Rechtsgeschichte: Der staat­liche Anspruch auf den men­sch­li­chen Namen

von Martin Rath

07.01.2018

Vor 80 Jahren trat das "Gesetz über die Änderung von Familiennamen und Vornamen" in Kraft – ein Fixstern am Himmel autoritärer Regelungsbedürfnisse. Schon kurz darauf folgte seine erschreckende antisemitische Ergänzung.

Künstlernamen sind nicht die Lösung. Alfred Kerr (1867–1948) zum Beispiel, der berühmte Theaterkritiker, war unter dem Namen Kempener zur Welt gekommen und hatte aus Abneigung gegen seine bekannte Tante, die ziemlich schräge Dichterin Friederike Kempener (1828–1904), den kürzeren Namen angenommen.

Alfred beließ es nicht dabei, den Künstlernamen Kerr zu führen. 1909 verfügte der Regierungspräsident Potsdam 1909 die offzielle Namensänderung. Dem verdankt sich auch der Umstand, dass der vielleicht erste Richter ausländischer Herkunft, der seit dem 12. Jahrhundert an den Londoner High Court of Justice berufen wurde, den angenommenen Namen trug: der Sohn Michael Kerr (1921–2002).

Mit den Bühnen des Theaters oder der Justiz weniger vertrauten Menschen ist vielleicht eher noch der Name der Schwester geläufig, Judith Kerr (1923–), unter anderem Verfasserin des bekannten Romans "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl".

"Namensänderungsgesetz" von 1938

Nicht nur rosa Kaninchen, sondern Menschen wie der Familie Kerr auch ihren gut eingeführten Namen zu nehmen, behielt sich der nationalsozialistische Gesetzgeber mit § 7 Absatz 1 des Gesetzes über die Änderung von Familienamen und Vornamen vor, das im Reichsgesetzblatt vom 8. Januar 1938 veröffentlicht wurde und zum 1. Januar 1938 in Kraft trat.

Diese Vorschrift des – überwiegend bis heute geltenden Gesetzes – lautete: "Eine Namensänderung, die vor dem 30. Januar 1933 genehmigt worden ist, kann bis zum 31. Dezember 1940 widerrufen werden, wenn diese Namensänderung als nicht erwünscht anzusehen ist."

Absatz 3 ermächtigte den Reichsinnenminister zum Widerruf, der nach Absatz 2 Wirksamkeit für alle Menschen beanspruchte, die durch Familienbeziehung zum neuen Namen gekommen waren – im Fall der Familie Kerr beispielsweise der spätere Lordrichter und die britische Kinderbuch-Autorin.
Das Gesetz ist als Ausdruck nationalsozialistischer Willkürherrschaft vor allem wegen der im August 1938 erlassenen 2. Durchführungsverordnung bekannt geworden, die den deutschen Juden aufnötigte, amtlich und im Rechtsverkehr die zusätzlichen Vornamen "Israel" beziehungsweise "Sara" zu führen.

Rechtsextrem, ausnahmsweise von Statistik überzeugt

Doch bereits hinter § 7 Namensänderungsgesetz (NamÄndG) stand ein antisemitisches Motiv des NS-Gesetzgebers: Unmittelbar nach der Machtübergabe an Hitler im Jahr 1933 hatte Reichsinnenminister Wilhelm Frick (NSDAP, 1877–1946) die Absicht verfolgt, die Namensänderungen jüdischer Deutscher rückgängig zu machen. Das preußische Innenministerium unter Fricks Parteifreund Hermann Göhring (1893–1946) lieferte zu diesem Zweck eine Aufstellung aller Namensänderungen, die Juden seit 1919 bewilligt worden waren.

Dem lag das Hirngespinst zugrunde, Träger eines jüdischen Namens hätten massenhaft ihre Herkunft "verdunkeln" wollen, indem sie sich "deutsche" bzw. "arische" Namen zugelegt hätten. Die Statistik ergab, dass gerade einmal 807 Personen von einem jüdisch zu einem deutsch klingenden Namen gewechselt waren – bei einer Gesamtzahl von rund 560.000 Menschen jüdischen Bekenntnisses in Deutschland (1925).

Reichsinnenminister Frick, ein studierter Jurist und eingefleischter Rassist, ließ sich immerhin überzeugen, dass die Vermutung, es habe im verhassten "System von Weimar" auffallend viele Namensänderungen von Juden gegeben, widerlegt sei.

