigkeit zur Kunstform. Sling versah Mörder, Vergewaltiger und Diebe in seinen Berichten mit einer Biografie. Mit seinen Sätzen gab er den Tätern ein Antlitz: "Das Schicksal schenkte ihm eine schlanke Gestalt, ein hübsches Gesicht mit zärtlichen grauen Augen, eine bewegliche Intelligenz und außerdem noch den herrlichen Namen Brokat. Das war zu viel auf einmal und musste schiefgehen."

Durch Sling gedieh die Gerichtsreportage zu einer Gattung, die Lesern nicht nur eine grausame Tat beschreibt. Auch die Menschen, ihre Schicksale und wie unser Rechtssystem mit ihnen umgeht, machte er verständlich: Wer die Tat begreifen will, muss den Täter verstehen.

Slings Methode, hinter die Masken des vermeintlich schlicht Bösen zu blicken, fand bald ihre Nachahmer. Zu den bekanntesten gehören sicherlich Gerhard Mauz, der 2003 verstarb, und Gisela Friedrichsen, die heute noch für den Spiegel arbeitet. In den vergangenen Jahren hat die Gerichtsreportage jedoch an Auflage eingebüßt - obwohl sie laut Leserumfragen zu den beliebtesten Zeitungsartikeln gehört. Doch kaum eine Zeitung leistet sich heute noch einen fest angestellten Gerichtsreporter, der mehrere Sitzungstage im Gericht verbringt. Und für freie Journalisten ist das häufig finanzieller Selbstmord.

Gerichtsreportagen in Buchform

Die ehemalige Schauspielerin Raquel Erdtmann tut es trotzdem. Seit 2016 schreibt sie für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung aus dem Frankfurter Strafgericht. Sie erzählte vom alkoholkranken Bankanalysten, der den eigenen Vater mit der Axt erschlägt, von afghanischen Schlägern oder einem psychisch kranken Mann, mit nationalistischen Weltordnungsphantasien, der Eltern und Schwester töten möchte. Wenn Erdtmann dabei diesen Leuten durch ihre Beobachtungen näher kommt, klingt das so:

"Niemand bemerkt, dass sein Geist über die Jahre immer tiefer in einen finstern Wald spaziert, bis er so tief ins Dickicht gerät, dass kein Weg zurück mehr zu finden ist." So dicht ist sie dran. Unter dem Titel "Und ich würde es wieder tun" sind Erdtmanns Reportagen nun als Buch erschienen.

In den darin gesammelten Artikeln hält sich die Autorin mit ihren Beschreibungen meist zurück. Bleibt nüchtern und sachlich, was stellenweise ins Lakonische driftet und den Texten eine aufrechte Melancholie verleiht. Dabei darf der Leser zusammen mit der Autorin versuchen, hinter die Fassaden der Beteiligten zu blicken.

In die Rolle des Täters schlüpfen

Zum Glück nur selten verfällt Erdtmann dem Reiz, uns ihre eigene Lesart aufzudrängen: "Hoffnungslosigkeit kriecht durch den Saal, bleischwer." Woher die Hoffnungslosigkeit? Und warum ist diese gleich bleischwer? Diese wahren Schicksalsgeschichten haben solche Behauptungen nicht nötig. Dafür ist Erdtmann zu befasst mit den Menschen, über die sie schreibt. Dafür ist das, um was es geht, zu echt. Im Gespräch mit LTO verrät sie, wie ihr diese Unmittelbarkeit gelingt:

"Ob jemanden die Unwahrheit sagt, das hört man oft schon an der Stimme, sieht es, in der Art, sich zu bewegen. Und dafür nützt mir meine Schauspielausbildung.

"Sie spielen die Täter und Zeugen am Schreibtisch nach?"

"Tatsächlich ertappe ich mich manchmal dabei, Haltung und Tonfall nachzuahmen, wenn ich mir nicht sicher bin, in welcher inneren Verfassung jemand möglicherweise war.

"Gibt es etwas, was Sie dabei immer wieder feststellen?"

"Ich glaube, es gibt nur sehr wenige Menschen, denen es gelingt, über die Wochen einer Hauptverhandlung die Fassade aufrecht zu erhalten."

"Und als Reporterin versuchen Sie, hinter diese zu blicken?"

"Möglichst ohne dabei zu werten. Obwohl mir natürlich klar ist, dass es Objektivität nicht gibt. Aber der Blick hinter die Fassade ist das Spannende an der Arbeit."

