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Aktuelle rechtswissenschaftliche Dissertationen: Alter­tüm­liche Titel, zeit­ge­mäße Inhalte

von Martin Rath

06.03.2016

Feministische Analysen des positiven Rechts und der Rechtspraxis leiden oft darunter, dass man sich in den vergangenen 40 Jahren darauf verständigt hat, die Medienunternehmerin Alice Schwarzer als alleinige Lautsprecherin dieser historisch legitimen sozialen Bewegung zum Maßstab zu nehmen und ihren oft obszönen Vorstellungen vom Recht allzu viel Gehör zu schenken.

Selbst wenn man die Lautsprecherei ausblendet, sind feministisch inspirierte juristische Inputs doch oft sehr ernüchternd. In der Urteilspraxis der Gerichte bleibt etwa vom viel gescholtenen "Gender Mainstreaming" nicht viel mehr übrig als eine Handvoll Entscheidungen, in denen geklärt wird, ob Gleichstellungsbeauftragte wegen Fortbildungsmaßnahmen dieses Inhalts befördert oder bevorzugt eingestellt werden müssen.

In ihrer Dissertation "Geschlechtergleichstellung bei Privatisierungen" geht Sandra Lewalter den titelgebenden "Anforderungen und Handlungsoptionen aus rechtlicher Sicht" nach.

Es ist wohl unbestritten, dass von den Outsourcing- und Privatisierungsmaßnahmen der vergangenen 30 Jahre vor allem gewerkschaftlich schlecht organisierte, in Teilzeit arbeitende Kräfte, kurz gesagt: überwiegend Frauen besonders betroffen waren. Aus der Behördenputzfrau mit Rentenanspruch ist die outgesourcte 450-Euro-Kraft mit einer Zukunft beim Sozialamt geworden.

Lewalter fordert, eine solche besondere Gender-Betroffenheit jedenfalls auf der Ebene von Organisationsentscheidungen der öffentlichen Hand zu berücksichtigen. Viel mehr als die Entscheidung, eine Gleichstellungsbeauftragte dabei anzuhören oder nicht, gibt das positive (Landes-)Verwaltungsrecht sonst offenbar nicht her.

Fraglich ist, ob damit die weitgehende Substanzlosigkeit des hierzulande feministisch verwalteten Gender-Mainstreaming-Rechts behoben werden kann. Gibt es denn überhaupt noch viele Staatsbetriebe in Deutschland, die privatisiert werden könnten?

Sandra Lewalter: "Geschlechtergleichstellung bei Privatisierungen. Anforderungen und Handlungsoptionen aus rechtlicher Sicht". Dissertation Bremen 2013 (Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin – Nomos-Verlag) 2015.

Zitiervorschlag

Martin Rath, Aktuelle rechtswissenschaftliche Dissertationen: Altertümliche Titel, zeitgemäße Inhalte . In: Legal Tribune Online, 06.03.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/18689/ (abgerufen am: 12.08.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 08.03.2016 14:05, LTO-Leser

    Wenn man rechtswissenschaftliche Doktorarbeiten sucht, die gerade nicht "unter dem Verdacht stehen, keine rechte Leistung zu dokumentieren", sollte man aber besser nicht (jedenfalls nicht so gehäuft wie der Autor) bei den Billig-Verlagen suchen - gute Arbeiten erscheinen da aus naheliegenden Gründen nur ausnahmsweise einmal, so wie umgekehrt die originellen und ertragreichen Arbeiten in der Regel in einem der namhaften Verlage bzw. Schriftenreihen zu finden sind.

    • 12.03.2016 21:17, krql

      Woher weiß man das?

  • 10.03.2016 17:22, MHR

    Die LTO scheint mir zunehmend der allgegenwärtigen Schizophrenie in Deutschland zu verfallen: links wählen und rechts leben. Man verdient sein Geld mit dem Schalten von Anzeigen der großen Wirtschaftskanzleien, spricht sich aber mehr oder weniger deutlich für linke Politthemen wie Gender-Mainstreaming usw. aus. Kann das wirklich überzeugen???