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Mordkommission-Autor Richard Thiess: "Man muss Ekel und Abscheu ver­bergen"

Dr. Dr. Frank Ebert

09.10.2010

In seinem Buch "Mordkommission - wenn das Grauen zum Alltag wird" schildert Richard Thiess, Leiter einer Münchener Mordkommission, realitätsnah und mit Feingefühl seine Ermittlungen in authentischen Fällen. Frank Ebert sprach mit dem Autor über seine persönlichen Empfindungen angesichts der Taten und den Umgang seines Teams mit den Belastungen des Dienstes.

Nach seiner Ausbildung und unterschiedlichen Tätigkeiten im Polizei- und Kriminaldienst leitet Richard Thiess als Erster Kriminalhauptkommissar seit 2001 eine Mordkommission des Polizeipräsidiums München. Zugleich ist er stellvertretender Leiter des Kommissariats K 11, zu dem insgesamt fünf  ständige Mordkommissionen gehören. Mit 165 Tötungsdelikten war Thiess bisher dienstlich befasst. Über 26 davon berichtet er in seinem Buch

LTO: Herr Thiess, was bedeutet es, eine Mordkommission zu leiten?

Thiess: Das bedeutet zunächst einmal, die Vorstellung von geregelten Dienstzeiten, freien Wochenenden und langfristig planbaren Urlauben aufzugeben. In physischer Hinsicht bedeutet das, in der Lage sein zu müssen, zu jeder Tages- und Nachtzeit, auch aus dem Tiefschlaf heraus und bei jeder Witterung innerhalb von maximal einer Stunde an jedem denkbaren Einsatzort zu sein, dort mit höchster Konzentration eine oft kaum überschaubare Fülle von Informationen zu verarbeiten und auf dieser Grundlage die richtigen Entscheidungen zu treffen; und dies nicht selten ohne Pause über zwei oder sogar drei Tage hinweg.

Leiter eine Mordkommission zu sein, bedeutet aber auch und vor allem, mit Menschen in allen denkbaren Gemütszuständen zu tun zu haben und dabei gleichzeitig dafür zu sorgen, dass alle kriminaltaktischen Belange mit der gebotenen Sorgfalt umgesetzt werden. Sie müssen betroffenen Angehörigen von Opfern und Tätern in den schwersten Stunden ihres Lebens beistehen, während sie zugleich versuchen müssen, notwendige Informationen von ihnen zu erlangen.

Gleichzeitig müssen Sie alle erforderlichen Einsatzkräfte, externe Gutachter und Spezialisten anfordern und sie in ihre Aufgaben einweisen. Sie müssen dafür sorgen, dass alle Informationen zeitnah an alle Einheiten und Dienststellen gesteuert werden, die diese für ihren Teil der Ermittlungsarbeit benötigen. Sie müssen ihre eigenen Kollegen so einsetzen, dass die psychischen und physischen Belastungen sich noch in erträglichen Grenzen halten.

Sie müssen imstande sein, aus allen Fakten und Indizien in Abstimmung mit Ihren Kollegen diejenigen zu erkennen und in der richtigen Weise zu bewerten, die letztlich den Schlüssel zur Klärung des Falles liefern und zur Ermittlung des Täters führen.

Auch sollten Sie in der Lage sein, wenn nötig stundenlang Tatverdächtige zu verhören und dabei den eigenen Ekel und die Abscheu so zu verbergen, dass der Täter zu Ihnen Zutrauen fasst und das Unfassbare seiner Tat gesteht.

Daneben wird erwartet, dass man schnellstmöglich alle wesentlichen Erkenntnisse über den Fall und die beteiligten Personen an die vorgesetzten Dienststellen, die Staatsanwaltschaft und die Presseabteilung weitergibt. All diese Tätigkeiten mit ihren zahlreichen weiteren Facetten fehlerfrei und erfolgreich zu koordinieren, macht die Tätigkeit des Leiters einer Mordkommission aus.

LTO: Täuscht der Eindruck oder ist die Mordkommission eine Männerdomäne?

Thiess: Selbstverständlich sind Ermittlungen in Mordkommissionen keine Männerdomäne. Dass dennoch die überwiegende Mehrheit der Mordermittler Männer sind, liegt schlicht daran, dass das Verhältnis von weiblichen zu männlichen Mordermittlern das allgemeine Verhältnis von Männern und Frauen im Polizeidienst widerspiegelt. In unserem Kommissariat arbeiten derzeit zwei Kriminalerinnen, wobei derzeit die Frauen bei uns unterrepräsentiert sind. Leider stehen nicht immer genügend weibliche Bewerberinnen zur Verfügung.

LTO: Bei Kapitaldelikten liegt die Aufklärungsquote der Polizei bekanntlich exorbitant hoch. Worauf führen Sie das zurück?

Thiess: Das hängt schlicht damit zusammen, dass bei Kapitaldelikten wie Mord oder Entführung die Polizei von Anbeginn an mit dem größtmöglichen Kräfteansatz an die Klärung dieser Fälle herangeht. Nicht selten werden dazu Sonderkommissionen gegründet und zum Beispiel für Absuchen Hundertschaften oder sogar ganze Abteilungen der Bereitschaftspolizei hinzugezogen. Zusätzlich werden alle erforderlichen externen Spezialisten und Gutachter ebenfalls sofort mit eingebunden.

Die Staatsanwaltschaft ist vom ersten Augenblick an dabei und begleitet und unterstützt die Ermittlungen mit notwendigen Beschlüssen, etwa für Telefonüberwachungen. Ein weiterer Vorteil liegt in dem ungeheuren öffentlichen Interesse an derartig spektakulären Ereignissen, das über die Medien zusätzlich am Leben erhalten wird. Dadurch kommt es nicht selten in kürzester Zeit zu einem extrem hohen Hinweisaufkommen, woraus sich häufig wesentliche Ermittlungsansätze ergeben.

