Druckversion
Donnerstag, 21.05.2026, 00:09 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/feuilleton/f/rechtsgeschichte-kaffee-schmuggel-steuern-handel
Fenster schließen
Artikel drucken
17610

Rechtsgeschichte der braunen Brühe: Kaffee als deut­sche "Leit­droge"

von Martin Rath

22.11.2015

Kaffee

© Robert Kneschke - Fotolia.com

Dass die alkoholverarbeitende Industrie positive Beschäftigungseffekte bei Staatsanwälten, Strafverteidigern und Verkehrsrechtsexperten hat, ist bekannt. Martin Rath über die weniger bekannten juristischen Untiefen in der Kaffeetasse.

Anzeige

Sollte der Bund der Steuerzahler jemals nach einem ironischen Helden des deutschen Abgabenrechts suchen, würde er ihn in einem Zollbeamten finden, dem bei einer Fahrt über den Bodensee am 23. Oktober 1954 gegen 21.55 Uhr der Besitz von 250 Gramm einer kostbaren Substanz zum Dienstvergehen wegen Überforderung durch die formalen steuerrechtlichen Vorgaben geriet.

Einwohnern des Grenzgebiets zur Schweiz war es damals erlaubt, ein halbes Pfund Kaffee pro Monat einzuführen. Dem wackeren Beamten fehlte es indes an der dazu formal notwendigen Grenz- und Warenkontrollkarte, die er zu beantragen versäumt hatte.

Gegen die erstinstanzliche Verurteilung zu 5 Mark Strafe ging der Bundesdisziplinaranwalt in Berufung, der Bundesdisziplinarhof erhöhte auf 20 Mark, weil der Zöllner glaubwürdig versichern konnte, den Kaffeeschmuggel treuen Herzens begangen zu haben und man ihm die bald in Aussicht stehende Beförderung zum Zollsekretär nicht zunichtemachen möge (Urt. v. 25.5.1958, Az. II D 38/57).

Kaffeeschwarzhandel als deutscher Volkssport

Dass der Bundesdisziplinaranwalt dem Zöllner vom Bodensee wegen des illegalen Grenzübertritts weniger Gramm Kaffees die dienstrechtliche Hölle heißmachte, wird verständlich, wenn man sieht, in welchem Umfang Kaffee in den 1950er Jahren Gegenstand von Zoll- und Steuerstraftaten war. Man handelte leidenschaftlich gern mit Kaffee, vor allem schwarz. Ob die Bundesrepublik jemals eine Leitkultur hatte, mag man streiten. Eine Leitdroge hatte sie jedenfalls in den Wirtschaftswunderjahren mit dem Koffein, dem infolge von Steuerlast und Devisenknappheit teuren Kaffee. Unzählige Urteile des Bundesgerichtshofs (BGH) befassten sich mit dem strafbaren Streben nach der leistungssteigernden Droge.

Neben 2.000 Litern Treibstoff fanden im Jahr 1953 beispielsweise 1.440 Kilogramm Rohkaffee ihren Weg aus einem Lagerhaus in der von Sowjets besetzten Zone zunächst nach Berlin (West), dann per US-amerikanischem Interzonenzug nach Bad Godesberg im Rheinland. Der BGH bestätigte die Verurteilung wegen gewerbsmäßiger Vorteilsbeihilfe zur Zollhinterziehung im Wesentlichen – ein vermutlich sehr gnädiges Schicksal im Vergleich zu dem, was die sogenannte DDR-Justiz mit den Kaffeeschmugglern angestellt hätte (Urt. v. 29.5.1955, Az. 5 StR 506/55).

Beim Verhehlen des Kaffees in Westdeutschland betätigten sich nicht nur lebensmüde DDR-Insassen, sondern Menschen aller Stände und Klassen. In Bielefeld besserte beispielsweise ein Beamtenehepaar die kargen Dienstbezüge durch jahrelanges Hausieren mit unversteuertem Kaffee auf (BGH, Urt. v. 11.6.1953, Az. 4 StR 567/52). Bot sich die Gelegenheit, preisgünstigen Kaffee zu kaufen, stand fast nur in Frage, ob man das Vergnügen mit Diebes- oder unverzollter Ware aus den Niederlanden hatte (BGH, Urt. v. 9.7.1953, Az. 4 StR 189/53). Unglücklich erwischte es einen offenbar gewohnheitsmäßigen, womöglich eher harmlosen Betrüger, der auf dem Kaffeeschwarzmarkt mittun wollte, dem das Landgericht Wuppertal aber nicht glaubte, jemals auch nur eine Bohne liefern zu wollen oder zu können – was in der Summe des Zuchthäuslerlebens zur tatgerichtlichen Anordnung der Sicherungsverwahrung gegen den "gefährlichen Gewohnheitsverbrecher" genügte (BGH, Urt. v. 18.2.1954, Az. 3 StR 872/53).

Anzeige

"Jüdische Händler" – Klischee und Wirklichkeit

Wenige Jahre, nachdem man das Hakenkreuz von der Amtstracht entfernt hatte, erkannten Gerichte in der Mitwirkung "jüdischer Händler" ein Warnsignal dafür, dass im regen Schwarzmarktgeschäft unverzollter Kaffee den Besitz wechselte. Unter anderem galt die Münchener Möhlstraße als illegale Koffein-Quelle, wurde doch von alliierter Seite außerhalb des deutschen Steuerrechts Kaffee an "Displaced Persons" in den "DP"-Lagern ehemaliger KZ-Häftlinge und entwurzelter Zwangsarbeiter abgegeben. Selbst wenn bekannt war, dass etwa die Möhlstraße den vormaligen "Ariern" ebenso wie den überlebenden Juden als beliebter Schwarzmarktplatz diente, galt dem BGH dieser Ort und der jüdische Händler an sich in den 1950er-Jahren als Indiz für notorischen Steuerbetrug im Kaffeegeschäft (Urt. v. 22.11.1951, Az. 4 StR 66/51 und 3.1.1952, Az. 4 StR 594a/51).

Die Untertöne in den BGH-Urteilen waren allerdings harmlos im Vergleich zu den Leistungen des selbsternannten "Sturmgeschützes der Demokratie": Der Spiegel ließ seinerzeit zwei ehemalige SS-Hauptsturmführer, einer von ihnen ein mutmaßlicher Einsatzgruppen-Massenmordhelfer, solange zum Kaffeeschmuggel schreiben, bis die jüdische Gemeinde Bayerns nach dem Antisemitismus im Hause Augstein fragte.

Seite 1/2
  • Seite 1:

    Deutsche Volksdroge, Schmuggler und das Steuerrecht

  • Seite 2:

    Amerikanische Brause, arabischer Mokka und Dopaminjunkies

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Martin Rath, Rechtsgeschichte der braunen Brühe: . In: Legal Tribune Online, 22.11.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/17610 (abgerufen am: 21.05.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Genussmittel
    • Steuern
    • Welthandel
Beginn der 1065. Sitzung des Bundesrates, Blick ins Plenum 08.05.2026
Bundesrat

Länder kritisieren Verteilung der Kosten:

Bun­desrat stoppt Ent­las­tungs­prämie für Arbeit­nehmer

Bis zu 1.000 Euro als steuerfreie Prämie für Arbeitnehmer sah ein Gesetzentwurf vor. Jetzt hat der Bundesrat aber seine Zustimmung verweigert: Die Länder und Kommunen müssten fast zwei Drittel der Steuerausfälle tragen.

Artikel lesen
Das Containerschiff des Unternehmens CMA CGM verlässt am 23.04.2026 den Hafen von Marseille. 06.05.2026
Trump

Straße von Hormus:

USA beenden Eskorte für Han­dels­schiffe wieder

Erst am Montag hatten die USA begonnen, Handelsschiffe aus der Straße von Hormus zu eskortieren. Nach nur einem Tag setzte Donald Trump den Einsatz wieder aus: Es habe große Fortschritte bei den Atomverhandlungen mit dem Iran gegeben.

