Mythen der Rechtspolitik: Die Trümmerfrau war ein Mann

von Martin Rath

12.10.2014

Die Trümmerfrau (m/w) hat etwas vom "Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand". Sie ist eine Forrest-Gump-Figur auch der juristischen Fachliteratur, die durch einige Jahrzehnte wild bewegter staats-, straf- und sozialrechtlicher Zeiten führen könnte, würde sie nicht langsam aus der Wahrnehmung verschwinden. Eine Fährtenlese von Martin Rath.

Die Pro-Kopf-Menge an Trümmern wurde in Deutschland erst seit 1947 seriös, also von Amts wegen geschätzt, einfach, weil es so viel davon gab und man auch Besseres zu tun hatte. In Berlin, wo schon damals gern mit absoluten statt mit aussagekräftigen Zahlen gewuchert wurde, sollen insgesamt 55 Millionen Kubikmeter Schutt existiert haben, was auf eine Kubikmetermenge von 12,7 pro Einwohner umgelegt wurde – nichts gegen Dresden mit 39,7 oder Frankfurt am Main mit 21,1 Kubikmetern Schutt pro Kopf. Dies war die Hinterlassenschaft des Bombenkriegs sowie der artilleristischen Bemühungen im Zuge der alliierten Landnahme 1944/45.

Weggeräumt haben diesen Schutt Frauen mit Kopftüchern, die damals nicht als religiöser Schutzzauber gegen die vom einschlägigen Kult befürchtete männliche Triebhaftigkeit verstanden wurden, sondern höchstens als Bekenntnis zum Glaubenssatz, dass mit weiblichem Fleiß aufgeräumt werden müsse, was männliches Kriegsspiel an Unordnung in der Landschaft hinterlassen hatte. Die "Trümmerfrau" wurde in den 1950er-Jahren in den Massenmedien groß. Ihre juristische Geburtsstunde erlebte sie – allerdings in männlicher Gestalt – aber schon früher, wahrscheinlich 1938. Als Figur juristischer und rechtspolitischer Rhetorik kam sie – nunmehr als Frau – seit den 1980er-Jahren wieder groß heraus.

Trümmerfrau, juristisch ein Mann

Wegen der "Schwere der Arbeit und wegen der damit verbundenen sittlich-sanitären Gefahren" sahen schon die sozialdemokratischen Gewerkschaften des Kaiserreichs Frauen ungern im Bereich von Baustellen. 1938 verbot der NS-Gesetzgeber ihre Beschäftigung im Baugewerbe ausdrücklich, was 1952 bekräftigt und noch 1990 von einer BSE-Gewerkschaftsfrauen-Konferenz für gut befunden wurde (BSE: Bau, Steine, Erden). Erst seit 1980 dürfen Frauen als Malerinnen oder Glaserinnen auf dem Bau arbeiten, das allgemeine Arbeitsverbot im Bauhauptgewerbe endete erst 1994. Ein Blick auf diese Rechtslage erhöht die Medienkenntnis: In der Regel waren es damals Männer, so früh wie möglich mit Maschineneinsatz, die Millionen Tonnen Schutt bewegten. Natürlich stürzten sich Foto-Journalisten auf das weniger reguläre Bild, das die Frauen mit dem Kopftuch abgaben.

Dass die Trümmerfrau statistisch betrachtet ganz überwiegend ein Mann mit Maschine war, zählt zu den Einsichten, welche Leonie Treber in ihrer Dissertation an der Universität Duisburg-Essen gesammelt hat. Die Schrift ist nun unter dem Titel "Mythos Trümmerfrau" einem weiteren Publikum zugänglich. Im juristischen Schrifttum geistert der Trümmermensch hingegen überwiegend in weiblicher Gestalt herum. Darauf wird noch zu kommen sein.

Trümmerfrau, juristische Forrest-Gump-Figur

Würde das juristische Wissen hierzulande mehr in erzählerischer, weniger in Form von Prüfungsschemata vermittelt, böte es sich wohl an, die Trümmerfrau (m/w) zum rechtswissenschaftlichen Gegenstück von Forrest Gump zu machen: eine Figur, die in den unmöglichsten Situationen auftaucht und dabei irgendetwas erklären kann. Beispielsweise das gesetzgeberische Durcheinander im NS-Staat, das der Jurist und Politikwissenschaftler Franz Neumann (1900-1954) in seinem Werk "Behemot" als Gesetzlosigkeit in normativen Formen beschrieb. Aus der Bauwirtschaft – und damit dem Enttrümmerungswesen – entfernt wurden Frauen noch durch eine geordnete, leicht auffindbare Norm: § 16 Abs. 2 der Arbeitszeitordnung vom 30. April 1938 schrieb vor: "Weibliche Gefolgschaftsmitglieder dürfen ferner nicht … mit der Beförderung von Roh- und Werkstoffen bei Bauten aller Art beschäftigt werden". Das Verbot ließ sich nach Absatz 3 auch auf alle weiteren Tätigkeiten der Bauwirtschaft ausdehnen (RGBl. I, S. 447-452).