LTO: Welche fachlichen und menschlichen Besonderheiten müssen Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen mitbringen, um mit den Belastungen Ihres Dienstes fertig zu werden?

Thiess: Eine Voraussetzung dafür, diesen Dienst längere Zeit unbeschadet bewältigen zu können, ist eine ausgeglichene Persönlichkeit mit einer gefestigten privaten Umgebung, die einen psychisch unbelasteten Rückzugsraum ermöglicht. Von den fachlichen Voraussetzungen her sollte man eine mehrjährige Praxis in anderen Ermittlungsbereichen aufweisen können, über eine rasche Auffassungs- und gute Beobachtungsgabe und über Kombinationsvermögen verfügen. Die Fähigkeit zur Abstraktion ist ebenso wichtig wie ein guter Schreibstil, damit alle Erkenntnisse für Außenstehende nachvollziehbar niedergelegt werden können.

Wichtig sind daneben natürlich besonders gute rechtliche und kriminalistische Kenntnisse, da bei Mordprozessen jede getroffene oder nicht getroffene Maßnahme von prozessentscheidender Bedeutung sein kann. Und last but not least muss der Mordermittler "leichenfest" und teamfähig sein.

LTO: Zehn Jahre Chef und Mitglied einer Mordkommission zu sein, bedeutet tägliche Konfrontation mit Tod und persönlichen Schicksalen. Sie sehen Leichen, vernehmen Tatverdächtige und Zeugen und benachrichtigen Menschen vom Tod ihrer Angehörigen. Wie gehen Sie damit um?

Thiess: Bei der Bewältigung dieser oftmals psychisch extrem belastenden Situationen hat es sich in der Praxis immer wieder bestätigt, dass der Zusammenhalt innerhalb der einzelnen Mordkommissionen ganz erheblich dazu beiträgt, psychische Belastungen gemeinsam zu schultern. Innerhalb meines Teams achte ich zudem darauf, dass jeder einzelne Kollege immer nur so belastet wird, wie dies seiner Persönlichkeit oder aber auch seiner jeweils aktuellen Lebenssituation entspricht. So wird vermieden, einen Vater von Kleinkindern zur Obduktion eines ermordeten Kindes zu entsenden oder junge Beamte zur Betreuung von älteren Angehörigen einzuteilen, wenn diese offenkundig den jungen Kollegen nicht als glaubwürdig empfinden.

Es hat sich aber auch gelegentlich als hilfreich erwiesen, mit der Mannschaft nach besonders belastenden Situationen nach Dienst noch bei einem Glas Wein oder einem Bier zusammenzusitzen und dabei über die bedrückenden Erlebnisse zu sprechen.

LTO: Sie stehen oft völlig überraschend vor Verbrechensopfern, von denen manche entsetzlich zugerichtet sind. In Ihrem Buch berichten Sie auch von toten Kindern. Wie sehr gehen Ihnen als Familienvater solche Erlebnisse unter die Haut?

Thiess: Das sind mitunter schlimme Momente, vor allem auch deswegen, weil man unwillkürlich dazu neigt, derartige Situationen gedanklich auf das eigene Umfeld, die eigene Familie zu projizieren. In solchen Momenten hilft es manchmal, sich ganz besonders auf die fachlichen Aspekte zu konzentrieren; dabei zu versuchen, sich selbst den Zugang zu bedrückenden Gedanken durch professionelles Agieren zu verwehren. Trotzdem gibt es Momente - vor allem dann, wenn man geistig und körperlich zur Ruhe gekommen ist - in denen einen Bilder und Situationen einholen. Wer dies auf Dauer nicht bewältigen kann, ist gut beraten, sich in anderen Ermittlungsbereichen zu betätigen.

LTO: Die Bundeswehr bietet professionelle Hilfe für Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen an. Manche schlimme Erlebnisse lassen die Soldaten einfach nicht mehr los. Welche Hilfe stellt Ihnen Ihr Dienstherr, der Freistaat Bayern, zur Verfügung?

Thiess: Hier bietet der Zentrale Psychologische Dienst, kurz ZPD, die Möglichkeit, im Rahmen so genannter Supervisionen mit Psychologen außerhalb der alltäglichen Umgebung Gespräche zu führen und über seine Befindlichkeiten und Ängste zu sprechen. Ich habe von diesem Angebot mit meiner Kommission einmal Gebrauch gemacht, wir waren damals ein paar Tage auf einer Berghütte.

Natürlich kann sich jeder Beamte darüber hinaus Hilfe suchend an den ZPD wenden, wenn er mit besonders belastenden Situationen nicht klar kommt. Allerdings sind derartige Betreuungen bislang in unserer Dienststelle die ganz große Ausnahme; die Aufarbeitung von Belastungen innerhalb der jeweiligen Mordkommission hat sich bewährt.

Das Interview führte Dr. Dr. Frank Ebert. Er ist Ministerialrat und Vertreter des öffentlichen Interesses beim Thüringer Innenministerium. Er war Lehrbeauftragter für Kriminologie an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung und Leiter der Polizeiabteilung im Thüringer Innenministerium.

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Zitiervorschlag

Frank Ebert, Mordkommission-Autor Richard Thiess: "Man muss Ekel und Abscheu verbergen" . In: Legal Tribune Online, 09.10.2010 , https://www.lto.de/persistent/a_id/1618/ (abgerufen am: 17.11.2019 )

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