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Inga Markovits über "DDR-Juristen zwischen Recht und Macht": "Helden waren sie in der Regel nicht"

von Peggy Fiebig

03.10.2020

Wappen der DDR

nik_t - stock.adobe.com

Zu DDR-Zeiten wurden an der Humboldt-Universität Richter und Anwälte ausgebildet. An ihrem Beispiel untersucht US-Professorin Markovits, ob Juristen "ideologieanfälliger" für die Propaganda des SED-Staates waren als andere Fachrichtungen. 

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Für ihr neues Buch hat sich Inga Markovits tief in das Archiv der Humboldt-Universität (HUB) in Berlin, das Bundesarchiv und nicht zuletzt das Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen gegraben.  

Mit dem Recht der DDR befasste die Amerikanerin mit deutschen Wurzeln sich schon zu Beginn ihrer Karriere. Sie wurde 1969 an der Freien Universität im damaligen West-Berlin mit einer Arbeit zum "Sozialistischen und bürgerlichen Zivilrechtsdenken in der DDR" promoviert. Stärkere Aufmerksamkeit erhielten jedoch ihre Bücher, die nach dem Ende der DDR veröffentlicht wurden: "Die Abwicklung – Ein Tagebuch zum Ende der DDR-Justiz" erschien 1993, "Gerechtigkeit in Lüritz – Eine ostdeutsche Rechtsgeschichte" dann 2006 und jetzt nun "Diener zweier Herren – DDR-Juristen zwischen Recht und Macht". 

Bei ihrem neuen Buch hat sie sich die Studenten und Professoren der Ostberliner Humboldt-Universität vorgenommen und untersucht an diesem Beispiel, wie sehr zwischen 1946 und 1989 in der DDR das Recht und seine Protagonisten eingebunden waren in das sozialistische Machtgefüge. Sie beleuchtet auch, wie sehr sich die Mächtigen des Landes auf "ihre" Juristen verlassen konnten. 

Zwischen professionellem Selbstverständnis und Parteianspruch

Die Humboldt-Universität war von den juristischen Fakultäten in der DDR die sichtbarste und vielleicht auch wichtigste, so begründet Markovits ihre Wahl. 

Das Ziel sei gewesen, zu sehen, wie Juristen zwischen ihrem eigenen professionellen Selbstverständnis und den Ansprüchen der Partei balancieren, wie sich der Zwiespalt zwischen Recht und Macht abspielt, erklärte sie das Anliegen ihres Buches, an dem sie damals noch arbeitete, auf einem Vortrag 2012. 

Ihre Erkenntnisse erzählt Markovits nun aus drei Perspektiven: Die  "erste Geschichte" beleuchtet die "Anpassung und willige Unterwerfung an die Parteibeschlüsse". In der zweiten steht der "Mürrische Gehorsam von Revisionisten" im Mittelpunkt und in der dritten und letzten Geschichte stellt sie den "Verschleiß des politischen Glaubens an den Sozialismus" dar. 

Ostdeutsche Rechtsgeschichte

In der Tat sind es eher Geschichten als wissenschaftliche Abhandlungen, die Inga Markovits ihren Lesern präsentiert. Auf umfangreiche Fußnoten und Anmerkungen verzichtet sie weitgehend. Die Professorin der University of Texas Law School nimmt ihr Publikum eher mit auf Spaziergänge durch 43 Jahre ostdeutscher Geschichte. 

Das dürfte die wissenschaftliche Verwertbarkeit des Buches erschweren, es aber dafür einem breiteren – auch nichtjuristischen – Leserkreis öffnen. Nach eigenen Angaben hat sich Markovits auch weniger auf Veröffentlichungen anderer Wissenschaftler gestützt als vielmehr auf ihre eigenen Entdeckungen. 

Zugute kam ihr dabei, dass die Archive ostdeutscher Institutionen nach dem Zusammenbruch der DDR oftmals zugänglicher waren als jene im Westen. So konnte sie Einblick in interne Protokolle und Vorgänge der Humboldt-Uni nehmen, was an westdeutschen Universitäten undenkbar wäre. 

