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China entdeckt Carl Schmitt: Pekings Blick nach Plet­ten­berg

von Benedikt Grodau

26.02.2011

peking

© Patrick G. - Fotolia.com

Die Chinesen entdecken das Werk des politischen Denkers Carl Schmitt. Im Reich der Mitte mehren sich die Publikationen über den umstrittenen Staatsrechtler. Und ein amerikanischer Politikwissenschaftler erfährt in Shanghai: Wer über Carl Schmitt und Leo Strauss nichts zu sagen hat, wird in China nicht mehr ernst genommen.

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Trotz seines mit etwa ein Meter sechzig eher geringen Wuchses wirft Carl Schmitt lange Schatten in alle Richtungen. Vom Dadaisten Hugo Ball bis zu Großtheoretikern wie Walter Benjamin oder Jacques Derrida ― manchmal scheint es, man müsse nur gründlich genug suchen, um bei den Bewohnern der europäischen Gelehrtenrepublik des 20. Jahrhunderts den "missing link" zur Person oder dem Werk des 1985 verstorbenen Staatsrechtlers ausfindig zu machen.

Und längst ist diese Breitenwirkung nicht mehr auf Europa beschränkt. Welche Prominenz der jüngste Klassiker des politischen Denkens mittlerweile auch in den USA erlangt hat, wurde während des letzten Irakkrieges deutlich, als zahlreiche amerikanische Kommentatoren vermuteten, dass die in der Regierung Bush engagierten "Neocons" unter dem direkten Einfluss des Deutschen sowie des Philosophen Leo Strauss stünden. So, als hätten beide Denker aus ihren Gräbern heraus den Marsch auf Bagdad befohlen. Denn den mit dem Nationalsozialismus verstrickten Staatsrechtler aus dem sauerländischen Plettenberg umgibt der Ruch eines gefährlichen Geistes. So nimmt es auch nicht wunder, dass die deutsche Geisteswelt auf ihren neuesten "Exportschlager" reagiert wie der Wirtschaftsminister auf die Erfolgsbilanzen der deutschen Rüstungsindustrie: eher verlegen.

Nun scheint Schmitts Werk mit voller Wucht auch in China angekommen zu sein. Dies lässt jedenfalls ein Artikel Mark Lillas vermuten, der unter dem Titel "Reading Strauss in Beijing" in der Dezemberausgabe des liberalen amerikanischen Magazins "The New Republic" erschienen ist. Darin berichtet Lilla, der "Humanities" an der New Yorker Columbia University lehrt und ein Spezialist für antimodernes Denken ist, ebenso fasziniert wie beunruhigt von den Erfahrungen, die er anlässlich einer Vorlesungsreise im Reich der Mitte machte. Demnach stünden Leo Strauss und Carl Schmitt zurzeit in Zentrum der chinesischen Debatten, und jeder chinesische Intellektuelle lese ihre Werke. In Shanghai habe ein Journalist den Professor sogar gewarnt: "Niemand wird Sie ernst nehmen, wenn sie über diese Männer und ihre Ideen nichts zu sagen haben".

"Schmitt ist gerade heiß!"

Mark Lilla schließt den Erfahrungsbericht mit seiner Beobachtung, dass junge chinesische Intellektuelle auf die epochale Wandlung ihres kommunistischen Landes damit reagierten, dass sie nun Altgriechisch, Latein und Deutsch lernten. Haben sie etwa von dem legendären Ratschlag Alexandre Kojèves an Rudi Dutschke und die Studenten des Berliner Sozialistischen Studentenbundes gehört? Der französische Hegelianer hatte 1967 auf deren mit revolutionärem Sturm und Drang gestellte Frage "Was tun?" lakonisch geantwortet: "Altgriechisch lernen".

Nun könnte man annehmen, dass Lillas Beobachtung eines angeblichen "Schmitt-Hypes" in China der besonderen Sensibilität eines Fachmanns für antimodernes Denken geschuldet ist. Aber tatsächlich scheint das Werk Carl Schmitts im asiatischen Riesenreich in Mode zu sein: Denn nachdem Mitte des vergangenen Jahrzehnts seine Hauptwerke wie die "Verfassungslehre", der "Leviathan" und auch die "Politische Romantik" in chinesischer Übersetzung neu herausgekommen sind, wächst nun die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen über Schmitt. Darunter finden sich die Neugier weckende Titel wie "Carl Schmitts politische Höhle". Und auch wer chinesische Internet-Suchportale bemüht, trifft in Vorlesungsverzeichnissen chinesischer Hochschulen und Zeitungsartikeln auf zahlreiche Hinweise für ein reges Interesse an dem Autor der "Theorie des Politischen". Wie zur Bestätigung Lillas vermerkt ein Politikwissenschaftsstudent aus Hongkong in seinem Blog: "Schmitt ist gerade heiß".

Carl Schmitt, dessen übersetzter Nachname unter anderem das Schriftzeichen für "Geheimagent" enthält, hat dem Reich der Mitte hingegen lange Zeit kein besonderes Interesse entgegengebracht. Erst als er sich in der Nachkriegszeit dem "Partisanenproblem" widmete, entdeckte er in Mao Zedong einen mustergültigen Vertreter des von ihm neu definierten Partisanentums. Er studierte die verfügbaren Schriften Maos und zitierte in seiner 1963 erschienenen "Theorie des Partisanen" sogar ein Gedicht des Diktators. Dennoch blieb das Denken des Plettenbergers, der sich selbst als letzten Vertreter des europäischen öffentlichen Rechts sah, weiterhin ganz eurozentrisch. Davon zeugt auch sein Interview durch den Sinologen und Maoisten Joachim Schickel aus dem Jahr 1969, das als Tonaufnahme erhalten ist. Als Schickel darin seinen Interviewpartner mit Mao-Zitaten und anderen "Chinoiserien" bestürmt, rettet sich Schmitt rasch und etwas entnervt auf bekanntes europäisches Terrain, zu Gneisenau und Clausewitz.

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Stichwortgeber für weltpolitische Debatten

Wie lässt sich das Interesse chinesischer Intellektueller an Schmitt erkläen? Der Verdacht drängt sich auf, dass der Staatsrechtler in China nicht nur für seine prägnanten Formeln geschätzt wird, sondern dort als Stichwortgeber für weltpolitische Debatten in Dienst genommen werden soll. Denn mit seiner scharfen Liberalismuskritik liefert Schmitt die Argumente, um die westliche Kritik an der Menschenrechtslage und den Demokratiedefiziten in China als vermeintliche Interessenpolitik der Kritiker zu "entlarven". Und nur allzu gut dient die von ihm entwickelte Großraumtheorie, wonach die staatlich verfasste Völkerrechtsordnung durch Einflusssphären von Großmächten abgelöst werde, zur Rechtfertigung einer vom Reich der Mitte angestrebten Dominanz im ostasiatischen Raum. Allerdings stützt sich dieser Verdacht eher auf Argwohn gegenüber der aufstrebenden Supermacht als auf publizierte Beweise.

Auch wenn die politische Nutzbarkeit des Werkes ein Grund seiner starken Rezeption in China sein kann, versucht Mark Lilla das chinesische Bedürfnis nach illiberalem Denken mit grundsätzlichen Hinweisen zu erklären: Anders als der Westen, der China noch immer als kommunistische Diktatur wahrnimmt, sähen die Chinesen ihr Land von einem fast schrankenlosen Liberalismus regiert. Die Liberalismuskritik diene somit auch der Kritik an sozialen Missständen. Denn die Chinesen, so Lilla, fragten letztlich nicht nach einem effektiven, sondern nach einem guten Staat. Bei diesen Beweggründen stellt sich die Frage, ob Carl Schmitt den chinesischen Intellektuellen mit seinem Dezisionismus und Etatismus nicht eher Steine statt Brot reicht.

Wenn das 21. Jahrhundert, in Abwandlung eines von Schmitt oftmals verwendeten Wortes Alexis de Tocquevilles, "sous l’oeil des chinois" ("unter dem Auge der Chinesen") steht, so richtet sich der chinesische Blick nun auch nach Plettenberg. Dabei verspricht die chinesische Rezeption des Schmitt’schen Werkes besonders spannend zu werden: Denn China wäre nicht China, wenn es uns nicht auch für diesen Export in einigen Jahren oder Jahrzehnten brauchbare Ware zurückschickte.

Benedikt Grodau ist Rechtsreferendar am Berliner Kammergericht.

 

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