Im Erlass kriegsbedingter Regelungen zum Trümmerräumen taten sich unterschiedliche Protagonisten des NS-Staats hervor. Fritz Todt, seit 1940 Reichsminister für Bewaffnung und Munition, erließ eine Anordnung zur Eingliederung des Bauwesens in den Luftschutz, inklusive Enttrümmerung. Damit waren Frauen aus der systematischen Trümmerbeseitigung ausgeschlossen. An der Normsetzung beteiligt waren – mit teils widersprüchlichen Vorschriften – die Minister Hermann Göring, Heinrich Himmler, Walther Funk sowie der sogenannte Reichshandwerksmeister, ein NS-Politiker namens Ferdinand Schramm. Zwangsarbeiterinnen und KZ-Sklavinnen wurden in den letzten Kriegsmonaten zur Blindgänger- und Trümmerbeseitigung genötigt. Gewöhnliche deutsche Frauen blieben, des normativen Ansatzes wegen, grundsätzlich außen vor.

Zitiervorschlag

Martin Rath, Mythen der Rechtspolitik: Die Trümmerfrau war ein Mann . In: Legal Tribune Online, 12.10.2014 , https://www.lto.de/persistent/a_id/13457/ (abgerufen am: 23.01.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 12.10.2014 11:21, iurisHH

    "...die damals nicht als religiöser Schutzzauber gegen die vom einschlägigen Kult befürchtete männliche Triebhaftigkeit verstanden wurden..."

    Der Islam wird hier also als Kult bezeichnet und das Kopftuch als Schutzzauber (sprich Unsinn) abgetan. Warum wird hier der Islam völlig zusammenhanglos ins Spiel gebracht und diffamiert? Soll das ein geistreicher Artikel zum Sonntag sein? Lächerlich.

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    • 12.10.2014 13:09, Lex Superior

      Beim Lesen ging mir das Gleiche durch den Kopf! Schön gesagt,lächerlich!

    • 13.10.2014 16:04, Silux

      Angesichts der ansonsten sehr ausgewogenen und korrekten Texte Raths, würde ich über die als anstößig empfundene Passage zweimal nachdenken, ehe ich mich dem Reflexbeißen hingebe.

      Im vollen Kontext zitiert, scheint sie mir - bewusst - mehrdeutig:
      Der zweite Halbsatz ("[...] sondern höchstens als Bekenntnis zum Glaubenssatz, dass mit weiblichem Fleiß aufgeräumt werden müsse, was männliches Kriegsspiel an Unordnung in der Landschaft hinterlassen hatte.") spricht schon gegen eine sexistische Deutung dieser Passage, sondern hebt viel mehr einen historisch belegbaren Fakt hervor: Es gab in nahezu allen (nicht matriachalischen) Gesellschaften der Menschheitsgeschichte weniger weibliche Verursacher von Gewalt und Zerstörung, als Frauen die sich an der Folgenbeseitigung später beteiligt haben. Die Unordnung durch "mänliche[s] Kriegsspiel" ist vor dem Hintergrund aktueller Gräuel des IS auch zwanglos als (berechtigte) Gesellschaftskritik zu verstehen. Und zwar nicht gegenüber dem Islam als solchen, wie die Kommentare suggerieren, sondern gegenüber einer fanatischen Auslegung einer Religion.

      Aber auch am ersten Halbsatz ("die damals nicht als religiöser Schutzzauber gegen die vom einschlägigen Kult befürchtete männliche Triebhaftigkeit verstanden wurden") vermag ich nicht Anstoß zu nehmen.
      Zum einen spricht er die Hybris an, die dem Argument des Schutzes vor Triebhaftigkeit innewohnt: Wer als Verfechter des Kopftuchs oder des Vollschleiers (als Mann) die Triebhaftigkeit der Männer anführt, verortet das Problem bei sich selbst, legt die Lösung aber den Frauen auf. Das ist bigott. Vor allem aber, lässt sich der Kommentar auch so verstehen, dass er eine solcherart vereinfachte (um nicht zu sagen: unwürdig oberflächliche) Behandlung des Themas Kopftuch / Vollschleier / Religionsfreiheit kritisiert. Und wenn wir uns einmal den medialen Umgang mit dem Thema anschauen (von der französischen Politik ganz zu schweigen), dann ist eine (auch überzeichnete) Kritik mehr als angebracht.

      Angesichts der Mehrdeutigkeit Raths Kommentars neige ich zumindest eher dazu, darin eine Realsatire zu sehen. Legt man die bisherigen Reaktionen zugrunde: eine notwendige noch dazu.

  • 16.10.2014 15:02, Christoph Smets

    @Silux: Reflexbeißen ist ein sehr schöner Ausdruck. Ich frage mich, ob die betreffenden bei gleichen Äußerungen ggü. der kath. Kirche eine ähnliche Leidenschaft an den Tag legen würden.

