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Carolin Saupe, Associate bei Bird & Bird: "Auch in Groß­kanz­leien gibt es klas­si­sches Zivil­recht"

17.11.2020

Carolin Saupe wollte erst Psychologie studieren, entschied sich dann aber für Jura und ist seit 2016 Associate im Bereich Commercial bei Bird & Bird in Düsseldorf. Dort geht es viel um klassisches Zivilrecht, erzählt sie im Interview. 

LTO: Frau Saupe, Sie haben 2016 als Associate im Bereich "Commercial" angefangen. Was genau tun Sie da? 

Carolin Saupe: Der Schwerpunkt meiner Tätigkeit liegt auf Vertragsgestaltung aber auch Litigation. Ich berate dabei vor allem Mandanten aus der Automobilzulieferindustrie. In aller Regel beginnen die Fälle mit außergerichtlicher Beratung, etwa wenn ein Mandant einen Vertrag kündigen möchte oder es einen größeren Gewährleistungsfall gibt. Dabei prüfen wir beispielsweise auch, ob und wenn ja, mit welchem Inhalt Verträge geschlossen wurden und ob Ansprüche aus Gewährleistung oder Produkthaftung bestehen. Es gibt also auch in Großkanzleien Teams, die klassisches Zivilrecht machen. 

Warum haben Sie sich für Bird & Bird entschieden? 

Bird & Bird hatte damals für das Team in Düsseldorf eine interessante Stelle ausgeschrieben, für die ich mich beworben hatte. Dann ging es eigentlich ziemlich schnell. Der Partner, dem ich später zugeordnet wurde, brachte direkt drei Teammitglieder mit zum Bewerbungsgespräch. Dadurch konnte ich schon fast alle kennen lernen. Inhaltlich und zwischenmenschlich lief das Gespräch super. Bei dem anschließenden gemeinsamen Mittagessen konnten wir uns auch persönlich besser kennenlernen. Insgesamt hat alles sehr gut gepasst und ich habe gleich am nächsten Morgen zugesagt.

Wie lief das Onboarding ab? 
 
An den ersten Tagen gab es für die Einsteiger eine Einführung durch das Office Management und verschiedene IT-Schulungen. Außerdem wurde man den anderen Kollegen vorgestellt und hatte Gelegenheit, sich gegenseitig kennenzulernen. 

Wie ging es dann in den ersten Wochen weiter?

In der ersten Zeit stand vor allem der Ausbildungsgedanke im Vordergrund. Das war nicht nur in den ersten Wochen, sondern in den ersten Jahren so. Der Partner schaute beispielsweise über die Arbeit drüber und versah sie mit Anmerkungen, sodass man die Verantwortung nicht alleine schultern musste. Die Partner teilen viel von ihrer Erfahrung und Expertise, wodurch man sehr schnell zu einem eigenverantwortlichen Arbeiten geführt wird. Nach der zweiten oder dritten Woche hatte ich schon meinen ersten Mandantentermin zusammen mit dem Partner. 

Wie ist das Verhältnis zu den Partnern bei Bird & Bird? 

Sehr gut! Mit den Partnern im Team arbeitet man auf einer sehr freundlichen und persönlichen Ebene. Bei den Teamevents in der Kanzlei lernt man sich schnell gut kennen und die Kollegen treffen sich auch mal außerhalb der Arbeitszeiten, etwa zu einem gemeinsamen Essen. Die anderen Partner lernt man vor allem bei der Bearbeitung von teamübergreifenden Mandaten kennen. Sie sind immer sehr hilfsbereit und bieten Unterstützung an. 

"Man muss lernen zu kommunizieren, was einem wichtig ist"

Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Ihnen aus? 

Morgens überprüfe ich meine To-Do-Liste für die Woche, schaue ob etwas Neues reingekommen ist und bespreche mit meinem Chef, ob ich Sachen vorziehen oder verschieben soll. An einem typischen Tag würde ich dann wahrscheinlich einen Schriftsatz für ein Gerichtsverfahren oder ein Gutachten zu Rechtsfragen der Mandanten schreiben. Ansonsten telefoniere ich viel mit den Mandanten. Wir besprechen das weitere Vorgehen, beispielsweise wenn Schriftsätze der Gegenseite eingegangen sind oder wenn ich selbst einen Schriftsatz aufgesetzt habe. 

Wie viele Arbeitsstunden haben Sie in der Woche? 

Mal mehr, mal weniger. Etwa zwischen 48 und 55 Stunden. 
 
Wie gelingt Ihnen eine gute Work-Life-Balance? 

Was vor allem hilft, ist reden. Zusammen mit dem Partner besprechen wir einmal die Woche, wie die Auslastung im Team ist. Neue Aufgaben werden entsprechend verteilt und ich habe die Möglichkeit zu sagen, wenn mir etwas zu viel wird. Auch wenn man unter der Woche mal früher gehen möchte, kann man das bei dieser Gelegenheit mitteilen. Ich habe zum Beispiel seit Jahren eine Dauerkarte für Fortuna Düsseldorf und war während der letzten Zweitliga-Saison bei jedem Freitagsspiel pünktlich im Stadion. Vielleicht muss man das als Berufseinsteiger erst lernen, aber wenn man kommuniziert, was einem wichtig ist, ist das meistens kein Problem. Außerdem lernt man über die Zeit, seine Zeit besser einzuteilen. 

Was ist Ihre Lieblingsbeschäftigung außerhalb der Juristerei? 

Neben Fußballschauen treibe ich auch gerne selbst Sport. Allerdings kein Fußball, sondern Basketball. Außerdem habe ich mit Crossfit angefangen. Der körperliche Ausgleich zur geistigen Belastung im Job tut mir dabei sehr gut. Außerdem reise ich gerne, wenn auch derzeit deutlich weniger, als vor Corona. 

Stichwort Corona: Wie hat das Virus die Kanzlei beeinflusst? 

Wir waren alle ein bisschen überrascht, wie gut wir damit fertig geworden sind. Unser Team hat zunächst von zu Hause gearbeitet. Die Kanzlei hat ein sehr ausführliches Corona-Konzept erarbeitet, das viel Flexibilität ermöglicht. Mittlerweile sind viele Teams wieder ins Büro zurückgekehrt. Wer zu Hause arbeiten will, kann dies aber weiterhin tun. Auch hier hilft es, über seine Bedürfnisse zu sprechen.

"Der Bürotausch mit einem Kollegen aus Helsinki war ein tolles Erlebnis"

Was war bisher das Schönste in Ihrem Berufsleben? 

Da würde ich gerne zwei Dinge benennen. Zuerst eine Sache auf der fachlichen Ebene. Einer unserer Mandanten, ein großer Automobilzulieferer, wurde von einem Automobilhersteller in einem Serienschadensfall verklagt. Der Streitwert des Verfahrens lag bei über 100 Millionen Euro. Wir haben hier ein voll klageabweisendes und mittlerweile rechtskräftiges Urteil für unsere Mandantin erreicht. Das Verfahren war sehr umfangreich und ging über viele Jahre. Wenn so etwas dann am Ende perfekt ausgeht, weiß man, dass man den richtigen Job gefunden hat. 

Ein weiteres tolles Erlebnis hatte ich im Rahmen des "Twinning"-Programms bei Bird & Bird. Im Rahmen des Programms tauscht man für eine gewisse Zeit mit einem Kollegen aus einem anderen Büro die Plätze. Ich habe mit einem finnischen Kollegen getauscht und war für eine Zeit in unserem Büro in Helsinki. Es hat sehr viel Spaß gemacht die Stadt kennenzulernen, außerdem waren die Kollegen dort super nett und haben mir eine tolle Zeit bereitet. 

Gab es denn auch schlimme Momente?

Manchmal laufen die Dinge nicht ganz optimal, aber das ist normalerweise kein Problem. Im Zweifel macht man es dann das nächste Mal besser. 

"Schlimm" ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber hin und wieder kommt es vor, dass Kollegen ihre berufliche Zukunft woanders sehen. Man arbeitet oft über Jahre zusammen, dabei werden aus Kollegen auch Freunde und Wegbegleiter. Wenn diese dann plötzlich nicht mehr da sind, ist das sehr schade. 

Worum beneiden Sie die Partner? 

Vor allem um die Berufserfahrung. Egal mit welcher Frage wir uns im Team an unseren Partner wenden, er ist sofort im Thema und kann Fragen ganz konkret beantworten. Das finde ich schon sehr bemerkenswert. Auch das Standing der Partner im Markt, unter anderem bei uns im Commercial-Automotive, ist ziemlich beeindruckend. Wenn die Mandanten einen kennen und nur vom Namen her schon vertrauen, ist das bestimmt ein tolles Gefühl. 

In welchen Momenten denken Sie: Wie gut, dass ich keine Partnerin bin. 

Ja, vor allem wenn es um organisatorische Themen rund um die Kanzlei geht, die nicht unbedingt juristisch sind. Auch um Themen wie Arbeitsplanung oder Rechnungsstellung beneide ich die Partner nicht.

"Der Anwaltsberuf ist nicht für jeden das Richtige"

Was wünschen Sie sich für Ihre berufliche Zukunft?

Ich würde gerne weiter spannende Mandate mit netten Kollegen bearbeiten. Meine berufliche Zukunft sehe ich bei Bird & Bird und würde hier auch gerne die nächsten Karriereschritte machen.

Was wollten Sie als Kind werden bzw. was würden Sie heute wahrscheinlich machen, wenn Sie nicht Anwalt geworden wären?  

Ich hatte zuerst überlegt, Psychologie zu studieren. Mir macht es Spaß zu verstehen, warum Menschen handeln, wie sie handeln. Bei näherer Betrachtung ist die Frage, wie Menschen ticken, aber nur ein kleiner Teil des Psychologiestudiums. Während eines Schulpraktikums beim Ordnungsamt in meiner Heimatstadt bin ich zum ersten Mal mit dem Thema Recht in Berührung gekommen und habe dann beschlossen, Jura zu studieren.

Was ist ihr Ratschlag an junge Menschen, die einmal Anwalt werden möchten? 

Schaut euch das erstmal in Ruhe an! Der Anwaltsberuf ist sicherlich anspruchsvoll und erfüllend – aber er ist auch nicht für jeden die richtige Wahl. Und er ist gewiss nicht so, wie in einigen TV-Serien oder Hollywoodfilmen dargestellt. Die Zeit zwischen Studium und Referendariat eignet sich sehr gut, um in den Kanzleialltag hineinzuschnuppern, beispielsweise als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Das ist auch noch sinnvoller als ein Praktikum. Da man nur eine begrenzte Anzahl von Kanzleien richtig kennenlernen kann, kann das bei der Orientierung sehr helfen. Ansonsten sollte man das Referendariat intensiv nutzen, um sich eine Meinung über den Anwaltsberuf zu bilden. Besonders hilfreich ist es bei diesen Einblicken in den Anwaltsberuf viele Fragen zu stellen. Sei es zur Arbeitsbelastung, zu Aufstiegsmöglichkeiten in der Kanzlei oder Fragen zur Mandantenakquise – konkrete Fragen können sehr gut helfen, ein Gefühl für den Beruf und das Leben als Anwalt zu bekommen. 

Zitiervorschlag

Carolin Saupe, Associate bei Bird & Bird: "Auch in Großkanzleien gibt es klassisches Zivilrecht" . In: Legal Tribune Online, 17.11.2020 , https://www.lto.de/persistent/a_id/43378/ (abgerufen am: 29.11.2020 )

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