Druckversion
Donnerstag, 10.09.2026, 17:57 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/feuilleton/f/jury-experience-theater-interaktiv-justiz-geschworene-prozess
Fenster schließen
Artikel drucken
60401

"The Jury Experience": Justiz-Theater auf über­schau­barem Niveau

von Dr. Philip Raillon

12.07.2026

Eine Darstellerin als Richterin mit Hammer hinter dem Richterpult

Noch so ein Detail: Diese Richterin bei "The Jury Experience" nutzt einen Richterhammer, den es in der deutschen Justiz natürlich nicht gibt. Foto: Fever

Bei einem interaktiven Theater bilden die Zuschauenden die Jury eines Gerichtsprozesses. Es geht um einen Fall mit Potenzial: Ein autonomes Taxi überrollt einen Radfahrer. Philip Raillon hat die Vorstellung besucht – und war enttäuscht.

Anzeige

"The Jury Experience" lockt mit der ganz besonderen Unterhaltung und wirbt dafür mit professioneller Social-Media-Werbung. "Du wurdest als Geschworene:r einberufen. Höre dir Zeugenaussagen an, werte Beweise aus und entscheide schließlich: schuldig oder nicht schuldig?", heißt es auf der Website. Dafür sollen die Zuschauenden im "Prozess" ihre Meinung per Smartphone-Voting abgeben. Modernes Theater, aufgeführt zum Beispiel in Berlin, Köln oder Dresden. Die Stücke werden vom Anbieter "Fever" produziert und vermarktet. Unterschiedliche, lokale Ensembles inszenieren sie.

In Dortmund lief vor Kurzem "Die Killer-KI". Ein Stück, das – mit unterschiedlichen Schauspielern – bundesweit aufgeführt wird. Der Fall klingt erst einmal spannend: Wer macht sich strafbar, wenn ein autonomes Taxi einen Radfahrer überrollt? Angeklagt ist die Geschäftsführerin des Taxi-Herstellers. Ein Thema also, das in den USA bereits Gerichte – zivilrechtlich – beschäftigte und womöglich auch in Deutschland früher oder später mal vor Gericht landen wird. Das Theater könnte also zeigen, wie die Bevölkerung solche Rechtsfragen beantwortet. Eine Handlung mit rechtshistorischem und -philosophischem Potenzial.

Schlichtes Bühnenbild mit lateinischem Rechtsgrundsatz

Ein Fall dieser Art würde wohl vor dem Landgericht verhandelt. Das Dortmunder Landgericht hätte dabei definitiv mehr Charme als das schlichte Bühnenbild der "Jury Experience". Vor ödem Vorhangstoff stehen vier Pulte, mittig das Tischchen für den Richter. An dem prangt der lateinische Rechtsgrundsatz "Audi alteram partem", zu Deutsch: höre auch die andere Seite. Das Niveau ist also gesetzt. Darunter machen sie es bei "The Jury Experience" nicht. Oder zumindest geben sie das vor – denn dieses Niveau bleibt das Stück sowohl juristisch als auch unterhaltungstechnisch über seine ganze Dauer schuldig.

Also rein ins Abenteuer: Erst einmal soll die Jury einen Eid ablegen. Dafür erhebt sich das Publikum in dem nahezu ausverkauften Saal. Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung. Der Vorwurf: Die angeklagte Geschäftsführerin – die auch Programmiererin im Taxi-Unternehmen ist – habe "ihr Baby" nicht sicher programmiert, sich sogar über Zweifel von Experten hinweggesetzt. Der Richter bittet die Jury zur ersten Abstimmung. Eine Minute "Beratungszeit" und dann wird hemdsärmelig über die Smartphones abgestimmt. Schuldig oder unschuldig? Das Ergebnis: unschuldig, meinen rund 70 Prozent.

Sachverständiger fehlt, Lösung ist aber schnell gefunden

Was diese frühe Abstimmung genau bezwecken soll, bleibt allerdings unklar. Vielleicht soll sie die Aufmerksamkeit des Publikums gewinnen. Oder soll aus dem Theater nun ein wissenschaftliches Experiment werden? Fragestellung könnte sein, wie sich "Beweismittel" auf Hobby-Geschworene auswirken. Es bleibt aber – wie so vieles bei dieser Inszenierung – nebulös.

Für die Beweisaufnahme hat offenbar ein Sachverständiger den Fall und die Taxi-KI begutachtet. Eigentlich eine realitätsnahe Idee. Doch an der Verhandlung – scheinbar nach Skript – kann der Gutachter nicht teilnehmen. Zum Glück sieht das Drehbuch offenbar eine Alternative vor: Die Angeklagte sei doch selbst die beste Sachverständige für den Fall. Die Verteidigerin stimmt zu, die Angeklagte läuft über die Bühne und nimmt im Zeugenstand als Sachverständige Platz. "Audi alteram partem" wird dort besonders ernst genommen werden. Prozessual sorgt dieser Plot-Twist für Kopfschmerzen und würde in der Realität dem Revisionsgericht Arbeit machen. Gut, dass wir nur im Theater sind.

