Gefangenentheater in der JVA Tegel: Kunst im Knast

von Tamara Wendrich, LL.M.

25.06.2025

Schauspiel einmal anders: Das freie Theaterprojekt "aufBruch" bringt Theater ins Gefängnis und die Gefangenen ins Theater. In der JVA Tegel geben die Insassen derzeit "Titus Andronicus" zum Besten. Tamara Wendrich hat es sich angesehen.

Die Handtasche an der Garderobe abgeben, ein Glas Sekt im Foyer und beim dritten Gong entspannt die reservierten Plätze im Saal aufsuchen – so kennt man Theaterbesuche. Völlig anders geht es beim Gefangenentheater "aufBruch" zu. Die Abgabe der Handtasche ist nicht freiwillig, sondern verpflichtend. Weder Handys noch Smartwatches sind erlaubt, sie müssen in Schließfächern weggesperrt werden. Anstatt Sekt gibt es einen Pappbecher mit Wasser und den "Saal" suchen die Besucher nicht selbst auf, dort führt sie der Justizvollzugsbeamte hin.

Denn "aufBruch" führt als freies Theaterprojekt Theater in Gefängnissen auf. Die Schauspieler: Insassen. Der aktuelle Spielort: Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel. Während die Besucher in Gruppen in einen stillgelegten Teil der Anstalt geführt werden, der als Szenerie dient, haben andere Gefangene gerade Ausgang und beäugen die Theatergänger. Einige von ihnen dürfen später selbst dem Stück beiwohnen.

Diesmal wird "Titus Andronicus" zum Besten gegeben, eine Tragödie von Shakespeare, die durch Adaptionen von Friedrich Dürrenmatt und Heiner Müller zur Komödie wurde.

Plötzlich schallt "Tanze Samba mit mir" durch die JVA

Titus Andronicus kehrt als Feldherr nach dem Krieg gegen die Goten zurück nach Rom. Als Trophäen bringt er die Gotenkönigin Tamora und deren Söhne mit. Doch das blutige Treiben soll noch kein Ende finden: Als Vergeltung wegen seiner im Krieg gefallenen Söhne lässt Andronicus traditionsgemäß den ältesten Sohn der Gotenherrscherin auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Dann kürt er noch Saturnin anstatt seiner zum neuen König Roms.

Nachdem Lavinia, die einzige Tochter des Andronicus, den Bruder Saturnins, Bassian, heiratet, vermählt sich Saturnin selbst mit Tamora. Deren übrige Söhne töten Bassian und vergewaltigen und verstümmeln Lavinia, um den Tod ihres Bruders zu rächen. So nimmt das blutrünstige Treiben seinen Lauf, ein Reigen der Rache entfaltet sich zwischen Römern und Goten. Ein Opfer folgt dem nächsten, die Figuren morden und intrigieren, bis am Ende fast alle tot sind und die Frage bleibt: wofür eigentlich?

Das Stück, von dieser Brutalität besonders geprägt, wird durch musikalische Einlagen aufgelockert. Klavier, Trommel und Schlagzeug begleiten sechs Lieder, die die Gefangenen singen. Irgendwann schallt sogar der Kultsong "Tanze Samba mit mir" durch die JVA. Das Publikum ist begeistert.

"Experten der Realität, was den Umgang mit Gewalt und die Lehren daraus betrifft"

Am Ende folgen Standing Ovations. Zwar sind die 18 Gefangenen keine professionellen Schauspieler, aber es ist das Gesamtpaket, das funktioniert. Wer könnte Handlungen wie Diebstahl und Mord besser auf die Bühne bringen als diejenigen, die wegen dieser Taten verurteilt wurden? Die Programmankündigung beschreibt das Phänomen: "Experten der Realität, was den Umgang mit Gewalt und die Lehren daraus betrifft". Und alle Inhaftierten dürfen mitmachen, egal wegen welcher Taten sie verurteilt wurden.

(c) Thomas Aurin

Seit seiner Gründung 1997 hat "aufBruch" mittlerweile über 140 Projekte verwirklicht. Das Gefängnistheater in Berlin entwickelte sich aus dem Obdachlosentheater "RATTEN 07". Regisseur Peter Atanassow erklärt: "Manche der 'Ratten'-Schauspieler landeten im Knast und so entstand die Idee, auch dort Theaterstücke aufzuführen". Die JVA Tegel ist auch für "aufBruch"-Mitglied und Bühnenbildner Holger Syrbe ein bedeutender Ort, denn dort fand die erste Inszenierung statt. Mittlerweile ist das Projekt gewachsen, in allen sieben Berliner Vollzugsanstalten wurde seither gearbeitet.

