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Corinna Lindau, Partnerin bei GvW Graf von Westphalen: "Das Refe­ren­da­riat ist für uns die beste Art, neue Kol­legen zu gewinnen"

01.10.2020

Corinna Lindau erklärt im Interview, was eine Station bei GvW auszeichnet, warum sie Bewerber nach ihren Hobbys fragt und wofür bei GvW aufblasbare Flamingos zum Einsatz kommen.

LTO: Frau Lindau, Sie sind seit 2016 assoziierte Partnerin. Wie war ihr Weg dorthin? 

Corinna Lindau: Ich bin als wissenschaftliche Mitarbeiterin zu GvW Graf von Westphalen gekommen. Damals wollte ich gar nicht Anwältin werden und habe das nur als Überbrückung gesehen. Aber es hat mir so gut gefallen, dass ich mich von meinem späteren Chef habe überreden lassen, als Associate einzusteigen. Es hat dann viel Spaß gemacht und sich so gut entwickelt, dass ich assoziierte Partnerin geworden bin.

Bei GvW ist es häufig so, dass unsere Anwälte und Anwältinnen schon im Referendariat, im Praktikum oder im Rahmen einer wissenschaftlichen Mitarbeit zu uns Kontakt hatten. Das gefällt mir, denn dadurch arbeite ich mit vielen Kollegen von Anfang an und schon lange zusammen. 

Warum fühlen Sie sich persönlich bei GvW wohl?

Als erstes würde ich nennen: Ein richtig gutes und kollegiales Miteinander. Das hat mich am Anfang überrascht, denn es war nicht das Bild, das ich von so einer großen Kanzlei hatte.  

Und ich finde gut, dass hier richtig gut ausgebildet wird. Ich kam mit guten Voraussetzungen zu GvW und trotzdem hatte ich keine Ahnung vom Anwaltsein. Das hat man mir komplett beigebracht. Man hat hier nicht viele Associates pro Partner. Dadurch wird auf einen aufgepasst und man wird richtig angeleitet. 

Bei Ihnen beträgt die Frauenquote auf Associate-Ebene 50% und es gibt scheinbar den guten Willen, Frauen auf dem Weg in die Partnerschaft zu fördern. Trotzdem fruchtet das nicht so weit, dass die 50% auf Partnerebene ankommen. Woran liegt das aus Ihrer Perspektive? Was war für Sie auf Ihrem Weg hilfreich und was könnte verbessert werden?

Das sehe ich auch kritisch. Wir haben eine supergute Quote auf Ebene der Associates, auf Ebene der assoziierten Partnerinnen ist es eher "naja" und danach wird es richtig dünn. Ich glaube, was fehlt sind – und das ist ein Teufelskreis – weibliche Vorbilder. Dadurch haben viele junge Kolleginnen das Gefühl, es fehlen auch für sie die Möglichkeiten. 

Viele verlassen uns aus einem diffusen Gefühl, dass der Job schlecht vereinbar mit Familie sei und machen diesen Schritt, ohne es anzusprechen oder es zu versuchen. Ich würde mir wünschen, dass die Sozietät die Kommunikation noch stärker sucht und fragt "Warum glaubst du, dass das nicht gehen kann und was können wir tun, um das zu ändern?" 

Insgesamt kommt das Thema mehr auf den Tisch, weil wir mehr männliche Kollegen haben, die Elternzeit nehmen und sich stärker in die Kinderbetreuung einbringen. Der Corona-Shutdown hat da nochmal was bewegt. Viele Männer mussten mehr übernehmen, weil die Frauen Berufe hatten, in denen sie nicht einfach zuhause bleiben konnten.

Es ist noch ein langer Weg und es muss noch viel passieren, aber ich bin optimistisch. Wir haben viele junge Kolleginnen, von denen ich mir viel verspreche. 

Sind Sie optimistisch, dass Sie auch noch den letzten Schritt in die Equity Partnerschaft machen?

Ja, das will ich sehr hoffen.

"Bei uns ist man bei der Entwicklung des Rechts dabei" 

Zu Ihrem Fachbereich: Warum haben Sie sich für Verwaltungsrecht entschieden?

An meinem Bereich Umwelt- und Planungsrecht mag ich besonders gerne, dass er dynamisch ist und richtig was passiert. Es kommen viele richtungsweisende Entscheidungen vom EuGH - da wird regelmäßig alles umgestellt. Das erlebt man nicht nur mit, sondern ist bei der Entwicklung des Rechts dabei: Die eigenen Verfahren können Gegenstand der neuen Rechtsprechung werden und man arbeitet an Verfahren mit, die vom Bundesverwaltungsgericht entschieden werden und in die amtliche Sammlung kommen. Man hat das Gefühl, etwas zu bewegen

Der andere Punkt beim Umweltrecht ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Die gibt es so nicht in allen Rechtsbereichen. Wir arbeiten viel mit Ingenieuren, Naturwissenschaftlern oder Landschaftspflegern zusammen. Das ist eine Herausforderung. Die Juristen wollen immer eine Ja-oder-Nein-Antwort haben. Das macht die Naturwissenschaftler wahnsinnig. Für die ist nicht alles schwarz oder weiß, sondern viel komplexer. Man muss sich also ganz schön aneinander gewöhnen. Dabei lernt man viele sehr interessante Sachen und man lernt, aus seinem Schemadenken rauszukommen. 

Was für Talente und Fähigkeiten sollte ein junger Jurist für Ihren Bereich mitbringen?

Eine gewisse Neugier ist gut und die Bereitschaft, sich in die unterschiedlichen Sachverhalte reinzuarbeiten. Man kann nicht nur Jurist sein. Wenn man immissionsschutzrechtliche Verfahren betreut, muss man die Anlage verstehen. Man muss bereit sein, sich von Gutachtern Sachen erklären zu lassen, die einem überhaupt nicht einleuchten, ggf. acht Mal oder mehr. Und dann muss man Lust haben, trotzdem weiterzumachen.

Dazu kommt ein Feingefühl für zwischenmenschliche Kommunikation. Es macht einen Unterschied, ob ich mit einer Juristin aus einer Rechtsabteilung spreche oder mit einem Unternehmer aus der Landwirtschaft, der das erste Mal in seinem Leben ein Verfahren über sich ergehen lassen muss. 

Was für ein Profil müssen Referendare mitbringen, damit sie zu GvW passen?

Wir gucken auf die Ausbildung: Was haben Bewerber und Bewerberinnen im Studium gemacht? Was für einen Schwerpunkt haben sie? Ob man sich - wie ich - sehr früh spezialisiert oder noch unentschieden und noch ein wenig auf der Suche ist, ist dabei nicht ausschlaggebend 

Dann finde ich interessant, was die Leute sonst noch machen: Ob sie neben dem Studium gearbeitet haben, ob sie sich sozial engagieren und was sie privat gerne machen. Es ist ein bisschen aus der Mode gekommen, Hobbys in den Lebenslauf zu schreiben. Ich finde das aber gut - nicht um es zu bewerten, sondern um ins Gespräch zu kommen. Gerade Leute, die im Vorstellungsgespräch etwas nervös sind, tauen dadurch auf. Wenn sie über das Klettern oder Skifahren sprechen, dann leuchten plötzlich die Augen. 

Am Ende hängt es natürlich stark davon ab, wie sich die Bewerber und Bewerberinnen präsentieren. Sind sie umgänglich? Sind sie teamfähig? Passen sie gut rein? 

"Wir wollen bei der Examensvorbereitung ordentlich unterstützen und pushen" 

Da Sie gerade Klettern und Skifahren ansprechen - auf Ihrer Webseite gibt es ein Video, bei dem ein GvW-Team bei einem Tough-Mudder-Hindernislauf angetreten ist. Dort haben Sie selbst mitgemacht. Waren dort auch Referendare dabei?

Das war eine Veranstaltung für die ganze Kanzlei, alle durften mitmachen. Wir hatten einen Partner, mehrere Associates und einige Referendare und Referendarinnen im Team. Ich habe auf meinem Schreibtisch immer noch ein Foto davon stehen. 

So etwas ist total gut für die Stimmung und das Miteinander, genauso wie der Betriebsausflug und die Weihnachtsfeier. Man kommt mit Leuten zusammen, mit denen man nicht täglich arbeitet. 

