Das Referendariat im Überblick – Teil II: Ein noch grö­ßerer End­gegner

von Dr. Björn Kruse, LL.M. (Turin)

14.06.2017

Was erwartet mich im Referendariat? Und inwiefern kann ich meine Ausbildung selbst gestalten? Björn Kruse gibt einen Überblick und Tipps. Im zweiten Teil geht es um die Anwalts- sowie Wahlstationen und natürlich die Prüfungen.

 

Vorbereitung und Planung sowie Zivilrechts-, Strafrechts- und Verwaltungsstation – zu Teil I des Referendariatsüberblicks geht es hier.

Anwaltsstation – Besser als jede Bewerbung

Bei der Planung der Anwaltsstation ist viel Feingespür gefragt. Manche treffen dabei schon früh die grundsätzliche Entscheidung, die ganze Station für mehr Lernzeit zu "tauchen", also eine Kanzlei auszuwählen, bei der weniger oder gar kein Arbeitsaufwand zur Ableistung der Station erforderlich ist. Nachvollziehbar, denn die Vorbereitungszeit auf das zweite Examen ist mit in der Regel drei Monaten extrem knapp bemessen.

Im krassen Gegensatz dazu nutzen andere wiederrum die Gelegenheit, einen Einblick in die Großkanzleien-Welt zu bekommen. Sie lockt nicht nur mit internationalen Themen und Sachverhalten, sondern auch mit Ausbildungsvorteilen, wie zum Beispiel dem bezahlten Besuch von Repetitorien. Oftmals wird eine Tätigkeit zwischen drei und fünf Monaten bei drei bis vier Arbeitstagen pro Woche vereinbart, um auch die begleitenden Arbeitsgemeinschaften und den Klausurenkurs am Gericht besuchen zu können. Dieser Weg ist meist der zeitintensivste, für eine entsprechend angestrebte Karriere aber auch der förderlichste. Außerdem lässt sich mit den dort gezahlten Vergütungen, die insgesamt durchaus im unteren fünfstelligen Bereich liegen können, die ansonsten magere Unterhaltsbeihilfe deutlich aufbessern.

Daneben sind gerade mittelständische Kanzleien oder versierte Boutiquen als Ausbilder besonders attraktiv. Das Referendariat ermöglicht dort einen unkomplizierten Einstieg, um Eindrücke in hoch spezialisierte Tätigkeitsfelder zu gewinnen. Hier kann der persönliche Eindruck, den man bei Ausbildern im Rahmen der Station hinterlässt, wertvoller als alle Bewerbungsunterlagen nach dem Examen werden.

Die Prüfungen – der Endgegner

Allen positiven Eindrücken aus der abwechslungsreichen praktischen Ausbildungszeit zum Trotz wartet der Endgegner am Ende des Referendariats in Gestalt der schriftlichen Prüfungen. Die Vorbereitungsphase nach der Anwaltsstation will gut genutzt sein, um die acht (in Bayern elf*) Klausuren zu meistern, bei denen viele Kandidaten – wie im ersten Staatsexamen – an ihre Grenzen gelangen.

In der Tat sind die Anforderungen im internationalen Vergleich erdrückend, da der Prüfling Fähigkeiten eines Chamäleons zeigen muss: In den Zivilrechtsklausuren müssen die angehenden Volljuristen die Perspektive des Rechtsanwalts und des Richters einnehmen. Im Strafrecht darf er sich etwa an einer Anklage als Staatsanwalt sowie als Begutachter an einer Revisionsklausur versuchen, in der oftmals die Stecknadel – der Revisionsgrund – in dem Heuhaufen des Hauptverhandlungsprotokolls versteckt ist. Krönender Abschluss sind die Klausuren des öffentlichen Rechts, auch aus den Perspektiven von jeweils Rechtsanwalt und Richter. 

Selbstverständlich hat jeder Klausurtyp seine eigenen feinen formalen Besonderheiten, die von Bundesland zu Bundesland, von Gerichtsbezirk zu Gerichtsbezirk und – wie man später bei Einsichtnahme erfährt – auch von Korrektor zu Korrektor abweichen und den Referendar schon in der Vorbereitung verzweifeln lassen können.

Das sind beispielsweise Besonderheiten darüber, welche Anträge in der Anklage gestellt werden dürfen oder müssen, so etwa die Anträge auf Fortdauer der Untersuchungshaft oder Entziehung der Fahrerlaubnis. Ein anderes Beispiel ist die Frage, ob der Prüfling das Datum des Zivilurteils aufnimmt oder dies die (fiktive) Geschäftsstelle übernimmt. Deshalb kann die Vorbereitung mitunter auch lähmend sein, da es für die vielen Formalien oftmals keine einheitliche Lösung gibt.

Finales Lernen – die Nerven trainieren

Aussagen von Ausbildungsleitern oder in Skripten können inkongruent sein und auch der Austausch mit befreundeten Kommilitonen trägt nicht immer nur zur Beruhigung bei. Deshalb ist es wichtig, auf den letzten Metern der Vorbereitung eine gesunde Portion Selbstbewusstsein an den Tag legen, um den "eigenen" Maßstab für Formalien festzulegen. Es gibt eben in der Regel kein landesspezifisches Formhandbuch, um eine gewisse Einheitlichkeit, auch im Hinblick auf die Korrektur der Examensklausuren, zu gewährleisten. Ein solches könnte aber den bereits erwähnten Unsicherheiten bei den Formalien entgegenwirken.

Wie im ersten Examen gilt auch im zweiten: Struktur und Grundlagen sind gefragt und eben nicht die dritte Abwandlung des Skripts, die sich ohnehin nur die Wenigstens merken können. Die nötige Routine und Nervenstärke liefern dabei Probeklausuren noch und nöcher. Nur so lernt man, viele Prüfungen in kurzen Abständen bei größter Zeitnot abzuschließen, selbst wenn  der Sachverhalt bis zuletzt ein großes Fragezeichen hinterlässt. Das ist für das Bestehen überlebenswichtig.

Zitiervorschlag

Dr. Björn Kruse, LL.M. (Turin), Das Referendariat im Überblick – Teil II: Ein noch größerer Endgegner. In: Legal Tribune Online, 14.06.2017, http://www.lto.de/persistent/a_id/23189/ (abgerufen am: 29.06.2017)

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Kommentare
  • 14.06.2017 16:20, Blub

    Jedenfalls in NRW (ich vermute, in so manch anderem Bundesland auch) muss das Rechtschamäleon im Strafrecht auch noch das Strafurteil und im öff. Recht noch die Behördenklausur beherrschen...

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    • 15.06.2017 00:38, xlx

      Das trifft auf Sachsen ebenfalls zu...

    • 16.06.2017 18:06, Capslockpolizei

      In Niedersachsen gibt es zwar im Straf- und Verwaltungsrecht keine Gerichtsklausuren, aber auch die Behördenklausur.

  • 14.06.2017 16:53, ex-referendar

    In Bayern werden im zweiten Staatsexamen 11 Klausuren geschrieben!

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    • 14.06.2017 17:12, LTO-Redaktion

      Lieber ex-referendar,

      vielen Dank für den Hinweis, haben wir angepasst.

      LG
      Die LTO-Redaktion

    • 14.06.2017 18:45, Petro

      In Berlin sind es sieben und nicht acht!

  • 16.06.2017 18:10, Capslockpolizei

    Soweit ich weiß, gehört ein Aktenvortrag in NRW auch bereits im ersten Examen zu den Prüfungsaufgaben der mündlichen.

    In Niedersachsen kommt allerdings für die mündliche Prüfung im zweiten Examen im Unterschied zum ersten als viertes das anwaltliche Prüfungsgespräch hinzu.

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