Minderbemittelter Fürst kennt "blos christliche Namen"

Die im August 1938 folgende 2. Verordnung zum NamÄndG, die zum Führen der zusätzlichen Vornamen "Israel" oder "Sara" zwang und in ihren Ausführungsbestimmungen jüdischen Eltern von Staats wegen eine enge, enumerative Liste als jüdisch identifizierter Vornamen für ihre Kinder vorschrieb, war schließlich der juristische Abgrund eines seit dem 19. Jahrhundert geführten Kampfes um die Freiheit des Namens.

Als ein Ausgangspunkt dieser Auseinandersetzungen lässt sich das Gesuch eines jüdischen Kaufmanns aus Gardelegen ausmachen, der den König 1816 um die Erlaubnis bat, seinem Sohn die Namen des Fürsten zu geben – was Friedrich Wilhelm III. zu einer Verfügung veranlasste, die es in Preußen untersagte, jüdischen Kindern "blos christliche Taufnamen" zu geben.

Schon angesichts der gemeinsamen Geschichte von Juden und Christen seit der Antike und der Verbreitung biblischer (Vor-)Namen in beiden Konfessionen – Maria und Josef und viele Heilige –, waren obrigkeitliche Wünsche, Juden an ihrem Namen erkennbar zu machen oder jedenfalls erkennbar zu belassen, kaum praktikabel. Hinzu kam der langsame Aufbruch der europäischen Gesellschaften in eine säkulare Moderne, die konfessionelle Unterschiede nivellierte.

Während auf jüdischer Seite viele Motive – einerseits Herkunftsstolz, andererseits zwischen dem schlichten Wunsch, z.B. modische Namen aus der literarischen Populärkultur des 19. Jahrhunderts zu wählen, bis hin zum Bedürfnis, aus einem diskriminierenden Namensghetto auszubrechen – bei der Namenswahl zu identifizieren waren, war es ein besonderes Anliegen hergebracht antijüdischer, nun "modern" antisemitischer Kreise, eben dieses Ghetto zu erhalten.

Zitiervorschlag

Martin Rath, Rechtsgeschichte: Der staatliche Anspruch auf den menschlichen Namen . In: Legal Tribune Online, 07.01.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/26333/ (abgerufen am: 25.04.2018 )

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Kommentare
  • 07.01.2018 11:45, M.D.

    Ausnahmsweise stimmte ich hier dem Autor mal voll und ganz zu.

    Da man sich mittlerweile sein Geschlecht und anscheinend auch sein Alter aussuchen kann, wäre ich daran interessiert meinen Nachnamen in den Familiennamen meiner Mutter zu ändern.

    Mir geht es dabei auch nicht darum, von (selbstverständlich nicht vorhandenen) Vorstrafen abzulenken, oder einen möglichen Migrationshintergrund aus meinem Namen zu tilgen. Der Familiennamen meiner Mutter wäre mangels männlicher Nachkommen ansonsten ganz einfach ausgestorben und das wäre bedauerlich.

    Last but not least wurde meine Mutter bei ihrer Heirat durch damals noch fortbestehende Nazigesetze gezwungen, den Namen ihres Ehemannes anzunehmen und konnte nicht, wie heute, ihren Namen behalten oder sich einen schicken Doppelnamen zulegen. Diese unmenschliche Unterdrückung weiblicher Nachnamen durch institutionelle brutale rücksichtslose männliche Gewalt ist grundrechtswidrig und verstößt daher gegen das Grundgesetz.

    An welchen zuständigen Aktivisten kann ich mich wenden, damit er als Künstler in Berlin vor dem Reichstag irgendwelche Kapriolen veranstaltet, um auf ganz Deutschland mein ganz persönliches Problem aufmerksam zu machen? An welchen progressiven Arzt sollte ich mich ferner wenden, damit er mir die Möglichkeit einer potentiellen Gefahr der möglichen Möglichkeit einer potentiell möglichen Depression bestätigt, sollte mein Anliegen abgelehnt werden?

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  • 07.01.2018 12:23, M.D.

    Inspiriert von der Idee einer offenen Gesellschaft, habe Ich im Übrigen beschlossen, auch eine NGO zu gründen, die Open Door Foundation.