Vernehmung und Verhandlung insgesamt sollen der Angeklagten offenbar sehr nahe gehen. Die Schauspielerin inszeniert die Angeklagte als verunsichert, etwas nerdig und zugleich verständnislos gegenüber der Gesamtsituation. Jedes echte Gericht würde diese Art des Auftretens wohl als offensichtlich simulierend bewerten. Man könnte nun sagen: Die Schauspielerin spielt ihre Rolle so gut, dass es letztlich geschauspielert wirkt. Könnte man sagen, wäre aber für diese Inszenierung zu wohlwollend.

Im Zweifel zulasten des Täters?

Der "Jury Experience" lässt sich nicht vorwerfen, es würde Täterstrafrecht betreiben. Während die Angeklagte nur wenig Sympathie ausstrahlt, war das Opfer der liebe Familienvater Alex. Ein Radfahrer wie aus dem Bilderbuche: Berufspendler, äußerst regelkonform und – natürlich – Helmträger.

Das Gericht in diesem Stück gibt alles, um schnell ein Urteil zu finden. Daran könnte sich die echte Strafjustiz mal ein Beispiel nehmen – nicht! Denn nach nur einer Stunde Verhandlung soll das Publikum – pardon, die Jury – darüber entscheiden, ob sich die Angeklagte mit Alex' Tod strafbar gemacht hat oder nicht.

Nach der dünnen Hauptverhandlung würde man am liebsten gar nicht abstimmen. "In dubio pro reo" spielt im Stück keine Rolle, wäre aber ein Ansatz, um für unschuldig zu stimmen. Eine knappe Mehrheit sieht das anders: 51 Prozent wollen die Angeklagte bestrafen. Und erfahren auch direkt wie: Zehn Jahre Gefängnis, verkündet der Richter auf der Bühne. Die Angeklagte sackt in sich zusammen – wieder eher schlecht als recht gespielt.

Mahnende Worte und wenig Applaus

Das ist die Gelegenheit, damit der Richter noch mahnende Worte ans Publikum richtet. Man solle etwas mit nach Hause nehmen und darüber nachdenken. Denn schon bald werde statt Richtern die Künstliche Intelligenz Recht sprechen. Er sprach es und ging. Wow! Aus schlecht wird an dieser Stelle problematisch. Denn zumindest in Deutschland ist unsere Justiz von dieser Realität sehr weit entfernt. Diese Einsortierung bleibt die "Jury Experience" aber schuldig, der Appell hat stattdessen etwas Staatstragendes. Er ist nur völlig unpassend und einfach falsch. Anders die Reaktion einiger Zuschauer: Sie verlassen den Saal, noch bevor der dünne Applaus seinen kleinen Höhepunkt erreicht.

Und so vermittelt diese "Jury Experience" nicht nur einen bedenklichen Eindruck von Rechtsstaatlichkeit und Justiz. Viele fanden sie offenbar auch nicht sehr unterhaltsam. Von Rechtsphilosophie oder -geschichte war sie jedenfalls weit entfernt. Unter dem Strich bleibt ein Stück, dessen Handlung eigentlich Potenzial gehabt hätte, aber mindestens alles vermissen ließ, was man erwarten durfte.

Anzeige

Ein Sachverhalt mit echtem Potenzial

Und doch gibt es noch ein bisschen Hoffnung auf Großes. Denn die Inszenierung könnte Rechtsgeschichte schreiben. Voraussetzung wäre allerdings, dass einer der Besucher vor Gericht zieht und sein Geld zurückverlangt.

Die spannende Frage wäre dann, was diese künstlerische Leistung in Form des Theaterstücks für einen Verkehrswert hat. Oder konkret: Sind die Ticketverträge für diese „Jury Experience“ ein wucherähnliches Rechtsgeschäft und daher wegen Sittenwidrigkeit nichtig? Der Preis von – im konkreten Fall in Dortmund – bis zu 55 Euro für das einstündige Programm macht das nicht ganz abwegig.

Und das klingt dann doch wirklich nach einem Fall mit Potenzial. Die mündliche Verhandlung wäre bestimmt interessant, auch ohne Voting-Möglichkeit.

Der Autor Dr. Phillip Raillon ist Volljurist und arbeitet als freier Rechtsjournalist. Für den WDR sortiert er regelmäßig rechtliche Themen als "WDR-Rechtsexperte" ein. Die Aufführung "The Jury Experience – Die Killer-KI" hat er am 28.06. in Dortmund besucht. Die Rezension bezieht sich ausschließlich auf diese Inszenierung.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

"The Jury Experience": . In: Legal Tribune Online, 12.07.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/60401 (abgerufen am: 11.09.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Strafrecht
    • Justiz
    • Kultur
    • Prozess
Mann in grauem Anzug geht an einer blaugrünen Wand vorbei, dahinter ein rotes Säulenelement und eine Treppe. 05.09.2026
Berufswege

Ehemaliger Wiener Sängerknabe, Anwalt und "Art Advisor":

"Mozarts 'Zau­ber­flöte' in der Staat­s­oper war immer auf­re­gend"

Als Kind war Victor Justus Messerschmidt ein Wiener Sängerknabe, dann studierte er Jura. Seit kurzem ist er Anwalt in Hamburg, mit Fokus auf "Art Advisory“. Im Interview erzählt er, wie ihn die Musik und ein Master in Rom geprägt haben.