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  • 16.10.2014 21:40, C. Schulz

    Mir hat der Artikel auch nicht gefallen. Schon die Überschrift ist eine Provokation und gibt ein "ist" vor - was dann im übrigen Text relativiert wird. Das ist doch eher Bildzeitungsniveau. Erschreckt hat mich die Tatsache, dass damals Menschen wegen wechselnden Partnern oder Armutsprostitition (zum Aufräumen) verurteilt wurden. Das wusste ich bisher nicht.
    Und an keiner Stelle habe ich gelesen, dass es mehr Männer waren als Frauen, die sich um das Aufräumen gekümmert haben. Den einzigen Vorteil, den Männer wohl hatten, war, dass sie die schweren Maschinen bedienen durften und dadurch wohl mehr Masse geschafft haben. Aber auch dass wurde nicht so klar gesagt.... - ich hoffe, dass das in der eigentlichen wissenschaftlichen Arbeit besser aufgearbeitet wurde.

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  • 21.10.2014 11:21, Ulrike Schultz

    Die Rechtsanwältin Elisabeth Selbert, die für die Aufnahme des Gleichberechtigungsgrundsatzes in das Grundgesetz gekämpft hat - auch gegen die anderen drei sog. Mütter des Grundgesetzes -, hat am 3.12. 1948 im Hauptausschuss des Parlamentarischen Rates gesagt:
    In meinen kühnsten Träumen habe ich nicht erwartet, dass der Antrag (…) abgelehnt würde. (…) Die Frau, die während der Kriegsjahre auf den Trümmern gestanden und den Mann an der Arbeitsstelle ersetzt hat, hat heute einen moralischen Anspruch darauf, so wie der Mann bewertet zu werden. Bedenken Sie, dass „wir auf 100 Wähler 170 Wählerinnen rechnen.“
    Und sie nahm, wie sie ergänzte „den Kampf mit den Gewalten auf.“
    Elisabeth Selbert spricht also auch nicht davon, dass die Frauen als Trümmerfrauen Steine geklopft haben, dass sie aber den Mann an der Arbeitsstelle ersetzt haben. Aber natürlich haben Frauen auch bei Räumarbeiten mit angepackt. Ich erinnere mich gut, wie zupackend meine Mutter und ihre Freundinnen waren. Eine Freundin hat mir erzählt, wie sie als 8-jährige mit ihrer Mutter in Nordhausen den Putz von den Steinen geklopft hat. Aus Arbeitsverboten für Frauen kann man nicht ableiten, dass sie nur hinter der Gardine gestanden haben. Die Realität hat immer viele Facetten. Es scheint im Moment leider eine Mode zu sein, die Leistungen der Frauen zu dekonstruieren. Im aktuellen Spiegel ging es auch um den angeblichen "Mythos" der Flüchtlingsfrau.

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  • 06.11.2014 13:26, dieter göbler

    Fragt doch die wenigen , die noch leben!! schrieb am 03.11.2014 13:04 Uhr:
    Leider ist es immer so:
    Wenn eine Generation fast ausgestorben ist, werden ihnen Würde und Anerkennung genommen!
    Genau so ist es mit den "Trümmerfrauen"!
    Ich habe es noch erlebt wie die Frauen Steine gekloppt haben und auch wir Kinder haben dabei geholfen.
    Natürlich spielten auch Überlebungskämpfe eine Rolle , für saubere Steine wurden Pfennigbeträge oder Essen "bezahlt"!
    Die Frauen haben ihre Wohnungen hergerichtet, Dächer gedeckt und gemauert!
    Firmen waren genau so zerstört wie viele Häuser. Erst später als die Männer aus Gefangenschaft oder Kriegswirren zurückfanden, wurde die "Männerherrschaft " wieder hergestellt.
    Und die Taten der Frauen wurden etwas niedriger gehängt!
    Leider fallen einige Nachgeborene wie Frau Leonie Treber auf diese Männerbetrachtung herein!
    Die Trümmerfrauen waren kein Mythos - sie hat es wirklich gegeben!
    Meine Frau und ich sind Zeitzeugen - noch leben wir um unsern Mund aufzumachen und den falschen Propheten zu sagen!
    Nehmt den Trümmerfrauen nicht ihre Würde!
    Dieter und Brigitte Göbler aus Essen

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  • 28.11.2014 21:55, Martin Ludwig

    Es tut weh wie über das Buch und mit den Medien, hier Legal Tribute online, die Tatsache der Trümmerfrauen dargestellt wird. Natürlich wurde mit Abrissunternehmen der Grossteil der Trümmer beseitigt. Was schmälert es die Arbeit der Frauen? Sie bekamen damit etwas zum Essen im kompletten Chaos. Wer in vielen Westdeutschen Städten recherchiert erhält immer ausreichend Beweise das es kein Mythos war. Die Frau Treber hat ihren Doktor und keiner kauft das Buch. Vielleicht ist es aber auch ein Mythos - trotz der intensiven Werbung überall.

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