Bei allen diesen Veranstaltungen sind Referendare und Referendarinnen immer mit eingeladen, sie sollen einen Eindruck vom Kanzleileben bekommen. Für die Entscheidung, wo man nach dem Referendariat einsteigt, gibt es ein paar harte Faktoren, die man miteinander abwägt:  Arbeitszeiten, Gehalt - aber am Ende ist es doch oft auch eine Bauchentscheidung. Und dafür ist wichtig, ein Gefühl bekommen zu haben: Fühle ich mich bei GvW wohl?

Gibt es weitere Formate und Veranstaltungen für Referendare?

Regelmäßig findet ein GvW-Abend für Referendarinnen, Referendare, Anwältinnen und Anwälte statt, den jeweils zwei Associates organisieren. Die haben sich zuletzt ganz kreative Sachen ausgedacht. Wir haben ein Kneipenquiz gemacht, das war richtig gut. Mein Favorit war Gummitier-Wasserpolo mit riesigen aufblasbaren Flamingos in einem Wasserbecken an der Alster, in dem normalerweise Kajak-Polo gespielt wird. Das war witzig und hat die Stimmung aufgelockert.

Wir haben eine Kooperation mit Kaiser-Seminare. Die kommen zu uns an wechselnde Standorte. Findet ein Seminar zum Beispiel in Frankfurt statt, treffen sich dort die Referendare und Referendarinnen aller Standorte. Das ist für den internen Austausch zwischen ihnen eine super Sache und sie bekommen nochmal einen besseren Einblick in die Kanzlei insgesamt.

Am Hamburger Standort machen wir regelmäßig Kolloquien, bei denen Referendarinnen und Referendare andere Rechtsgebiete und Anwältinnen und Anwälte aus anderen Fachbereichen kennen lernen können. 

Wie sieht es mit einer Auslandsstation aus?

Eine Auslandsstation in unserem Shanghaier Büro ist theoretisch möglich, wenn man den passenden Hintergrund hat. Wir haben keine weiteren Büros im Ausland. In andere Kanzleien vermitteln wir Referendare zurzeit leider nicht. 

Associates bieten wir die Möglichkeit, für ein Kurz-Secondment in Partnerkanzleien in Länder zu gehen, in denen wir kein eigenes Büro haben.

Gibt es weitere Aspekte, die Referendariat bei Ihnen auszeichnet?

Die Ausbildung vor Ort. Da haben wir uns echt viel Mühe gemacht. Ich habe eben schon die Examensvorbereitung angesprochen. Wir wissen, die Referendarinnen und Referendare gehen unmittelbar nach der Anwaltsstation ins Examen und dabei versuchen wir, sie ordentlich zu unterstützen und zu pushen. 

Mindestens genau so viel Mühe geben wir uns mit der praktischen Ausbildung. Wir wollen einen guten Einblick geben: Wie wäre das, wenn ich später wirklich bei GvW anfangen würde? Die Referendarinnen und Referendare sollen nicht im Hinterzimmer recherchieren, an irgendeiner Veröffentlichung mitarbeiten oder eine Präsentation vorbereiten. Stattdessen geben wir ihnen Aufgaben, die richtig lehrreich sind, bei denen man die ganze Akte lesen und sich richtig reinarbeiten muss, bei denen es zwar um ein großes Verfahren aber auch um eine total interessante Rechtsfrage geht oder bei denen man eine gute Berufungserwiderung machen kann. 

Wir haben außerdem ein Mentorenprogramm entwickelt, bei denen jüngere Kolleginnen und Kollegen die Referendarinnen und Referendare ein bisschen an die Hand nehmen und aufpassen, dass sie eingebunden werden und dass sie zum Beispiel mit zum Gerichtstermin oder zu Dezernatsbesprechungen gehen. 

Es ist in unserem Interesse, dass die Referendarinnen und Referendare Anwaltsluft schnuppern, denn es ist für uns die beste Art, neue Kollegen zu gewinnen. Referendarinnen und Referendare sollen hinterher sagen: "Das war richtig super! Mir hat die Arbeit gefallen, mir hat die Atmosphäre gefallen, ich mochte das Team."

Mehr Infos: Arbeitgeberprofil von GvW Graf von Westphalen

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Corinna Lindau, Partnerin bei GvW Graf von Westphalen: "Das Referendariat ist für uns die beste Art, neue Kollegen zu gewinnen" . In: Legal Tribune Online, 01.10.2020 , https://www.lto.de/persistent/a_id/42837/ (abgerufen am: 25.10.2020 )

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