Druckversion
Samstag, 17.10.2026, 01:52 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/feuilleton/f/rechtshistorisches-pferdebraten-lebensmittelrecht-gesetze-tierfleisch
Fenster schließen
Artikel drucken
8213

Rechtshistorisches zum Pferdebraten: Nur für Waldi und Cheetah ging der Ofen aus

von Martin Rath

24.02.2013

Hackfleisch

© M. Schuppich - Fotolia.com

Ob die Pferdeliebhaber die Gleichberechtigung von Klepper und Kläffer verlangen sollten? Aus gegebenem Anlass galoppiert Martin Rath durch die Geschichte des Pferdefleischrechts. Und muss am Ende Bundeskanzler Kohl dafür loben, dass seine Regierung einen Rechtszustand hergestellt hat, der dem Propheten Mose noch selbstverständlich war.

Anzeige

Über dem Pferd als Gegenstand des Lebensmittelrechts liegt ein rechtshistorischer Schatten. Auskünfte von Historikern des 19. Jahrhunderts sind gerne von einiger Phantasie kontaminiert. So schoben katholische und evangelische Geschichtskundige beispielsweise der jeweils anderen Konfession die Verantwortung für die Hexenverfolgung zu. Ganz frei davon ist die Geschichte vom Pferd auch nicht. Es findet sich viel historische Kolportage.

Daher kommt man kaum schlüssig zu einer Antwort auf die Frage, warum hierzulande vergleichsweise wenig Pferdefleisch verzehrt wird. Fragt man nach dem normativen Einschlag, vergaloppiert man sich leicht.

Pferdebraten mit heidnischem Geruch

Zur Erklärung wird ungefähr diese lustige Geschichte kolportiert.

Als der heilige Bonifatius im 7. Jahrhundert durchs noch nicht so genannte Deutschland zog, um die Germanen von den Bäumen zu schütteln, auf denen diese seinerzeit wohnten, auf dass sie brave Katholiken würden, da hatte der Missionar auch die dienstliche Weisung des Papstes im Gepäck, den hiesigen Heiden nebst ihren Göttern auch das Pferdefleischessen auszutreiben.

Bis dahin sollen die Germanen (wie auch die benachbarten Slawen, eigentlich eine Mischpoche) keine Speisegesetze gekannt haben. Sie aßen alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war, und reservierten ihren Göttern das Pferd als Opfertier. "Reservierung" ist weit auszulegen: Traditionell war man gut zu sich selbst, ein Stück Pferdebraten blieb für den Menschen vermutlich übrig, sobald der Opferhunger der Götter gestillt war.

Auch wenn frühere Historiker gern so taten, als seien sie dabei gewesen, weiß man das alles nicht so genau. Festhalten darf man wohl, dass über dem Pferdebraten ein heidnischer Geruch hing, gegen den die römische Kirche – als eine der älteren Rechtsquellen in unseren geographischen Breiten – jüdisch-christliche Speisegesetze in Front gebracht haben soll.

Unklarheit zwischen Karl dem Großen und Wilhelm II.

Archäologische Knochenfunde lassen Schlüsse auf Wirtschaftsgeschichte zu. Was flächendeckend getan wurde, war wohl auch legal. Sicher ist man aber nicht: In ihrer tiermedizinischen Dissertation "Die Entwicklung der Pferdeschlachtung und des Pferdefleischkonsums in Deutschland unter Berücksichtigung der gesetzlichen Änderungen" (München 2006) gibt Agnes Ulrike Gudehus an, dass in vorchristlicher Zeit beispielsweise in der Gegend des heutigen Bremerhavens rund "30 Prozent der Pferde zweijährig und jünger zu Ernährungszwecken getötet" worden seien.

