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Of all the things I've lost, I miss my mind the most: Was tun, wenns brennt?

von Ahmet Kabakyer

13.07.2013

Bratwürste

© stockcreations - Fotolia.com

Proteste auf dem Taksim-Platz. Fehletikettiertes Schweinefleisch. Döner-Morde und Nahtoderfahrung nach Currywurst. Ahmet Kabakyer greift mal wieder tief in die Wunderkiste gegenwartspolitischer Assoziationen und strickt daraus eine zauberhafte Kurzgeschichte. Vorsicht, heiß!

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"Wie siehst du das als Jurist und Türke zugleich, was da grad in Istanbul abgeht? Also so kommts ihr fei ned in die EU!" Ich hasse es, während der Mittagspause mit solchen Themen konfrontiert zu werden. Also schmatze ich so laut, dass derjenige, der die Suggestivfrage in den Raum geworfen hat, denkt, ich hätte ihn schlicht überhört. Jetzt wird am Tisch darüber gesprochen und man hofft, dass ich mich irgendwie einschalte und meinen Senf dazu gebe. Stattdessen tunke ich meine Weißwurst in den süßen Senf und beiße in die Breze.

"Huihuiuii, Ahmet, du isst auch Schweinefleisch? Dafür würdest du in der Türkei bestimmt ins Gefängnis kommen." Verlegenes Gelächter. Mir ist danach, die Gruppe mit Tränengas und Wasserwerfern zu verjagen, aber zumindest der letzte Einwand ist nachvollziehbar. Der Autor ist doch Islamist. Warum isst der eine Weißwurst, statt sich über die Chancen der Türkei auf einen EU-Beitritt Gedanken zu machen oder über das Windhundverfahren beim NSU-Prozess zu ärgern?

Weil es mich nicht überrascht. Als Türke ist man es doch gewohnt, dass man irgendwo nicht reinkommt. Mich würde es jedenfalls nicht wundern, wenn ich mich nächste Woche einmal auf den Weg nach München mache, der Vorsitzende mir kurz auf die Schuhe schaut und sagt: "Sorry, heute nur Stammgäste." Ja, der war platt. Aber zu einem Prozess, dessen Gegenstand in Zeitungen als "Döner-Morde" bezeichnet wurde, fallen mir nur platte Witze ein. Zurück zur Weißwurst.  

Nur, weil Schweinefleisch drauf steht, muss ja keins drin sein

Ich denke, es handelt sich bei dem Verbot, Schweinefleisch zu essen, um ein überholtes Dogma. Das ist, wie wenn Sie sich als Tatrichter bei überlanger Verfahrensdauer für die Strafzumessungslösung entscheiden (genau so werde ich mir das vor den Pforten der Hölle zurechtlegen). Abgesehen davon gehe ich davon aus, dass da ja kein Schweinefleisch drin stecken muss, nur weil Schweinefleisch drauf steht. Achmed'sche Formel: "Wird schon gutgehen". Jedenfalls geht es immer schlimmer. Man stelle sich vor, ich würde Schweinefleisch zur Fastenzeit essen. Und das Wichtigste: Grad bekommt es ja keiner mit.

Also mache ich mal etwas Verrücktes. Etwas Verbotenes. Allerdings bestraft der liebe Gott kleine Sünden bekanntlich sofort. Also müsste die Mikrowelle explodieren oder so. Man spuckt auf den Boden. Und tritt ein paar Meter weiter in Hundescheiße. Man benutzt bei seiner Prüfung einen Spicker und fällt trotzdem durch. Man läuft über Rot. Und wird überfahren. Wobei: Erst, wenn so etwas statistisch gehäuft passiert, würde man den Normbefehl auch ernst nehmen (damit das Schweinefleischverbot also wieder einen Sinn macht, bedarf es einer Seuche. Und es wird auch Zeit, da alle anderen Fleischsorten bereits durch sind).

Kleine Sünden straft der Herr sofort

Endlich zuhause. Ich schiebe eine Packung Curry King in die Mikrowelle. Während ich noch versuche, meine bevorstehende Sünde durch halbseidene, mehr oder weniger dogmatische Überlegungen zu legitimieren, mein iPad auf Jam-FM stelle und meine Crack-Pfeife, pardon, Shisha vorbereite, vernehme ich plötzlich einen merkwürdigen Geruch. Rauch aus der Küche? Raus aus der Küche! Was tun? Denk kurz nach…Produzentenhaftung, die tragen die Beweislast. Ich hab nur eine Currywurst reingestellt. Das darf man ja! War da noch die Katze des Nachbarn drin? Die schleicht sich immer in meinen Hausrat. Lass' weiterbrennen und mach Schadensersatz neben der Leistung geltend. Mist, wer trägt aber das Insolvenzrisiko? Hab ich eine Gebäudeversicherung? Und ist das jetzt Brandstiftung durch Unterlassen, weil ich einen Gefahrenherd kontrolliere? Es ist ja gerade kein Herd, sondern eine Mikrowelle?

Lösch das verdammte Feuer, du bist auch so heiß genug. Im Hintergrund läuft "it’s getting hot in here". Ich greife zu PATRULL, meinem IKEA-Feuerlöscher, und schlage damit auf das Feuer ein. Nichts passiert. Gut, dass ich IKEA immer mit Gebrauchsanleitungen assoziiere. Auf dem Feuerlöscher ist ein Bild abgedruckt, das mir wohl sagen soll: Nicht in der Nähe von Feuer abstellen. Kein Wunder, dass es nicht funktioniert. Ich greife zu einer Flasche Mineralwasser und muss schmunzeln, als ich mir vorstelle, wie ich mich vergreife und den Grillanzünder auf das Feuer schütte. Nach ein paar Minuten ist es geschafft. Das Feuer konnte nicht auf wesentliche Teile des Gebäudes übergreifen. Ich schnappe mir das Telefon, wähle 112: "Hallo Feuerwehr? Hier hat es gerade gebrannt. Jetzt nicht mehr." (meinen Melde- und Informationspflichten bin ich nachgekommen). Ich lege wieder auf und lasse das Ereignis Revue passieren.

Juristische Asoziationen im Angesicht des Untergangs

Kein Wunder, wenn du dir im Internet eine ausgesonderte Mikrowelle kaufst. Du hast es nicht anders verdient. Mit der Nachlieferung wird es auch schwer, weil es eine Stückschuld ist. Garantie hast du auch nicht und die produzierende Firma existiert nicht mehr. Was ist nur los mit mir? Ich wäre grad fast drauf gegangen und in meinem Hirn formt sich eine Mind-Map zu §§ 437 ff. Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), 1 Produkthaftungsgesetz (ProdHG), 13 Strafgesetzbuch (StGB).

Während der normale Mensch in den letzten Augenblicken sein ganzes Leben wie einen Film vor sich ablaufen sieht, würde meine Nahtoderfahrung wahrscheinlich aus einem Erbrechts-Examinatorium bestehen. Was würde sich dann in meinem Kopf abspielen, wenn ich gekidnappt und von Terroristen bis zum Tode gefoltert werden würde? So etwas wie "Ah, spätestens jetzt wird es eine grausame Tötung im Sinne des § 211 StGB"? Bei einem fehlgeschlagenen Doppelselbstmord würde ich an Gisela, bei einem Selbstmord durch einen Fön an Sirius, beim Ertrinken an eine Gefahrengemeinschaft, beim Fliegen an die Abgrenzung von Rücktritt und Kündigung im Reisevertragsrecht denken. Die Erfahrung war mir jedenfalls eine Lehre: Weniger assoziieren, mehr leben. Aber jetzt hock ich mich erst einmal über mein Testament.

Ahmet Kabakyer (aus dem Aufenthaltsraum A 206 des OLG München)

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Zitiervorschlag

Ahmet Kabakyer, Of all the things I've lost, I miss my mind the most: . In: Legal Tribune Online, 13.07.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/9131 (abgerufen am: 08.03.2026 )

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