    Mein Ziel ist es, dass Menschen endlich damit aufhören, ihre Wohnungstüren abzuschließen. Ich möchte damit das gesellige Beisammensein fördern, Berührungsängste abbauen und mit überkommen Besitzstandvorstellungen aufräumen. Zu diesem Zweck soll auch § 859 BGB abgeschafft werden.

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  • 07.01.2018 15:00, Tim

    Bei den Kommentaren von M.D. merkt man ja immer, dass er den Freitag/Samstag mit Alkohol verbracht hat, und nun am Sonntag seinen Restrausch mit den Lesern von LTO teilen muss.

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    • 07.01.2018 17:28, M.D.

      Pssst, nicht verraten!

      Aber schön, dass am Wochenende, wenn die bezahlten PR-Agenten frei haben, trotzdem noch jemand etwas schreibt.

  • 07.01.2018 17:12, Dr.Marc Mewes

    zum Namensrecht:

    Struck, Gerhard , Das Recht am Namen und die Dielektik der Aufklärung, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie : ARSP Vol. 61, 1975, p. 67-93

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  • 07.01.2018 21:22, Leser

    Der Name der berühmten Dichterin und ebenso der Geburtsname von Alfred Kerr war Kempner, nicht Kempener.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Friederike_Kempner

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    • 08.01.2018 00:01, chi

      Der Name des seinerzeitigen Innenministers war Göring, nicht Göhring.

    • 08.01.2018 06:50, M.D.

      Sie nehmen den Beitrag von Herrn Rath viel zu ernst. Es handelt sich dabei offensichtlich um einen Scherz und da sollte man nicht auf Details achten, weil man sonst die Pointe verpasst.

      Er fordert die Abschaffung des Namensrechts, damit junge Männer künftig als Klaus-Dieter, Horst und Wilhelm auftreten können. Das ist der absolute Brüller!

      Ein netter Nebeneffekt wäre, dass man sich dann allerdings auch Zecke, Rumpelstilzchen, Schwanzus Longus oder Dotcom nennen könnte. Das klingt zugegeben verlockend. Kampfnamen wie Willi Brandt (richtig: Herbert Frahm) oder Stalin (richtig: Dschughaschwili) waren früher in der Tat nicht ungewöhnlich.

    • 08.01.2018 08:23, Kalle

      @M.D. Seitdem jeder Bürger eine Steuer-ID trägt, wäre es in der Tat völlig egal welcher Name im Perso steht. Einige werden auch im Alltag nicht entsprechend dem Namen im Perso genannt (Spitzname, Schmähbezeichnung etc.), von daher hat der Name in der Tat nur eine beschränkte Schutzfunktion für Dritte.

    • 08.01.2018 09:07, M.D.

      Das mag ja sein. Es mag auch sein, dass es in Deutschland mehr als einen Hans Müller gibt. In Bremen gibt es sogar einen Anwalt, der meinen Namen trägt. Das ändert aber nichts daran, dass die Forderung und insbesondere ihre Begründung völlig lächerlich ist. Wenn Sie das um diese Uhrzeit noch nicht merken, dann trinken Sie einen Kaffee.

    • 08.01.2018 09:19, Kalle

      Da ist wohl jemand leicht gereizt. Sie sollten evtl. besser einen Tee trinken, anstelle den nächsten Kaffee.

    • 08.01.2018 09:25, M.D.

      Ich hätte für den Beitrag Verständnis gehabt, wenn es dabei um die rechtliche Problematik von Künstlernamen ginge.

      http://www.tagesspiegel.de/berlin/andreas-neuendorf-alias-zecke-ein-kuenstler-auf-dem-fussballplatz/330290.html

      "Zecke" Neuendorf heißt in Wirklichkeit Andreas. Atze Schröder heißt in Wirklichkeit nicht Atze Schröder und Olivia Jones heißt auch nicht Olivia Jones. Angela Merkel heißt übrigens nach eigener Aussage vor dem NSA-Untersuchungsschuss angeblich Angela Dorothea Kasner.

      https://www.focus.de/politik/videos/nsa-untersuchungsausschuss-ungewoehnlicher-fauxpas-als-sie-ihren-namen-nennt-sorgt-merkel-fuer-verwirrung_id_6658545.html

    • 08.01.2018 09:29, Leser

      @ M.D.