Zur Unterdrückung des heidnischen Opferbetriebes – das Pferdefilet für den Ofen, die Knochen vom Gaul den Göttern – habe unter anderem Papst Gregor III. (im Amt 731-741 n. Chr.) eine der ersten, wenn nicht überhaupt die erste lebensmittelrechtliche Norm deutscher Lande erlassen: Pferdefleisch soll nicht gegessen werden. Der wohl aus Syrien stammende Bischof von Rom mag dafür seine normative Stütze im Mosaischen Gesetz gefunden haben. Aus 3. Mose 11 und 5. Mose 14 (m.w.N.) folgen bis heute die elaborierten jüdischen Speisegebote. Pferdefleisch ist nicht koscher, weil es unter 3. Mose 11 zu subsumieren ist: "Darum alles Tier, das Klauen hat und spaltet sie nicht und wiederkäuet nicht, das soll euch unrein sein; wer es anrühret, wird unrein sein."

Dass sich aus dem päpstlichen Norm-Import aus dem tiefen Orient ins heidnische Germanien eine jahrhundertelange Abscheu vor dem Pferdefleischkonsum ergeben haben soll, das sieht nach einer frommen Legende aus. Schließlich erklärte schon das frühe Christentum, Generationen vor Papst Gregor, die jüdischen Speisegebote für nichtig, ja sogar ketzerisch.

Plausibler scheint die "materialistische" Erklärung: Alle großen Städte des Mittelalters waren nah ans Wasser gebaut. Dem Hausgesinde wurde deshalb vielerorts Lachs aus der Flussfischerei vorgesetzt, bis es keinen Fisch mehr sehen konnte. Für Proteinversorgung war jedenfalls gesorgt. Zähes Pferdefleisch, die Tiere wurden ja in erster Linie für lebenslanges Arbeiten gehalten, dürfte eher nicht die Alternative der Wahl gewesen sein.

Auf dem flachen Land wird der Ritter die Vorfahren des heutigen Polizeipferdes, also diese Machtdemonstration aus großem Tier und bewaffnetem Reiter, weder dem Bauern zum Fraß gegeben noch selbst gegessen haben. Der Adel pflegte Wild zu jagen.

Anzeige
Seite 1/2
  • Seite 1:

    Die Germanen waren gut zu sich

  • Seite 2:

    Justizvollzugsbeamte, andere Unwürdige und Helmuth Kohl

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Martin Rath, Rechtshistorisches zum Pferdebraten: . In: Legal Tribune Online, 24.02.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/8213 (abgerufen am: 17.10.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Rechtsgeschichte
Eine Kuh schaut aus einem Stallfenster 11.10.2026
Rechtsgeschichte

Staatlicher Zugriff auf Kuh und Schwein:

Was den Bauern Recht war, gefiel den Baronen gar nicht

Der Staat griff im 20. Jahrhundert wiederholt tief in die Eigentumsverhältnisse der Deutschen ein. Während es beim Grundeigentum skandalisiert wird, ertrugen die Landwirte den Zugriff aufs Vieh zähneknirschend oder hinterlistig.
 

Artikel lesen
Alter Briefkasten, aus Metall, der Bundespost, mit Posthorn. 13.09.2026
Post

Briefzustellung auf eigene Faust?:

Post­mo­nopol, mit harten Ban­dagen erkämpft

Die Umbenennung der Post in "DHL" wurde ohne viel Aufsehen vollzogen. Das wundert nicht nur mit Blick auf historische Kämpfe um die Post. Der Streit, wie eine demokratische Republik ihre Massenmedien organisieren will, ist noch zu führen.

Artikel lesen
Carsten Brosda (SPD), Senator für Kultur und Medien, spricht während der Sitzung der Hamburgischen Bürgerschaft im Rathaus. 06.09.2026
Rechtsgeschichte

Abgeordnetenrechte:

Vom Charme des bei­nahe impe­ra­tiven Man­dats

Ist die Abhängigkeit der Abgeordneten von ihren Parteien ein Problem oder zwingende Konsequenz der modernen Demokratie und ihres Wahlrechts? Ein gewitzter Jurist aus Hamburg fand 1926 eine schmerzhaft realistische Antwort.

