Druckversion
Dienstag, 10.02.2026, 21:59 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/feuilleton/f/jens-soering-freilassung-nach-33-jahren-haft-usa-mord
Fenster schließen
Artikel drucken
39295

Nach über 33 Jahren Haft in den USA freigelassen: Jens Söring zurück in Deut­sch­land

18.12.2019

Jens Söring am Frankfurter Flughafen

(c) picture alliance

Mehr als sein halbes Leben saß Jens Söring in Haft - die meiste Zeit in den USA. Der Diplomatensohn wurde wegen Mordes an den Eltern seiner Freundin verurteilt. Jetzt wurde der 53-Jährige freigelassen und ist nach Deutschland zurückgekehrt.

Anzeige

Jens Söring stieg am Dienstag am Frankfurter Flughafen in den Aufzug. Dicht zusammengedrängt mit Journalisten, Fotografen und Filmteams ging es zum Konferenzsaal im Airport Center, wo ihn seine Freunde und Unterstützer erwarteten. Kurz darauf: Großer Jubel und Applaus. Söring zeigte sich überwältigt. "Ich freue mich so sehr, nach 33 Jahren, sechs Monaten und 25 Tagen endlich, endlich hier in Deutschland zu sein." Über drei Jahrzehnte - also mehr als sein halbes Leben - saß der in den USA wegen Doppelmordes verurteilte Mann in Haft.

"Ich muss hier psychologisch und emotional ankommen in Deutschland. Ich habe dieses Land drei Jahrzehnte nicht mehr gesehen", sagte der 53-Jährige. Als Jens Söring 1986 verhaftet wurde, war dieses Land tatsächlich ein anderes. Deutschland trennte eine Mauer, Helmut Kohl war Bundeskanzler und das Internet noch nicht verbreitet.

Wie wird sich Söring in einer völlig veränderten Welt zurechtfinden? "Er muss nicht resozialisiert werden, sondern sozialisiert werden. Er muss Lebenstechniken und Verhaltensweisen lernen, um in dieser Gesellschaft draußen zu überleben", sagt Kriminologe Bernd Maelicke. "Das ist wie bei einem kleinen Kind - zu lernen, wie ist das mit den Verkehrsregeln, mit dem Internet, mit Smartphones."

Zweimal lebenslang wegen zweifachen Mordes

Die Geschichte Sörings nimmt 1984 ihren Anfang: Der deutsche Diplomatensohn kommt an die University of Virginia, wo er seine erste große Liebe, die Kanadierin Elizabeth Haysom, trifft. Im März 1985 werden deren Eltern in ihrem Haus in Virginia mit zahlreichen Messerstichen ermordet. Als Söring und Haysom unter Verdacht geraten, fliehen sie. Ein Jahr nach dem Mord fliegen die beiden in London wegen Scheckbetrugs auf. Sie werden verhaftet und später an die USA ausgeliefert.

Haysom wird wegen Anstiftung zum Mord zu zweimal 45 Jahren Haft verurteilt, Söring bekommt zweimal lebenslang. Er hatte die Morde zunächst gestanden, dann das Geständnis widerrufen und erklärt, die psychisch kranke und drogenabhängige Elizabeth habe ihre Eltern ermordet. Er habe seine Freundin vor der Todesstrafe schützen wollen und deshalb die Tat auf sich genommen, sagte er später. Er sei davon ausgegangen, dass er als Diplomatensohn nach Deutschland ausgeliefert werde und dann nach einer mehrjährigen Haftstrafe freikomme.

Der spektakuläre Fall ist nach wie vor rätselhaft - und polarisiert. "Die Schuldfrage ist meines Erachtens bis heute nicht abschließend geklärt", sagt Transatlantik-Koordinator Peter Beyer. "Es sind immer noch viele Fragen offen." So passten am Tatort gefundene DNA-Spuren nicht auf Söring. Dagegen zweifelt der ehemalige US-amerikanische Strafverteidiger Andrew Hammel nicht an dessen Schuld. "Bei der Beweislage wäre Söring zweifelsohne auch in Deutschland für schuldig befunden worden", schrieb er kürzlich in der FAZ. Er spricht von einem "Mythos von Sörings Unschuld", der in den deutschen Medien besonders populär sei.

