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Dokumentarfilm "A man can make a difference": Mit 27 Jahren Ankläger in den Nürn­berger Pro­zessen

2/2: "Keiner hat etwas bereut"

14 führende Befehlshaber aus Armee und SS, verantwortlich für zehntausende von Exekutionen, werden auf seinen Antrag hin zum Tode verurteilt. "Nicht einer hat damals gesagt: Euer Ehren, es tut mir leid, was ich getan habe. Nicht ein einziger. Und ich habe wirklich darauf gewartet. Ich warte noch immer." Nach dem Urteil fühlt Ferencz sich wie physisch krank, zur Feier seines eigenen Erfolges kann er nicht erscheinen, zu sehr haben ihn der Horror des Krieges und die bizarre Normalität der Verantwortlichen mitgenommen. "Sie hätten diese Menschen nicht von jedem anderen unterscheiden können. Sie waren gebildet, sicher nett zu ihren Haustieren und vermutlich gute Eltern." Die Todesurteile erlebt er nicht als Befriedigung, aber er zweifelt auch nie an ihrer Richtigkeit.

Die weiteren Stationen seines Lebens sind nicht minder gewichtig als seine Rolle in den Nürnberger Prozessen: Er handelt mehrere Reparationsabkommen aus, die nicht nur dem Staat Israel, sondern auch einzelnen Kriegsgeschädigten Ansprüche gegenüber Deutschland sichern – ein rechtliches Novum. Später verfasst er grundlegende Werke des Völkerrechts wie etwa "Enforcing International Law: A Way to World Peace", die das theoretische Fundament bilden, auf dem 1998 – auch dies maßgeblich auf sein Betreiben – der Internationale Strafgerichtshof gegründet wird.

Heute erfreut sich der vierfache Familienvater noch immer bester Gesundheit. Er engagiert sich in verschiedenen internationalen Gremien weiterhin für die Ahndung geschehener und die Vermeidung künftiger Kriege, für die er seine Heimat USA nicht weniger verantwortlich sieht als Deutschland in den 40-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Keine Verklärung

Anders als der Titel seiner Lebensdokumentation befürchten lässt, erliegen die Produzenten nicht der Versuchung, Ferencz zum Heiligen zu verklären, sondern lassen ihn auch jene Szenen seiner Vergangenheit schildern, die weniger zu Beifall inspirieren dürften – etwa, als er tatenlos zusah, wie befreite KZ-Insassen einen ehemaligen Wärter zu Tode folterten, indem sie ihn abwechseln prügelten und ins halb geheizte Krematorium schoben. Oder als er in einer Befragung von Augenzeugen androhen ließ, jeden Deutschen erschießen zu lassen, der ihn anlügen werde.

Auch die Grenzen seiner Erfolge werden nicht ausgeblendet – wenn auch etwas verkürzt geschildert: Von 3.000 Nazi-Kommandanten konnte er überhaupt nur 22 anklagen, und von den 14 Todesurteilen wurden bloß vier vollstreckt. Auch der Internationale Strafgerichtshof hat, so bedeutend seine Gründung zweifellos war, nicht die Zeitenwende im Verkehr der Völker markiert, auf die Ferencz hoffte – in seinem 13-jährigen Bestehen hat er gerade einmal zwei Verurteilungen ausgesprochen. Angesichts von etwa 100 Millionen Kriegstoten seit Ende des 2. Weltkrieges wirkt auch das titanischste Lebenswerk winzig. Doch Ferencz selbst blickt mit dem gleichen Optimismus in die Zukunft, mit dem er jedem seiner Projekte begegnet ist: "Es mag unmöglich sein, aber ich werde es versucht haben."

Zitiervorschlag

Constantin Baron van Lijnden, Dokumentarfilm "A man can make a difference": Mit 27 Jahren Ankläger in den Nürnberger Prozessen . In: Legal Tribune Online, 13.11.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/17536/ (abgerufen am: 18.08.2019 )

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