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Paulo Coelho zum Geburtstag: Der Sündenfall als juristisches Gedankenspiel

Der brasilianische Autor Paulo Coelho ist einer der meistgelesenen Schriftsteller der Welt. Alle seine Romane, insbesondere "Der Alchimist" und "Veronika beschließt zu sterben", wurden internationale Bestseller. Weitgehend unbekannt ist, dass zu seinem turbulenten Leben auch schmerzhafte Berührungen mit der Justiz und ein abgebrochenes Jurastudium gehören.

Paulo Coelho, geboren am 24. August 1947, wuchs in einer gutbürgerlichen brasilianischen Familie in Rio de Janeiro auf. Der Vater war Ingenieur, seine Mutter Hausfrau. Aufgrund der streng-katholischen Prägung der Eltern verbrachte Coelho seine Schulzeit in der Jesuitenschule San Ignacio. Das Interesse des Sohnes galt dort von Anfang an alleine der Literatur. Den Schulabschluss schaffte er nur, weil seine Familie ein üppiges Bestechungsgeld an die Schulleitung zahlte.

Zum innerfamiliären Konfliktfall eskalierte die Frage nach dem weiteren beruflichen Werdegang. Nachdem sich Coelho noch erfolgreich dem Wunsch widersetzte, wie der Vater ein Ingenieursstudium zu beginnen, sah der Kompromiss ein Jurastudium vor, das der Sohn nur widerwillig in Angriff nahm.

Immer wieder verweigerte sich der junge Coelho der juristischen Karriere mit leidenschaftlichen Wutausbrüchen, die zu mehrfachen Einweisungen in die Psychiatrie führten.

Nach ungeliebter Juristerei Aufbruch ins Hippie-Leben

Am Ende entfaltete die 68er-Bewegung ihren unwiderstehlichen Sog auch in Südamerika. Coelho gab sein Jura-Studium auf und verlor sich im Hippie-Leben. Auf der Suche nach spiritueller Orientierung und größtmöglicher Rebellion ließ er keinen Exzess aus. Er tauchte in Sekten und Geheimgesellschaften ein, um mehr Wissen und Macht über sich zu erlangen, aber auch, um zu provozieren.

Coelho reiste viel, quer durch den nord- und südamerikanischen Kontinent, nach Nordafrika, nach Europa. Schließlich gründete er eine Untergrund-Zeitschrift mit dem Titel "2001" - ein Projekt, durch das er den Rockstar und Musikproduzenten Raül Seixas kennenlernte. Dieser bat ihn, Liedtexte zu schreiben.

Die Songs hatten Erfolg, über Nacht wurde Coelho reich und berühmt. Er bekam Direktorenposten bei großen Unternehmen in der Musikbranche. In jene Zeit fallen auch Inhaftierungen und Folterungen durch die Polizei aufgrund seiner oppositionellen Haltung gegenüber der Militärdiktatur in seiner Heimat.

Auf dem Jakobsweg zur Schriftstellerei

Coelho verließ 1980 schließlich die Musikbranche und lebte die nächsten fünf Jahre in einem alten spanischen Kloster, wo er sich mystischen und religiösen Studien hingab. Am Ende dieser Zeit legte den 700 Kilometer langen Jakobsweg von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela zurück.

Diese Erfahrung verarbeitete er in seinem ersten Buch "Auf dem Jakobsweg – Tagebuch einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela", das 1987 erschien. Es wurde zunächst ein mäßiger Erfolg, machte aber die Verlagswelt auf den Jungschriftsteller aufmerksam. Paulo Coelhos zweites Buch, "Der Alchimist", begründete schließlich seinen literarischen Durchbruch; der Roman ist einer der meistverkauften überhaupt.

Das "globale Buchhandelsphänomen" Paulo Coelho lebt mit seiner vierten Ehefrau, der Malerin Christina Oiticica, in Rio de Janeiro und im französischen Tarbes in der Nähe des Jakobsweges -  dort, wo literarisch für ihn alles begann.

Alles, was Recht ist

Trotz der eigenen negativen Erfahrungen mit der Justiz hat Coelho einen klaren Standpunkt: "Ich glaube trotz seiner Probleme an das Gerichts- und Rechtssystem. So hat beispielsweise der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten die Folter als Verhörmethode verworfen, obwohl der letzte Präsident (George W. Bush) und sein Vizepräsident sie mit allen möglichen juristischen Kunstgriffen zu rechtfertigen versuchten."

Als ein befreundeter Rechtsanwalt einmal zu ihm meinte, dass "das Recht nicht geschaffen (wurde), um Probleme zu lösen, sondern um sie zu verlängern", nahm Coelho diese Aussage zum Anlass einer Kurzsatire mit dem Titel "Alles, was Recht ist".