"Im Zentrum steht die Resozialisierung", sagt Syrbe. So lernen die Gefangenen den Umgang miteinander beim Spiel sowie Toleranz und Teamfähigkeit. Manche können ihre Sprach- und Ausdrucksfähigkeit verbessern, andere machen erste Erfahrungen mit Kunst: "Viele kennen Theater aus ihrem Leben außerhalb der Gefängnismauern nicht", so Syrbe. Auch ganz praktische Dinge, wie zum Beispiel Zeitmanagement, werden verinnerlicht, denn "wir proben meistens mehrere Nachmittage pro Woche", erklärt Syrbe.

"aufBruch erfüllt eine unersetzbare Aufgabe für das Sozialwesen"

Auch die Häftlinge sind zufrieden. Das Theaterspielen sei für ihn richtig motivierend, berichtet Khaled H. Es sei schon seine zweite Produktion, erklärt er. "Beim ersten Mal hatte ich ein Plakat gesehen, dass Schauspieler gesucht werden. Ich dachte zuerst, Theaterspielen ist peinlich." Dennoch entschied er sich für das Knast-Casting. Beim Spielen denkt er nicht an die Haft, "man ist dann einfach glücklich."

Sein Schauspielkollege und Mitgefangener Robin stimmt zu. Durch seine Rolle als Lavinia kann er eine andere Seite von sich zeigen. Der Gefangene erläutert die Vorbereitungen: "Es gibt eine Casting-Woche. Dann proben wir mehrere Wochen lang. Manchmal springen Leute ab, zum Beispiel, weil sie entlassen oder gesperrt werden." Die zwölf Aufführungstermine folgen im Anschluss, die Spielzeit ist einen Monat lang.

Nach Abschluss einer Spielsaison sei er zwiegespalten, berichtet H. Peter Maier C.d.F. Er hat schon an mehreren Aufführungen mitgewirkt und möchte nach jeder gerne weiterspielen. Doch "aufBruch" findet in drei verschiedenen Gefängnissen statt, sodass die nächste Arbeit für ihn erst im kommenden Jahr folgt. "Man kann schon in sich zusammenfallen", sagt er. Für ihn ist die Theaterkunst eine wertvolle Brücke zwischen Gefangenen untereinander und nach außen, das Projekt eine Investition in den Menschen. "aufBruch erfüllt eine unersetzbare Aufgabe für das Sozialwesen."

Senat kappt Gelder: "aufBruch" in Gefahr

Doch das Projekt ist in Gefahr. Es wird durch die Berliner Senate für Kultur und für Justiz gefördert. Letzterer hat seine Zuwendungen um drastische 70 Prozent gekürzt. Ab nächstem Jahr ist der Fortbestand finanziell nicht mehr garantiert. Das wäre bitter, denn für Januar 2026 ist die Umsetzung von Raskolnikoff (Dostojewski und Ahlsen) geplant, dann in der JVA Plötzensee. Die Produktionsleitung sucht daher fieberhaft nach Sponsoren und anderen Finanzierungsmöglichkeiten.

"Das Projekt hat einen festen Platz im Berliner Kulturleben", sagt Bühnenbildner Syrbe. Dass für "aufBruch" der Vorhang für immer fallen könnte, mag er sich nicht vorstellen.

"aufBruch" spielt am 3., 5., 6., 12., 13., 17., 19., 20., 25., 26., und 27. Juni in der JVA Tegel. Im August spielt ein gemischtes Ensemble aus Freigängern, Ex-Inhaftierten, Schauspielern und Berliner Bürgern "Mann ist Mann" von Bertolt Brecht auf der Freiluftbühne Jungfernheide.

Die Gefangenen dürfen sich die Namen, unter denen sie auftreten und mit denen sie zitiert werden, selbst aussuchen.

Zitiervorschlag

Gefangenentheater in der JVA Tegel: . In: Legal Tribune Online, 25.06.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/57496 (abgerufen am: 14.01.2026 )

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