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Jacob Grimm zum Geburtstag: Von der Poesie im Recht

Er war Märchensammler und Volkskundler, Germanist und Philologe: Jacob Grimm war vieles – auch Jurist, was heutzutage fast in Vergessenheit geraten ist. Dabei legt gerade sein juristisches Werk wertvolles wie amüsantes Zeugnis über Herkunft und Bedeutung zahlreicher rechtshistorischer Redewendungen und Symboliken ab.

Während die Märchensammlungen, die Jacob Grimm gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm herausgab, noch immer zum Kanon deutscher Literatur gehören, erfreute sich der Jurist selber vor allem an seinem Werk "Deutsche Rechtsaltertümer" von 1828: "Unter allen meinen Büchern habe ich keine(s) mit größerer Lust geschrieben als die Rechtsaltertümer [...]," bekannte Jacob Grimm später. Das Buch ist sicherlich sein originellstes rechtswissenschaftliches Werk. Es ist ein Spaziergang durch die fränkisch-germanische Rechtsgeschichte.

So wird darin z.B. über die korrekte Eidesleistung berichtet: "Beim Eidschwur ist die Hand wesentlich; es wird angesehen, als ob sie ihn vollbringe oder halte. Der Schwörende berührt mit der rechten Hand Kreuz, Reliquie, Bibel [...]."

Im Strafverfahren sei früher u.a. wie folgt verfahren worden: "Ober dem Haupt des Verurteilten wird der Stab gebrochen und ihm vor die Füße geworfen. Daher stammt noch die heutige Redensart ‚Ober jemanden den Stab brechen.'"

Für die Einlegung einer Berufung sei in alten Zeiten die Kopfbedeckung eines Verfahrensbeteiligten sehr wichtig gewesen: "Wer mit dem Urteilsspruch nicht einverstanden war, warf seinen Hut vor dem Richter auf den Boden." Heutzutage hätte eine solche Handlung vermutlich eine Ordnungsstrafe wegen Missachtung des Gerichts zur Folge.

Marburger Rechtsstudien

Die Fähigkeiten für Recherche und Abfassung eines solchen Buches war nur einem talentierten Geist möglich. Und ein solcher war Jacob Grimm zweifelsohne.

Als Sohn eines Juristen am 4. Januar 1785 in Hanau geboren, verbrachte Jacob die Schulzeit bei einer Tante in Kassel. Danach zog es ihn nach Marburg, um dort ab 1802 Jura zu studieren – ein Unterfangen, bei dem ihm sein Bruder Wilhelm ein Jahr später nacheiferte. "Jura studierte ich hauptsächlich, weil mein seeliger Vater ein Jurist gewesen war und es die Mutter so am liebsten hatte."

Der Tod des Vaters zu einer Zeit, in der es noch keine festen Pensionen gab, hatte die Familie fast mittellos gemacht. Doch die Grimms besaßen ein Kapital, mit dem sie wuchern konnten: das Arbeitsethos einer Beamtenfamilie, dazu die familiäre Erfahrung, wie man sich durch Fleiß und Gelehrsamkeit "für ein Amt geschickt machen könne"; der Zusammenhalt von Familie und Verwandtschaft und schließlich die Gnade des Kurfürsten von Hessen, der die Studienerlaubnis erteilte. Diese Vorzüge nutzte Jacob Grimm geschickt.

Einer Bildungsreise an der Seite des bedeutendsten Rechtsgelehrten des 19. Jahrhunderts, Friedrich Karl von Savigny, verdankte er die Bekanntschaft der literarischen und kulturellen Elite jener Zeit: Jean Paul, Wieland, Schlegel, Brentano, Goethe.

Als fleißiger Jurastudent mit einer Vorliebe für das römische Recht bewies Jacob Grimm daneben eine besondere Befähigung zur exakten wissenschaftlichen Arbeit. Savigny war ihm dabei Mentor und Vorbild zugleich.

An jenen wandte sich Jacob Grimm schließlich am 9. März 1807 und teilte ihm den überraschenden Abschied von der Jurisprudenz mit. Er meinte, dass die Jurisprudenz "zu ihrer Anwendung selbst bloß ein gesundes und vernünftiges Urteil erfordert, sie also weiter keine Wissenschaft mehr ist", sie sei "keineswegs wie die Philosophie, Poesie etwas Unerschöpfliches, Unergründliches."

Ein Jurist als Vater der Germanistik

Jacob Grimm verfolgte zwar zunächst (auch ohne juristisches Abschlussexamen) noch eine juristische Beamtenkarriere: als Sekretariatsakzessist beim Kurfürsten in Kassel, dann als auditeur au conseil d’etat und Privatbibliothekar bei Jérôme Bonaparte, dem das neue Königreich Westfalen regierenden Bruder Napoleons, schließlich nach dem Ende der französischen Herrschaft als Legationssekretär wiederum des Kurfürsten mit diplomatischer Mission in Paris und auf dem Wiener Kongress.

Sobald es ihm aber möglich war, zog er sich mit seinem Bruder Wilhelm auf eine Stelle als Bibliothekar in Kassel zurück und widmete sich jetzt in erster Linie der Literatur, der Philologie, der Mythologie und dem Sammeln der Märchen. Doch parallel erschienen regelmäßig Aufsätze und Bücher zur germanisch-deutschen Rechtsgeschichte.

1830 trat Jacob Grimm eine Stelle als Literatur-Professor und Bibliothekar an der Göttinger Universität an. Als Teilnehmer am Protest gegen die Aufhebung der Verfassung durch König Ernst August II. von Hannover im Jahr 1837 erhielt er Berufsverbot und Landesverweis. Mit seinem Bruder Wilhelm übersiedelte Jacob Grimm nach Kassel, wo der gemeinsame Plan zum "Deutschen Wörterbuch" entstand – ein gewaltiges Projekt, das erst lange nach dem Tod der Brüder 1961 seinen erfolgreichen Abschluss fand.

Beide Grimms folgten 1841 einem Ruf an die Berliner Universität. 1843 wurde Jacob Grimm mit dem Orden pour le mérite ausgezeichnet. Drei Jahre später leitete er als Vorsitzender die erste Germanistenversammlung in Frankfurt/M., ein Jahr darauf in Lübeck die zweite. Zwei Jahre darauf wurde er Abgeordneter im Frankfurter Paulskirchen-Parlament.

Durch seine sprachwissenschaftlichen Arbeiten schuf Jacob Grimm nicht nur eine Vereinheitlichung der deutschen Sprache; er gilt auch als Begründer der Germanistik. In seinem Aufsatz "Von der Poesie im Recht" findet sich der berühmte Satz: "Dass Recht und Poesie miteinander aus einem Bette aufgestanden waren, hält nicht schwer zu glauben." Die Goethes, Heines, E.T.A. Hoffmanns und nicht zuletzt er selber belegen diese These.

Jacob Grimm starb am 20. September 1863 in Berlin.

Der Autor Jürgen Seul lebt als freier Publizist und Redakteur in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Er verfasste zahlreiche Publikationen u. a. zum Architektenrecht, Arbeitsrecht sowie zu rechtshistorischen Themen.

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Zitiervorschlag

Jürgen Seul, Jacob Grimm zum Geburtstag: Von der Poesie im Recht . In: Legal Tribune Online, 04.01.2011 , https://www.lto.de/persistent/a_id/2267/ (abgerufen am: 13.11.2019 )

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