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Juristische Grenzwissenschaften: Kybernetik, die Versuchung des Ostens

von Martin Rath

22.06.2014

2/2: Hilde Benjamin importiert Sowjetkybernetik für DDR-Juristen

Mit der 1967 publizierten Aufsatzsammlung, geweiht durch die Verwendung der Kybernetik im System sowjetischer Akademien, konnten sich tatsächlich auch ausgesuchte DDR-Juristen an die Frage wagen: "Warum können Maschinen rechnen?" Vom "Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Rates für Kybernetik bei der Akademie der Wissenschaften der UDSSR, Akademiemitglied A.I. Berg" – im Ostblock benannte man die Autoren noch ausführlicher als in den Kopfzeilen der "NJW" – erfuhr man beispielsweise zum Gebiet des Strafrechts:

"Wenn man berücksichtigt, daß die Rechtswissenschaften die Taten und Handlungen untersuchen, die von einem Menschen begangen werden, der mit einer großen Anzahl von Menschen in den verschiedensten Situationen verkehrt, daß sie die Handlungen untersuchen, die durch bestimmte Ursachen hervorgerufen wurden, dann muß anerkannt werden, daß es alle Grundlagen dafür gibt, hier eine Wissenschaft anzuwenden, die auf der Untersuchung der Massen- und Wahrscheinlichkeitsberechnungen basiert."

Ein bisschen kybernetischer Sprachwandel

Die Beschränkung auf die strafrechtliche und kriminalpolitische Nützlichkeit der Kybernetik war für den juristischen Bereich wohl programmatisch, wenngleich mancher DDR-Intellektuelle auf die informations- und systemtheoretische Umdefinition von Rechts- und Regelungsproblemen wohl mehr als die Hoffnung setzte, einen Überwachungsstaat mit Fingerabdruckdateien statt -karteien zu bekommen. Diese Möglichkeiten der großen sowjetischen Kriminalistik stellt der Benjamin-Band vor.

Den Chef der DDR-"Gewerkschaften" und SED-Spitzenfunktionär Harry Tisch (1927-1995) überfiel angesichts der Versuche, das Theorievokabular seines Herrschaftsgebiets kybernetisch neu zu prägen, jedenfalls die Spottlust: "Ich habe vor einiger Zeit eine Dissertation über die See-Reederei gelesen. Dort ist formuliert, dass bei uns ein Schiff nicht mehr Transportmittel ist, sondern sich zu einem System entwickelt hat. Wenn Ihr also in Zukunft an der Mole in Warnemünde steht, sagt also bitte nicht: 'Jetzt läuft das Schiff Brandenburg ein', sondern: 'Jetzt läuft das Gesellschaftssystem Brandenburg ein'."

Weiter ging es nicht

Diesen Spott leistete sich Tisch allerdings erst, als Ulbricht durch seinen Nachfolger Erich Honecker (1912-1994) entmachtet und kaltgestellt worden war. Mit Ulbricht verlor die Kybernetik in der DDR 1971 die Förderung als eine potenziell alles durchdringende, zu überlegener Sozialtechnologie anleitende Theorie. Die mangelnde Leistungsfähigkeit der DDR-Halbleitertechnik tat wohl ihr Übriges – zu den Hauptproblemen der oft eher mathematisch ausgebildeten Informatiker im "Volkseigenen Betrieb Datenverarbeitungszentrum" zählte, keinen Zugriff auf einen Computer zu haben.

Immerhin mag der gute Ruf, den die Kybernetik für einige Jahre im SED-Reich hatte, zu dem Stirnrunzeln beigetragen haben, den der Begriff bei westdeutschen Juristen bisweilen auslöst. In einer Strafverteidigung die Wahrscheinlichkeiten statistisch sauber begreifen zu können, das mochte noch angehen. Aber darauf fußend Tatbestände und Normanwendungen regelrecht zu automatisieren, das galt doch als östliches Teufelswerk. Der bedeutende Arbeitsrechtler und Rechtshistoriker Bernd Rüthers befand beispielsweise, dass allein schon der Rede vom "System" etwas Totalitäres anhafte.

Mit zügiger arbeitender Elektronik ausgestattet und die goldenen Worte des "Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Rates für Kybernetik bei der Akademie der Wissenschaften der UDSSR, Akademiemitglied A.I. Berg" vor Augen, könnte man ihm heute beipflichten.

Hörtipp: Zur Geschichte der Kybernetik in der DDR hat der Mitteldeutsche Rundfunk einen – vielleicht etwas zu amüsant gehaltenen – Radioessay veröffentlicht, den man noch bis zum 3. August 2014 online hören kann (24 Minuten).

Autor: Martin Rath arbeitet als freier Lektor und Journalist in Köln.

Zitiervorschlag

Martin Rath, Juristische Grenzwissenschaften: Kybernetik, die Versuchung des Ostens . In: Legal Tribune Online, 22.06.2014 , https://www.lto.de/persistent/a_id/12304/ (abgerufen am: 30.11.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 23.06.2014 14:20, Weber

    Was soll dieser einem normal sterblichen vermitteln? Wieder so ein Bericht aus der DDR-Aufarbeitungsindustrie. solche Artikel bringen Kohle. Schade um jedes wort

  • 25.06.2014 14:34, Claire

    Wieder mal ein sehr schöner Artikel, wie man ihn eben woanders nicht findet. Schön, dass die LTO es sich leistet, auch diese feuilletonistische Ecke zu pflegen!
    Dass dann jemand wie mein Vorkommentator den ganzen Artikel durchliest (?), um dann festzustellen, dass er als Normalsterblicher lieber einen Artikel über den letzten sauber und teuer abgewickelten Großkanzleideal gelesen hätte – geschenkt.

  • 27.06.2014 12:56, Stefan

    Schade, dass der Autor nicht näher untersucht hat, ob Rechtskybernetik heute (noch) an einer Uni thematisiert wird.
    Der Münchener Strafrechtler Prof. Dr. Lothar Philipps (Institut für Rechtsphilosophie und Rechtsinformatik der LMU) hat jedenfalls Ende der 70er Jahre eine Vorlesung über Rechtskybernetik abgehalten, die ich besuchte.

  • 30.06.2014 12:43, Claire

    Von der Versuchungen solcher Ideen ist man zum Glück wieder abgekommen. Was heute, soweit ich da Einblick habe, aber thematisiert wird, sind computerlinguistische Verfahren zur Ermittlung von Bedeutungen und/oder Häufungen in der Verwendungsweise in einem bestimmten Sprecherraum.

    Auf der Seite von Herrn Sachse finden sich übrigens noch andere amüsante Spinnereien...

  • 12.08.2014 14:01, Dr Marc+Mewes

    siehe Weyers, Etwas Kybernetik im Privatrecht, FS Ludwig Raiser