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Juristische Allgemeinbildung: Mehr Rechts­wis­sen­schaft an Schulen

von Martin Rath

31.07.2016

2/2: Rechtsprobleme mit leckerem Känguru

Bekanntlich liefert die sogenannte islamische Paralleljustiz in Deutschland nicht selten Anlass zu öffentlicher Empörung. Für die nähere Differenzierung zwischen zulässiger privater Schiedsgerichtsbarkeit und malignen Formen familiärer oder ethnischer Anmaßungen von Strafgewalt ist hier kein Platz.

In unserem Zusammenhang ist aber von Interesse, dass die Gelehrten des islamischen Rechts durchaus jugendgerechte Angebote zu einer fröhlichen juristischen Rabulistik machen, mit dem ein erster Schritt zur Entfremdung gegenüber dem deutschen Recht getan sein mag. Und von so viel lustiger Rabulistik und Vertrauen in die Erklärungsmacht der Rechtsgelehrten sollte man sich etwas abschauen – womit wir beim Känguru sind.

In einem Online-Forum für Freunde der schiitischen Geschmacksrichtung des Islam beispielsweise findet sich die Frage, ob Kängurufleisch halal ist, also nach muslimischen Speisegesetzen verzehrt werden darf, und, sollte dies nicht generell verneint werden, wie die Tötung beziehungsweise Schlachtung von Wildtieren vonstatten zu gehen habe.

Auch die türkische Religionsbehörde Diyanet als Vertretung der mehr sunnitischen Geschmacksrichtung des Islam hat sich bereits mit der Verzehrfähigkeit von Kängurufleisch befasst und ein entsprechendes Rechtsgutachten veröffentlicht.

Auslegungsdogmatik am Beispiel des Kängurus

Man wird sich nun vielleicht fragen, warum ausgerechnet solch absurde Beispiele für Rechtsprobleme aus orientalischen Normsystemen dazu einladen sollten, mehr juristisch qualifizierte Dozenten an die deutschen Schulen zu locken. Wer die Befähigung zum Richteramt hat, so die einfache Antwort, ist dazu ausgebildet worden, auf höchstem Niveau kritisch mit Normen, Rechtsgutachten und Präjudizien umzugehen.

Vor allem der deutsche Volljurist hat dabei in den vergangenen hundert Jahren bewiesen, dass er noch die absurdesten Normen ernstzunehmen in der Lage ist: Welche Norm gilt? Wie ist ihr Wortlaut auszulegen? In welchem Zusammenhang steht sie? Ist der Sachverhalt unter sie zu subsumieren? Wie kommen höherrangige Normen ins Spiel?

Was sagt uns "die Schrift" – sei es ein heiliges Buch oder das Gesetz? Nicht ganz zufällig entstanden die moderne protestantische Theologie mit ihrer Kritik an allzu unbedarfter Gläubigkeit und wesentliche Methoden der heutigen Rechtswissenschaft einigermaßen parallel an den deutschen Universitäten des 19. Jahrhunderts. Wäre es nicht eine schöne List der Vernunft, würden Anwälte Kindern beibringen, wie man Texte aller Art nach den Regeln ihrer gewitzten Kunst auslegen kann?

Recht hilft aus postmoderner Standpunktlosigkeit

Natürlich ist dies ein Maximalziel. Doch den wirklich heiligen Ernst im Umgang mit Texten können heute nur Juristen ernsthaft vertreten und ihn so – hoffentlich - Schülern vermitteln. Im schulischen Alltag gibt es ihn nicht. Da heißt es: Interpretiere das Gedicht und gebe deine begründete Meinung dazu ab. "Begründete Meinung" wiederum heißt: Süßer Senf, bitte nicht zu scharf. Freiheit, Leben und Vermögen hängen von solchen Interpretationen eben nicht ab.

Dass es bei einer Auslegung auf etwas ankommt, wo lernen junge Menschen das denn noch in einem öffentlichen Palaver, in dem jeder politische Standpunkt demoskopisch getestet und PR-mäßig weichgespült wird?

Und natürlich tut auch platte Rechtskunde allein schon not. Über Handyverträge wollen Jugendliche unterrichtet sein und darüber, ob sie Dateien legal herunterladen. Und wenn demnächst das neue Sexualstrafrecht mit seinen schändlich unbestimmten Begriffen auf das noch unbedarfte Paarungsverhalten der Pubertierenden stößt, werden Anwältinnen und Anwälte vielleicht noch froh sein, wenn sie mit den jungen Männern und Frauen nur über die Rabulistik des Kängurus sprechen brauchten.

