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Claus Roxin : Ein Grenzgänger zwischen Strafrecht und Literatur

Ass. jur. Jürgen Seul

23.04.2010

Portrait Claus Roxin

Claus Roxin gilt als einer der einflussreichsten Dogmatiker des deutschen Strafrechts und ist national wie international hoch angesehen. Er ist der Global Player unter den deutschen Rechtsgelehrten, Pekinger Studenten kennen ihn ebenso gut wie Professoren in Madrid und Sao Paulo. Und so mancher Zeitgenosse schmunzelt über sein Engagement in Sachen Karl May.

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In einem Interview bei BR-Alpha am 22.07.1999 wurde Claus Roxin einmal von dem Moderator Dr. Dieter Lehner gefragt, was denn einen der renommiertesten deutschen Strafrechtler ausgerechnet zu einer Beschäftigung mit Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi bewege.
Roxins Antwort lautete: „Das hat ganz verschiedene Gründe. Zum einen ist das den prägenden Leseeindrücken der frühesten Jugend geschuldet. Ich habe eigentlich bei Karl May zum ersten Mal gelernt, richtige Bücher zu lesen. Dass sich die Welt der Buchstaben mir auf diese Weise erschlossen hat, hat mich in einer Weise gepackt, die mich nie wieder losgelassen hat. Dann kommt dazu ein Schuss unausgelebten Abenteuerbluts, das ich nun auf diese Weise zu kompensieren versuche. Es kommt auch ein verdrängtes literarisches Interesse mit hinzu: Karl May ist kein so geringer Autor, wie manche unkundigen Leute meinen. Ich dachte mir, die Goethe-Forschung oder die Thomas-Mann-Forschung bedürfen meiner nicht, aber für Karl May müsste sehr wohl literarisch etwas getan werden. Schließlich habe ich auch eine fachliche Verbindung zu Karl May, denn er war ja fast der berühmteste Kriminelle in unserer Literaturgeschichte. Er hat immerhin acht Jahre hinter Gittern gesessen. Diese Zusammenhänge zwischen den Straftaten und der literarischen Produktion sind an sich schon ein interessantes Forschungsgebiet. Alle diese Motive fließen in meinem Engagement zusammen.“  

Wie aus Vernunft Liebe wurde

Claus Roxin wurde am 15. Mai 1931 in Hamburg geboren. Seine berufliche Entscheidung für die Juristerei entsprach einer väterlichen, auf Vernunft begründeten Empfehlung - so wie bei Theodor Storm und Franz Kafka. Doch während die Dichter zeitlebens wenig Euphorie für ihr juristisches Studienfach entwickeln konnten, sei sein berufliches Leben, erläuterte Roxin einmal, bestes Beispiel dafür, dass "die Praktizierung einer Vernunftehe zur Liebe führen" kann.

Am Anfang dieser beruflichen Liebe stand bei ihm zunächst seine wissenschaftliche Assistenz am Hamburger Lehrstuhl von Professor Henkel, wo er sich 1962 habilitierte. Auf die Frage, warum er anschließend nie Richter oder Anwalt hatte werden wollen, erklärte Roxin später, sein Interesse für Forschung und Lehre sei so übermächtig gewesen, dass für andere juristische Tätigkeiten kein Raum blieb.

Und so wurde Roxin im Alter von 32 Jahren Professor an der Georg-August-Universität in Göttingen. Es folgte 1971 die Professur an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wo er bis zu seiner Emeritierung 1999 als Ordinarius für Strafrecht, Strafprozessrecht und allgemeine Rechtslehre sowie als Geschäftsführender Direktor des Instituts für die gesamten Strafrechtswissenschaften fungierte.

Charismatiker mit Gelassenheit und Humor

Roxins Lebensleistung besteht nicht nur in seinem umfangreichen wissenschaftlichen Werk, sondern in der darüber hinausreichenden Wirkung auf das Kriminalrecht und die Kriminalpolitik. Schon als junger Rechtslehrer beteiligte er sich ab 1966 an der Erstellung und Vorlage der so genannten Alternativentwürfe des deutschen Strafgesetzbuchs.

Seine Rechtsfigur der "mittelbaren Täterschaft durch Benutzung eines organisatorischen Machtapparates" wurde in den 90er Jahren vom Bundesgerichtshof bei der Aufarbeitung der Untaten des SED-Regimes übernommen. Seine Lehre hat auch bis heute maßgeblichen Einfluss auf die Rechtsgestaltung Spaniens und südamerikanischer Länder, in denen sein Werk gelesen und adaptiert wird.

Claus Roxin ist eine charismatische Persönlichkeit, die vor allem eines auszeichnet: Gelassenheit und souveräner Humor. Studenten waren von seinen Vorlesungen und Seminaren gefesselt, die er stets spannend und leidenschaftlich vortrug. Roxin besitzt die singuläre Fähigkeit, Abstraktes höchst anschaulich zu machen, Interesse zu wecken und die Lebenswirklichkeit hinter wissenschaftlichen Theorien zu verdeutlichen. Seine Lehrmethode lässt sich am besten so beschreiben: Nach Unterbreiten einer Sachfrage wurden verschiedene Lösungsmöglichkeiten diskutiert bis die ersichtlich Überzeugendste erarbeitet war.

Karl May im Audimax

Berühmt ist auch ein Vorfall aus den 70er Jahren, der bezeichnend für Roxins moderates und ausgleichendes Wesen ist - und wieder zum Thema Karl May zurückführt.

Eine marxistische Studentengruppe opponierte in jenen Tagen gegen die Leitung der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität. Eines Tages geriet auch der allseits beliebte und liberale Rechtslehrer Roxin ins Visier der Gruppe. Diese betitelte eine kritische Reportage mit "Karl May im Audimax", schmückte sie mit einem markanten Winnetou-Foto und setzte einen Hinweis auf Roxin darunter. Während die Universitätsspitze disziplinarische Folgen verlangte, beschwichtigte der Angegriffene die Gemüter im Rahmen einer gütlichen Aussprache. Das Kriegsbeil war rasch begraben.

Im Jahr 2000 wurde Claus Roxin, der drei Kinder hat und mit seiner Frau in Stockdorf bei München lebt, das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Mittlerweile haben ihm weltweit 18 Universitäten in Anerkennung seiner herausragenden Leistungen als Jurist die Ehrendoktorwürde verliehen.

Der Autor Jürgen Seul lebt als freier Publizist und Redakteur in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Er verfasste zahlreiche Publikationen u. a. zum Architektenrecht, Arbeitsrecht sowie zu rechtshistorischen Themen.

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Jürgen Seul, Claus Roxin : . In: Legal Tribune Online, 23.04.2010 , https://www.lto.de/persistent/a_id/305 (abgerufen am: 16.04.2026 )

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