Artikel lesen
Ein Mann in Uniform trinkt Bier, im Vordergrund sein Schützenhut 23.08.2026
Föderalismus

Briten schaffen "Nordrhein/Westfalen":

Wie ein sau­er­län­di­scher Schüt­zen­ve­rein sein Fest­zelt verlor

Auf Anordnung der britischen Besatzungsmacht entstanden zum 23. August 1946 drei neue Länder, darunter "Nordrhein/Westfalen". Im strikt geordneten Deutschland sorgte das für viel Wirrwarr, denn Eigentum wie Zuständigkeiten gingen verloren.

Artikel lesen
Ein Mann schaut mit verkniffenen Augen in die Kamera, seine Lippen deuten ein Lächeln an 09.08.2026
Kultur

Rechtsgeschichte:

Juristen und die Zuver­sicht

In Deutschland wird gern gemeckert, egal ob am Stammtisch oder beim Smalltalk. In Deutschland haben aber auch Gerichte schon mehrfach entschieden, wie man Zuversicht säen, steuern und stärken kann. Vielleicht liegt darin ja eine Lösung?

Artikel lesen
Der Hinweis "Zum Luftschutzraum" ist an der Wand einer Kellertreppe angebracht. 02.08.2026
Rechtsgeschichte

Luftschutzräume in der Rechtsprechung:

Wer Bunker mag, sollte in die Schweiz aus­wan­dern

Während man sich in Westdeutschland noch mit der Beseitigung alter Bunker befasste, begann die Schweiz in den 1960er Jahren, sie flächendeckend zu bauen. Die Gründe dafür liegen auch im juristischen Untergrund verborgen.

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von PwC Legal AG
Rechts­an­walt / Voll­ju­rist Ver­trags­recht und Risk Ma­na­ge­ment (w/m/d)

PwC Legal AG, Ber­lin

Logo von ENCAVIS Management GmbH GmbH & Co. KG
Com­p­li­an­ce Man­ger / Bu­si­ness La­wy­er (m/f/d) in Re­ne­wab­le En­er­gies

ENCAVIS Management GmbH GmbH & Co. KG, Ham­burg

Logo von Hogan Lovells Cadwalader International LLP
HLC Next­Gen – In­sight and Im­pact: Prak­ti­kan­ten­pro­gramm Früh­jahr 2027

Hogan Lovells Cadwalader International LLP, Düs­sel­dorf

Logo von Breyer Rechtsanwälte
Rechts­an­walt (m/w/d) für die Be­rei­che pri­va­tes Bau- und Ar­chi­tek­ten­recht,...

Breyer Rechtsanwälte, Stutt­gart

Logo von PwC Legal AG
Rechts­an­walt / Voll­ju­rist Ver­trags­recht und Risk Ma­na­ge­ment (w/m/d)

PwC Legal AG, Köln

Logo von PwC Legal AG
Rechts­an­walt / Voll­ju­rist Ver­trags­recht und Risk Ma­na­ge­ment (w/m/d)

PwC Legal AG, Bie­le­feld

Logo von McDermott Will & Schulte
Le­gal Spring 2027 – Das Prak­ti­kan­ten­pro­gramm

McDermott Will & Schulte, Düs­sel­dorf und 3 wei­te­re

Logo von Hogan Lovells Cadwalader International LLP
HLC Next­Gen – In­sight and Im­pact: Prak­ti­kan­ten­pro­gramm Früh­jahr 2027

Hogan Lovells Cadwalader International LLP, Frank­furt am Main

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Jura ohne Fragezeichen - Kostenlose Fragerunde für Studierende

28.10.2026

Kompass Rechtsschutzversicherung, Teil 2: Versicherungsfall und Obliegenheiten

26.10.2026

Das notarielle Nachlassverzeichnis – Sonderfragen

26.10.2026

Fit fürs Notariat – Modul 2

26.10.2026

Logo von Deutscher Anwaltverein
DAV Associate Summit – Talks & Drinks

27.10.2026, Frankfurt am Main

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH