Bonn Negotiators

Die Kunst des Verhandelns

von Christian GrohganzVistenkarte

22.03.2012

Verhandlungstechnik

Wer ein guter Jurist werden möchte, sollte die Kunst des Verhandelns beherrschen. An der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bonn wollen die 'Bonn Negotiators' deshalb Studierende zu effektiven Verhandlungsführern ausbilden. Dabei werden die Teilnehmer auch mal mit radikalen Priestern, Basketballstars oder dem Verkauf eines Unternehmens konfrontiert.

Vermutlich jeder Jura-Student hat während seiner Ausbildung einmal von den sogenannten Soft Skills gehört. Und höchstwahrscheinlich wurde dabei betont, wie unerlässlich diese für die juristische Praxis seien. Soft Skills, damit meint man vor allem soziale Kompetenz, also die Fähigkeit zur Kooperation, Verhandlung und Kommunikation.

Während an angloamerikanischen Universitäten die Vermittlung von Rechtswissenschaft ohne Rhetorik und Verhandlungslehre undenkbar ist, führt dieser Lernbereich an deutschen Hochschulen noch ein Schattendasein. "Dabei ist Verhandeln – neben der Kenntnis des materiellen Rechts – das Kernarbeitszeug eines jeden Juristen", meint Dr. René Pfromm, einer der drei Gründer der Bonn Negotiators. "Egal ob in der Anwaltschaft, bei Gericht, in Behörden, Unternehmen oder in sonstiger Position."

Die Idee zur Gründung der ersten studentischen Verhandlungsgruppe Deutschlands entstand mit den Studenten Oliver Mersmann und Anne Goertz, während eines von René Pfromm geleiteten Verhandlungsmanagement-Workshops. "Wir wollten etwas schaffen, was den Kursteilnehmern ermöglicht, die gelernten Inhalte regelmäßig aufzufrischen und zu vertiefen, um dadurch ihre Verhandlungskompetenz systematisch zu verbessern", sagt Pfromm, der neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Rechtsanwalt in einer internationalen Wirtschaftskanzlei an der Universität Bonn Verhandlungsführung und Kartellrecht lehrt.

Vorbild Harvard

Als Vorbild diente die Harvard University, wo er selbst studiert und als Mitglied des Harvard-Negotiators-Teams einen internationalen Verhandlungsführungswettbewerb gewonnen hatte. "Da es derartige Kurse in Deutschland nur vereinzelt gab, wollte ich sehen, ob auch unter Bonner Studenten Interesse an den Techniken der Verhandlungsführung besteht", sagt René Pfromm. Bereits vor dem ersten Treffen im September 2011 wusste das Trio angesichts hoher Anmeldezahlen und langer Wartelisten, dass sie mit ihrem Konzept offene Türen einliefen.

Einmal im Monat trifft sich die Übungsgruppe, um ihre Verhandlungskenntnisse und -fähigkeiten zu vertiefen. Dabei übernehmen die Studenten bestimmte Rollen und müssen schwierige Verhandlungssituationen meistern. Am Anfang erhalten alle Teilnehmer vertrauliche Informationen der Person, die sie später darstellen sollen. Bei den Fällen handelt es sich um Verhandlungen zwischen zwei oder mehr Parteien. Zunächst bereiten sich alle Teilnehmer einzeln auf ihre Position vor, überlegen sich Strategien und notieren die wichtigsten Daten und Fakten. Wenn es sich um einen Fall mit anwaltlicher Vertretung handelt, gibt es danach noch eine Besprechungsphase zwischen Anwalt und Mandant.

Nach dieser Vorbereitung kommen die Teilnehmer dann in Gruppen zusammen, verteilen sich auf verschiedene Räume und führen innerhalb eines fest gesetzten Zeitrahmens eine Verhandlung. "Dabei werden sie von Dr. René Pfromm, Oliver Mersmann oder mir beobachtet", sagt Anne Goertz. "Im Anschluss an die Verhandlungssimulation wird der Fall besprochen, die verschiedenen Verhandlungen und Verhandlungsergebnisse analysiert, die Schwierigkeiten herausgearbeitet und Verbesserungshinweise gegeben." Schließlich erhält jeder Teilnehmer Feedback mit individuellen Hinweisen und Verbesserungsvorschlägen. "Die Gespräche und das anschließende Plenum sind besonders wichtig, weil man sich nur auf diese Weise stetig verbessern kann", meint Oliver Mersmann.

Die verwendeten Fälle wurden an der Harvard University entwickelt. So war Gegenstand des ersten Treffens eine Mehrparteienverhandlung im Zusammenhang mit der geplanten Rede eines radikalen Priesters. "Der Fall war realitätsnah, herausfordernd und praxisrelevant, sodass wir unsere Fähigkeiten unter Beweis stellen konnten", erinnert sich Oliver Mersmann. "Später gab es auch Gehaltsverhandlungen für einen Basketballstar, bis hin zum Verkauf eines Unternehmens oder zu einem außergerichtlichen Vergleich über Schadensersatzforderungen."

Das Verhandlungsvirus soll andere Unis anstecken

"Die juristische Ausbildung an deutschen Hochschulen ist leider immer noch sehr theoriebezogen", meint Oliver Mersmann. "In der späteren Praxis ist das theoretische Fundament aber nur ein Teil der Fertigkeiten, die das Berufsleben erfordert. Nicht nur als Anwalt verhandelt man schließlich jeden Tag." Auch Anne Goertz hält Verhandlung und Rhetorik in der deutschen Juristenausbildung für unterschätzt. "Meiner Ansicht nach sind Schlüsselkompetenzen – die bislang nicht zum Pflichtstoff gehören – sehr wichtig und sollten als Pflichtinhalt in das Studium der Rechtswissenschaft integriert werden", findet die 21-Jährige. "Was ich bisher bei Bonn Negotiators gelernt habe, hilft mir bereits jetzt in den verschiedensten Situationen. Man verhandelt ständig im Alltag – ob bewusst oder unbewusst. Wenn man sich darüber klar wird und jede Verhandlung mit dem erworbenen Hintergrundwissen angeht, kann man davon sehr profitieren." Dabei erhofft sich Anne Goertz insbesondere durch die Erfahrungen bei Bonn Negotiators Vorteile im Berufsleben. „Gerade als Jurist kann es nicht schaden, bereits früh das Verhandeln zu üben und möglichst viel darüber zu lernen." Dem kann sich Oliver Mersmann nur anschließen: „Bei der Verhandlungsführung ist es doch wie bei so vielen Dingen im Leben: Besser wird man nur durch stetige Übung."

Im kommenden Semester wird es viele Ergänzungen geben und die Bonn Negotiators werden noch präsenter im Universitätsalltag sein, verspricht René Pfromm. "Wir planen bereits, das Angebot durch Vorträge erfahrener Verhandlungsführer zu ergänzen – derzeit sprechen wir mit Krisenverhandlungsführern der Polizei, erfahrenen Vertrieblern und Diplomaten." Das Trio hat sich hohe Ziele gesetzt. "Wir wollen eine Organisation aufbauen, die es in dieser Form in Deutschland noch nicht gegeben hat. Wir wollen andere Studenten begeistern, eine Verhandlungscommunity aufbauen und die Bedeutung von Verhandlungsmanagement an deutschen Universitäten stärken", sagt Oliver Mersmann und beobachtet dabei einen sehr positiven Nebeneffekt. "Als Mitgründer und Mitorganisator lernt man parallel zum Studium viele andere 'Soft Skills'."

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Christian Grohganz, Bonn Negotiators : Die Kunst des Verhandelns. In: Legal Tribune ONLINE, 22.03.2012, http://www.lto.de/persistent/a_id/5846/ (abgerufen am 18.05.2013)

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