      Lächerlich ist eher ihr Rumgekeife . Insbesondere auch unverständlich , warum Sie fordern , dass sich Menschen über ihren ( nicht selbst ausgesuchten ) Namen von anderen Abgrenzen müssen ( auch heute noch ) . Warum darf eine Chantal nicht für sich entscheiden , dass die Namenswahl ihrer Eltern bescheiden war ?Ihrer Argumentation folgend dürfte es auch keine freie Berufswahl geben .

    • 08.01.2018 12:46, M.D.

      Freut mich, dass sie meinen Beitrag lächerlich finden. Ich habe ihn bewusst humorvoll formuliert und freue mich deshalb natürlich über jeden Lacher.

  • 08.01.2018 13:03, M.D.

    Übrigens habe ich über ihren Vergleich zwischen Namens- und Berufswahl auch sehr herzlich gelacht.

    Ich hoffe allerdings, dass er auch als Scherz gemeint war, denn in der deutschen Geschichte war das Thema gar nicht so lustig, und damit meine ich nicht den Grund, warum Sie vermutlich nicht Medizin studieren dürfen, sondern die mittelalterliche Ständegesellschaft, wo die Berufswahl stark eingeschränkt war.

    Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Reformen zum Hochschulzugang im Anschluss an die Karlsbader Beschlüsse von 1819. Damals bekam die "Hochschulreife" nämlich nur bescheinigt, wer sich in der Schule systemkonform verhalten hatte. Aktivistische Schüler ließ man damals nicht zu Universitäten zu. Entsprechende Studentenverbindungen wurden aufgelöst und Professoren aus dem Amt entfernt.

    Viele Jahre später gab es den sog. Radikalenerlass, der mit Sicherheit in absehbarer Zeit ein Comeback feiern wird. Sie sehen also, mit der Berufsfreiheit war es schon immer so eine Sache. Insoweit ist die Namenswahl peanuts. Der Staat hat sich schon immer geschützt. Open Society (-).

    P.S.: Karl Popper selbst, fand in Österreich als radikaler Kommunist letztlich auch nur eine Anstellung als Kindergärtner. Eine höhere Position war ihm verschlossen.

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    • 08.01.2018 14:02, Maurer

      Dass Sie gleich persönlich werden ("damit meine ich nicht den Grund, warum Sie vermutlich nicht Medizin studieren dürfen") müssen zeugt ja nicht von Reife. Oder liegt in dieser "Argumentations"-Ebene, der Befürwortung der Unabänderlichkeit des Namens für Menschen und den persönlichen Angriffen die psychologische Ursache eigene Aspekte des Lebens überlagern zu müssen? Gewisse Menschen wünschen sich ja einen starken Staat und Regelungen, die andere einschränken.

    • 08.01.2018 16:34, M.D.

      Och nöh, nicht beleidigt sein. Ich wollte nur in meiner humorvollen Art und Weise darauf hinweisen, dass die Berufswahl von Zulassungsschranken betroffen ist, die in der Schule von Schülern und nicht zuletzt von Lehrern geschaffen werden.

      Deshalb ist es auch so bedeutsam, dass es möglichst viele grüne LehrerInnen an unseren Schulen gibt. Die können dort nämlich dafür sorgen, dass die Kinder guter Eltern gepusht und den Kindern böser Eltern die Chancen verbaut werden.

      Abgesehen davon, wer entscheidet am Ende, ob die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt werden, ein Mediziner oder ein Jurist?

      Na also, geht doch ;)

    • 08.01.2018 16:39, Maurer

      Ich bin überhaupt nicht beleidigt, da ja nicht Angeschriebener Ihrer semantischen Verzweiflung.

      Aber was hat die Berufswahl des bettlägerigen Kranken damit zu tun, wie er die Möglichkeit der Abschaltung lebenserhaltender Maßnahmen zu Lebzeiten bestimmt hat?

  • 10.01.2018 15:02, Namenlos

    Es ist echt ein Problem. Ich verfolge das Thema schon eine Weile. Unverständlich, warum gerade der Name, der die Identität des Menschen ist, nicht die Wahl von dem ist, der ihn tragen muss. Für mich bleibt ernsthaft nur noch ein Ausweg: Ausbildung fertig machen, auswandern und mich dieser Staatsbürgerschaft entledigen.

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