OStA berät zu Realismus in Krimis: Der Ankläger, dem die Fil­me­ma­cher ver­trauen

22.09.2022

Damit es in Krimis im Fernsehen möglichst juristisch realistisch zugeht, lassen sich Filmemacher gerne beraten. Etliche wenden sich an einen Frankfurter Oberstaatsanwalt, dem die Ideen nicht ausgehen.

Die besten Krimis schreibt das Leben. Davon ist der Frankfurter Oberstaatsanwalt Olaf König überzeugt. Auf seinem Schreibtisch landen ständig Fälle von Mord und Totschlag – die reichlich Stoff für Drehbücher hergeben. "Wenn man seit 30 Jahren mit Tötungsdelikten jeden Tag zu tun hat, hat man ja so viele Ideen, was man machen kann", sagt er. Und seine Ideen und fachliche Expertise sind gefragt: Seit rund zehn Jahren steht er Drehbuchautoren und Filmemachern zu Seite, wenn es darum geht, spannende und vor allem juristisch möglichst realistische Krimis zu drehen.

Angefangen hat alles mit einer Anfrage einer Produzentin, die rechtliche Beratung für eine Serie wollte, erzählt König (58). Da ihn juristische Fehler im Fernsehen schon immer genervt hätten, habe er ja gesagt. Heute ist er - neben seiner eigentlichen Arbeit als Oberstaatsanwalt - fest im Boot unter anderem bei der ZDF-Reihe "Der Staatsanwalt", aber auch in der ARD bei verschiedenen "Tatort"-Krimis plus Spielfilmen und diversen Formaten auch bei Privatsendern. "Ich lebe das. Das ist mein Hobby."

Manche Autoren schickten ihm ihren "Pitch", also die Drehbuchidee, die er dann kommentieren könnte. "Ich entwickle auch oft die Figuren, die Szenerie und das Wording mit", sagt er. Manchmal bekomme er auch Anrufe von Schreibern, die fragten: "Hast du was, mir fällt nichts ein? Es muss aber menscheln." Da könne er nur sagen: "Kein Problem, kriegen wir hin." An diesem Freitag ist König beim Krimifestival "Tatort Eifel" in Daun (Rheinland-Pfalz) zu Gast, um auch vor Fachpublikum über "justiznahe Kriminalfilme" zu reden.

König achtet auf Details

König hat schon (fast) alles erlebt. Exhumierung auf dem Friedhof nachts um eins, Suche nach einer Toten in der Müllverbrennungsanlage, schreckliche Verbrechen, Fehler bei der Ermittlungsarbeit. Für Außenstehende interessant seien oft auch solche Dinge: Dass Haftbefehle immer auf rosa Papier ausgestellt werden ("Damit man sie in der Akte schneller findet"), dass die mit Leinengürtel zusammengehaltenen Akten intern "Gürteltier" hießen, er bei Verhören kein Jackett trage und dem Beschuldigten ("und nicht Beklagten") auch mal Essen mitbringe.

Der Berliner Drehbuchautor Robert Hummel arbeitet schon länger mit dem Frankfurter Oberstaatsanwalt zusammen. "Was das Juristische betrifft, ist Dr. König mein Fachberater", sagt Hummel, der zu den Autoren der Serien "Letzte Spur Berlin", "Zürich-Krimi" und "Die Jägerin" gehört. König liefere "auch Ideen. Wir sind in einem sehr engen Austausch". Beide hätten sich bei "Tatort Eifel" kennengelernt: "Und da habe ich ihn gleich für einen Film, in dem es um organisierte Kriminalität ging, gewonnen."

Bei dem Fachtreffen in der Eifel nimmt der in Ost-Berlin aufgewachsene Hummel nun an einem für Drehbuchautoren und Regisseure angebotenen Schießtraining der rheinland-pfälzischen Polizei teil. Schießen könne er: Er habe das im Rahmen seines Militärdienstes in der Nationalen Volksarmee als Scharfschütze gelernt. "Polizeiliches Schießen ist aber natürlich etwas völlig anderes", sagt er. Bei dem Training wolle er vor allem mit Polizeibeamten reden, um zu erfahren, "was das Ziehen der Waffe für Stress bedeuten kann". 

Eigener TV-Auftritt war "keine gute Idee"

Solche Erfahrungen seien für ihn hilfreich: "Ich kann dann Situationen besser nachvollziehen, die ich Figuren in meinen Drehbüchern erleben lasse", sagt er. Zudem bekomme er "einen Einblick in das Denken und Fühlen von Polizeibeamten". Er schaue gerne in die Realität: "Denn sie bietet spannende Geschichten, menschliche Schicksale und Tragödien, die man auch in Gerichtssälen hautnah miterleben kann", sagt Hummel, der schon als Schöffe am Landgericht Berlin tätig war.

Mord in der Mittelschicht interessierte ihn als Drehbuchautor nicht. "Deswegen habe ich mich auch auf Justiz und organisierte Kriminalität ein bisschen spezialisiert. Weil ich finde, dass das für unsere Gesellschaft relevante Themen sind. Und weil es da für die Menschen und für die Figuren um sehr viel geht. Um sehr viel Geld, um hohe Haftstrafen, wirklich um Leben oder Tod."

Ob Oberstaatsanwalt König auch mal gerne vor der Kamera stehen würde? Das habe er schon einmal gemacht, weil er eine Wette verloren habe. In "Der Staatsanwalt" habe er den Oberstaatsanwalt gespielt. "Leider. Eigentlich wollte ich einen Gangster spielen." Aber wiederholen werde er einen Auftritt im Film nicht mehr. Er werde so oft darauf angesprochen im Gerichtssaal, auch von Schöffen und Zuschauern. "Das war keine gute Idee", sagt er. 

Das Krimifestival "Tatort Eifel" gilt als großer Branchentreff der Krimi- und Filmbranche in Deutschland. Zu der Reihe, die noch bis zum Sonntag läuft, hatten sich auch prominente Schauspieler wie Andrea Sawatzki, Joe Bausch, Katharina Wackernagel, Tim Bergmann und Ulrich Noethen angesagt - zu Lesungen und Filmpremieren.

dpa/acr/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

OStA berät zu Realismus in Krimis: Der Ankläger, dem die Filmemacher vertrauen . In: Legal Tribune Online, 22.09.2022 , https://www.lto.de/persistent/a_id/49704/ (abgerufen am: 27.09.2022 )

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