Artikel lesen
Lars Klingbeil am 28.04.2026 bei der Klausurtagung der SPD-Landesgruppen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. 30.04.2026
Steuerhinterziehung

Strafbefreiende Selbstanzeige:

Warum Kling­beils Reform ihr Ziel ver­fehlt

Wer in größeren Summen Steuern hinterzogen hat, soll sich nicht mehr "freikaufen" können. Dieser Vorstoß brächte aber keinen Erfolg, sondern weniger Aufklärung und mehr verdeckte Vermögen, sagen Rainer Biesgen und Philipp J. Butler.

Artikel lesen
Hanno Berger, Steueranwalt, steht vor der Urteilsverkündung 2023 in Anzug im Gerichtssaal. 10.04.2026
Cum-Ex

OLG Köln lehnt Hanno Bergers Wiederaufnahmeantrag ab:

"Mister Cum-Ex" bleibt im Gefängnis

Er galt als "Mister Cum-Ex" und verdiente mit den illegalen Steuerdeals Millionen. Seit vier Jahren sitzt Hanno Berger hinter Gittern. Dort wird er nach einem Beschluss des OLG Köln auch bleiben.

Artikel lesen
Das Bild zeigt Podcast-Themen über Steuerberatung und Karrierechancen für Jurastudenten, inklusive einer persönlichen Vorstellung von Robin Eberle. 08.04.2026
Steuern

Jura-Karriere-Podcast:

Wie viel Rechts­wis­sen­schaftler steckt im Steu­er­be­rater?

Im Alltag ist Steuerrecht allgegenwärtig, bei den Jurastudenten aber nicht gerade beliebt. Dabei haben gerade sie in der Steuerberaterprüfung Vorteile, erzählt Robin Eberle in der aktuellen Folge von Irgendwas mit Recht.

Artikel lesen
Tankstellenbeschilderung mit immer weiter steigenden Preisen 27.03.2026
Energiepreise

Inkrafttreten noch vor Ostern:

Stein­meier unter­zeichnet Sprit­p­reis­ge­setz

Donnerstag beschlossen, Freitag ausgefertigt: Der Bundespräsident hat das Spritpreisgesetz unterzeichnet. So richtig zufrieden ist damit keiner, Kritik und andere Ideen gab es viele, Mehrheiten dafür aber nicht. Die Reaktionen im Überblick.

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von White & Case
Rechts­an­wäl­tin / Rechts­an­walt (m/w/d) - Pri­va­te Equi­ty

White & Case, Frank­furt am Main

Logo von Thomson Reuters
Se­nior Spe­cia­list Le­gal Edi­tor, Cor­po­ra­te Law and Practi­ce

Thomson Reuters, Ber­lin und 1 wei­te­re

Logo von White & Case
Rechts­an­wäl­tin / Rechts­an­walt (m/w/d) - Re­struk­tu­rie­rung & In­sol­venz

White & Case, Dort­mund

Logo von Görg
Re­fe­ren­da­re und Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter (m/w/d) für ver­schie­de­ne...

Görg, Frank­furt am Main

Logo von Hogan Lovells International LLP
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ten­de (w/m/d) Ban­king & Fi­nan­ce

Hogan Lovells International LLP, Frank­furt am Main

Logo von Osborne Clarke GmbH & Co. KG
Re­fe­ren­dar (w/m/d) Im­mo­bi­li­en­recht

Osborne Clarke GmbH & Co. KG, Ham­burg und 1 wei­te­re

Logo von Görg
Re­fe­ren­da­re und Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter (m/w/d) für ver­schie­de­ne...

Görg, Ham­burg

Logo von Hogan Lovells International LLP
Re­fe­ren­da­rin/Re­fe­ren­dar (w/m/d) Ban­king & Fi­nan­ce

Hogan Lovells International LLP, Frank­furt am Main

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Krypto: Nacherklärung und Strafrecht

28.05.2026

Vortrag von Herrn Prof. Dr. Frister zur Suizidassistenz und Patientenverfügung

28.05.2026, Bonn

Vereins- und Genossenschaftsrecht in der Praxis – Gestaltung, Registervollzug und Haftung

28.05.2026

Überlassungsverträge und Grundpfandrechte inkl. komplettes GNotKG (zweitägig, 28.05.–29.05.2026)

28.05.2026

Vereins- und Genossenschaftsrecht in der Praxis – Gestaltung, Registervollzug und Haftung

28.05.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH