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Recht im Star Trek-Universum: Eine Zukunft ohne Rich­te­rinnen und Anwälte?

von Markus Grundtner

13.02.2021

Star Trek Into Darkness: Zachary Quinto als Spock (links) und Chris Pine als Kirk, 2013

picture alliance / Everett Collection | ©Paramount/Courtesy Everett Collection

Aus juristischer Perspektive geben die Abenteuer der Raumschiffe Enterprise und Voyager, aber auch der Raumstation Deep Space Nine einiges her. Schockierend dabei: Droht eine Zukunft ohne Richter und Anwältinnen, fragt Markus Grundtner.

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"Star Trek" hat verschiedenste Wissenschaftler und Forscherinnen zum Nachdenken angeregt und sogar Juristen auf die Suche nach dem Recht der Zukunft geschickt. Juristische Erwägungen sind selbst in der flotten Neuverfilmung "Star Trek" aus dem Jahr 2009 an prominenter Stelle. Aus juristischer Perspektive könnte man sogar sagen, dass das Zitieren von Normen die Menschheit rettet.

Zwei Schlüsselszenen zum Beweis: Dr. McCoy bringt seinen Freund James T. Kirk als Patienten an Bord der USS Enterprise, indem er sich auf das Ärztegesetz beruft. Später kommt eine weitere Norm ins Spiel. Um das Kommando zu übernehmen, beruft sich Kirk auf die Sternenflotten-Bestimmung 691. Sie legt fest, dass jeder kommandierende Offizier sein Kommando abgeben muss, wenn er von der bevorstehenden Mission emotional beeinträchtigt ist.

Eine Zukunft ohne Richter und Anwälte?

Zu Kirks Lebzeiten ist das Rechtswesen für die Menschen von noch größerer Bedeutung als etwa 100 Jahre später, wenn Jean-Luc Picard das Flaggschiff der Föderation befehligt. In der Episode "Kirk unter Anklage", in der Kirk im Jahr 2267* wegen fahrlässiger Tötung vor einem Kriegsgericht steht, erinnern die Prozessordnung und Kirks Verteidigung durch einen Anwalt markant an ein Verfahren, wie wir es heute kennen.

In den 70er-Jahren des 24. Jahrhunderts sind Captain Picard bzw. Mitglieder seiner Crew in ganz andere Gerichtsverfahren verwickelt – etwa in "Wem gehört Data?", "Riker unter Verdacht" oder "Das Standgericht". Verfahrensrechtliche Fragen haben an Bedeutung verloren: Niemand verlangt nach einer Anwältin und das Richteramt bekleidet zumeist höherrangiges Sternenflotten-Personal. Wird Verteidigung notwendig, übernimmt dies ein Schiffskamerad oder ein Offizier.

Die Menschen der Zukunft verzichten auf die strikte Einhaltung prozessualer Strukturen und die Erhebung von Rechtsmitteln. Anders gesagt: Die Menschen vertrauen ihrem Verfahrensgegner und gehen prinzipiell von einer fairen Verhandlung aus – das Zeitalter informeller Konfliktlösung ist angebrochen. Es braucht kein komplexes Konstrukt aus Regeln, um Probleme aus der Welt zu schaffen. Zusammenarbeit hat das Ausspielen anwaltlicher Tricks und die Suche nach der rettenden Gesetzeslücke abgelöst. Das gegenseitige Vertrauen fußt aber auf freiwilliger Basis: Sobald sich während einer Untersuchung bzw. in einem Verfahren Verdachtsmomente ergeben, dass die Gegenseite nicht fair spielt, werden Formalitäten und Verfahrenstechniken aus der Mottenkiste geholt.

Das pazifistische Militär

Am 11. Oktober 2161 schlossen sich befreundete Planeten mit der Unterzeichnung der Föderationscharta zur Vereinigten Föderation der Planeten zusammen. Der Text entspricht – abgesehen von der Abänderung von erd- und menschenbezogenen Begriffen – der Präambel der Charta der Vereinten Nationen.

Völkerrechtlich handelt es sich bei der Föderation um einen Zusammenschluss mehrerer teilsouveräner Planeten. Die politische Organisation der Föderation folgt dem Prinzip der Gewaltenteilung: Die Exekutive besteht aus der Regierung und dem Präsidenten der Föderation, die Legislative ist der Föderationsrat und die Judikative der Oberste Gerichtshof der Föderation. Für die Föderation dienen die Europäische Union, die UNO oder die NATO als Vorbilder. Den starken militärischen Arm der Föderation bildet die Sternenflotte. Sie ist ein Widerspruch in sich, ihre offizielle Aufgabe sind Wissenschaft und Forschung, im Kriegsfall müssen die Wissenschafter und Botschafter aber auch ihre militärischen Fähigkeiten unter Beweis stellen. 

Wie wenig glaubhaft diese Friedensvision ist, wird in düsteren "Star Trek: Deep Space 9"-Episoden wie etwa "Extreme Maßnahmen" kritisch beleucht, in welcher der Geheimdienst Sektion 31 Pläne zum Völkermord an den Gründern des Dominion schmiedet. Benannt wurde Sektion 31 – in der Folge "Inquisition" als Richter, Geschworener und Henker in einer Person bezeichnet – nach einem Paragraphen in der Charta der Sternenflotte, nämlich Artikel 14, Paragraph 31 (engl. Section). Die Vorschrift normiert, dass es in Zeiten außergewöhnlicher Bedrohung erlaubt ist, alle Vorschriften außer Kraft zu setzen. Aus der Charta  stammt übrigens auch das Motto "… to boldly go where no man has gone before" stammt, das auf der Widmungsplakette aller Enterprise-Raumschiffe zu finden ist.

Ein Wirtschaftssystem ohne Geld

Eine weniger finstere Lücke liegt im Geld bzw. im Fehlen desselben in der Föderation. Ökonomische Gesetzmäßigkeiten wirken im "Star Trek"-Univerum primär an zwei Orten: auf der Raumstation Deep Space Nine, wo verschiedene Völker aufeinandertreffen und miteinander handeln, und auf dem Raumschiff Voyager, auf dem während der Heimreise in den Alpha-Quadranten die Replikator-Rationen knapp werden und rationiert werden müssen.

Handel gibt es also immer noch, die Gier scheint lediglich von den Menschen anderswohin ausgelagert worden zu sein – nämlich auf die Ferengi, "die Kaufleute des Universums, die Geldverleiher und Profit-Geier" (so "Star Trek"-Schöpfer Gene Roddenberry). Sie sind infolge ihrer geliebten Tätigkeit die einzigen, die Fragen zu interplanetarem Zivilrecht und Wirtschaftsrecht qualifiziert beantworten könnten.

Ihre Erwerbsregeln lesen sich in mancher Hinsicht wie Parodien auf privatrechtliche Normen. Nummer 17 der Erwerbsregeln der Ferengi lautet etwa: "Ein Vertrag ist ein Vertrag ist ein Vertrag … aber nur unter Ferengi". In der "Deep Space 9"-Episode "Quarks Schicksal" erscheint dem Barbetreiber Quark der Autor der Erwerbsregeln, der erste Große Nagus, im Traum, und gesteht, dass es sich um keine Regeln, sondern Empfehlungen handelt, aber sich nun mal "Erwerbsregeln" besser verkaufen würden als "Erwerbsempfehlungen".

Die Oberste Direktive

"Deep Space 9" setzt den Western-Mythos des Wagentreks zu den Sternen fort: Odo ist der Sheriff, Quark der Salon- und Holosuitenbesitzer – und damit der Bordell-Betreiber -, und Commander Sisko der Bürgermeister. Unter dem Eindruck des Vietnam-Kriegs wollte Roddenberry das Gegenbild zu jener Menschheit seiner Gegenwart entwerfen, die weit reist, nur um andere, technisch weniger fortgeschrittene Völker auszurotten. Zu diesem Zweck erdachte er die Oberste Direktive.

Zuerst dient sie nur dazu, die gerade erwähnten Völker vor negativem Einfluss zu beschützen, die Rettung im Katastrophenfall bleibt aber jedenfalls erlaubt. Später ist es dem Personal bzw. den Schiffen der Sternenflotte verboten, in jegliche Entwicklung, also auch in Katastrophen, von planetaren Gesellschaften einzugreifen. Jedes Sternenflotten-Mitglied bzw. -Schiff ist weiter verpflichtet, einen potenziellen Verstoß gegen die Direktive zu verhindern. In der Charta der Vereinten Nationen findet sich eine vergleichbare Klausel, die ein non-interventionistisches Handeln hinsichtlich des inländischen Gerichtsstandes eines Landes vorgibt – ausgenommen hiervon sind Bedrohung und Verletzung des Friedens sowie Aggressionsakte.

Die Berechtigung der Obersten Direktive zeigt sich zu Lebzeiten Captain Kirks in den Episoden "Epigonen", "Schablonen der Gewalt" und "Das Jahr des roten Vogels".

In der allgemeinen Praxis bedeutet die Direktive, dass die Sternenflotte jegliche Einmischung – jedoch nicht den Kontakt – bei Zivilisationen ohne Warp-Technologie meidet. Oft beamen die leidenschaftlichen Forscher sich auf solche Planeten, versuchen aber unter Zuhilfenahme entsprechender Verkleidung und durch Unterlassung von Bemerkungen über den Weltraum, in anderen Welten oder Zivilisationen nicht aufzufallen.

Historisch geht die Oberste Direktive zurück auf die Vulkanier: 2063 stellten sie den Kontakt mit den Menschen her, als diese ihren ersten Warp-Flug unternahmen. Das menschengemachte Konzept einer Ersten Direktive zeigt sich in "Enterprise" in der Episode "Lieber Doktor", in der Captain Archer angesichts eines ethischen Konflikts auf dem Planeten Valakis ein Bekenntnis zur Entwicklung einer solchen Direktive ablegt. Für Archer handelt es sich noch um einen ethischen Grundsatz. Später wird die Idee zum verfassungsrechtlichen Prinzip, welches jedoch anscheinend von den Kapitänen frei interpretiert oder – ohne Strafe – ganz außer Acht gelassen werden kann.

Law Fiction

Für das Recht im "Star Trek"-Universum gilt eines: Elementare Rechtsprinzipien, eigens erfundene Paragraphen und prozessuale Strukturen werden nur herangezogen, wenn sie gerade gebraucht werden, aber genauso schnell wieder vergessen.

Das einzige Gesetz, das demnach vollumfänglich gilt, findet sich in der Voyager-Episode "Das Wurmloch". Arridor und Kol, zwei Ferengi, berufen sich auf die ungeschriebene Erwerbsregel für Ausnahmefälle, sie lautet: "Wenn keine passende Regel vorhanden ist, dann erfinde eine."

*Anm.d.Redaktion: Zahl am 15.02.2021 um 13.58 Uhr korrigiert.

Markus Grundtner arbeitet an verschiedenen Schreibtischen in Wien: als Rechtsanwaltsanwärter für Arbeitsrecht und als Autor von (veröffentlichter) Kurzprosa und einem (unveröffentlichten) Roman. Früher war er Journalist in den Bereichen Kultur, Medien und Wissenschaft mit einem Faible für Science Fiction.

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Recht im Star Trek-Universum: . In: Legal Tribune Online, 13.02.2021 , https://www.lto.de/persistent/a_id/44266 (abgerufen am: 19.04.2026 )

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