Der Autor Martin Rath arbeitet als freier Lektor und Journalist in Ohligs bei Solingen.

Zitiervorschlag

Martin Rath, Juristische Allgemeinbildung: Mehr Rechtswissenschaft an Schulen . In: Legal Tribune Online, 31.07.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/20152/ (abgerufen am: 23.01.2021 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 31.07.2016 17:48, Richter

    Schlimm genug, dass schon rund 180.000 Juristen mit gefährlichem Halbwissen durch unser Land umherirren... und Sie wollen noch MEHR davon nachzuechten?

    Wie wäre es stattdessen, wenn wir unseren Schülern mal Ethik und Moral beibrächten? Und Ihnen erlauben, das bestehende (Schweine-)System kritisch zu hinterfragen?

    #Scheissverein(TM)

  • 04.08.2016 17:21, Anonym

    Ich finde es traurig, dass nur auf Nordrhein-Westfalen eingegangen wird, ausgerechnet eines der Bundesländer, dessen Abitur nicht zu den angesehensten gehört.
    In Thüringen und Sachsen-Anhalt erhält man im Gymnasium ab Klassenstufe 9 das Unterrichtsfach "Wirtschaft & Recht". An vielen Gymnasien kann man dies in der 11.+12. Klasse als sogenannten "Leistungskurs" (heute "Kurs mit erhöhten Anforderungen") wählen.
    Es gibt also durchaus auch positive Beispiele. Aber da sie in "kleinen" oder "unbedeutenden" Bundesländern stattfinden, sind sie einer Erwähnung nicht wert?!

  • 04.08.2016 21:21, Lehrer

    Die Aussagen im Artikel sind leider unvollständig. Im bevölkerungsreichsten Bundesland gibt es nicht nur AGs. Wenn auch nicht an allen Schulen, so haben wir doch einige allgemeinbildende Gymnasien, an denen Recht als Fach unterrichtet wird. Und entgegen der Vermutungen eines Richters hier, geht es nicht um das Heranziehen von weiteren arbeitslosen Juristen, sondern um die wie hier im Artikel richtig dargestellten Bemühungen juristisches Allgemeinwissen interessant und anschaulich zu vermitteln. Die Schülerinnen und Schüler zeigen grosses Interesse und nehmen das Fach sehr positiv auf.

  • 05.08.2016 13:08, Anonymous Dimpflmoser

    Und was wird nun aus dem Känguru?

  • 05.08.2016 23:39, Mike M.

    In der Schule lernt man so viel Quatsch ... aber nicht einmal wie ein Vertrag zustande kommt und dass Kaufvertrag und Übereignung zwei verschiedene Dinge sind. Obwohl man täglich Verträge abschließt. Auch gehört es m.E. zum notwendigen Allgemeinwissen, dass man sich nur strafbar machen kann, wenn man zumindest vorsätzlich oder fahrlässig (also schuldhaft) handelt und über 14 Jahre alt ist. Dafür interpretiert man lieber Storms Schimmelreiter und seichte Gemälde von René Magritte. Das Recht spielt im Leben und Berufsleben eines jeden so eine eklatante Rolle, dass die Schule schon irgendwie (rudimentär) darauf vorbereiten sollte. So ein bisschen Verfassungsrecht reicht m.E, nicht, ist ohnehin eine andere Sportart.

  • 11.08.2016 16:23, ULLRICH DOBKE

    Jedes Handeln und sogar Unterlassen ist in unserer Gesellschaft alltäglich von rechtlicher Bedeutung. Mindestens soviel Religions- oder von mir aus auch Ethikunterricht sollte es dem Staat wert sein, seiner zukünftigen Generation (den Schülern also) Rechtskunde altersgerecht zu vermitteln. Als Pflichtfach, durchgängig, nicht abwählbar! Das dient sicher auch der nachwachsenden Generation, die auf anderem sozio-kulturellem bzw. migrantem Hintergrund anders informiert werden von Eltern und sozialer Sondergemeinschaft, als es in unser aller gesellschaftlichem Interesse liegt! Dafür finden sich Volljuristen, wie zB erfahrene Rechtsanwälte sicher gern.