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Buch "Millionäre fahren nicht auf Fahrrädern": Als Richter wurde, wer eine Schreibmaschine hatte

von Martin Rath

17.08.2014

Hand aufs Herz: Wer kein Berliner ist, hat dieser Tage kaum an den Jahrestag des Mauerbaus gedacht. Martin Rath hat für die Hauptstadt wenig übrig – für ein Buch  des Juristen Ernst Reuß, das eine ganz andere Art von Gedenken nicht nur an die Hauptstadt nach 1945 ermöglicht, umso mehr. Eine Leseempfehlung.

Der Präsident des Gerichts, das für einige Zeit nicht "Kammergericht" heißt, wird wahrscheinlich ernannt, weil er in der baltischen Provinz des Zarenreichs gebürtig ist und einige Jahre in Odessa akademisch gelehrt hatte, also die Sprache beherrschte, die gerade angesagt war. Im Übrigen war der Herr Präsident, Professor Dr. Arthur Kanger (1875-1960), von Haus aus Pharmazeut.

Ein Dr. Wilhelm Kühnast (1899-1970) wird, so will es die Legende, zum Generalstaatsanwalt beim Kammergericht, das jetzt erst einmal Stadtgericht heißt, berufen, weil der Stadtkommandant von Berlin die Frage stellt, wer unter den anwesenden Juristen der größte sei. Kühnast, der als Amtsrichter bisher mit Zivilrecht befasst gewesen war, ist vielleicht nicht der an Kompetenz größte Rechtsgelehrte im Raum, die Berufung zum Generalstaatsanwalt aber wegen seiner schieren Körpergröße erhalten haben.

"Berufung" einmal beim Wort genommen

Ob die Legende nur gut erfunden ist oder einfach gern erzählt wurde: Das Wort "Berufung" scheint im Wortsinn wahr gewesen zu sein, denn der sowjetische General Nikolai Erastowitsch Bersarin, der bis zu seinem Unfalltod am 16. Juni 1945 kurze Zeit der erste Stadtkommandant von Berlin ist, hält sich am 17. Mai 1945 nicht lange mit altdeutschem Justizschriftwesen auf und ernennt das zur Neuorganisation der Verwaltung Berlins beorderte deutsche Personal auf Zuruf.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa liegt gerade eine gute Woche zurück, Amerikaner, Briten und Franzosen werden erst im Juli in ihre vereinbarten Besatzungszonen in der deutschen Hauptstadt einrücken.

In seinem Buch "Millionäre fahren nicht auf Fahrrädern" geht der promovierte Jurist Ernst Reuß nicht zuletzt auf diese Übergangsphase zwischen der rein sowjetischen Besatzung Berlins und ihrer Teilung in vier Sektoren ein. Auch die Folgezeit bleibt, wie Reuß in dieser Untersuchung zum "Justizalltag im Nachkriegsberlin" erzählt, von Improvisation und Not geprägt. Boshaft möchte man fast wünschen, dass manche Information nicht ans Ohr heutiger Beschaffungsämter kommt: Papier und Gesetzestexte, aber auch technische Hilfsmittel sind im zerstörten Berlin so rar, dass Justizangestellte in spe ihre Einstellungsmöglichkeiten erheblich verbessern, wenn sie eine Schreibmaschine mitbringen können.

Vorsichtige Taktik der Kommunisten

"Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben", dieses Leitmotiv des späteren DDR-Staatschefs Walter Ulbricht (1893-1973), überliefert vom späteren DDR-Flüchtling Wolfgang Leonhard (1921-2014*), der als jüngstes Mitglied der kommunistischen "Gruppe Ulbricht" Anfang Mai 1945 zur Vorbereitung der stalinistischen Machtübernahme mit nach Berlin zurückgekehrt war, prägt das publizistische Bild von dieser Zeit bis heute – sicher zu Recht, kann doch Leonhards "Die Revolution entlässt ihre Kinder" (zuerst: Köln 1955) immer noch als Lehrbuch arkaner Machtübernahmepolitik gelesen werden.

Für die Justiz im frühen Nachkriegsberlin zeichnet Reuß ein Bild mit weiteren Schattierungen. Nicht zuletzt das Faible der neuen Machthaber für das Bildungswesen und die Polizei lässt zunächst Freiräume, die es "bürgerlichen" Juristen erlauben, im Gerichtswesen reüssieren.

Die Ausdifferenzierung nach demokratischem Westen und volksdemokratischem Osten erfolgt derweil noch vor der Berlinblockade 1948/49. Die US-Amerikaner richten sich ein Landgericht ein, um nicht - wie zunächst noch für die Amtsgerichte im britischen und französischen Sektor - das sowjetzonale Stadt- bzw. Kammergericht im Instanzenzug übergeordnet zu haben. Im verschärften kalten Krieg wird die Justiz aufgeteilt, die Juristen orientieren sich: Etliche "bürgerliche", nicht selten NS-vorbelastete wandern in die Westsektoren ab, der Osten kann auf das Konzept juristisch unausgebildeter Volksrichter setzen, die ungehemmt die politische Justiz der DDR etablieren.

* Anm. d. Red.: Wolfgang Leonhard ist just am Tag der Veröffentlichung dieses Beitrags verstorben. Dies wurde ergänzt um 18:06 Uhr.

Zitiervorschlag

Martin Rath, Buch "Millionäre fahren nicht auf Fahrrädern": Als Richter wurde, wer eine Schreibmaschine hatte . In: Legal Tribune Online, 17.08.2014 , https://www.lto.de/persistent/a_id/12912/ (abgerufen am: 24.05.2020 )

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