Mit auffallend langen Zitaten, manche reichen über eine halbe Seite, belegt Erdtmann immer wieder den Eindruck, den ihre Beschreibungen vermitteln. Das schafft Authentizität. Mal lernt der Leser, welche Situationen und Motive uns dazu bewegen, Grenzen zu überschreiten. Oder, mindestens ebenso aufschlussreich, wie die tägliche Gerichtsarbeit abläuft. Wie viele Zeugen, Sachverständige, Gutachter, Angehörige geladen werden, um nicht nur die Tat zu rekonstruieren, sondern auch die Lebensumstände, aus denen heraus jemand die falsche Entscheidung getroffen hat.

Plötzlich wird deutlich, warum nicht jeder Totschlag fünfzehn Jahre Haft bedeutet. Man muss die Umstände kennen, die in der Gerichtsberichterstattung zu oft vernachlässigt werden.

Wie viel Detailtreue muss sein?

Um dem Leser diese Verstrickungen zu verdeutlichen, schreckt die Autorin nicht vor unangenehmer Detailtreue zurück. Etwa gleich im zweiten beschriebenen Prozess, in dem ein junger Mann ein sich küssendes Pärchen, scheinbar ohne Grund, mit dem Auto umfährt und die Frau über mehrere hundert Meter hinweg mitschleift: "Der Wagen überrollt sie. Ihr rechtes Bein wickelt sich dabei um die Vorderachse. Pascal fährt mit ungebremster Geschwindigkeit weiter. Seine Freunde schreien auf […] Katrins rechtes Bein ragt aus dem rechten vorderen Radkasten. Es zuckt noch unwillkürlich."

Muss das so explizit sein? Im Zeitungsartikel sicherlich. Der Tat liegt ein nachrichtlicher Wert zugrunde. Aber im Buch, in dem der Unterhaltungswert dem Informellen überwiegt? Hier besteht die Gefahr, dass solche Beschreibungen voyeuristischer anmuten, als es der Autorin lieb sein kann. Eine Gratwanderung. Auf der anderen Seite ist es notwendig, ungeschönt zu zeigen, welche Fälle die Justiz beschäftigen und wie Richter mit diesen umgehen, nicht wahr, Frau Erdtmann?

"Es ist wichtig, dass die Menschen Einblick bekommen in das, was im Gerichtssaal vor sich geht. Auch, um Vertrauen zu haben, in diese Institutionen. Die Leute sollen sehen: Hier wird sich an die Spielregeln gehalten. Wir haben einen Rechtsstaat. Ich will vermitteln, dass Prozesse in der Regel ein sehr seriöses und aufwendig betriebenes Verfahren sind."

"Trotzdem wählen Gerichtsreporter immer wieder besonders spektakuläre Fälle, über die sie berichten."

"Ich schreibe auch über kleine Fälle am Amtsgericht."

"Aber die Tötungsgeschichten überwiegen. Verfälscht sowas nicht das gesellschaftliche Bild? Die Kriminalstatistiken zeigen, dass die Zahl der Gewaltverbrechen gesunken ist."

"Naja, man muss schon sagen, dass diese merkwürdigen Statistiken ..."

"Wie die Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik zustande kommen, ist relativ transparent. 2007 gab es noch 218000 Fälle von Gewaltkriminalität. Zehn Jahre später waren es nur noch etwa 189000; mit zugegeben wieder steigender Tendenz."

"Ich glaube, dass die Zunahme von gewissen Formen von Gewaltverbrechen nicht nur ein subjektives Gefühl ist."

So oder so: Die von Erdtmann beschriebenen Fälle sind bestimmt nicht typisch für das Alltagsgeschäft in deutschen Gerichtssälen. Sie sind weit weg von kriminologischen Untersuchungen. Aber das wollen sie auch nicht sein. Die Allgemeingültigkeit der Texte steckt tiefer. In der Tatsache, dass niemand von uns vor Talfahrten, Knicken in Lebensläufen oder den eigenen Abgründen gefeit ist.

Es geht nicht um die einseitige Frage "Ist der Angeklagte schuldig?", sondern ums "Warum?". Die Antworten darauf sind vielschichtig und nicht immer eindeutig. Aber dem liegt die beinahe literarische Qualität dieser Reportagen zugrunde, weswegen sie nun zurecht noch einmal in Buchform erscheinen.

Raquel Erdtmann: "Und ich würde es wieder tun"; S. Fischer, 256 Seiten, 14,99 Euro

Alexander Rupflin ist freiberuflicher Autor, Reporter und Jurist. Auf Twitter unter @Rup_Alex .

Zitiervorschlag

Rezension: Das Leben spielt auf der Anklagebank . In: Legal Tribune Online, 16.02.2019 , https://www.lto.de/persistent/a_id/33877/ (abgerufen am: 26.06.2019 )

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