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Aktuelle rechtswissenschaftliche Dissertationen: Alter­tüm­liche Titel, zeit­ge­mäße Inhalte

von Martin Rath

06.03.2016

Seit 1975 der althergebrachte Tatbestand des "Mundraubs" aus dem Gesetz gestrichen wurde, ist für den regulär studierten Juristen der schlichte Hunger kein allzu greifbares Rechtsproblem.

Ob Ernst-Wolfgang Böckenförde, als er sein bis zur Erschöpfung zitiertes Wort von den Voraussetzungen des Staates formulierte, die dieser nicht selbst hervorbringen könne, auch an den gedeckten Tisch in der Gerichtskantine gedacht hat?

In seiner Dissertation "Die universelle Durchsetzung des Rechts auf Nahrung gegen transnationale Unternehmen" nimmt sich Ibrahim Kanalan einiger Rechtsfragen an, die unter Juristen kaum unpopulärer sein könnten. Gilt es doch als unfein, über Alternativen zur marktwirtschaftlichen Bedürfnisbefriedigung nachzudenken: Ist das Recht auf Nahrung ein positives Recht jedes Menschen? Aus welchen historischen Prozessen lässt sich erklären, dass zwar Staaten, nicht aber transnationale Unternehmen zu Adressaten völkerrechtlicher Ansprüche werden konnten?

In Kanalans Dissertation wird etwa der Zusammenhang zwischen der südafrikanischen Rechtsprechung zum Recht auf Trinkwasser – 50 Liter, 42 Liter oder abstrakte Gewährleistungspflicht des Staates – und der deutschen Rechtsprechung in Sachen Existenzminium sowie zur Durchsetzung der sozialen Menschenrechte allgemein hergestellt.

Seit der Tatbestand des "Mundraubs" gestrichen wurde, reibt sich der juristische Alltagspositivismus selten an so unmöglichen Fragen wie jener, ob der Mensch ein Recht hat, nicht zu hungern. Es ist selten, dass das liberale Marktmodell im juristischen Wissenschaftsbetrieb so klar in Frage gestellt wird. Vielleicht nicht die richtigen Antworten, aber interessante Fragen enthält:

Ibrahim Kanalan: "Die universelle Durchsetzung des Rechts auf Nahrung gegen transnationale Unternehmen". Dissertation Universität Bremen 2014, Tübingen (Mohr Siebeck) 2015.

Zitiervorschlag

Martin Rath, Aktuelle rechtswissenschaftliche Dissertationen: Altertümliche Titel, zeitgemäße Inhalte . In: Legal Tribune Online, 06.03.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/18689/ (abgerufen am: 13.08.2020 )

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Kommentare
  • 08.03.2016 14:05, LTO-Leser

    Wenn man rechtswissenschaftliche Doktorarbeiten sucht, die gerade nicht "unter dem Verdacht stehen, keine rechte Leistung zu dokumentieren", sollte man aber besser nicht (jedenfalls nicht so gehäuft wie der Autor) bei den Billig-Verlagen suchen - gute Arbeiten erscheinen da aus naheliegenden Gründen nur ausnahmsweise einmal, so wie umgekehrt die originellen und ertragreichen Arbeiten in der Regel in einem der namhaften Verlage bzw. Schriftenreihen zu finden sind.

    • 12.03.2016 21:17, krql

      Woher weiß man das?

  • 10.03.2016 17:22, MHR

    Die LTO scheint mir zunehmend der allgegenwärtigen Schizophrenie in Deutschland zu verfallen: links wählen und rechts leben. Man verdient sein Geld mit dem Schalten von Anzeigen der großen Wirtschaftskanzleien, spricht sich aber mehr oder weniger deutlich für linke Politthemen wie Gender-Mainstreaming usw. aus. Kann das wirklich überzeugen???