Reform des Jurastudiums: Anwalts­recht auch end­lich mal prüfen

von Kristina Trierweiler, LL.M.

12.04.2017

Jeder zweite Volljurist wird Rechtsanwalt. Dessen Berufsrecht und Perspektive kommen im Examen aber viel zu kurz, findet Kristina Trierweiler. Sie hofft, dass sich mit den Reformvorhaben in der Juristenausbildung mal spürbar etwas ändert.

 

Im November 2016 hat die Justizministerkonferenz (JuMiKo) den Bericht ihres Koordinierungsausschusses (KOA) zur Reform des Jurastudiums abgesegnet. Danach sollen der Zeit- und Prüfungsaufwand für das Schwerpunktstudium auf 16 Semesterwochenstunden (SWS) beziehungsweise drei Prüfungsleistungen reduziert werden. Auch soll die Note nur noch zu 20 anstatt wie bisher mit 30 Prozent in das Ergebnis der ersten juristischen Prüfung zählen.

Zudem ist geplant, den Pflichtstoff in beiden Staatsexamen zu reduzieren. Im Assessorexamen sollen zusätzlich das anwaltliche Berufsrecht in seinen Grundregeln, die Berufspflichten nach der Bundesrechtsanwaltsordnung (BRAO) und der Berufsordnung für Rechtsanwälte (BORA), das anwaltliche Gebührenrecht im Überblick sowie die rechtsberatende Praxis in den Pflichtstoffgebieten Gegenstand der zweiten Staatsprüfung sein. Im Herbst 2017 soll der KOA wieder an die JuMiKo berichten und bis dahin Kritik und Anregungen aus Lehre und Praxis berücksichtigen. Genug Zeit, um Experten zu Wort kommen zu lassen.

Kristina Trierweiler, LL.M. ist Rechtsanwältin und Geschäftsführerin der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK). Dort betreut sie den Ausschuss Juristenausbildung. Da mehr als jeder zweite Volljurist anwaltlich tätig wird, befürwortet sie die grobe Richtung, in die die Vorschläge des KOA gehen: künftig besser auf den Anwaltsberuf vorzubereiten. Sie befürchtet allerdings, dass das alles graue Theorie bleiben könnte:

Zitiervorschlag

Kristina Trierweiler, LL.M. , Reform des Jurastudiums: Anwaltsrecht auch endlich mal prüfen. In: Legal Tribune Online, 12.04.2017, http://www.lto.de/persistent/a_id/22645/ (abgerufen am: 23.04.2017)

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Kommentare
  • 12.04.2017 14:27, WissMit

    "Die Studierenden unterbrechen ihr Studium, um sich dem Schwerpunktbereich zu widmen."

    Ohne Kommentar.

    "Erfreulich ist, dass der KOA empfiehlt, für die Teilnahme an einem Moot Court oder an einer Rechtsberatung im Rahmen einer Law Clinic ein Semester unberücksichtigt zu lassen."
    Das ist eine sehr gute Idee!

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    • 12.04.2017 16:57, R.K.

      Den Unterschied zwischen einem Studium mit wissenschaftlichem Anspruch - denn nur dann hat es an der Universität eine Existenzberechtigung - und einer Berufsausbildung bzw. einem FH-Studium hat die Autorin leider offenbar nicht verstanden.

    • 13.04.2017 07:48, jcm

      @R.K.: Auch wissenschaftliche Studiengängen an Universitäten ist Anwendungsbezug nicht fremd. Gott sei Dank - sonst schafften sich unsere höchsten Bildungseinrichtungen selbst ab. Denn seien wir mal ehrlich, Humboldt und "Bildung statt Ausbildung" klingt gut, ist aber überholt. Charakterlich mag einen ein praxisfernes, hoch wissenschaftliches Jurastudium ja stärken, aber im Referendariat oder spätestens am ersten Tag im Job kommt dann das böse Erwachen.
      Insofern sind Anwendungsbezug, etwa in Form praktischer Studienzeiten wichtig und richtig und absolut zu Recht in die Studienordnungen integriert. Den Vorschlag der KOA, die Teilnahme an Moot Courts und Law Clinics zu fördern, verstehe ich im Sinne von Freisemestern für den Freischuss. Das finde ich gut, weil es den Examensdruck aus der Entscheidung für solche umfangreicheren Projekte herausnimmt.

      Ansonsten ist mir nicht ganz klar, was jetzt im Examen gefördert werden soll: Recht aus Anwaltsperspektive oder Anwaltsrecht (im Sinne von Berufsrecht)? Schädlich ist beides nicht, aber wenn es um Praxisbezug geht, möchte ich hoffen, ersteres. Das Berufsrecht besteht doch überwiegend aus Binsenweisheiten und dürfte in einer Examensklausur, insbesondere im 1. Examen, kaum sinnvoll abzufragen sein, außer vielleicht, indem man Zusatzfragen ähnlich denen zu Prozessrecht oder IPR einbaut. Wirklich sinnvoll für die Praxis wäre Kostenrecht, aber besser verortet eher im 2. Examen.

      Abgesehen davon bin ich gar nicht so überzeugt von der These, dass die Ausbildung auf das Richteramt hinführt. Im 1. Examen wird die gutachterliche Lösung eines feststehenden Sachverhalts verlangt, was weder Richtern noch Anwälten täglich passiert. Streng genommen noch eher Anwälten, deren Mandanten eine Vorabeinschätzung wünschen. Sauber einen Sachverhalt durchsubsumieren müssen aber beide später können, sei es im Urteil oder in der Klageschrift. Beides lernt der Student nicht, der Referendar aber sehr wohl.

  • 12.04.2017 17:51, MD

    Ziel der gesamten Veranstaltung ist es, einen Pool zu produzieren, aus dem man den Nachwuchs für die Justiz selektieren kann. Anwälte stellen insoweit ein Abfallprodukt dar, das zwar auch irgendwo notwendig ist, das jedoch bei den Überlegungen des Justizministeriums keine Rolle spielt. Insoweit ist es auch überflüssig, die Examensergebnisse durch faktisch sachfremde Themen zu entwerten. Wie ein Richter sich als Anwalt schlagen würde, ist schlichtweg egal.

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  • 13.04.2017 09:29, Michael

    Die Reform liegt doch nahe. Die Regel ist, dass junge Juristen als Anwälte oder angestellte Juristen tätig werden, nicht als verbeamtete Richter oder Staatsanwälte.

    Auf die Ausnahme des Staatsdienstes ist aber die Ausbildung des gesamten juristischen Nachwuchses ausgerichtet. Das wird nicht weniger Murks, wenn man mit Schwerpunkt oder anwaltlichen Zusatzfragen versucht, in diese auf den Zustizdienst zugeschnittene Ausbildung zusätzliche Inhalte reinzupressen.

    Nehmt endlich dem Staat das Ausbildungsmonopol für Volljuristen weg.

    Wer als Volljurist tätig sein will, egal ob beim Staat oder als Anwalt, sollte stattdessen ein bar exam bestehen, zu dem das Stex umgebaut wird. Das Ref entfällt und die Ausbildung wird ganz in die Hände der Hochschulen gelegt. So wie fast überall auf der Welt, zB bei unseren Nachbarn in Österreich oder Dänemark, wo Juristen und Rechtspflege keineswegs schlechter aufgestellt sind.

    Das gesparte Geld, weil keine Refs mehr bezahlt werden müssen, kann vom Staat in die Verbesserung der Studienbedingungen an den Unis gesteckt werden, so dass niemand mehr zum Rep muss, um die traditionell schlechte Betreuung von Jurastudenten an den Unis zu kompensieren.

    Aber das geht vermutlich zu sehr gegen Gewohnheiten und die narzisstische Überzeugung der schon fertigen Volljuristen, die das bisherige System trotz allen Widrigkeiten erfolgreich durchlaufen haben, dass sie damit die bestmögliche Ausbildung durchlaufen hätten und eine grundlegende Reform würde diese Selbstgewissheit ja in Frage stellen.

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    • 14.04.2017 01:10, Simon P.

      Sehr richtig! Das Studium in der gegenwärtigen Konzeption ist antiquiert. Ein Festhalten daran ist unter keinen ersichtlichen Umständen zwingend erforderlich.

    • 14.04.2017 11:53, jcm

      Puh, als Anwalt in die Praxis ohne Ref? Bei unserer universitärer Ausbildung? Gute Nacht. Wenn Sie ein angloamerikanisches System (bar exam) vorschlagen, dann bitte auch nur unter den Bedingungen der dortigen Lehre an der Uni: dort wird der Praxisaspekt des Referendariats mehr oder minder ins Studium integriert. Ob das deutsche Hochschulsystem das aber in der Intensität mitmacht, glaube ich nicht. Und ob es die Ausbildung gegenüber akademischem Studium (zur Vermittlung von Rechtskenntnissen) und Referendariat (für die halbwegs eigenverantwortliche Praxis) verbessert erst recht nicht.

  • 13.04.2017 14:44, RA Nicolas

    Das Jurastudium dient dazu, Rechtskenntnisse in den wichtigsten Rechtsgebieten zu erlangen. Das anwaltliche Berufsrecht ist dabei ziemlich irrelevant. Ich bin seit mehr als 10 Jahren Rechtsanwalt, habe mich aber noch nie mit Details des Berufsrechts beschäftigen müssen. Im Übrigen kann man sich das bei Bedarf schnell aneignen. Gleiches gilt für das Gebührenrecht. Es reicht völlig, wenn einem dies im Referendariat in der Anwalts-AG beigebracht wird.

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    • 13.04.2017 19:34, Eric

      Bei Bedarf kann sich ein Jurist jedes Rechtsgebiet aneignen und die ständigen Änderungen in bereits bekannten Rechtsgebieten bedingen lebenslanges Studium als schiere Selbstverständlichkeit.

      Soweit indirekte Zustimmung.

      Nur, bisher werden die Fähigkeiten dazu eher zufällig erworben. Wer Autodidakt ist oder das Glück hat an Dozenten zu geraten, denen Methodenlehre u. ä. ein Anliegen ist, der wird die Fähigkeiten im Verlaufe der Ausbildung erwerben, die zum lebenslangen Lernen notwendig sind.

      Wir Juristen sind per Definition nie fertig mit unserer Ausbildung. Statt noch mehr Detailwissen in die Ausbildung zu packen, das eh bald wieder vergessen und/oder veraltet ist, müsste dringend das Curriculum entschlackt werden.

      Umgekehrt viel besseres Training in Methoden, Grundlagen, Gutachtentechnik, etc.

      Nur, solche Änderungen schlägt nie jemand vor. Statt einem Studium der Rechtswissenschaften, um akademische Selbstständigkeit zu erlangen, schwebt der Mehrheit eine Art Rechtslehre vor. Mehr Stoff und schwierigere Prüfungen, aber im Kern gehört das an die Berufsschule und wenn man milde ist an die Fachhochschule, was viele unter Jura verstehen, nicht an eine Universität.

  • 16.04.2017 20:49, Jurist

    Es wird immer das gleiche, falsche Argument bei den Schwerpunktbereichen betont: Mangelnde Vergleichbarkeit. Ziel des Bundesgesetzgebers war es nie eine Vergleichbarkeit herzustellen, sondern die Staatsprüfung zu entschärfen, damit sich die Studierenden mit anderen Themen beschäftigen als mit dem Götzen "Staatsprüfung". Es wäre nicht verkehrt, wenn sich die Verantwortlichen die Gesetzesbegründung zur Reformierung der Ausbildung einmal sorgfältig durchlesen. Mit google.de schnell zu finden.

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  • 19.04.2017 22:43, Winston Smith

    Anwalt und Recht - ein Oxymoron? Mit dieser Frage wünsche ich eine gute Nacht!

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