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Juristisches Kabarett: "Die höchste Instanz der Komik"

Interview von Constantin Körner

05.07.2012

Werner Koczwara

Werner Koczwara, Foto: www.koczwara.de

1991 widmete Werner Koczwara der Juristerei erstmals ein satirisches Bühnenprogramm. Sein Buch "Am achten Tag schuf Gott den Rechtsanwalt" schaffte es sogar in die Bestsellerlisten. Constantin Körner sprach ihm über Humor, der Gesetzestexten innewohnt, einen denkwürdigen Auftritt beim Bundesverfassungsgericht und seine Vergangenheit mit Harald Schmidt.

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LTO: Herr Koczwara, wie entstand seinerzeit die Idee für ein juristisches Kabarettprogramm? Schließlich haben Sie doch selbst nie Jura studiert...

Koczwara: Nicht Jura studiert zu haben, ist die Grundvoraussetzung für juristisches Kabarett. Erst dadurch lässt sich die komplexe Materie mit der nötigen mangelnden Ernsthaftigkeit erfassen. Zwar lese ich wöchentlich die NJW, aber eben unter dem Blickwinkel des Satirikers. Die Idee zum juristischen Kabarett entstand im Übrigen aus der Frage "Was ist die kabarettistische Königsdisziplin?" Und das ist für mich eben die Verknüpfung von Kabarett und Jura, weil Justiz, Kabarett und Realsatire hier zur Heiligen Dreifaltigkeit des deutschen Humors werden.

LTO: Die Juristerei ist geprägt von Formalismus und Dogmatik. Deshalb gilt sie landläufig auch als eine so humorlose und langweilige Materie. Dagegen nutzen Sie selbst die Bezeichnung "höchste Instanz der Komik". Inwiefern ist es eine Herausforderung, ein abendfüllendes Kabarettprogramm darüber zu schreiben?

Koczwara: Wie Sie in der Frage ja andeuten, gilt Juristerei als humorlos und langweilig. Das ist aber ein großer Irrtum. Tatsächlich ist Juristerei extrem unterhaltsam und hochkomisch. Zum Beispiel §4 Personenbeförderungsgesetz: "Als U-Bahnen gelten auch Straßenbahnen, die keine Seilbahnen sind." Oder der Spruch des BGH: "Ein Bankschließfach ist keine Wohnung." Das ist brillant.

LTO: Beim Auftritt stellen Sie dem Publikum die rhetorische Frage "Sind heute Abend eigentlich auch Juristen anwesend?", um sich sogleich selbst die Antwort zu geben: "Natürlich sitzen in einem Programm über Juristen auch immer welche im Publikum. Deshalb würde ich gerne mal ein Programm über blutjunge Krankenschwestern machen!" Welcher Auftritt vor Juristen ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Koczwara: Herausragend sind stets die Auftritte in Gerichtssälen. Weil man hier nahezu körperlich spürt, wie befreiend es aufs Publikum wirkt, wenn an diesem Ort mal herzerfrischend gelacht wird.

Ganz speziell in Erinnerung bleibt mir allerdings ein Auftritt im Sitzungssaal des Bundesverfassungsgerichts. Anlässlich seines fünfzigjährigen Jubiläums saßen im Publikum sämtliche obersten Richter der Republik. Und speziell der versteinerten Miene von Herrn Benda war deutlich anzusehen, dass für ihn mit meiner Darbietung der Tiefpunkt in der BVerfG-Geschichte erreicht war.

LTO: In Ihrem neuen Programm "Am achten Tag schuf Gott den Rechtsanwalt Teil 2 - Die nächste Instanz" präsentieren Sie auch eine "Top 10 der Realsatire im Urlaubsrecht". Ihre Programme haben Sie teilweise schon weit über 1.000 mal aufgeführt und Sie sind entsprechend oft in Hotels zu Gast. Wann haben Sie Ihre besonderen Kenntnisse des Reiserechts schon einmal anwenden müssen?

Koczwara: Meine Tournee verläuft insgesamt juristisch störungsfrei. Die Ausuferungen des Reiserechts sind ja zu 90 Prozent rechtsschutzversicherten Pädagogen geschuldet, zu denen ich bekanntlich nicht zähle. Ich würde zum Beispiel nicht auf den Gedanken kommen, wegen "zu schnellem Sonnenuntergang auf Mauritius" zu klagen oder wegen "geringer Wassertiefe bei Ebbe" (AG München).

Harald Schmidt-Show: Innerhalb von 180 Minuten 20 Pointen abliefern

LTO: Es dürfte in Deutschland kaum jemand geben, der noch nie über eine Pointe von Ihnen gelacht hat. Schließlich waren Sie in den 90er-Jahren u. a. Chef-Autor für "Die Harald-Schmidt-Show". Wie sah in dieser Zeit ein typischer Arbeitstag von Ihnen aus?

Koczwara: Anstrengend. Morgens um 11 Uhr kam die E-Mail mit den Themen. Dann mussten innerhalb von 180 Minuten 20 Pointen abgeliefert werden. Irgendwann fragten meine Kinder: "Papa, warum bist Du eigentlich ständig so gereizt?" Einen Tag später habe ich gekündigt.

LTO: Seit über 20 Jahren setzen Sie sich nun ständig mit der Juristerei auseinander. Welches Bild haben Sie dabei von Juristen gewonnen?

Koczwara: Das sind ganz überwiegend gescheite, humorvolle Leute. Und einige sind noch trinkfester als Kabarettisten.

LTO: Auf Ihrer Homepage schreiben Sie, Sie wären äußerst gut gelaunt, solange Sie nicht auf Politik abgesprochen werden. Viele Politiker sind Juristen. Also, was haben Sie gegen Politiker?

Koczwara: Ich pflege ganz prinzipiell nicht die kabarettistische Kerndisziplin des Politikerbashings. Irgendjemand muss den Job ja machen. Nur: Gespräche über Politik führen bei mir rasch zu Ermüdungserscheinungen. Ich finde diese Gespräche ungefähr so spannend wie die Weißweinkarte im Schnellimbiss.

LTO: Werden Sie weitere Programme mit juristischem Kabarett folgen lassen oder wollen Sie dieses Kapitel eines Tages abschließen?

Koczwara: Ein Ende ist nicht abzusehen, speziell mit jenem Zentralmassiv an Direktiven, das derzeit in Brüssel in völliger Weltabgewandtheit errichtet wird,  also der momentan stattfindende Übergang von der Demokratie zur Demokratur - das wird in Zukunft nicht nur Juristen beschäftigen, sondern auch das juristische Kabarett. Mein Ziel ist es, dass irgendwann das AG Köln sich mit seinem erfrischenden Leitsatz durchsetzt: "Für sinnlose Vorgänge besteht kein Regelungsbedarf".

LTO: Herzlichen Dank für das unterhaltsame Gespräch.

Die Fragen stellte Constantin Körner.

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Constantin Körner, Juristisches Kabarett: . In: Legal Tribune Online, 05.07.2012 , https://www.lto.de/persistent/a_id/6540 (abgerufen am: 15.12.2025 )

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