Artikel lesen
Symbolbild einer Abschiebung: Beamte der Bundespolizei und von Frontex eskortieren einen Mann in einem Flugzeug. 04.09.2026
Gerichte

Abschiebung trotz Hängebeschlusses:

Aus­län­der­be­hörde mis­sachtet Ver­wal­tungs­ge­richt – und ver­s­trickt sich in Wider­sprüche

Eine Ausländerbehörde in Schleswig-Holstein schob einen Mann ab, obwohl das dortige VG dies untersagt hatte. Der Landkreis teilt mit, man habe das Gericht nicht missachten wollen – doch zeigt die Antwort, dass man genau das bewusst tat.

Artikel lesen
Ein Gerichtssaal am Landgericht Bielefeld, man wirft einen Blick durch die fast geschlossene Tür auf verschwommene Personen 02.09.2026
Skurriles

Wende in Bielefelder Prozess:

Frei­spruch für Richter, der als "Anwalt" auf­trat

Mehrere Strafgerichte verurteilten einen Richter, der "Anwaltsschreiben" verschickt haben soll. Nun aber die überraschende Wende: Das LG Bielefeld sprach den Familienrichter frei. Ein Ende findet der rätselhafte Fall damit aber noch nicht.

Artikel lesen
AfD-Mann Hans-Thomas Tillschneider, Sachsen-Anhalt 02.09.2026
Kultur

Kulturpolitische Pläne der AfD in Sachsen-Anhalt:

Patrio­tismus als will­kür­li­ches Herr­schafts­in­stru­ment

Bei der Landtagswahl Sachsen-Anhalt tritt die AfD mit einer "patriotischen" Kulturpolitik an. Sie will "antideutsche" Kunst nicht mehr fördern und fordert ein Bekenntnis zur Kulturnation. Marvin Klein hält die Pläne für verfassungswidrig.

Artikel lesen
Karin Angerer steht in einem Treppenhaus des Bamberger Oberlandesgerichts 01.09.2026
Personalien

Ernennung durch den Bundespräsidenten:

Karin Angerer tritt Amt als Prä­si­dentin des BGH an

Wechsel an der BGH-Spitze: Dr. Karin Angerer hat das Amt als Präsidentin des Bundesgerichtshofs angetreten. Sie folgt auf Bettina Limperg.

Artikel lesen
Ulrich Siegmund (AfD) 01.09.2026
AfD

Umfrage zur Arbeit im Staatsdienst in Sachsen-Anhalt:

AfD-Regie­rung absch­re­ckend für Nach­wuchs­ju­risten

Welchen Effekt hätte eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt auf die Nachwuchsgewinnung der Justiz? Damit hat sich eine Umfrage befasst – die Ergebnisse sind deutlich.

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von ADVANT Beiten
(Se­nior) As­so­cia­te (w/m/d) – Ar­beits­recht

ADVANT Beiten, Frei­burg im Breis­gau

Logo von SEFE Securing Energy for Europe GmbH
Le­gal Coun­sel (m/w/d)

SEFE Securing Energy for Europe GmbH, Ber­lin

Logo von Osborne Clarke GmbH & Co. KG
Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter (w/m/d) Ge­werb­li­cher Rechts­schutz...

Osborne Clarke GmbH & Co. KG, Ber­lin

Logo von Freshfields
Ac­co­unts Payab­le Ana­lyst (m/w/d)

Freshfields, Frank­furt am Main

Logo von White & Case
Voll­ju­ris­tin / Voll­ju­rist (Staff At­tor­ney) (m/w/d), Com­mer­cial...

White & Case, Frank­furt am Main

Logo von Morrison & Foerster LLP
Rechts­an­wäl­tin/Rechts­an­walt (w/x/m) Ar­beits­recht

Morrison & Foerster LLP, Ber­lin

Logo von Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom LLP
As­so­cia­te (m/w/d) Dis­pu­te Re­so­lu­ti­on

Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom LLP, Frank­furt am Main

Logo von Dentons
Rechts­an­walt (m/w/d) Ar­beits­recht

Dentons, Mün­chen

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von Hagen Law School in der iuria GmbH
Fortbildung Verwaltungsrecht im Selbststudium/ online

18.09.2026

Logo von Flick Gocke Schaumburg
KonzernsteuerLounge 2026

22.09.2026, München

Logo von JASPER Rechtsanwälte
18. Fortbildungsveranstaltung zum Internationalen Wirtschaftsrecht

25.09.2026, Düsseldorf

Akt. Rechtsprechung des II. Zivilsenats des Bundesgerichtshofs z ges. Recht der Personen- Kapitalges

18.09.2026

Verteidigung in den wichtigsten Verkehrsstraftaten

18.09.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH