LTO.de - Legal Tribune Online - Aktuelles aus Recht und Justiz
 

Aktuelle rechtswissenschaftliche Dissertationen: Alter­tüm­liche Titel, zeit­ge­mäße Inhalte

von Martin Rath

06.03.2016

"Ich glaube, dass es völlig verfehlt ist, mit den Bürgerrechten zu argumentieren. Diese Technologie dient dazu, Verbrecher zu schnappen." Mit der flapsigen Anmerkung gemeint war der ermittlungstechnische Gebrauch der Gen-Sequenzierung.

Die zitierte, trivial formulierte Idee einer weitgehenden, wenn nicht Voll-Erfassung der Bevölkerung seines Landes stammte vom damaligen britischen Premierminister Tony Blair, der im Jahr 2000 gleich sein eigenes Gengut bei der zuständigen Behörde einreichte. In Deutschland machte damals der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis mit dem Vorschlag von sich reden, Genmaterial aller männlichen Bundesbürger einzusammeln.

Die bis heute nachwirkende Konsequenz dieser kriminalpolitischen Diskussion, in der stets politische Überwachungsfantasien mitschwangen, ist eine Rechtslage, in der Strafverfolgungsinteressen und Bürgerrechte nicht allzu gut gegeneinander abgewogen sind.

In ihrer Dissertationsschrift legt Maren Beck Vorschläge zur Verfeinerung der §§ 81 a bis h Strafprozessordnung (StPO) vor, regt beispielsweise den Verzicht auf Normen an, die nur oberflächlich dem Schutz der Bürgerrechte dienen (§ 81 f StPO).

Die Möglichkeiten molekulargenetischer Untersuchungen heben klassische Grenzen der Strafverfolgung auf. Mit der Ablieferung seiner Gen-Probe lieferte Tony Blair beispielsweise wertvolles Material, das dereinst nützlich sein mag, sollte eines seiner vier Kinder einer Straftat verdächtigt werden. An die Stelle von Selbstbelastungsverbot und Zeugnisverweigerungsrecht treten letztlich Fragen der (Gen-)Datenspeicherung und der Reihenausforschung. Wie weit die alten Begrenzungen des strafenden Staates noch passen, darüber gibt Maren Becks Dissertation zu denken.

Maren Beck: "Die DNA-Analyse im Strafverfahren. De lege lata et ferenda", Dissertation, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Baden-Baden (Nomos-Verlag) 2015.

Zitiervorschlag

Martin Rath, Aktuelle rechtswissenschaftliche Dissertationen: Altertümliche Titel, zeitgemäße Inhalte . In: Legal Tribune Online, 06.03.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/18689/ (abgerufen am: 12.08.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 08.03.2016 14:05, LTO-Leser

    Wenn man rechtswissenschaftliche Doktorarbeiten sucht, die gerade nicht "unter dem Verdacht stehen, keine rechte Leistung zu dokumentieren", sollte man aber besser nicht (jedenfalls nicht so gehäuft wie der Autor) bei den Billig-Verlagen suchen - gute Arbeiten erscheinen da aus naheliegenden Gründen nur ausnahmsweise einmal, so wie umgekehrt die originellen und ertragreichen Arbeiten in der Regel in einem der namhaften Verlage bzw. Schriftenreihen zu finden sind.

    • 12.03.2016 21:17, krql

      Woher weiß man das?

  • 10.03.2016 17:22, MHR

    Die LTO scheint mir zunehmend der allgegenwärtigen Schizophrenie in Deutschland zu verfallen: links wählen und rechts leben. Man verdient sein Geld mit dem Schalten von Anzeigen der großen Wirtschaftskanzleien, spricht sich aber mehr oder weniger deutlich für linke Politthemen wie Gender-Mainstreaming usw. aus. Kann das wirklich überzeugen???