"Stellen wir uns einmal vor", so Coelho darin, "es hätte das Rechtssystem bereits im Paradis gegeben, als Gott Adam und Eva daraus vertreiben wollte. Er würde heute noch Einsprüche auf Beschwerden, Berufungen, Rechtshilfeersuchen, Ersuche an übergeordnete Gerichte, einstweilige Anordnungen, einstweilige Verfügungen formulieren und die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies in unzähligen Gerichtsterminen erneut begründen müssen."

Allerdings stelle sich die Frage, warum Gott dann besagten Baum nicht außerhalb der Paradiesmauern pflanzte, da er doch nicht wollte, dass Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis essen. "Ein erfahrener Verteidiger des Paares", so der Schriftsteller, "würde 'Versäumnisse seitens der Verwaltung' geltend machen: Erstens habe Gott den Baum am falschen Platz gepflanzt, zweitens ihn nicht mit Warnschildern versehen oder mit einem Zaun umgeben und dadurch drittens, unter Missachtung dieser elementaren Sicherheitsvorkehrungen, die Öffentlichkeit einer großen Gefahr ausgesetzt."

Doch Gott habe die Welt geschaffen, ehe es ein Rechtssystem gab. "Um sich die Möglichkeiten zu schaffen, strafen zu können, hat er einziges Gesetz gemacht und Mittel und Wege gefunden, jemanden dazu zu bringen, es zu übertreten. Er wusste, dass Adam und Eva sich inmitten all der Vollkommenheit allmählich langweilen und früher oder später seine Geduld auf die Probe stellen würden. Er wartete ab – denn auch er, der allmächtige Gott, langweilte sich, weil alles perfekt funktionierte. Hätte Eva den Apfel nicht gegessen, was wäre da in all diesen Jahren interessantes geschehen? Nichts."

Coelho schließt mit der Erkenntnis: Nach dem Sündenfall "vertrieb (Gott) das Paar aus dem Paradies und verhängte als weitere Strafe, dass auch die Kinder von Adam und Eva für das Verbrechen ihrer Eltern büßen mussten; und von nun an gab es Gesetz, Übertretung des Gesetzes, Verurteilung und Strafe."

 

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Zitiervorschlag

Jürgen Seul, Paulo Coelho zum Geburtstag: Der Sündenfall als juristisches Gedankenspiel . In: Legal Tribune Online, 24.08.2011 , https://www.lto.de/persistent/a_id/4101/ (abgerufen am: 11.08.2020 )

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Kommentare
  • 25.08.2011 18:40, Volker Erich Kummrow

    „denn auch er, der allmächtige Gott, langweilte sich, weil alles perfekt funktionierte.“

    Leszek Kolakowski sieht diese „Langweile“ Gottes bereits als Grund dafür an, überhaupt den Menschen geschaffen zu haben. Er nimmt 1963 in „Der Himmelschlüssel“ im ersten Kapitel (Gott oder der Widerspruch zwischen Motiven und Folgen menschlicher Handlungen) an, Gott habe sich in einer endgültigen, ewigen Einsamkeit empfunden. Seine Größe, sein Ruhm diene zu nichts, es gäbe auch keine Sünde, aber insoweit auch niemanden, der ihn bewundere, vgl. S. 9, 4. Auflage 1981, R. Piper & Co Verlag.

    Nach Erschaffung des Menschen, der Welt „hatte er jemanden, der ihn bewunderte, mit dem er sich – sehr zu seinem Vorteil! – vergleichen konnte.“…, vgl. ebenda aE.

    Coello könnte man dahingehend ergänzen, ein Rechtssystem habe Gott auch deswegen geschaffen, dass es ihm auch die Bewunderung seiner Menschen auf Dauer nicht eintönig bzw. langweilig werde. Dass er damit auf lange Sicht sich auch einer spezielle Gattung Mensch, nämlich Juristen, geschaffen hatte, die diese Bewunderung im Laufe der Zeit gehörig durcheinander gewirbelt haben, mag er bei der ihm eigenen Weitsicht unterschätzt haben.

    Jura sei die Kunst mit Methode zu ignorieren, was jedermann weis, Jeremy Lengtham

    Basiert also diese Bewunderung seiner Menschen auf deren Befolgung der von „ihm“ geschaffenen Rechtsordnung könnte Gott heutzutage ins Grübeln kommen und mit Oscar Wilde zu der möglichen Annahme kommen, bei der Schaffung der Welt, des Menschen habe er sich doch etwas überschätzt.