Auf Bewährung freigelassen und abgeschoben

Söring selbst beteuert bis heute seine Unschuld. Mehrfach hatte er erfolglos seine Entlassung beantragt. Vor wenigen Wochen entschied dann das zuständige US-Gremium, ihn auf Bewährung freizulassen und abzuschieben. In Deutschland ist Söring ein freier Mann. In die USA darf er nie wieder einreisen.

Seine Unterstützer wollen den 53-Jährigen auf dem Weg in sein neues Leben begleiten. Sie haben eine Wohnung, ein Handy und Kleidung besorgt. Über den Jahreswechsel wird der Ex-Häftling jetzt aber erst einmal in den Urlaub fahren. Danach will er durch das Land reisen und schauen, wo er sich niederlassen möchte.

"Bitte geben Sie mir etwas Ruhe, um mit meinen Freunden zu sein und um hier anzukommen", sagte er am Dienstag, als er bekleidet in einem hellen Jogginganzug und dunkler Daunenjacke vor die Presse trat. Zudem zitiert ihn der Freundeskreis auf Twitter mit folgenden Worten: "Ich bin so gespannt, wie sich Deutschland verändert hat. Und ich will unbedingt durchs Brandenburger Tor gehen."

Wie sieht Sörings Zukunft aus?

Petra Hermanns, die Sprecherin des Unterstützerkreises, beschreibt den 53-Jährigen als "sehr sympathischen, charismatischen, humorvollen sowie klugen und empathischen Menschen." Sie sei zuversichtlich, dass er in der Freiheit zurechtkomme. Zudem werde er therapeutische Hilfe bekommen.

Nach Ansicht von Kriminologe Maelicke muss Söring seinen jahrzehntelangen Aufenthalt im US-Gefängnis erst einmal verarbeiten. "Das ist mit der schlimmste Knast, den man sich vorstellen kann, da ist Gewalt, da sind Drogen, da sind Vergewaltigungen." Mit diesen Erfahrungen und diesen Eindrücken müsse er ein Leben lang leben - sowohl körperlich als auch psychisch. Aber dass sich Söring in solch einem Umfeld nicht habe unterkriegen lasse, zeuge von dessen Stärke.

Und was hofft Hermanns für Sörings Zukunft? "Wenn ich es mir wünschen würde, verdient er mit irgendetwas Geld, hat nette Leute, Freunde um sich und ist ein gut gelaunter Mitbürger. Ein ganz normales Leben, das ist das, was er will."

dpa/mgö/LTO-Redaktion

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Nach über 33 Jahren Haft in den USA freigelassen: . In: Legal Tribune Online, 18.12.2019 , https://www.lto.de/persistent/a_id/39295 (abgerufen am: 16.02.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Strafrecht
    • Diplomatie
    • Haft
    • Mord
    • Straftaten
    • USA
Marco Rubio auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 16.02.2026
Völkerrecht

Münchener Sicherheitskonferenz:

Freund­liche Ein­la­dung zur Abschaf­fung des Völ­ker­rechts

Während US-Außenminister Marco Rubio mit dem Zeitalter des internationalen Rechts abrechnete, bemühten sich andere, zu retten, was zu retten ist. Gelingt ein "push back gegen den push back"? Eindrücke vom Wochenende in München.

Artikel lesen
Demonstranten vor dem Supreme Court 16.02.2026
USA

US-Präsidenten regieren mit Notstand – seit Jahrzehnten:

Stoppt der Sup­reme Court Trumps eigen­mäch­tige Zoll­po­litik?

Könnte ausgerechnet unter Trump die jahrzehntelange Praxis enden, dass US-Präsidenten mit umfangreichen Notstandsbefugnissen regieren? Republikaner und Demokraten sehen Reformbedarf, der Supreme Court steht vor einer Grundsatzentscheidung.

Artikel lesen
Ein Gang mit zwei offenen Gefängniszellen 11.02.2026
Sexueller Missbrauch

"Gravierende, der Justiz zuzurechnende Verfahrensverzögerung":

Ver­ur­teilter Ver­ge­wal­tiger aus Unter­su­chungs­haft ent­lassen

Im Juni 2025 wurde ein Mann unter anderem wegen Vergewaltigung zu langjähriger Haft verurteilt. Der Richter verfasste aber bis heute kein Verhandlungsprotokoll. Ein Verstoß gegen das Beschleunigungsgebot, so das Kammergericht.

Artikel lesen
Arm eines US-Militärs in Uniform mit aufgestickter US-Flagge 11.02.2026
Spionage

OLG Koblenz zu Agententätigkeit für China:

Ex-US-Militär wegen Spio­nage ver­ur­teilt

Ein Ex-Militär aus den USA war unzufrieden mit seinem Arbeitgeber und griff zu drastischen Mitteln: Er bot China geheime Daten an. Das OLG Koblenz hat den Mann wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.

Artikel lesen
Unterstützer der Klimabewegeung protestieren vor de Brandenburger Tor mit einem Banner auf dem steht: "Klimakatastrophe zulassen = kriminell" 10.02.2026
Klimaproteste

LG Potsdam lässt Anklage zu:

Ist die Letzte Gene­ra­tion eine kri­mi­nelle Ver­ei­ni­gung?

Aktionen gegen die Ölraffinerie PCK, den Flughafen BER und ein Gemälde von Monet: Aus Sicht der Staatsanwaltschaft waren das Attacken einer kriminellen Vereinigung. Ob das juristisch zutreffend ist? Jetzt ist das LG Potsdam am Zug.

Artikel lesen
Ein Versammlungsteilnehmer in Polen hält ein kleines Plakat hoch, auf dem steht: "From the River to the Sea." 10.02.2026
Antisemitismus

Verfassungsbeschwerde anhängig:

Erstes Ober­lan­des­ge­richt hält "From the River to the Sea” für strafbar

Noch immer herrscht Ungewissheit: Ist "From the River to the Sea" eine strafbare Hamas-Parole? Das hat nun erstmals ein OLG bejaht, ein weiteres neigt dazu. Derweil gehen die Blicke nach Karlsruhe – sowohl zum BGH als auch zum BVerfG. 

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle , Ver­den (Al­ler)

Logo von BLD Bach Langheid Dallmayr Rechtsanwälte Partnerschaftsgesellschaft mbB
Prak­ti­kan­ten

BLD Bach Langheid Dallmayr Rechtsanwälte Partnerschaftsgesellschaft mbB , Köln

Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle , Hil­des­heim

Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle

Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle

Logo von Görg
Prak­ti­kan­ten­pro­gramm GÖRG law ta­l­ents

Görg , Köln

Logo von Hessisches Ministerium der Justiz und für den Rechtsstaat
Voll­ju­ris­ten (m/w/d) – Ih­re Zu­kunft in der hes­si­schen Jus­tiz

Hessisches Ministerium der Justiz und für den Rechtsstaat , Wies­ba­den

Logo von WWP Rechtsanwälte
Rechts­an­wäl­te (m/w/d)

WWP Rechtsanwälte , Kiel

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
§ 15 FAO - Rechtssichere Gestaltung von Arbeitsverträgen

23.02.2026, Hamburg

Logo von GvW Graf von Westphalen
Rechtsprechungs­report: Exportkontrollrecht

23.02.2026

Logo von GvW Graf von Westphalen
Rechtsprechungs­report: Kartellrecht

23.02.2026

Logo von ARQIS
ARQIS Spring School 2026 – Das Praktikantenprogramm

23.02.2026, Düsseldorf

Logo von CMS Deutschland
Update Vergaberecht - Schwellenwerte und Relevanz des Auftragswerts

25.02.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH