Consumer Law Clinic an der HU Berlin: Anwälte (in spe) des kleinen Mannes

von Wiebke Fröhlich

31.01.2013

Studium bedeutet vor allem lesen, lernen und behalten. Vor dem Referendariat sammeln die wenigsten angehenden Rechtsanwälte Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag. Viele Studierende und Arbeitgeber beklagen den mangelnden praktischen Bezug an den Universitäten. Die Humboldt Consumer Law Clinic soll das ändern. In Berlin übernehmen Studierende die Rechtsberatung hilfesuchender Verbraucher.

 

Maximilian Ziegenbein und Tatjana Holter sitzen zufrieden an ihrem Berliner Schreibtisch: Das Gutachten ist fertig, es sieht gut aus für ihren Mandanten in China. "Zunächst mussten wir herausfinden, welches Recht überhaupt anwendbar ist", erklärt Ziegenbein die Tücken des Falls, der ihn und seine Kollegin und Kommilitonin Holter seit Monaten auf Trab hält. Die beiden studieren Rechtswissenschaften an der Humboldt Universität zu Berlin und nehmen seit dem vergangenen Sommersemester an der Humboldt Consumer Law Clinic (HCLC) teil. Hier schlagen sie sich mit Sachverhalten herum, in denen die Beteiligten nicht A und B heißen, sondern volle Namen tragen und für die es keine Lösungsskizzen gibt.

Ihr Mandant lebt und arbeitet in China, er flog im Sommer nach Frankfurt, um von hier aus mit dem Zug nach Berlin zu reisen. Alle Tickets waren bezahlt, der Reiseplan perfekt. Als der Flug dann jedoch mit Verspätung landete, war der gebuchte Zug bereits abgefahren. Notgedrungen zahlte der Mann zusätzliche 63 Euro für ein neues Ticket. Die Fluggesellschaft verweigerte die Erstattung der Kosten. Das wollen Ziegenbein und Holter ändern. Sie haben den Fall geprüft und sind zuversichtlich, dass ihr Mandant auf keinen Kosten sitzen bleibt.

Kleingedrucktes, verspätete Flüge, defekte Computer

© Humboldt Law ClinicIn der Humboldt Consumer Law Clinic (HCLC) beraten Studierende hilfesuchende Verbraucher. Wer ein Problem mit Kleingedrucktem, verspäteten Flügen oder defekten Computern hat, kann seit Oktober 2012 kostenlose rechtliche Beratung durch die HLCL bekommen. In Zweierteams kümmern sich die Studierenden um die verbraucherrechtlichen Fälle. Betreut werden sie von Rechtsanwälten und Professoren. Die angehenden Rechtsanwälte führen die Mandantengespräche, recherchieren den Sachverhalt, verfassen Gutachten und nehmen Kontakt zu den Unternehmen auf.

Ins Leben gerufen haben die HCLC die Verbraucherrechtsexpertin Prof. Dr. Susanne Augenhofer und der Professor für Zivilrecht Dr. Reinhard Singer. "Wir wollten den Studierenden einen Blick in die Praxis geben", erklärt Singer, der auch das Institut für Anwaltsrecht an der Humboldt Universität in Berlin leitet. Das Konzept der "Law Clinic" kommt aus den USA: Studierende sollen bereits in einem frühem Stadium der juristischen Ausbildung praktische Erfahrungen sammeln. In Berlin wird das Projekt in Form eines Kurses über zwei Semester umgesetzt.

Bevor die Studierenden mit konkreten Fällen in die Praxis eintauchen, werden sie im ersten Semester theoretisch auf die Arbeit im Verbraucherrecht vorbereitet. Gemeinsam mit den anderen Studierenden der HCLC haben Tatjana Holter und Maximilian Ziegenbein im vergangenen Sommersemester Vorlesungen zum Thema besucht, Experten getroffen und Erfahrungen in Kanzleien gesammelt.

Protest aus der Anwaltschaft

© Humboldt Law ClinicDie Studierenden bekommen für die Teilnahme vier Studienpunkte. Verglichen mit dem Aufwand ist das wenig. Nun, da im Februar mit dem Semester auch der erste Zyklus der HCLC endet, zieht Holter Bilanz: "Das macht einfach Spaß." Die junge Frau kommt richtig ins Schwärmen als sie die vergangenen Monate überdenkt. "Die Gespräche mit den Mandanten, die Recherche und die taktischen Überlegungen, die ein Anwalt so anstellen muss"“, das alles begeistert sie.

"In der Uni haben wir es mit Ideal-Sachverhalten zu tun. Aber in der Praxis müssen viele Kleinigkeiten erst noch recherchiert werden." Außerdem sei die Arbeit nicht damit getan, Ansprüche durchzuprüfen. Vielmehr gehe es darum, die Interessen des Mandanten durchzusetzen. Das habe sie in der Law Clinic erst einmal lernen müssen, gesteht Holter. Und auch den Rechtssuchenden scheint die Idee der HCLC zu gefallen. "Wir haben nicht mit so vielen Anfragen gerechnet", sagt Augenhofer. Mittlerweile gebe es sogar eine Warteliste.

Doch nicht überall trifft die HCLC auf so viel positive Resonanz. Als im Sommer die Werbeanzeigen für die kostenlose Rechtsberatung geschaltet wurden, beschwerte sich ein Rechtsanwalt bei den Professoren: Er sah sich und seinen Berufsstand durch das kostenlose Angebot bedroht. Diese Sorge hält Professor Singer allerdings für unbegründet: "An die HCLC wenden sich Menschen, die sonst gar keine Rechtshilfe in Anspruch nehmen würden, weil sie es sich finanziell nicht leisten können oder wollen." Für die meisten Hilfesuchenden gehe es um knapp einhundert Euro, Fälle mit einem Streitwert über 750 Euro nimmt die HCLC gar nicht an. "Für die Beträge geht doch kaum jemand zum Anwalt. Die meisten Menschen geben dann einfach auf", meint auch Augenhofer. Und genau diese Resignation will Professor Singer nicht hinnehmen: "Es ist ja gerade der Gedanke des Verbraucherschutzes, im Kleinen gegen die Großen zu helfen. Das wollen wir durchsetzen."

Zitiervorschlag

Wiebke Fröhlich, Consumer Law Clinic an der HU Berlin: Anwälte (in spe) des kleinen Mannes. In: Legal Tribune Online, 31.01.2013, http://www.lto.de/persistent/a_id/8058/ (abgerufen am: 02.12.2016)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 31.01.2013 13:30, M. Spiegelkam

    Eine gute Sache. Ich persönlich befürworte die Law Clinics schon seit langem. Allerdings sollten diese an deutsche Umstände angepasst werden. Ich verstehe den Rechtsanwalt, der sich in seinem Berufsstand bedroht sieht. Gerade die "kleinen" Mandate ermöglichen den meisten Anwälten irgendwie zu überleben. Wenn diese Mandate in Zukunft von Universitäten übernommen werden um ihren Studenten, die eigentlich Richter werden sollen, rechtsanwaltliche Praxis zu vermitteln, dann wird es sicher zu Konflikten kommen.

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  • 31.01.2013 15:12, Rechtsberater

    Als Rechtsberater der HCLC kann ich die Erfahrungen der Kollegen nur bestätigen. Auch ist die Law Clinic vielen Studenten eine Entscheidungshilfe bei der Wahl des richtigen Berufes. An dieser Stelle ein großes Lob an die engagierten Professoren der Law Clinic.

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  • 01.02.2013 17:54, Arbeitgeber

    Für die Studenten ist es ja prima, dass sie Erfahrungen am lebenden Objekt sammeln können, und angesichts der betroffenen Streitwerte dürfte den meisten Kollegen dabei kein wirtschaftlicher Schaden entstehen.

    Ist aber die fachliche Betreuung durch einen Volljuristen (§ 6 Abs. 2 RDG) wirklich gewährleistet? Weil es sich ja hier um echte Rechtsberatung und nicht nur einfache Annexberatung von Autoverkäufern etc. handelt, dürfte es wohl bei allen betroffenen Fällen "im EInzelfall erforderlich" sein, dass ein Volljurist auf jede Akte einen Blick wirft. Ich habe gewisse Zweifel, ob dies auch in der Praxis so gehandhabt wird.

    We haftet hier für falschen Rechtsrat? Nur weil die Streitwerte gering sind, heißt das noch lange nicht, dass auch die potentiellen Schäden einer Falschberatung klein sind. Neben der HU werden auch die einzelnen Studenten haftbar sein, wissen die das? Wie ist der Versicherungsschutz?

    Im Übrigen sollte für Beschimpfungen von "Atzenkalle" (wohl der sympathische junge Mann auf dem Foto, der vor seinem ersten Job noch einmal über seinen Haarschnitt nachdenken könnte) in diesem Forum kein Platz sein.

    Arbeitgeber

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  • 01.02.2013 18:13, Rechtsberater der HCLC

    Jeder einzelne Fall wird unter der Anleitung eines zum Richteramt befähigten Volljuristen begleitet. Befürchtungen, dass diese Aufsicht in der Praxis nicht geführt wird, sind unbegründet. Es werden keine rechtlichen Schritte ohne vorheriger Abstimmung mit dem jeweiligen Betreuer unternommen.

    Zwischen den Beratern und dem Rechtssuchenden wird jeweils ein „Beratungsauftrag“ geschlossen. Dieser regelt unter anderem die Haftungsfragen. Der Berater verspricht eine sorgfältige Beratung, aber ebenso wie ein Rechtsanwalt keinen Erfolg in der Sache. Die als Berater agierenden Studierenden haften im Übrigen nicht nach dem gleichen Maßstab wie ein Anwalt. Zudem ist jegliche Haftung für leichte Fahrlässigkeit ausgeschlossen. Für grobe Fahrlässigkeit und Vorsatz haften auch Studierende. Allerdings ist ein grob fahrlässiges Verhalten unwahrscheinlich, da die anleitenden Volljuristen ein solches zu verhindern wissen.

    Ein Versicherungsschutz besteht ebenfalls.

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  • 07.02.2013 12:43, warlord

    Was für ein schwachsinniger Name! Sind den Damen und Herren an der altehrwürdigen Humbolt-Uni die deutschen Begriffe ausgegangen? Auch wenn die Sache aus dem angloamerkanischen Raum nach Europa geschwappt ist, heißt das noch lange nicht, dass die fremdsprachigen Bezeichnungen übernommen werden müssen. Die deutsche Sprache ist ja wohl reich genug an Wörtern hierfür. Wenn schon fremdsprachig, warum dann nicht auf Latein oder Polnisch? Na, mir darf keiner mit dem Spruch kommen, er wäre in einer "Law Clinic" tätig. Den würde ich erst mal fragen, was er hat und dann zum Onkel Doktor schicken.

    Dann noch die Abkürzung "HCLC"- klingt wie ein Gendefekt, na jedenfalls wie eine unheilbare Tropenkrankheit.

    Verquastes Englisch ist kein Zeichen für Weltgewandtheit.Selbst Mc Donald´s wirbt in Deutschland auf Deutsch und in Russland auf Russisch. Sat.1 wirbt auch wieder auf Deutsch.

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  • 14.02.2013 12:24, Hans Peter

    Hört sich ja richtig seriös an, ich würde mich auch von Atzenkalle dem "Rapper" beraten lassen.

    http://www.youtube.com/watch?v=Pu0Ud5Vo_Rw

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