"In der Regel keine Helden"

Jede der drei Geschichten beginnt mit dem selben Satz: "Es war dem Druck und der Unterstützung der sowjetischen Besatzungsmacht geschuldet, dass die alter Berliner Friedrich-Wilhelms Universität schon am 20. Januar 1946 (ein Dreivierteljahr nach dem Zusammenbruch und knapp drei Monate vor der Neugründung der Technischen Universität im englischen Sektor der Stadt) ihren Vorlesungsbetrieb wieder aufnehmen konnte." Das ist der jeweilige Ausgangspunkt der Geschichten, die jede dann auch folgerichtig mit dem Untergang der DDR endet. 

Das dreigeteilte Bild, das Markovits mit ihren "Geschichten" entwirft, zeigt dabei, dass es nicht die eine Bewertung der Juristischen Fakultät, später dann Juristischen Sektion und der dort agierenden Akteure gab, sondern dass auch hier Menschen mit unterschiedlichen persönlichem Hintergrund, unterschiedlichem Denken und eben auch unterschiedlichem Grad von Akzeptanz und Widerstand tätig waren. "Wie die meisten Menschen waren die HUB-Juristen in der Regel keine Helden, sondern zeigten, je nach Charakter und Gelegenheit, eine Mischung aus Anpassung, Ausweichen und Mut." 

Die Beschreibung der Hilflosigkeit, mit der sich Professoren und Studenten bemühten, Rechtstheorie und Rechtstechnik an die jeweiligen Parteibeschlüsse anzupassen, hat dabei fast amüsante Züge. "Oft verstanden sie nicht einmal, was die Partei von ihnen wollte", schreibt Markovits. "Die Großartigkeit der marxistischen Versprechen, ihre ungenaue Verortung in der Zukunft, die Fragwürdigkeit der Partei, die sie vertrat und der spekulative Charakter der Argumente widersprachen der Genauigkeit und dem banalen Ordnungssinn ihres juristischen Handwerks." Das gilt vor allem für die Anfangsjahre, in denen Professoren, die noch in der Weimarer Republik mit einem bürgerlichen Rechtsverständnis ausgebildet wurden, auf Kommunisten stießen, die aus der Sowjetunion die Ideen einer völlig neuen Gesellschaftsordnung mitbrachten. 

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Puzzleteil der DDR-Geschichte

Abschließend erklärt Markovits – und wird damit vermutlich nicht nur Zustimmung ernten –, warum aus ihrer Sicht der Begriff "Unrechtsstaat" ungeeignet zur Charakterisierung der DDR ist, erst recht, wenn damit Parallelen zur vorangegangenen Zeit des Nationalsozialismus gezogen würden. Das Wort sei zu ungenau, um die Arbeit zu tun, die seine Anhänger ihm aufladen wollen, sagt sie.

(c) Ch. Links VerlagWie schon in "Gerechtigkeit für Lüritz", in dem das Recht in seiner alltäglichen Anwendung zu DDR-Zeiten beschrieben wird, spürt man auch bei "Diener zweier Herren" das Interesse der Autorin an den Geschichten hinter der Geschichte. Dafür hat sie eine Vielzahl von Archiven durchforstet, hat Protokolle, Berichte und sonstige Notizen gelesen. 

Herausgekommen ist ein wie ein Puzzle zusammengesetztes Stück DDR-Geschichte, das seinerseits wieder als Puzzleteil für ein besseres Verständnis unserer Vergangenheit dient – jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei. Und Anregung gibt, über den Sinn und das Missbrauchspotenzial von Recht nachzudenken. 

 

Inga Markovits: "Diener zweier Herren. DDR-Juristen zwischen Recht und Macht", Christoph Links, 2020, 240 Seiten, ISBN: 978-3-96289-085-8

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Inga Markovits über "DDR-Juristen zwischen Recht und Macht": . In: Legal Tribune Online, 03.10.2020 , https://www.lto.de/persistent/a_id/42994 (abgerufen am: 15.10.2026 )

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