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Fortschritt und Ethik: Bürger, schützt Eure Hirn-Anlagen

von Martin Rath

09.07.2017

Nachdenklicher Mann

© olly - stock.adobe.com

Wie schwer sich der Bundestag mit neuer Technik tut, zeigte die jüngste Regelung der Social-Media-Nachzensur. Zum "autonomen Fahren" tagt immerhin vorab eine Ethik-Kommission. Ist die Hirn-Maschine-Schnittstelle das nächste große Thema?

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Es gibt diese endlos zitierte Fabel vom Frosch, der es angeblich nicht erkennt, wenn er in einem Topf sitzt, der langsam zum Kochen gebracht wird, während er – in heißes Wasser geworfen – sogleich wieder herausspringen würde.

Obwohl vom naturwissenschaftlichen Standpunkt unsinnig, hat sich diese Geschichte bis heute im Metaphernschatzkästlein von Betriebswirten und Managementberatern gehalten, illustriert sie doch schön, wie schlecht an sich mit Bewusstsein oder Reaktionsvermögen ausgestattete Wesen auf Veränderungen reagieren, die langsam und damit unterhalb ihrer Wahrnehmungsschwelle verlaufen.

Neben diese kleinen Fabel soll sich eine andere Erzählung aus dem Tierreich gesellen, die besonders für Juristen manch Lehrreiches bereithalten könnte. Man kennt sie aus dem Biologieunterricht – und im Gegensatz zur Frosch-im-Topf-Legende ist sie wahr.

Grobschlächtige Hirn-Maschine-Schnittstelle

1954 gaben die an der kanadischen McGill-Universität forschenden Psychologen James Olds und Peter Milner Ratten, denen Elektroden ins Gehirn implantiert worden waren, die Gelegenheit, sich selbst durch Drücken eines Hebels minimale Stromstöße zu versetzen. Lagen die Elektroden am Septum und Nukleus accumbens an, drückten die Ratten den Hebel bis zu 2.000 mal in der Stunde (Journal of comparative and physiological psychology 1954, S. 410–427).

Dieses Experiment, das als eine der Pioniertaten der Neurowissenschaften gilt – man hatte so etwas wie ein Belohnungszentrum des Gehirns entdeckt –, enthält ein ähnlich beunruhigendes Motiv wie die Frosch-Topf-Geschichte: Die Hirnstimulation war in die Hände – will sagen: die Pfoten – derjenigen gelegt, die in ihren Genuss kamen.  

Dass der Genuss vorläufig zweifelhaft bleiben würde, stellte sich im Rahmen ethisch problematischer Humanexperimente bereits in den 1960er Jahren heraus. Denn die Stimulation einzelner Hirnareale bewirkte kein umfassendes Wohlbefinden, beim Menschen so wenig wie bei den Ratten, die über der elektrischen Stimulation ihres Gehirns die Befriedigung anderer lebenswichtiger Bedürfnisse vernachlässigten.

Das heute beunruhigende Element liegt vielleicht weniger darin, dass die elektrifizierten Ratten in den 1950er Jahren ein erstklassiges Suchtverhalten zeigten. In dieser Beziehung schenken sich Rattus norvegicus und Homo sapiens ohnehin wenig, wie die Ethanolforschung weiß. Aber mit der elektrischen Stimulation des Rattenhirns war ein erster Schritt zu Hirn-Maschine Schnittstellen – neudeutsch: brain-machine interfaces (kurz: BMI) getan, über die man sich in demokratisch verfassten Rechtsstaaten systematisch Gedanken machen sollte, bevor das dazu benötigte Organ in Kabeln hängt.

Help, Hope and Hype

In der letzten Juni-Ausgabe der Zeitschrift "Science" (Nr. 6345 vom 30.6.2017, S. 1338–1339) ruft eine Gruppe europäischer, japanischer und kanadischer Mediziner, Medizinhistoriker und -ethiker unter dem Titel "Help, hope, and hype: Ethical dimensions of neuroprosthetics" dazu auf, die ethischen und rechtlichen Probleme der in naher Zukunft ins Haus stehenden BMI-Technologien anzugehen.

Aktuelle Forschungs- und Anwendungsgebiete von Hirn-Maschine-Schnittstellen sind beispielsweise die Steuerung von Prothesen durch das Gehirn körperlich schwer Behinderter, die Überwindung des als Locked-in-Syndrom beschriebenen Zustands einiger Menschen, bei Bewusstsein zu sein, sich sprachlich oder körperlich nicht verständlich machen zu können, oder die Kompensation natürlicher Sinnesleistungen, bei Blindheit oder Verlust des Gehörs.

BMI-Technologien, die feinere Hirnaktivitäten erfassen, demnächst ergänzt um Künstliche Intelligenz und lernfähige IT-Strukturen, machten – so das zehnköpfige Autorenteam – ein tiefes Auslesen von Bewusstseinszuständen möglich, die mit Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühlen und Absichten in Verbindung stehen.

Einige Probleme teilten die zu erwartenden Systeme mit jenen, die aus der langsam anrollenden Diskussion um sich selbst steuernde Kraftfahrzeuge bekannt sind. Hierzu zählt etwa die Zurechnung von Handlungserfolgen.

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  • Seite 1:

    Wie Hirn-Maschine-Schnittstellen Teil unserer Lebenswelt werden könnten

  • Seite 2:

    Und was das mit der Rechtswissenschaft zu tun hat

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Martin Rath, Fortschritt und Ethik: . In: Legal Tribune Online, 09.07.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/23400 (abgerufen am: 16.02.2026 )

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